Krisentier Mensch

4. Mai 2025. Regisseur Sebastian Hartmann inszeniert zum ersten Mal am Schauspielhaus Zürich. Und schickt sein Ensemble mit Nietzsches poetisch-philosophischem Klassiker "Also sprach Zarathustra" auf die große Suche nach Ordnung und Gewissheit.

Von Fabienne Naegeli

"Also sprach Zarathustra" von Sebastian Hartmann inszeniert am Schauspielhaus Zürich © Arno Declair

4. Mai 2025. Es ist ein Abend, der herausfordert, polarisiert und dem Publikum viel abverlangt. Doch beginnen wir von vorne. Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" erzählt von einem Einsiedler namens Zarathustra, der nach Jahren in der Einsamkeit von einem Berg herabsteigt, um seine Weisheiten mit den Menschen zu teilen. Er verkündet den Tod Gottes und das Ideal des Übermenschen.

Der Übermensch soll Gott ersetzen und den Menschen als Ziel dienen, um über sich hinauszuwachsen, um neue Werte und Welten zu erschaffen. Um alte Denkmuster zu überwinden und zur Freiheit zu gelangen, müsse der Mensch schöpferisch tätig werden. Auf seiner Reise, seiner Suche nach dem Übermenschen, trifft Zarathustra verschiedene Wesen, Menschen und Tiere. Dabei wird er immer wieder missverstanden, zweifelt an sich und erlebt Momente der Einsamkeit.

In Traumwelten

Regisseur Sebastian Hartmann, der zum ersten Mal in Zürich inszeniert, ließ sich für seine Inszenierung von Nietzsches Gedanken und Sprache inspirieren. Er verwendet nur Fragmente aus "Also sprach Zarathustra". Die Darstellerinnen und Darsteller verkörpern denn auch keine Figuren oder bestimmte Rollen aus dem Werk.

Das Publikum sitzt entlang von riesigen, weißen, drehbaren Leinwänden. Nebel hängt in der Luft. Menschen treten in einzelnen Szenen auf, einsame, verzweifelte Seelen. Sie alle leiden an sich, an ihren Beziehungen, am Leben, an der Welt, was sie wortreich, teils pathetisch beschreiben. Unter ihnen ist eine nackte Frau. Sie atmet schwer, seufzt, windet sich, taumelt, fällt, lässt sich mitreißen vom Kreatürlichen, Ursprünglichen, dargestellt von einer Horde Affen. Eine andere Frau wird von ihren Gedanken geplagt und von ihrem Mann unterdrückt. Ohne Gott sei sie ziellos. Sie suche nach Wärme und Liebe.

Zarathustra Arno Declair 2771Vom Mensch zum Übermensch zur Kreatur und zurück: "Also sprach Zarathustra" in Zürich © Arno Declair

Ein Mann liegt zusammengekauert, heulend auf dem Boden. Er will nicht mehr leben. Alles sei sinnlos. Ein anderer Mann telefoniert, allerdings mit sich selbst. Mal agieren die Darstellerinnen und Darsteller vor, mal hinter den Leinwänden. Eine Live-Kamera zeigt ihre schreckhaften, gequälten Gesichter übergroß auf der Leinwand. Das Gefühlschaos unterstützt die Musik mit dem Wechsel von harten Beats und sanften Sounds.

Tanzende Menschen

Die Krise dauert an, bis schließlich ein Mann die Menge auffordert, in Bewegung zu kommen, schaffend zu werden, zu tanzen. "Jetzt seid ihr Menschen, wenn alle zusammen tanzen. Jetzt seid ihr ganze Menschen. Der ganze Mensch ist ein Fest der Sinne, ein Lachen, ein Tanz. Tanzt! Eine unendliche Melodie." Die Technobeats des DJs Samuel Wiese werden lauter. Einige Zuschauende folgen der Aufforderung und begeben sich auf die Bühne, andere bleiben sitzen und schauen zu. Die Mehrheit holt sich an der Bar im Foyer eine Erfrischung.

