Schwuler Lehrer - Theater Neumarkt Zürich
Schulhof des Grauens
24. Februar 2026. Es gibt "wertkonservative" Eltern, für die ein aufgeklärter Sexualkundeunterricht offenbar immer noch zuviel des Guten ist. Einem solchen – realen – Schweizer Fall geht Regisseur Piet Baumgartner in seiner recherchebasierten Inszenierung nach. Selbst die Heckengewächse der Spießer-Vorgärten kommen hier in Fahrt.
Von Leonard Haverkamp
"Schwuler Lehrer" in der Regie von Piet Baumgartner am Theater Neumarkt Zürich © Philip Frowein
24. Februar 2026. Plötzlich brechen sie auf, die mit der Nagelschere getrimmten, etwas phallisch daherkommenden, an die Form des Londoner "Gherkin" oder das Raketen-Emoji (ohne Flügel) erinnernden übermenschhohen Gartenheckenbüsche. Aus ihnen hervor quillt das darin verborgene, durch die Luft eines Gebläses entfaltete Air-Dancer-Gedärm, das sich im roten Neonröhrenlicht auf die lange, schmale Bühne legt. Als wäre das nicht genug, schlägt der Greenscreen auf der kurzen Kopfseite der Bühne, der eben noch harmlose Vorstadthäuser im Zürcher Oberland gezeigt hat, in ein Triptychon des Grauens um, das Insta-Reels aus den unangenehmsten und vor allem homophobsten Ecken des Internets zeigt.
Der etwas ans Effekthascherische heranreichende Überforderungsmoment macht spürbar, was über den Lehrer einer Primarschule (in der Schweiz geht die Grundschule bis zur sechsten Klasse) hereinbricht, als die Vorstadtidylle ihm ihr hässliches Gesicht zeigt. Zugleich deutet er darauf hin, was uns ohne engagiertes Lehrpersonal bevorstehen könnte.
Haltlose Anschuldigungen
Aber von vorn. Daniel Brunner, der eigentlich anders heißt, sich auf der Neumarktbühne in Person von Maximilian Reichert aber so vorstellt, wie er in den Medien pseudonymisiert genannt wird, geriet in den Fokus sogenannter wertkonservativer, um nicht zu sagen homophober Eltern, teilweise mit freikirchlichem Hintergrund, für die ein aufgeklärter Sexualkundeunterricht einfach zu viel des Guten ist und die es sich zur Aufgabe machten, den Lehrer fackelschüttelnd vom Hof zu jagen. Mit Erfolg. Zwar fällt der Schulleitung später auf, dass es an Brunners Unterricht nichts zu beanstanden gab, und ein Teil des Kollegiums macht sich für den Kollegen stark, doch scheinbar werden auch 2024 noch Menschen mit haltlosen Anschuldigungen an den Pranger gestellt, bis "besorgte Eltern" ihren Willen bekommen.
In der Vorstadthölle: die Spieler des Zürcher Neumarkt-Theaters © Philip Frowein
So etwas Ähnliches dachte sich vielleicht auch Regisseur Piet Baumgartner, der den Fall aus Pfäffikon noch mal aufrollt – und zwar aus der Sicht des Betroffenen, mit dem er und sein Team mehrere Gespräche führen konnten, wie der Pressemappe zu entnehmen ist (die Schulleitung hingegen lehnte ein Gespräch ab). Mitgeschrieben und künstlerisch beraten hat mit Julia Reichert außerdem eine der drei Ex-Direktorinnen des Neumarkts, eine erfolgreich erprobte Zusammenarbeit. Und eine schöne Handreichung durch Neuintendant Mathieu Bertholet, der mit Beginn seiner ersten Spielzeit erklärte, sein Theater müsse die Zürcher Stadtbevölkerung etwas angehen.
