Der hohe Preis der Unschuldsvermutung

17. November 2024. Auch in dieser Spielzeit hat Suzie Millers MeToo-Monolog "Prima Facie" weiter seinen Run und wird jetzt in der Schweiz aufgeführt. In Zürich hat Barbara Weber das Drama um die Anwältin inszeniert, die zum Missbrauchsopfer wird. Mit einer fabulösen Alicia Aumüller.

Von Leo Haverkamp

Barbara Weber zeigt Suzi Millers "Prima Facie" mit Alicia Aumüller am Schauspielhaus Zürich © Philip Frowein

17. November 2024. Es ist das Stück der Stunde – zumindest gilt das für die Schweiz, wo Suzie Millers "Prima Facie" vergangene Woche in Luzern Premiere hatte und ab dem 10. Dezember auch in Baden auf dem Spielplan steht. Aber auch international wird der Text der Dramatikerin, die auch Juristin ist, vielerorts inszeniert. Was, wie meine Kollegin Valeria Heintges in Republik schreibt, auch praktische Gründe haben könnte. Das Einpersonenstück kommt ohne viel Requisite aus und lässt sich auch als sogenanntes Vorderbühnenstück inszenieren – bei dem ein anderes, aufwändiges Bühnenbild hinter einem nach vorne gezogenen Bühnenrücken stehen bleibt. Auch diese Überlegungen sind Teil der Theaterrealität vor dem Hintergrund von Sparzwängen.

Wie verhält es sich also in Zürich, wo Barbara Weber Regie führt? Die Pfauen-Bühne ist an diesem Abend tatsächlich nur wenige Meter tief. Nicht viel tiefer als das 2 x 1,40-Meter-Bett, auf dem Tessa Ensler (Alicia Aumüller) auf das Publikum wartet. In der Hand hält sie ein Smartphone, mit dem sie Selfies macht, auch mal Nahaufnahmen von ihrem Körper. Ihr Handydisplay ist um ein Vielfaches vergrößert auf die Kopfseite des Bettes projiziert, gefilmt und fotografiert wird in Schwarz-Weiß. Auch der Rest der Bühne ist farblos, in verschiedenen Schwarztönen gehalten: von der Bettwäsche bis zum Schreibtischstuhl, der einsam nebendran steht (Bühne wie Kostüme: Sara Valentina Giancane).

Von der Verteidigerin zur Befragten

Als Aumüller sich dann aufrichtet, um mit ihrem Monolog zu beginnen, rutscht ihr die Sweatshirtjacke von der nackten Schulter, wie um zu drohen: "Na, sexualisiert du?" Aus dem Bett, wirft sie sich ein feines weißes Hemd über, dem man die Liga ansieht, in der die Anwältin spielt, und steigt in eine Nadelstreifenhose. Während sie dem Publikum erklärt, wie die Prozesse ablaufen, in denen sie Angeklagte vertritt, die wegen Sexualstraftaten vor Gericht steht, schreitet Aumüller vor der ersten Reihe auf und ab wie vor einer Gruppe Geschworener (das Stück hat Miller in Großbritannien angesiedelt). 

PrimaFacie4 1200 Philip Frowein In Nahaufnahme: Alicia Aumüller in "Prima Facie" am Schauspielhaus Zürich © Philip Frowein

Auch ihr Mandant sitzt im Publikum, wo statistisch betrachtet tatsächlich einige Täter*innen sitzen müssten. Dass Tessa Ensler auch jene "rausboxt", die eine Sexualstraftat begangen haben, stört sie nicht – "der Staatsanwalt hätte besser arbeiten müssen".

Das ändert sich drastisch, als die Anwältin selbst vor Gericht aussagen muss, nachdem ein Arbeitskollege sie vergewaltigt. Die eben noch so selbstbewusste Juristin wird selbst zum Opfer, nicht nur des Übergriffs, sondern auch des Justizsystems, in dem die Unschuldsvermutung gilt – im Zweifel für den Angeklagten. Eben noch tadellos, eine der besten, passieren ihr jetzt Fehler. Sie duscht Beweise weg, löscht Nachrichten – zeigt, dass Opfer von Sexualstraftaten selten auf das achten, was es für ein erfolgreiches Strafverfahren bräuchte, seien sie noch so geschult.

Schwierige Beweise

Was sich angedeutet hat, als die Anwältin in der ersten Hälfte das Verhör einer Klägerin durchexerziert, um zu zeigen, wie sie Unstimmigkeiten in der Darstellung der Opfer forciert und eine Mitschuld nahelegt, zeigt sich um so deutlicher, als Ensler selbst beweisen muss, dass sie keinen einvernehmlichen Geschlechtsverkehr hatte. Die Unschuldsvermutung hat einen hohen Preis: den vor allem die zahlen, die die Schuld beweisen müssen.

