Il Gattopardo - Schauspielhaus Zürich
Alles muss sich ändern
30. November 2025. Vom Untergang des sizilianischen Adels kurz vor der Gründung Italiens handelt Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Il Gattopardo". Pınar Karabulut nutzt die Roman-Vorlage für ihre erste Inszenierung als Co-Intendantin am Schauspielhaus Zürich und zeigt einen Palast zwischen Phlegma, Aufbruch und Untergang.
Von Tobias Gerosa
Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Il Gattopardo" von Pınar Karabulut am Schauspielhaus Zürich inszeniert © Krafft Angerer
30. November 2025. Die sizilianische Aristokratie geht unter. Nach dreieinhalb Stunden wird sie wie die mottenzerfressene ausgestopfte Dogge entsorgt: Mit Principe Don Fabrizio, nach seinem Familienwappen Gattopardo, Leopard genannt, stirbt der Patron, der letzte Salina – die Geschichte hat ihn überholt. Die Garibaldi und ihre Rothemden einten Italien unter dem Savoyischen König Vittorio Emanuele und revolutionierten die Bourbonen weg, die letzten "fremden" Herrscher über Sizilien. Die Insel wird Teil des geeinten neuen Italiens – und bleibt, glaubt man Giuseppe Tomasi di Lampedusa und seinem Roman aus den 1950er Jahren, doch todessüchtig und phlegmatisch wie eh.
Kampf mit dem Wandel
Tomasi war selber Abkömmling dieses Adels, und in der Schiffbauhalle des Schauspielhauses Zürich erstehen die Paläste seines Umfelds nochmals neu. Michela Flück hat die Tribüne gedreht, das Publikum schreitet durch die Flucht von Palasträumen und nach der Pause am Buffet des Balles vorbei zu seinen Plätzen. Vorne der Salon, hinter dem ersten Portal das Vorzimmer oder hereingeschobene Bad oder Büro. Quasi in der zweiten Gasse dann der treibhausartige Garten und die Kapelle, und noch eine Schicht dahinter ein rot ausgeschlagener Korridor mit abgehenden Türen.
Vor Niedergang und Verarmung, die Fresken bröckeln längst: Don Fabrizio (Markus Scheumann) und sein Neffe (Mouataz Alshaltouh) in "Il Gattopardo" am Schauspielhaus Zürich © Krafft Angerer
Auch wenn sich darin nur das Licht ändert, bieten diese minutiös ausgestatteten Räume eine erstaunliche Tiefe und Abwechslung. Und sie schaffen eine starke Stimmung. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass die Fresken schon reichlich verblasst sind und ein Baugerüst vor einem Loch in der Mauer steht. Darum geht es in Pınar Karabuluts Inszenierung, ihrer ersten Arbeit als Co-Intendantin in Zürich, für die nach längerer Pause endlich wieder die großartige (aber auch teuer zu bespielende) Halle benutzt wird. Preis für den tiefen und voluminösen Raum ist, dass alles mit Mikroports verstärkt werden muss.
Eingefrorene Figuren
Die Bühnenfassung der Regisseurin und ihrer Dramaturgin Hannah Schünemann hält sich streng an die Struktur des Romans, auch die auktoriale Erzählweise, die sich kaum in klassische Dialoge übertragen lässt. Zwar werden viele Szenen ganz realistisch gespielt: Wenn die Familie die strapaziöse Reise in die Sommerresidenz macht, erscheint sie staubbedeckt, mehrfach bauen Diener Tafeln auf und ab, und auch die Liebesgeschichte des verarmten Neffen Tancredi (Mouataz Alshaltouh) mit der neureichen, stets bauchfrei gekleideten Bürgermeisterstochter Angelina (Mirjam Rast) wird ganz naturalistisch gezeigt.
Das wirkt in der Zeichnung der beiden Begleiter Don Fabrizios, dem Verwalter Ciccio und dem Hauspriester Pirrone (Michael Neuenschwander und Peter Knaack) ziemlich konservativ, gerade auch im Zusammenhang mit Sara Valentina Giancanes opulenten Kostümen und Daniel Murenas filmmusikartig illustrativer Soundkulisse zwischen Synthetikwalzer und hereindringendem Revolutionsgeschrei.
Eine Tochter, die alle Avancen ablehnt: Sophia Mercedes Burtscher als Concetta in "Il Gattopardo" © Krafft Angerer
Doch Karabulut bricht das immer wieder. Sie ändert das Tempo, lässt Figuren einfrieren oder Erzählertext sprechen, während das Spiel stumm weiterläuft. Gerade Concetta, die spröde und in ihren rüstungsartigen schwarzen Roben alle Avancen abschmetternde Tochter, bekommt stark kommentierende Funktion. Sophia Mercedes Burtscher überzeugt dabei mehr als in der seltsam eingebundenen Schlussszene, deren Kontext der Umarbeitung zum Opfer fiel.
Gespräch über den eigenen Tod
Die Wirkung des Schlusses wäre stärker ohne den Epilog. Nach zweieinviertel Stunden ist Pause, man kehrt zurück für den Ball in Palermo, aus dem sich Don Fabrizio zurückzieht. Wie er dann aus dem Hintergrund quasi als Erzähler in das Ende überblendet, in dem er in einem halbstündigen Monolog das ganze siebte Kapitel mit seinem eigenen Tod spricht, das packt und man könnte Markus Scheumann (zurück in Zürich) noch lange zuhören. Überhaupt bildet er schauspielerisch den klaren Zentralpunkt, gerade auch mit seiner Ruhe.
