Die Schauspielerin Amelie Willberg - Kurzporträt der Reihe "durchgestartet"
Zwischen den Polen
25. September 2025. Geboren in Bonn, durchgestartet in Berlin. Die Schauspielerin Amelie Willberg ist das frische Gesicht des Berliner Ensembles. Und besitzt eine Spielkraft, die ganze Systeme ins Wanken bringt.
Von Elena Philipp
Schauspielerin Amelie Willberg © Julian Baumann / Berliner Ensemble
25. September 2025. Eingebrannt hat sich dieser Blick: Wach und offen, extrem selbstbewusst, ein bisschen stechend – und: scheu. Wilder Mix, aber völlig schlüssig. Denn es ist Amelie Willberg, die hier im engen Raum vor einem steht. Sie spielt die junge Ruth Berlau – eine von drei Berlaus – in intimen Eins-zu-eins-Begegnungen der immersiven Post-Corona-Performance "Berlau :: Königreich der Geister". Sie zieht das Gegenüber heran mit ihrem Blick. Weist ab. Oszillation zwischen Nähe und Distanz. Amelie Willberg lässt die junge Berlau leuchten, ach was: innerlich lodern.
Intensität des inneren Ausdrucks bei äußerlich scheinbarer Ruhe – mit Ambivalenzen wie dieser lädt Amelie Willberg viele ihrer Figuren auf. Spielte sie in "Berlau" eine junge Künstlerin von Welt, mit keckem Auftritt und mondänem Pelzkragen, gibt sie in der umjubelten "Gittersee"-Inszenierung von Leonie Rebentisch eine ernste DDR-Teenagerin, deren erste große Liebe in den Westen rübermacht, ohne ihr davon zu erzählen. Auch diese Karin ist eine Figur, die emotional zwischen weit auseinander liegenden Polen einen immensen Raum ausmisst. Mit ihrer besten Freundin unbeschwert albernd, verschließt sie sich, sobald sie in Kontakt mit Obrigkeiten gerät, seien es die Eltern oder der Stasi-Offizier, der sie zur Flucht ihres Freundes befragt. Stetig geht sie ihren Aufgaben als erziehungsverpflichtete ältere Schwester nach und bricht doch bisweilen aus den Zwängen aus.
Zielstrebigkeit und gedrosselte Kraft projiziert Amelie Willberg, die wahrlich durchgestartet ist. Ausgebildet an der Folkwang-Schauspielschule in Bochum, wurde die 1998 geborene Bonnerin ein Jahr nach ihrem Studienabschluss am Berliner Ensemble engagiert. Angeblich begleitete sie nur eine Freundin zum Vorsprechen. Aber dann landete sie da, wo sie hingehört: auf der großen Bühne, an einem Theater, das eine Vielfalt an Rollen und genug Experimentiermöglichkeiten bietet für eine Schauspielerin, die wirkt, als wisse sie genau, wohin ihr Weg sie führt – und die überhaupt noch nicht festgelegt ist auf ein Profil. Willberg probiert sich aus und wird quer durchs Repertoire besetzt, von der "Dreigroschenoper" bis "Was ihr wollt", von einem Recherchestück über die iranische Revolution bis zum – Ortswechsel – Cameo-Auftritt an der Volksbühne bei Schauspielkolleg*in Meo Wulf.
Hinter der Fassade eines nicht selten brav und harmlos anmutenden Erscheinungsbildes zuckt und flackert es dabei machtvoll. Ihre schauspielerischen Gestaltungsmöglichkeiten führt Amelie Willberg souverän an der Leine – wie ein Rudel Wölfe, das ihr gehorcht, aber jederzeit ausbrechen und seinen Instinkten folgen könnte.
Genug Energie, ein ganzes System wegzusprengen, vermittelt Willberg auch in "RCE #RemoteCodeExecution". Als eine von fünf androgynen Revolutionär*innen turnt sie in Kay Voges' Adaption von Sibylle Bergs Roman durch die sterile Raumkapsel des Widerstands, in der die Gruppe den Systemneustart per Knopfdruck plant. Über Treppen, Leitern, die schräge Bodenfläche spurtet sie – und fällt inmitten der hochtourigen Videoprojektionen und trotz des uniformen Erscheinungsbildes ihres Ensembles mit einer enormen Bewegungsintelligenz auf, fast tänzerisch, perfekt synchron mit den Kolleg*innen.
Amelie Willberg, so muss man sich vorstellen, ist eine Spielerin, die in jeder Bühnensituation ihre Eigenständigkeit bewahrt. Eine Ensemblespielerin, die sich perfekt einfügt in ein größeres Ganzes, und doch heraussticht. Eine, die kompromisslos ihren künstlerischen Weg gehen wird.
Unsere Reihe "durchgestartet" stellt in Kurzporträts jüngere Theatermenschen vor, die aufhorchen lassen. Zuletzt wurde dort die neue Nürnberger Schauspieldirektorin Lene Grösch, die Kostümbildnerin Leonie Falke und das zum Theatertreffen 2025 eigeladene Regiekollektiv DARUM vorgestellt.
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