PrimaFacie3 1200 Philip Frowein Die, auf der die Beweislast liegt: Alicia Aumüller als Anwältin und Anklagende in "Prima Facie" © Philip Frowein

Zwischen der Anzeige bei der Polizei und dem Prozessauftakt vergehen 782 Tage: eine Diashow aus wackeligen Handyfotos vom grausamen Alltag aus Sport, Arbeit, überkochendem Kaffee. Eine Zeit der Selbstanklage, der Gewissensbisse, des "und wenn er wirklich dachte, es wäre einvernehmlich?" In der Zwischenzeit überzeugt er sich davon, das Opfer zu sein. Am Prozesstag ist es dann die Klägerin, die verhört wird – die im Beisein ihrer Mutter die Vergewaltigung in allen Einzelheiten schildern muss. Der Täter kann sich zurücklehnen, "im Wissen, sich zu all dem nicht äußern zu müssen". Die Kraft dieses Abends liegt in diesem Aufzeigen. Er hat keine Antworten und macht doch deutlich, dass etwas ganz gravierend falsch läuft. Das Gegenteil zu beweisen, wäre schwer.

In allen Rollen

Dass der Kniff so gut gelingt, liegt auch am überragenden Spiel von Alicia Aumüller, die sowohl an der skrupellosen Anwältin als auch an dem Leid der Betroffenen keinen Zweifel lässt und einen 90 Minuten in ihren Bann zieht. Die als Erzählerin überzeugend von sich als Anwältin wie als Vergewaltigten berichtet und auch zum Täter wie zu anderen Figuren wechselt und aus Millers Text die Nuancen rauskitzelt, wie wenn das "Gesetz jeden von uns schützt", wobei fraglich bleibt, ob vor Übergriffen oder einer Verurteilung.

Ob es dann zum Abschluss noch das Runterbeten der Fakten braucht, das konkrete Ausbuchstabieren der Fehler im männlich geprägten Justizsystem? Der nötigen Veränderungen? Vielleicht braucht es das. Als Aumüller das Publikum ein zweites Mal bittet, nach links und nach rechts zu schauen – beim ersten Mal war es eine von drei Personen, die das Jurastudium nicht schafft, jetzt weist sie darauf hin, dass eine von drei Frauen sexualisierte Gewalt erfährt – bewegen sich nur wenige Köpfe. Ein Angebot, sich mit möglichen Veränderungen auseinanderzusetzen, gäbe es in Form von Nachgesprächen mit Expert*innen nach einigen Vorführungen. Dafür spendet das Publikum stehende Ovationen. Sicher scheint, dass in Zürich "Prima Facie" nicht nur aus praktischen Gründen gespielt wurde.

Prima Facie
von Suzie Miller
Deutsch von Anne Rabe
Regie: Barbara Weber, Bühne und Kostüme: Sara Valentina Giancane, Musik: Michael Haves, Video: Ruth Stofer, Dramaturgie: Bendix Fesefeldt, Licht: Michel Güntert.
Mit: Alicia Aumüller.
Premiere am 16. November 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

Kritikenrundschau

"Die schauspielerische Leistung ist beachtlich", schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (17.11.2024). "Dennoch: Es ist schwierig, die erwartbare Story und die erwartbare Stossrichtung des Abends durchweg spannend aufzubereiten. Der in Zürich bestens eingeführten Regisseurin Barbara Weber, die sich sonst darauf versteht, das Publikum am Haken zu halten, gelingt es nicht." "Irgendwas muss sich ändern in der Gesellschaft. Aber im Grunde auch in diesem ziemlich plakativen Monolog", so Kedves. "Sein Aktivismus ist zwar inhaltlich gerechtfertigt, doch zumindest in Zürich hat das Theater diesem Aktivismus gegenüber den Kürzeren gezogen. In dem Thema stecken mehr theatrale Möglichkeiten und intellektuelle Herausforderungen drin."

"Es wird bewusst und gezielt belehrt durch die Moral von der Geschichte und das Fazit eines Gerichtsfalls", so Ueli Bernays in der NZZ (19.11.2024). Das Premierenpublikum nimmt das "mit Geduld und Verständnis entgegen". Die Vertrautheit mit der juristischen Materie erweise sich nicht nur als Stärke. Der Text erinnere in seiner Ausführlichkeit und Nüchternheit mitunter an Kanzleisprache, was den Raum für Poesie und nonverbales Schauspiel schmälert. "Umso überzeugender der Auftritt von Alicia Aumüller."

Kommentare  
Prima Facie, Zürich: Kunsthandwerklich
Die Schauspielerin ist ein Geschenk. Grandios. Wie sie sich ohne jegliche Inszenierungsidee durch den Text arbeitet und nicht untergeht ist großartig. Der Umgang mit den eingesetzten Mitteln: Musik, Video, Kostüme und Bühne ist kunsthandwerklich und bebildert lediglich plump den Text. Ein Ärgernis!
Kommentar schreiben