Späßchen mit Genderstern

22. Februar 2025. Fürs Spiel mit den Geschlechts-Zughörigkeiten ist Shakespeares "Was ihr wollt" weiterhin das perfekte Stück. Simon Werdelis hat es jetzt in Dresden auf die Bühne gebracht. 

Von Michael Bartsch

William Shakespares "Was ihr wollt" von Simon Werdelis am Staatsschauspiel Dresden inszeniert © Sebastian Hoppe

22. Februar 2025. Für die "Raunächte" zwischen Wintersonnenwende und Dreikönig und ihren ausschweifend-metaphysischen Spielen, zu denen "Was ihr wollt" einst vermutlich 1602 uraufgeführt wurde, kam der Premierentermin am Dresdner Staatsschauspiel zu spät. Mit Blick auf die zwei Tage später anstehende Bundestagswahl hingegen war dieses Hohelied der universellen Liebe genau passend platziert. Zumal dann auch noch der Satz fällt "Es gibt nur eine Dunkelheit, das ist die Dummheit, die tobt dieser Tage weit und breit".

Tut es nicht gut, in diesen Tagen des mehr oder weniger niveauvollen Streits ein Happy End nach überstandenem Liebeswirrwarr vorgeführt zu bekommen? Regisseur Simon Werdelis spielt dieses Finale gar nicht penetrant harmonisch aus. Die Botschaft wurde zuvor längst klar. Es gibt Hindernisse und Missverständnisse, teils biologischer Natur, aber am Ende steht "omnia vincit amor".

Spiel mit der Zugehörigkeit

In diesem Sinn dreht er Shakespeares Verwechslungs- und Täuschungsspirale noch eine Umdrehung weiter. Nicht nur Viola, nach einem Schiffbruch von dem ihr täuschend ähnlich sehenden Bruder Sebastian getrennt, verkleidet sich als Page Cesario und erregt die Zuneigung der Gräfin Olivia. Auch aus dem eitlen Haushofmeister der Gräfin Malvolio wird eine handfeste und dominante Malvolia, die sich tragisch in ihre Herrin Olivia verliebt. Und der Narr mutiert zu einer Närrin mit steiler Punkfrisur, die als maitresse de plaisir gelegentlich regulierend in das Verwirrspiel eingreift.

was ihr wollt3 1200 Sebastian HoppeRettung für Gestrandete: Tabea Hug, Moritz Spender, Henk Buchholz in "Was ihr wollt" © Sebastian Hoppe

Auf biologische Geschlechtszugehörigkeiten kommt es in diesem Spiel nicht an. Viola klagt, "welche Verkleidung dieser Körper ist". "Es ist, als wohnten zwei in Dir", heißt es später. Darsteller Emil von Schönfels verbirgt zwar nie seine Brusthaare, wirkt aber nicht nur wegen seines griechischen Lockenhauptes zugleich androgyn. Der Mechanismus der Attraktionen und das Spiel mit dem nie rational erklärbaren "Appetit" ist austauschbar. Manchmal auch der damit verbundene Fatalismus: "Besser gut gehenkt als schlecht verheiratet!"

Hedonistische Gang im Haus der Olivia

Die Möglichkeiten des von Shakespeare einer modischen Geschwister-Verwechslungsgeschichte abgelauschten Lustspiels werden in Dresden mit viel Einsatz ausgereizt. Das geschieht intelligent und stimmig, wird auf die Spitze getrieben, meidet aber Slapsticks und buhlt nicht um Lacher.

Olivias Onkel "Sir Toby", sein Kumpel "Sir Andrew", offenbar eine einfältige, noch unberührt jungmännliche Variation des originalen Junkers von Bleichenwang, und das Kammermädchen Maria bilden eine Gang, die vor allem dem hochnäsigen Kammermädchen Maria zusetzt. Keine Spur von "Sir" bei den beiden Männern, die "Der Männerchor trinkt Bier vom Fass" anstimmen und die prallen Genüsse lieben.

was ihr wollt4 1200 Sebastian HoppeIm Stoffbahnen-Käfig in "Was ihr wollt" in Dresden © Sebastian Hoppe

Im Eingangsmonolog gibt sich die Närrin noch solidarisch mit allen Unterlegenen und Frauen, die nach wie vor männliche Arroganz erleben. Andererseits macht sich Malvolia später über das Gendern lustig, als sie in einem Brief die Sternchen korrigiert. Toby, original Junker von Rülp, benimmt sich auch so und spielt den bei den Rechten populären Macho, wird aber schließlich von Malvolia bezwungen.

