Biedermann und die Brandstifter - Theater Basel
Szenen eines Horrorfilms
16. Oktober 2025. Alles wie in Hollywood: Grell ausstaffiert inszeniert Stefan Pucher Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" und schenkt denen, die bei den Biedermanns zum Zündeln anklopfen, einen filmreifen coolen Charme - der so einige Fragen offen lässt.
Von Jürgen Reuß
Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" von Stefan Pucher in Basel inszeniert © Ingo Höhn
16. Oktober 2025. Kaum hat "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch begonnen, ist klar, dass Biedermann dem Brandstifter am Ende auch noch das Streichholz zu seinem eigenen Untergang reichen wird. Das Stück ist so konstruiert, dass man dem berühmten Frosch im Wasserkessel dabei zusieht, wie das Wasser immer heißer wird. Ein überschaubarer Spannungsbogen. Bei der Inszenierung hängt also alles daran, das Wie möglichst geschickt aufzupimpen.
Und da geht Regisseur Stefan Pucher am Schauspielhaus Basel in die Vollen. Ein Pfeil auf der Holzkulissenwand weist die Zielvorgabe: Hollywood. Kaum präsentiert die Drehbühne das Innere der Kulissenwand, erstrahlt das Biedermannsche Heim in voller Doomsdaypracht (Bühne: Nina Peller). Spooky Tapeten mit untoten Töchtern des Grauens und überall Totenköpfe, auch im virtuellen Kaminfeuer. Ein Wohnzimmer wie der feuchte Traum eines Devotionalienhändlers für Gothic-Bedarf.
Wie Kanarienvögel auf der Stange
Darin der Biedermann persönlich (Jan Bluthardt) in dasselbe Kanariengelb gekleidet wie die Vögel, die unter Tage immer signalisieren, dass Schicht im Schacht ist, wenn sie tot von der Stange fallen. Frau Babette (Bärbel Schwarz) und Hausangestellte Anna (Barbara Colceriu) hat Kostümbildnerin (Annabelle Witt) ins gleiche Grell der comichaften Überzeichnung gekleidet.
Vampirischer Besuch bei Biedermann auf dem Dachboden: Biedermann (Jan Bluthardt) und Eisenring (Marie Löcker) © Ingo Höhn
Brandstifter Schmitz (Daniel Lommatzsch) und Eisenring (Marie Löcker) korrespondieren in Blau zu den Biedermännern und mit Deathmetal-Flair zur Gothic-Tapete. Der geschickte Kameraeinsatz, der den Raum elegant bis zum Dachboden erweitern kann, betont im Close-up ihren zwischen Tarantino und Natural Born Killers angesiedelten coolen Charme. Die Optik ist insgesamt also ansehnlich gepimpt. Der chorische Soundtrack dazu auch.
Gepimpter Parabel-Charakter
Die zweite Hürde beim Biedermann-Stück ist die Frage, ob es eigentlich gut gealtert ist. Nimmt der heute wie alle leicht ins Rechtsbürgerliche verschobene Theatergänger die Moral von der Geschicht nicht als "Hab ich doch gleich gesagt, lass keinen rein"-Bestätigung der herrschenden Ausgrenzungspolitik? Pucher versucht dem einen Riegel vorzuschieben, indem er den Parabel-Charakter ordentlich aufbläht.
Blumen zum Besuch: Die Brandstifter sind da © Ingo Höhn
Der Chor beschwört mit steinernen Masken antikenhafte Bedeutungsschwere des ewigen Konflikts des kleinen Mannes zwischen Mitlaufen und Einknicken. Breaking-News-Einblendungen legen Heerscharen von Anzug tragenden Politikern bei pompösen Handshakes im Splitscreen mit Nero-Phantasien brennender Weltgegenden über das familiäre Grauen der mittleren Ebene.