Aus heiterem Himmel
Das sollte der Fall, den mit Maximilian Reichert, Chady Abu-Nijmeh, Max Kraus und Till Schaffnit gleich vier Spielende vorbringen. In Dreiviertelhosen und grauweißen Polohemden mit neongrünen Streifen- und Karomustern (Kostüme: Korbinian Schmidt) performen sie das Stimmgewirr im Kopf desjenigen, der plötzlich offen angezählt wird, als ein paar Eltern ihre Kinder aus dem Unterricht holen. Für den Lehrer kam das aus heiterem Himmel, wie er anfangs in einer Gutgläubigkeit erklärt, die mit so ergreifend nüchterner Schwermut vielleicht wirklich nur Maximilian Reichert spielen kann. Bald ist auch das Publikum gefragt, als in einem Quiz mit der Frage "Freikirche oder Schwul?" der Finger in die homophobe Wunde gelegt wird. Es gibt Schokolade zu gewinnen.
Jedes Bühnenbildelement bekommt seinen Moment: die Neumarkt-Akteure im Szenario von Anna Wohlgemuth und Leonard Ehrenzeller © Philip Frowein
Leichtfüßig daher kommt dieser Abend durch viele gute Regieideen, bei denen jedes Bühnenelement (Anna Wohlgemuth und Leonard Ehrenzeller) seinen Moment bekommt. Stellvertretend seien hier die vier kleineren Spießer-Heckengewächse erwähnt, die – als die Stimmung nach anfänglichem Rückhalt durch die Schulleitung zu kippen beginnt – ein Eigenleben entwickeln und wie selbstfahrende Staubsauger über die Bühne eiern: der Beginn des realen Vorstadtalptraums.
Kein Happy End
Dabei bleibt einem das Lachen durchaus auch mal im Halse stecken; etwa wenn Chady Abu-Nijmeh die Spielregeln für das Pausenspiel "Schwuchtel Fangis" erklärt, bei dem die gefangene Person stöhnen muss, wenn sie gefangen wird, und nur befreit werden kann, indem sie "gefickt wird". Diese Schulhofrealität setzt später auch das Schlussbild des Abends. Es gibt kein Happy End. Vielleicht leiden darunter am meisten die Kinder, die jetzt im Bühnennebel ihr Fangspiel "spielen" und von ihren Eltern gelernt haben, wie man eine unliebsame Lehrperson loswird. Man wünscht ihnen einen guten Sexualkundelehrer.
Schwuler Lehrer
von Julia Reichert, Piet Baumgartner, Karen Klötzli
Regie: Piet Baumgartner, Bühne: Anna Wohlgemuth und Leonard Ehrenzeller, Kostüme: Korbinian Schmidt, Künstlerische Beratung: Julia Reichert, Regieassistenz: Robert Bohne, Bühnenbildassistenz: Jana Brändle, Regiehospitanz: Karen Klötzli.
Mit: Chady Abu-Nijmeh, Max Kraus, Maximilian Reichert, Till Schaffnit.
Premiere am 23. Februar 2026
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
www.theaterneumarkt.ch
Kritikenrundschau
Für Robin Schwarzenbach von der Neuen Zürcher Zeitung (25.2.2026) sind die an diesem Abend "klar verteilt: Der Lehrer ist der Held, das Opfer. Die Theatermacher springen ihm bei. Die Bühne gehört ihm, ihm allein. Es ist ein Verteidigungsstück. Dem Publikum gefällt's."
Eine "Die Balance von Ernst und Witz" erlebte Gregor Schenker vom Tages-Anzeiger (25.2.2026). "Die gradlinig erzählte Geschichte reisst mit, und manchmal erschreckt das Stück, wenn es den Fall in einen grösseren Kontext stellt."
Für Julia Stephan vom St.Galler Tagblatt (25.6.2026) fällt das Urteil gemischt aus: "Beeindruckend gut gelingt dem Team, die extremen Positionen mit Humor zu unterwandern. Trotzdem kann die Inszenierung das Rätsel um das Motiv der Schulleitung nicht auflösen." Ohne die "Stimmen der Schulleitung" bleibe der Abend "stellenweise eindimensional und zurechtgestutzt wie eine Buchsbaumhecke in einem Schweizer Wohnquartier. Die Schlussfolgerung, die aus den Ereignissen in Pfäffikon gezogen wird, ist dennoch klug und bedenkenswert: Wer vor Schülern als Gruppe gegen eine Einzelperson vorgeht, erzieht seine Kinder zu Mobbern. Mit fatalen Konsequenzen für Lehrer und die Institution Schule."
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