Warum dieser Stoff heute auf die Bühne muss, darauf gibt Karabuluts Inszenierung bei aller Stimmigkeit in ihrer Umsetzung aber keine Antwort. Wie Tancredis berühmter Satz "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern", der an die Front des Schiffbaus projiziert wird, heute zu interpretieren ist, bleibt jedem selbst überlassen.
Il Gattopardo
von Giuseppe Tomasi di Lampedusa
aus dem Italienischen von Burkhardt Kroeber, Bühnenfassung von Pınar Karabulut und Hannah Schünemann
Regie: Pınar Karabulut, Bühne: Michela Flück, Kostüme: Sara Valentina Giancane, Musik: Daniel Murena, Licht: Michel Güntert, Dramaturgie: Hannah Schünemann.
Mit: Markus Scheumann, Nicola Gründel, Sophia Mercedes Burtscher, Peter Knaack, Mouataz Alshaltouh, David Rothe, Alexander Angeletta, Mirjam Rast, Michael Neuenschwander, Statisterie.
Premiere am 29. November 2025 in der Schiffbau-Halle
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.schauspielhaus.ch
Kritikenrundschau
Das Stück zeigt, wie sich Geschichte in den Mikrokosmos einer Sippschaft einschreibt, findet Ueli Bernays in der NZZ (1.12.2025). Pınar Karabuluts Inszenierung erweise sich aber weniger als Schauspieler- denn als Figurentheater. "Die Personen werden in ausgeklügelter Choreografie durch die Schauplätze eines grossartigen Bühnenbildes gelenkt, das den eigentlichen Höhepunkt der Inszenierung darstellt." Die pittoreske, eindrückliche, bisweilen etwas langfädige Inszenierung mündet aber in ein begeisterndes Finale: "Markus Scheumann glänzt nun als Erzähler von Fabrizios Agonie."
"Das Bühnenbild allein ist schon einen Besuch wert", so ist die Rezension von Isabel Hemmel im Tages-Anzeiger (1.12.2025) eingeleitet. Das pompöse Bühnenbild habe für die Wirkung des Abends mindestens eine so große Bedeutung wie die schauspielerische Leistung des Ensembles. "Die Bühne zeigt auch, was in einem Theater mit Geld möglich ist." Lasse man sich auf den Zauber ein, verschlucke einen diese neorealistische
Welt. Der Regisseurin gelinge es, das Konzept des Bingewatching ins Theater zu verlegen. "Kleine moderne Überzeichnungen und Brüche gibt es immer wieder an diesem Abend. Auch sie sorgen dafür, dass die Inszenierung nicht ins Museale abgleitet.
"Ballroben, Rüschen, Fracks und rote Samtschuhe für den Pater, als zeige man Verdi in einer Vintage-Regie", schreibt Christian Berzins in der bz (1.12.2025). "Alles da und noch viel mehr" - unglaublich, aus welchen Vollen gegriffen werde, um die Herrschaften einzukleiden. "Genauso prächtig und ausufernd ist die Bühne." Fast alles, was Karabulut zeige, sei prächtig: "die Worte und Gedanken anmutig warm und gross, die Bilder prächtig und überladen schön." Je länger der Abend dauere, desto mehr staune man über die Einfallslosigkeit der Regie. "Wer meint, dass die Regisseurin ab und an etwas Skurriles oder Lustiges hinzudenkt, irrt sich oft." Fazit: "Ein Kostümschinken aus der Alten Welt. Das Fest für die Augen funktioniert, da grosse Schauspielkunst geboten wird."
Es gibt einiges zu sehen, so Christian Gampert in Fazit im Deutschlandfunk Kultur (29.11.2025). "Vom Schauwert her ungeheuer", aber das sei fast schon das Beste des Abends. Das eigentliche Thema gerate weniger in den Blick. Das Problem sei, dass Karabulut sehr nah an dem Film von Visconti sei, aber es bleibe ein Ausstattungstheater, in dem die Schauspieler unterfordert seien. "Wo sind die Beziehungen untereinander?"
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Am Ende der letzten Spielzeit hat Sebastian Hartmann dort mit seinem Ensemble einen sehr besonderen Zarathustra-Abend inszeniert, der inklusive Rave das Potential hatte, zum Kult zu werden, hätte die neue Intendanz dieser außergewöhnlichen Arbeit einen Platz eingeräumt.
Im übrigen wurde da in der Breite der Halle gespielt, also über 35 Meter und die Spieler*innen haben ohne Mikroports gespielt.
Ja!
Was man vom bisherigen Programm der neuen Intendanz nicht behaupten kann.
Gähnende Leere und völlig merkwürdiges, unbeholfenes , teures Theater vorbei am Publikum.
Wo ist der , viel zu kurze, Erfolg von Ulrich Khuon?
@Sieglind: Ihre Häme ist verfrüht. Da alle Aufführungen dieser Inszenierung ausverkauft waren, wurden Zusatztermine angesetzt, die wiederum bereits ausverkauft sind …