Wachtmeister Studer - Bühnen Bern
Wer war's? Das Wetter!
7. Juni 2025. Geplant ist ein Sommer-Open Air im Park der großherrschaftlichen Villa Morillon in Bern. Mit einem Schweizer Krimi-Klassiker von Friedrich Glauser. Doch dann stürzt Regen aus dem Himmel, unser Kritiker erlebt seinen eigenen Wetter-Krimi. Und die Kritik fällt ins Wasser.
Von Tobias Gerosa
"Wachtmeister Studer" von Friedrich Glauser als Open air der Bühnen Bern © Yoshiko Kusano
7. Juni 2025. Im Sommer – also jetzt, theoretisch, aber das kommt noch – suchen die Bühnen Bern einen möglichst idyllischen Außenspielort in der Hauptstadt und bringen dort vor der Sommerpause eine möglichst ansprechende Produktion heraus. Dieses Jahr ist's mit Friedrich Glausers "Wachtmeister Studer" ein Schweizer Klassiker (der in allen neueren Ausgaben "Schlumpf Erwin, Mord" heißt). Und der Park der großherrschaftlichen Villa Morillon, nur ein paar Busstationen von Zentrum und Bahnhof, ist ein schöner Ort.
Durchaus vielversprechend ließ sich das also an. Doch Schauspielchef Roger Vontobel, der selbst die Regie übernommen hatte, gab diese irgendwann ab, aus dem Chef- wurde ein Ensemblestück, und am Premierentag steht auf dem Programmzettel unter Regisseur der Name des Schauspielers Jonathan Loosli, der auch fünf Rollen übernimmt. Und vor allem: Am 6. Juni regnet es. Es regnet unmittelbar vor der Premiere.
Studers Sympathie für die kleinen Leute
Pünktlich auf den Beginn klart es dann erst einmal auf. Jeanne Devos schlendert in Conferencier-Manier heran, begrüßt locker-flockig auf Mundart, raucht erst mal eine, um dann plötzlich als Erzählerin mit Glausers Kriminalroman zu beginnen.
Auch dank der Verfilmungen aus den 1940er Jahren ist er bekannt. Die harte Sozialkritik in den Krimis, die in den 1930ern als Fortsetzungsromane in Zeitungen erschienen und dem drogen-, psychiatrie- und kriminalisierunsgeschädigten Glauser endlich etwas schriftstellerischen Erfolg brachten, hatte man lange übersehen. Dabei liegt Studers Sympathie immer auf der Seite der einfachen Leute und die eigentlichen Probleme lagern bei den "besseren Leuten".
Armes Theater auf dem Holzpodest
Stéphane Maeder in der Hauptrolle passt gut ins überlieferte, untergründig gemütliche Studer-Bild, so wie Jonathan Loosli mit sichtbarer Lust den schmierigen Gemeindepräsidenten abliefert. Im Halbkreis sitzt das Publikum um ein hölzernes Podest von vielleicht drei Metern Durchmesser, Teil des Schauspielmobils der Bühnen Bern, welches sonst das Equipment einer Inszenierung in die Dörfer, Täler und Schulen der Umgebung transportiert, und schaut ein Stück Teatro povero.
Theater mit Transporter: Stéphane Maeder und Jonathan Loosli vor dem Schauspielmobil © Yoshiko Kusano
Die Mischung von Erzählerin und fliegenden Rollenwechseln, der Wechsel von der Mundart ins bewusst helvetische Hochdeutsch (Emil-Deutsch nennt man das in der Schweiz, nach dem Schweizer Kabarettisten, bei dem in Deutschland viele meinten, er spreche Schweizerdeutsch), wirken aber unausgegoren, die Travestienummer platt. Darf man nach einer halben Stunde eines Abends seine Premierenreife in Frage stellen?
Unvorhersehbares Wetter
Denn dann, nach ziemlich genau 30 Minuten, beginnt es zu schütten. Wirklich vorbereitet darauf scheint die Theatercrew nicht zu sein. Das Publikum wird unters Vordach der Villa gebeten. Bar? Stühle? Wer wäre dafür zuständig gewesen?
Der Regen hält nicht nur auf den verglichenen Regenradar-Apps an, sondern auch im Real Life. Das Publikum – vielleicht hundert Leute – wartet. Ziemlich geduldig. Nach einer knappen halben Stunde die Durchsage des Chefs: Der Regen soll noch eine halbe Stunde anhalten – dann spiele man weiter, und endlich hat man doch noch zwei Kisten Bier und ein paar Mineralwasserflaschen gefunden.
Warten unterm Villendach © Tobias Gerosa
Was tun: Nochmals warten und die Regen-Apps sind sich nicht mal einig, dass es dann wirklich besser wird? Die Schweiz ist klein, der ÖPNV funktioniert – aber abends mit langen Wartezeiten. Wenn die Vorstellung mit gut einer Stunde Verspätung fortgesetzt wird, dauert die Rückreise bis fast zwei Uhr nachts. Dauert sie noch länger, reicht’s dann allenfalls gar nicht mehr. Also lieber auf zum Bus, auf Nummer sicher.
Und natürlich: Als der Nachtkritiker am Bahnhof Bern angefeuchtet aus dem Bus steigt, hat der Regen aufgehört. Nach fünfzig Minuten Unterbruch habe man die restliche Stunde noch spielen können, schließlich, meldet dann die Pressestelle. Leider war der Kritiker da nicht mehr dabei.
Wachtmeister Studer
nach dem Kriminalroman von Friedrich Glauser
Regie: Jonathan Loosli, Bühne: Konstantina Dacheva, Kostüme: Dominique Steinegger, Dramaturgie: Felicitas Zürcher, Outside eye: Roger Vontobel.
Mit: Jonathan Loosli, David Berger, Jeanne Devos, Stéphan Maeder.
Premiere am 6. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Bühnen Bern, Aussenspielort Villa Morillon
www.buehnenbern.ch
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Nein, darf man nicht. Da nich für.
Klar, es lässt sich darüber streiten, ob der Kritiker (nicht wenigstens) hätte ausharren und erst des Nachts heimfahren sollen, um das Stück dann in Gänze anzusehen und vollständig beurteilen zu können. nachtkritik-Mitbegründer Nikolaus Merck berichtet im nk-Video zur Spendenkampagne 2021 vom zwei Stunden langen Ausharren am Bahnhof Guben (Video 1:27 https://www.nachtkritik.de/spenden-fuer-nachtkritik#alles-zur-spendenkampagne-2021) - das ist Leidenschaft. Aber hey, jede/r macht es anders, und Tobias Gerosa hält es wie das Publikum. Damit bekommen wir eben den Blick auf die Kulturbetriebsamkeit, zu der neben der hohen Kultur auch die Sitzgelegenheit, das Bier, die Limo und der Heimweg gehören. Als Kritiker*in steht man/frau/divers auf keiner der beiden Seiten, oder auf beiden, und eine solche Kritik wie die obige ist - wenn das nicht zur Regel wird - doch auch mal interessant. Für mich ist das Rezensionsglas halb voll. Und nächstes Mal bleibt der Rezensent dann einfach mal bis zum guten Schluss.