Aus dem Leben einer Milchkuh

19. September 2025. Start der neuen Intendanz Karabulut/Sanchez am Schauspielhaus Zürich! Mit einem Schweizer Roman aus den 1980ern, Bauern- und Emigrantengeschichten, Land- und Schlachthausleben eröffnet Rafael Sanchez am Schauspielhaus. Jodler und Ländlerkapelle inklusive.

Von Tobias Gerosa

"Blösch" von Mike Müller nach Beat Sterchi am Schauspielhaus Zürich (Regie: Rafael Sanchez) © Krafft Angerer

19. September 2025. Eine Chalet-Fassade vor naiv gemalter Landschaftskulisse, bald schon wedelt ein echter Hund über den schmalen Streifen davor, gleich zu Beginn und dann immer wieder wird gejodelt (und nach der Premiere empfing eine Ländlerkapelle das Publikum im Foyer – das dafür immer noch viel zu klein ist).

Schweizerdeutsch zum Intendanzstart

Wenn Rafael Sanchez jetzt die erste Spielzeit eröffnet, die er zusammen mit Pınar Karabulut als Intendantenduo am Schauspielhaus Zürich verantwortet, reibt man sich schon ziemlich die Augen. Und die Ohren. Denn die Theaterfassung ist, worüber man bis zur Premiere ein Geheimnis gemacht hat, bis auf die Erzählerpassagen, die immer wieder und von verschiedenen Figuren gesprochen werden, schweizerdeutsch – schließlich spielt die Geschichte irgendwo in den 1960er Jahren in der ländlichen Schweiz.

Mike Müller, Volksschauspieler und in der Schweiz sehr bekannt aus Fernsehen und Zirkus, hat die 430 im Jahr 1984 erschienen Romanseiten "Blösch" von Beat Sterchi also nicht nur in eine Theaterfassung gebracht, sondern dafür auch übersetzt. Müller steht, als neues Ensemblemitglied, auch selber in mehreren Rollen mit auf der Bühne: von der Kuh über den Viehhändler bis zum Darmer im Schlachthaus.

BLOESCH c Krafft Angerer 4In der Bauernstube: Florian Voigt, Matthias Neukirch, Rahel Hubacher, Matyas Gödrös © KRAFFT ANGERER

Kühe sind hier alle immer wieder, schließlich ist der Titelheld Blösch die Leitkuh des wortkargen Bauern Knuchel. Ihr gilt die erste Bemerkung – "Himmelheilanddonner!", dass sie schon wieder nur ein Stierenkalb auf die Welt bringt – und auch die letzte, dass ihr ungenießbares Fleisch nur noch entsorgt werden könne. Blösch begrüßt als erste den spanischen Gastarbeiter Ambrosio, der als Melker bei der Bauernfamilie Knuchel anheuert, und als sie später in den Schlachthof geführt wird, ist das für Ambrosio der Anlass, die für Fremde wie ihn unwirtliche Schweiz wieder zu verlassen. Das umreißt die beiden Welten des Romans und auch der Theaterfassung, sie ist explizit aufgeteilt in Bauerntheater und Schlachttheater.

Bauerntheater mit Fragezeichen

Die anderthalb Stunden des ersten Teils sind mit dem Titel "Bauerntheater" durchaus gut getroffen – doch das ist leider kein Lob. Flach bleibt nicht nur die sich manchmal als Bauernstube oder Wirtshaus öffnende Fassade, flach bleiben auch die Figuren, trotz Michael Neuenschwander als Bauer, der mit Einwortsätzen alles und nichts sagen kann, oder Rahel Hubacher und Karin Pfammatter als fast in Horvath-Manier schweigende Frau und Großmutter. Nicht einmal Ambrosio (Alexander Angeletta) kommt einem näher. Vergeblich wartet man, abgesehen von den fliegenden Wechseln in der Darstellung von Menschen oder Kühen, auf Anzeichen von Ironie oder Brechung. Das typische Pausengespräch danach: Meinen die das ernst?

Sittenbild aus dem Schlachthaus

Nach der Pause, wenn Ambrosio vom Bauernhof auf dem Land zum Schlachthof in der Stadt weiterzieht, weil ein Spanier im Dorf unter all den Fritzen und Hansen nicht gehe, wechselt Bühnenbildner Simeon Meier nicht nur den Schauplatz, sondern radikal auch den Stil. Wie in einem SciFi-Film aus den 1950er Jahren schauen wir in einen rosafarbenen Schlund, der das gigantische Innere eines geschlachteten Tieres sein kann.

Die Metzgerbrigade bewegt sich als choreografierte Gruppe, die Szenen fügen sich auch hier kaleidoskopartig eher zufällig: Ein Sittenbild im Arbeitermilieu der Zeit und ein durchaus minutiöser Bericht über die Vorgänge beim Schlachten – bis die ausgelaugte Kuh Blösch angeliefert wird. Margot Gödrös, mit 86 die Doyenne im neuen Ensemble, gibt die alte Kuh wunderbar zerbrechlich, aber der Bruch ist dabei (zu) groß. Soll man die Kuh nun als Menschen sehen, die Schlachtung als Hinrichtung? Die Problematik der Fremdenfeindlichkeit, der Modernisierung als Krise, rücken da noch weiter weg, auch wenn dieser zweite Teil theatral mehr Spannung und Stimmung hat. Im Ganzen ist dieser Auftaktabend ambitioniert, aber zerfahren.