Zarathustra Arno Declair 1903Schaffensprozess in "Also sprach Zarathustra", die Ordnung auf der Leinwand wird dann bald wieder zerstört © Arno Declair

Im zweiten Teil des Abends wird live gemalt. Die Darstellenden rühren an einem Tisch Farbeimer an, stehen auf hohen Leitern und gießen bunte Linien auf eine Leinwand, eine Linie nach der andern, sodass ein ganzes Farbspektrum entsteht. Als das Bild fertig ist, betrachten sie es. Dann werfen sie ganze Farbeimer auf das Werk und zerstören damit die Ordnung. Eine der stärksten Szenen des Abends, der versucht, Nietzsches Gedanken sinnlich erlebbar zu machen. Das gelingt auch Schauspieler Elias Arens in seinem Monolog über den Willen zur Macht, also dem Streben nach Erkenntnis, das den Menschen antreibt. Das Sprechen von Arens wird während des Monologs drängender, durchzuckt seinen Körper. Die Beats des DJs treiben vorwärts, bis Sprache, Körper und Musik miteinander verschmelzen. Begeisterter Szenenapplaus.

Nichts als Einsamkeit

Nach einer weiteren Pause, in der die Zuschauenden zusammen mit den Darstellenden wieder zu Techno tanzen können, folgt der dritte Teil der Inszenierung. In einem Monolog schildert Schauspielerin Linda Pöppel den Prozess der Selbstfindung als einsam. Sie sehne sich nach Gefährten. Daraufhin klettert sie ins Publikum. Während Zarathustra seine Liebe nicht weitergeben kann und einsam bleibt, rezitiert das Ensemble am Ende gemeinsam "Das Nachtlied". 

In einer Welt, die zunehmend von Vereinzelung, Abschottung und Separierung geprägt ist, plädiert die Inszenierung für ein miteinander Schaffen und Erleben. Der über vierstündige Abend hat Längen, die teils kaum aushaltbar sind wie das Leiden der nackten Frau. Ohne Nietzsche-Vorkenntnisse sind die Textfluten, die auf einen einprasseln, wohl nur schwer verständlich und bleiben völlig rätselhaft. Besonders wenn sie schlecht hörbar sind. Im Laufe des Abends lichteten sich die Zuschauerreihen merklich.

Also sprach Zarathustra
nach Friedrich Nietzsche
Regie: Sebastian Hartmann, Bühnenbild: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Samuel Wiese, Malerei: Tilo Baumgärtel, Video: Jan Speckenbach, Licht: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Victor Schlothauer.
Mit: Elias Arens, Artemis Chalkidou, Lola Dockhorn, Ben Hartmann, Tabita Johannes, Ingolf Müller-Beck, Matthias Neukirch, Linda Pöppel, Victor Schlothauer, Live-Musik: Samuel Wiese, Live-Kamera: Irem Güngez.
Premiere am 3. Mai 2025
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

www.schauspielhaus.ch

Kritikenrundschau

"Aus dem schwierigen Buch wird ein lustvolles Spiel mit der Kunst", schreibt Gregor Schenker im Tagesanzeiger (online am 4.5.2025). "Nach dieser Inszenierung versteht man die Philosophie von Nietzsche nicht unbedingt besser als vorher. Aber es bleiben einem eindrückliche Bilder im Kopf."

"Das Schöne täuscht über die Unschärfe dieses Abends nicht hinweg", schreibt Johannes Bruggaier im Südkurier (5.5.2025). "Zwar blitzen immer wieder interessante Gedanken auf, Assoziationen, Ahnungen. Doch das ist nichts weiter als die Wirkung eines starken Textes. Was Regisseur Sebastian Hartmann aber uns mit diesem genau mitteilen will, bleibt zu diffus."

