Die Erschaffung der 7-Tage-Woche

15. Februar 2025. Lieber Dienst nach Vorschrift oder Revolution? In ihrer schrägen Amtssatire lässt Amina Eisner allerlei Büroklischees und Typen aus dem Arbeitsleben aufmarschieren. Tamó Gvenetadze inszeniert die Uraufführung.

Von Martin Schäfer

"Generation Arbeit" von Amina Eisner am Stadttheater Gießen © Lena Bils

15. Februar 2025. Selten wurde so grotesk und subversiv in eine deutsche Amtstube gezoomt. Da findet sich alles: Zuversicht, Frustration, Leistungsethos und Burnout. Und im Amt aller Ämter, dem Arbeitsamt, allzumal. Da treffen die Generationen emsiger Schreibtischarbeiter*innen aufeinander, alt und jung, Low Tech und Influencer, Generation X, Y und Z. Und um diese Generationen und deren unterschiedliche Haltung zur Arbeit und als Dienstleister im und am Amt geht es der Autorin Amina Eisner, die "Generation Arbeit – Eine gottlos amtliche Komödie" als Auftragsarbeit für das Stadttheater Gießen geschrieben hat. Aktuell steht die 1990 in Berlin geborene Eisner auch im Ensemble des Theaters.

Schräge Büroklischees

Die Bühne (Hilke Fomferra) lässt schon erahnen, dass hier einiges schräg laufen wird. Die vier Schreibtische der vier Protagonisten sind extrem schief aufgestellt. Klassische Tastatur mit Bildschirm darauf, Kopierer daneben, Stempel auf dem Tisch. Daran arbeiten sich Kim (Pascal Thomas, Gen Y), Maxi (Zelal Kapçık Gen Y), Gabi (Katja Gaudard, Gen X) und Lu (David Gaviria, Gen Z) ab, schieben slapstickartig Akten umher, kopieren, schreddern. Die Autorin Eisner und Regisseurin Tamó Gvenetadze montieren Büroklischee auf Klischee, das Publikum erkennt sich darin wieder, in den Prozessen, in den Büromenschen. Man merkt den Pointen an, dass Eisner – die viel für die Story recherchiert hat – sich auch schon für TV-Serien im Autor*innenteam profilieren konnte.

Die Außenwelt dringt höchstens per Telefon in diesen Escape Room der modernen Arbeitswelt ein. Maxi wandelt sich: von der Suche nach Sinnhaftigkeit im Beruf, über Frustration, Kündigung, Beförderung bis hin zum amtlichen Standard: dem Dienst nach Vorschrift. Das System hat sie geschleift. Lu ist der Smartphone-affine Typ, dem seine Work-Life-Balance ganz wichtig ist. Er wiegt sich auf dem Sitzball am Schreibtisch, jongliert und führt später mit seinem Technik-Knowhow die Revolution der Schreibtischarbeiter*innen an. Und diese wird ausgerechnet von Gabi angezettelt, der ältesten im Team, der noch am ehesten an verlässlichen Strukturen im Amt, feste Arbeitszeiten und einen geregelten Tagesablauf gelegen ist.

Finanzplan für eine Revolution

Dynamisch und ekstatisch führt Gabi den Ausbruchsversuch der Amtsschimmel an, von Lu per Live-Stream an die Follower*innen übertragen. Viele weitere Ämter schließen sich an, frischer Wind in deutschen Amtsstuben, bis das Finanzamt den Finanzierungsplan für die Revolution anfordert, und damit alles zusammen bricht.

Generation Arbeit3 1200 Lena Bils uAufstand der Amtsschimmel: Pascal Thomas, Davíd Gaviria, Katja Gaudard, Zelal Kapçık in "Generation Arbeit" © Lena Bils 

Das Stück ist abwechslungsreich in seiner Abfolge von lustig inszenierter Langeweile des Büroalltags und grotesk, grellen Showeinlagen, etwa einer Art Catwalk, auf dem Showmaster Lu eine Typologie des Büropersonals vorstellt, von der überarbeiteten Praktikantin bis zum Workshop-Guru. Da bleibt vor Lachen kein Auge trocken.

Work-Life-Balance bei der Schöpfungsgeschichte

Nur wäre die slapstickartige Montage von Bürosituationen, Bürotypen und Bürokuriositäten über die Spieldauer von mehr als einer Stunde vielleicht doch zu bürolangweilig geworden, hätten Regisseurin Tamó Gvenetadze, Autorin Amina Eisner und Dramaturgin Kerstin Weiß nicht mit zwei kunstfertigen Elementen dem Ganzen einen inhaltlichen Rahmen und eine dramaturgische Linie sowie einen Spannungsbogen gegeben. Im Intro wie auch im Outro des Stücks treten die vier Protagonisten zu einer Allegorie auf, in der sie mit den Figurenbezeichnungen "Der Job" (Kim), "Das Amt" (Gabi), "Die Life Balance" (Lu) und "Die Erschöpfung" (Maxi) die christliche Schöpfungsgeschichte neu erzählen, bis zum siebenten Tag, mit dem Gott die Schöpfung abschloss und die 7-Tage-Woche beschloss. Das gibt dem Stück einen schönen Rahmen und rundet die Story ab.

Der rote Faden von "Generation Arbeit" indes ergibt sich aus etlichen Videoeinspielern eines Wettspiels von Teufel (Roman Kurtz) und Gott (Anne-Elise Minetti), ob die vier Amtsleute sich bewähren (also alle Aktenberge abarbeiten) oder versagen und aufgeben. Das ist so schön und süffisant gespielt und in einem übergroßen Bullauge mit Fischaugenverzerrung über die Bühne projiziert, das hätte einen eigenen Applaus verdient. Die Wette geht übrigens unentschieden aus. Der alltägliche Kampf in der Amtsstube könnte somit in Endlosschleife immer weiter gehen. Als der Schlussapplaus einsetzt, spielt die Dramaturgie aus dem Off noch die freundliche Telefonstimme eines Chatbots ein. Die stille Revolution der Arbeitswelt steht noch bevor.

Generation Arbeit – Eine gottlos amtliche Komödie
Von Amina Eisner, Uraufführung
Regie: Tamó Gvenetadze, Bühne: & Kostüme Hilke Fomferra, Dramaturgie: Kerstin Weiß.
Mit: Katja Gaudard, Davíd Gaviria, Zelal Kapçık, Pascal Thomas; Roman Kurtz und Anne-Elise Minetti (beide im Video als Teufel und Gott).
Premiere am 14. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.stadttheater-giessen.de

Kritikenrundschau

Das Stück "Generation Arbeit" sei "ein absurdes Kondensat von amtlichem Regelwerk und individuellen Verhaltensweisen", schreibt Dagmar Klein in der Gießener Allgemeinen (17.2.2025) und verleiht ihm das Attribut "umwerfend komisch". "Regisseurin Tamó Gvenetadze inszeniert mit viel Witz und dem Sinn für Details, die eine Komödie ausmachen. Das Ensemble spielt punktgenau und überzeugend, glänzt auch bei den musikalischen Einlagen."

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