Das funktioniert natürlich nur mit einem gekonnt modifizierten Text, dessen Verfasser nicht angegeben werden. Aktualisierungen, teils Jugendsprache werden unaufdringlich verwendet. Umso mehr schmunzelt man, wenn plötzlich wieder "klassische" Verse zu hören sind.

Finale Händereichung

Umgesetzt haben ihn Studierende des Schauspielstudios der Leipziger Musik- und Theaterhochschule. Es ist eine Leistungsschau des Nachwuchses. Die können es alle! Aus der hinreißenden Achtergruppe sei Lena Birke nur deshalb herausgehoben, weil sie als fulminante Furie Malvolia eben nach dieser Briefnummer Szenenapplaus erhielt.

Mehr als einen langgestreckten, rotationsfähigen Käfig aus vertikalen Stoffbahnen braucht das Bühnenbild nicht. Er bildet eine Art Kanal für Auf- und Abtritte, bietet zugleich ein Versteck, und manchmal verheddert sich jemand in den Bändern.

Bezeichnend für diese Interpretation des wohl meistgespielten Shakespeare-Stücks: Nach einer bis zum Anschlag ausgereizten Parodie des Duells zwischen Andrew und der verkleideten Viola wegen der verehrten Gräfin Olivia reichen sich beide zögernd die Hände. Sechs Minuten begeisterter Applaus belohnt Regie und Spieler, die sich in geradezu kindlicher Freude auf der Bühne umarmten.

Was ihr wollt
von William Shakespeare
Deutsch von Jürgen Gosch und Angela Schanelec
Regie: Simon Werdelis, Bühne: Bettina Pommer, Kostüme: Johanna Hlawica, Musik: David Kosel, Lichtdesig:Rico Löwe, Dramaturgie: Kerstin Behrens.
Mit: Alexander Diosegi, Emil von Schönfels, Marlene Burow, Tabea Hug, Henk Buchholz, Moritz Spender, Lena Birke, Pauline Georgieva.
Premiere am 21. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

Kritikenrundschau

Von einem kompakten, wenn auch ein wenig lauen Abend, schreibt Vincent Koch in der Sächsischen Zeitung (22.2.2025). Zwar arbeiten Simon Werdelis und sein Ensemble aus Studierenden der HMT Leipzig aus Sicht des Kritikers "die Zuschreibungen von außen heraus, die wir Menschen verpassen, nur weil sie nicht so aussehen wie die Norm. Bettina Pommer hat dafür einen kleinen, drehbaren Tunnel auf die Bühne gestellt, der auf beiden Seiten mit Lamellen ausgestattet ist. Es dauert eine Weile, bis sich das Ensemble diesen Ort erobert, durch die Lamellen linst, stolpert, sich darin verknotet. Überhaupt kommt der Abend erst spät aus dem Knick. Konzentriert nimmt er Shakespeares Sprache auseinander, hätte aber spielerisch und emotional etwas mehr Feuer verdient."

Die Inszenierung bleibe "in einer klugen Schwebe zwischen Tradition und Moderne", lobt Friederike Partzsch in den Dresdner Neuesten Nachrichten (24.2.2025). Simon Werdelis inszeniere "mit einem tiefen Verständnis für die Doppeldeutigkeit der Vorlage" und schaffe eine "kluge Reflexion über die fluiden Grenzen von Identität und Begehren", so die Kritikerin. 

Einen "klugen, unterhaltsamen Theaterabend" verbrachte Heiko Nemitz (Kürzel -hn-) von der Dresdner Morgenpost (25.2.2025) am Staatsschauspiel. "Die Inszenierung ist hat Verve, ist komisch, nie albern."

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