Alle Fragen offen
Sind wir alle bis hinauf in die Regierungsebene alle nur Frösche, die sich selbst den Kessel zum Erwärmen ihres Erdbads anfeuern? Ist es ein treffender Spiegel, der uns allen als mitlaufenden Streichholzlieferanten vorgehalten werden soll? Was sagt uns ein Stück, in dem die Täter cool, die Mitläufer Idioten und die Opfer unsichtbar sind? Warum heute jenseits von Ausstattungsspaß noch den Biedermann auf die Bühne bringen? Die Melange aus Deutungsmöglichkeiten wird von Stefan Pucher bunt ausstaffiert, aber einer Deutung des Stoffs bringt das den Abend nicht näher.
Und am besten lässt man solche Fragen vom begeisterten Premierenapplaus wegklatschen. Die Gesichter der Akteure waren da doch auch erleichtert heiter. Haben Sie übrigens mal Feuer?
Biedermann und die Brandstifter
von Max Frisch
Inszenierung: Stefan Pucher, Bühne: Nina Peller, Kostüme: Annabelle Witt, Komposition / Sounddesign:: Christopher Uhe, Videodesign: Ute Schall, Hannes Francke, Lichtdesign: Vassilios Chassapakis, Dramaturgie: Kris Merken.
Mit: Jan Bluthardt, Bärbel Schwarz, Barbara Colceriu, Daniel Lommatzsch, Marie Löcker, Chor: Sebastian Baumgarten, Esther Gaspart Michels, Phaea Korycik, Alina Trippl, Live-Video: Ute Schall / Charlotte Engel.
Premiere am 15. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.theater-basel.ch
Kritikenrundschau
Ein "Lehrstück mit viel Leere" sah Dominique Spirgi und schreibt in der Aargauer Zeitung (17.10.2025): "Pucher fokussiert auf die schon von Frisch genannte Form der 'Burleske'. Damit wird die Geschichte zur mehr oder weniger oberflächlichen Klamotte vereinfacht - mit Figuren, die von ihrer Parabelhaftigkeit zur Karikatur heruntergestuft werden."
"Mit Max Frischs Parabel 'Biedermann und die Brandstifter' verhandelt das Theater seit bald 70 Jahren, wie eine borniert-verängstigte Bürgerkaste das Böse laufen lässt anstatt ihm gegenüberzutreten. Regisseur Pucher klopft mit gewohnt knalligen Farben und starken Effekten den Staub aus der etwas angegrauten Klamotte", schreibt René Zipperlen in der Badischen Zeitung (17.10.2025). "Sein Chor liefert Denglischen Klartext statt zu raunen, Videos vergrößern entscheidende Affekte in riesigen Bildern und holen die Zündlerwerkstatt beklemmend nah ran. Das Basler Ensemble ist wieder umwerfend, wird aber vom hochvirtuosen Daniel Lommatzsch fast an die Wand gespielt."
Pucher treibe Frisch ins Heute. Er siedelt das Stück in Übersee an: Hollywood, so Siegmund Kopitzki im Südkurier (17.10.2025). "Er schraubt an der Vorlage herum, streicht Stellen oder aber fügt Fremdtexte hinzu und bedient damit den Chor, der in steinernen Masken auftritt." Ganz jedoch überzeugt Puchers Überseefahrt nicht, die in einem lauten, am Trash-Theater abgeschauten Akt ihren Höhepunkt habe. Fazit: "Pucher bringt weder das beunruhigend aktuelle Stück noch die Biedermänner im Zuschauerraum und außerhalb wirklich voran."
"Dieser ganze erste Teil der Aufführung ist genial, weil der Regisseur Stefan Pucher mit lauter Film-Klischees hantiert, aber auch die Klischees der geschäftstüchtigen Linken und Hippies aufruft. (…) Wir haben hier also Hollywood-Komödie und Thriller zugleich", meint Christian Gampert in der Dlf-Sendung Kultur heute (16.10.2025). Sein Fazit: "Stefan Pucher bricht die Erwartungen an das Stück also ziemlich auf. Die Brandstifter sind Linke und Rechtsradikale gleichzeitig. Vor allem aber sind die selbstbewussten Outsider und Freaks. Davon gibt es auch in der deutschen Mediengesellschaft genug."
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