"Hartmanns Mut zur Grösse hat durchaus etwas Faszinierendes. Allein, der Physik ist das egal. Sie rächt sich an der Regie, die die Gegebenheiten der Halle zu wenig berücksichtigt, durch einen ständigen Hall, der das Textverständnis bald erschwert, bald verhindert", so Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (5.5.2025). Trotz viel Geschrei komme zuwenig an beim Publikum. Den Höhepunkt finde die Inszenierung in Einzelleistungen im letzten Teil. "Für das spektakuläre Finale sorgt Elias Arens, der Nietzsches Text plötzlich in ein von Wahn und Enthusiasmus befeuertes, aber durchaus verständliches Reden übersetzen kann. In seinem gut zehnminütigen Furioso wird er selbst ganz zu Nietzsche, der, von Gott und Vernunft erlöst, die Freiheit nun im Irrsinn jagt", so Bernays. "Es gibt ein paar schöne Momente in dieser Nietzsche-Aufführung, insgesamt erlebt man ein ungewöhnliches Spektakel. Weshalb nur müssen alle so schreien am Anfang? Unangenehm."

 

Kommentare  
Also sprach Zarathustra, Zürich: Fürs Publikum interessieren
„ Ohne Nietzsche-Vorkenntnisse sind die Textfluten, die auf einen einprasseln, wohl nur schwer verständlich und bleiben völlig rätselhaft. Besonders wenn sie schlecht hörbar sind. Im Laufe des Abends lichteten sich die Zuschauerreihen merklich.“ klingt wie ein typischer Hartmann… ziemlich beliebige inszenierungsweise und NUR deshalb hermetisch bzw ungreifbar für ein Publikum… Ich habe ziemliche intellektuell herausragende und herausfordernde Abende gesehen und komischerweise hat die Regie es verstanden sich für ein Publikum verständlich und somit auch inspirierend zu präsentieren…
Und in diesem Zusammenhang ist die sehr wohlwollende Bewertung des Abends „ In einer Welt, die zunehmend von Vereinzelung, Abschottung und Separierung geprägt ist, plädiert die Inszenierung für ein miteinander Schaffen und Erleben.“ eben nur eine leere Pose- ein „so tun als ob…“ Verlogenheit ist schwerwiegender als schlecht gemachtes Theater…
Also sprach Zarathustra, Zürich: Berührt
Die Vorstellung gestern Abend war BRILLANT!!!!
Die intensive Interaktion mit dem Publikum, die hohe Kunst der Rezitation.
Ich als Ausländerin habe die vorgetragenen Texte vollkommen verstanden, ich fühlte mich von ihnen berührt, getragen, geschützt.
Bin gerade dabei „ Also sprach Zarathustra“ zu lesen, man kann es nur mit dem Herzen lesen, man kann die Vorstellung nicht konsumieren, es bedarf sich darauf einzulassen.
Die herausragende Kreativität in der Inszenierung ( das Bühnendekor, die symbolische Kameraführung, die einfühlsame musikalische Begleitung , noch wichtiger die Leidenschaft der Schauspieler, ihre Identifizierung mit der Botschaft die Zarathustra den Menschen schenken möchte machen mich vor allen Künstlern tief zu verbeugen und für diesen unvergesslichen Abend DANKE zu sagen.
Also sprach Zarathustra, Zürich: Reinfall
Als Frau mit kurdischen Wurzeln interessiert mich Zarathustra und seine Philosophie schon länger …vor dem Theater Besuch war ich voller Vorfreude. Leider war es ein Reinfall. Ich will mich auch u. a. deswegen der NZZ Kritik grösstenteils anschließen:
„Trotz viel Geschrei komme zuwenig an beim Publikum“. Für mein erleben war es eine „kalte“, Inszenierung, die mich gar nicht inspiriert und berührt hat. Schade!
Also sprach Zarathustra, Zürich: Nietzsche als Ventil
Sich hinter dem "Nietzsche gerecht werden" zu verstecken und dann derart nur "negative Gefühle" darzustellen, der hat ihn - tut mir Leid - nicht verstanden. Dyonisos ist nicht so schwarz und von Apollon hat das Stück nichts. Es war ein Emo-Abend mit der banalen trivialen Darstellung von Schmerz, Einsamkeit usw. ohne deren Komplexität gerecht zu werden. Man hat fast das Gefühl die Mannschaft muss im kollektiv viel Schmerz verarbeiten und nutzt Nietzsche als Ventil. Von freiem Interpretationsspielraum keine Spur. Gewisse Bilder sind schön, doch auf der Bühne keine Kunst.
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