Blösch
nach Beat Sterchi
Bühnenfassung von Mike Müller
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Ursula Leuenberger, Komposition & Live-Musik: Cornelius Borgolte, Licht: Frank Bittermann, Dramaturgie: Rose Reiter, Jodelcoach: Johanna Schaub.
Mit: Michael Neuenschwander, Rahel Hubacher, Karin Pfammatter, der Hund Pesche, Mirjam Rast, Alexander Angeletta, Mouataz Alshaltouh, Matthias Neukirch, Florian Voigt, Mike Müller, Matyas Gödrös, Margot Gödrös.
Premiere am 18. September 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.ch


Kritikenrundschau

Groß sei hier die Fallhöhe, sagt Andreas Klaeui im SRF (19.9.2025). Die Inszenierung, die im ersten Teil "wie ein Schwank anmutet, und dadurch fast zu lieblich", bekomme im zweiten Teil etwas geradezu Dämonisches. Mike Müller betone die rustikalen Seiten des wuchtigen Romans, und Rafael Sanchez inszeniere sein Bauerntheater mit Holzchalet auf der Bühne, Figuren in Berner Tracht und einer jodelnden Blösch. Ein starker Stoff zur Eröffnung, und ein starkes Ensemble: Ausgesprochen spielfreudig, komme letzteres voll zum Zuge, so Klaeui; die Inszenierung sei "super-komödiantisch, wenn alle auf der Bühne eine Kuhherde mimen, oder wenn der Komiker Mike Müller in seiner ganzen Leibesfülle als protziger Zuchtstier auftritt".

"Die Inszenierung lebt von der Bravour einzelner Schauspieler. Sie bringt auch die Komik auf die Bühne, die im Roman unterschwellig angelegt ist. Nicht aber die sinnliche Gewalt, die teilweise empörende Körperlichkeit der literarischen Vorlage. 'Blösch' bleibt auf der Bühne ziemlich harmlos", urteilt Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (€ | 20.9.2025)

Die "Schärfe der Kritik an der Schweiz, an ihrem Umgang mit Einwanderern, die Einsamkeit der Fremden, die Last der Modernisierung will sich in Rafael Sanchez' Inszenierung nicht entfalten", berichtet Isabel Hemmel im Tages-Anzeiger (20.9.2025). "Die Hoffnung darauf, dass dies im zweiten Teil des gut dreistündigen Abends besser wird, zerschlägt sich bald", auch die dort entwickelten Schlachthof-Szenarien "berühren" einen nicht.

Im Südkurier (20.9.2025) schreibt Elisabeth Feller: Rafael Sanchez' Inszenierung halte "die Balance zwischen bedachtsamer Komik im ersten und Ernsthaftigkeit im zweiten Teil. Im ersten wird viel gesungen; es gibt witzige Einlagen. All dies, vor allem aber das Ensemble mit Michael Neuenschwander, Rahel Hubacher, Karin Pfammatter, Mirjam Rast, Alexander Angeletta, Mouataz Alshaltouh, Matthias Neukirch, Florian Vogt und Mike Müller, das sich wunderbar auf das hier geadelte Schweizerdeutsche versteht, verfestigen den Eindruck eines geglückten Einstands."

Man verstehe die Dialekte auf der Bühne nicht, aber alle spielen hier so herzhaft und plastisch miteinander, dass  man eh weiß, worum es geht, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (22.9.2025). Auf der Bühne: "Ein eigentümlich um Freundlichkeit bemühtes Dorf. Mit einer reizenden Kuh." Hier deutee sich das eigentliche Drama des Abends bereits an, "die Geschichte um Ambrosio, Alexander Angeletta, wird zu lieb erzählt, um als Aufschrei gegen Fremdenhass zu dienen". Nach der Pause sei die Bühne nun ein Enddarm, das Personal voller Blut. "Die Inszenierung haut es für eine halbe Stunde aus der Spur, eigenartige, abstrakte Tierumbringfantasmagorien breiten sich aus." 

Einen "lauwarmen Auftakt" der Intendanz sah Robin Passon für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (25.9.2025). Die erste Hälfte des Abends biete eine "Kitschphantasie der Schweizer Häuslichkeit", der zweite Teil im Schlachthaus zeige den "Tötungsprozess zu einem Performance-Akt verharmlost". Es regiere der "Kalauerton"; im Ganzen kriege man ein "Kuriositätenkabinett der Schweizer Spleens" zu sehen.

Kommentare  
Blösch, Zürich: Absage
https://www.nzz.ch/feuilleton/viele-leere-plaetze-zuercher-schauspielhaus-streicht-vorstellungen-des-stuecks-mit-mike-mueller-ld.1919538
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