Auf der Flucht

von Ute Grundmann

Leipzig, 3. Oktober 2014. Wird er sie gleich küssen? Will sie das überhaupt? Wird er auch alles richtig machen? Und wie wird sich das anfühlen? Junge und Mädchen, denen das durch die Köpfe geht, stehen stocksteif einen Meter auseinander, statt auf einem Badetuch zu kuscheln. Sie trauen kaum, einander anzuschauen. Was sie sagen und denken, flimmert als rote Leucht-Laufschrift über ihren Köpfen, als müsste man einen fremdsprachigen Film übertiteln.

Mit so grotesk überspitzten Szenen bringt Regisseur Gordon Kämmerer den wunderbaren Text eines jungen Autorenduos auf die kleine Bühne des Leipziger Schauspiels: "Das Tierreich" von Nolte Decar. Dahinter stecken Michel Decar und Jakob Nolte, 1987 beziehungsweise 1988 geboren, die für diesen Text mit dem Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin ausgezeichnet und zum Autorenwettbewerb des Heidelberger Stückemarktes 2014 eingeladen waren.

dastierreich3 560 rolf arnold uGroteske Typen: Die Pennäler in Nolte/Decars "Das Tierreich" © Rolf Arnold

Nun also die Uraufführung in der "Diskothek" hoch unterm Dach des Leipziger Schauspielhauses. Eine kleine Spielfläche, mit weißen Tüchern verhangen, über die lila Wolken schweben, deren Farbe sich verändert und auf die am Anfang und am Ende putzige Modellbauhäuschen projiziert werden. Das ist Bad Mersdorf, das fiktive Kaff, in dem Pinar, Lilli und Niko die Sommerferien erleben. 21 Figuren hat das kurze Stück, die hier von sechs Schauspielern dargestellt werden. Ihnen hat man grotesk hohe Stirnen zum weißgeschminkten Gesicht verpasst, Taillen, Hüften und Bäuche ausgestopft, die Mädchen/Frauen balancieren auf Plateau-Schuhen oder -Stiefeln.

Hitler-Bild im Goldrahmen

Damit ist schon äußerlich klar, dass es hier keine lustigen Pennäler-Geschichten oder Schul-Anekdoten geben wird, obwohl auch die im Text stecken. Gordon Kämmerer verfremdet und überdreht die Szenen, die atemlos hintereinander gesetzt werden, konsequent und amüsant. Nachdem die blecherne Off-Stimme des Beginns verstummt ist, rollt erstmal eine Figur mit Plüschpanda-Kopf im Rollstuhl rein und wieder raus. Ein Rasenmäher wird an den Haken genommen und hochgezogen (und sich später in einen Panzer verwandeln, der in die Schule knallt).

Dann diskutieren fünf Schmetterlinge (Flügel am Rücken) mit dem Oberschmetterling (Doppel-Flügel), ob man in der Schultheatergruppe "Prinz von Homburg" spielen soll oder nicht, dazu erklingt die "Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod"-Mundharmonika. Die Schul-Umbenennungs-AG tagt, scheinbar lässig hingelagert auf Holzpodesten, darüber, ob man den Namen "Hindenburg-Gymnasium" ändern soll oder nicht – die Abstimmung wird auch zur Abrechnung mit den Mitschülern. Einer erzählt von seiner toten Oma, bei der er ein Hitler-Bild im Goldrahmen gefunden, zerschnippelt und im Fluss entsorgt hat.

dastierreich2 560 rolf arnold uBaseballschläger im Nebel © Rolf ArnoldSolche Schul- und Schüler-Szenen setzen Kämmerer und sein Ensemble mit hohem Tempo hintereinander, der Kunstnebel zischt und wabert, es geht treppauf und treppab, rein und raus. In gewollter und sehr gekonnter Künstlichkeit werden die Figuren aufeinandergehetzt und wieder auseinandergetrieben. Mal kommt der Text aus dem Off und wird "dargestellt", mal spricht einer und andere spielen die dazugehörige Szene. Die Inszenierung kennt eine Fülle von Varianten, die Szenen, die immer mit Musik enden (von Rock bis Kirchenchoral), zu kippen, anzuschrägen, die Figuren aus-, aber nie bloßzustellen.

Wild vertanzter Schulstreit

Und die Schauspieler geben das ganz präzise in Rhythmus, Körperbewegung und –beherrschung – da wird nichts ausgewalzt, wo auch der Text oft nur antippt. Da wird ein Schulstreit wild vertanzt, sind Baseballschläger im wilden Spiel, redet man vom öden Ferienjob im noch öderen Getränkemarkt oder von dem, der kein Geld für Urlaub hat. Bei all dem Tempo, der Komik und Überzeichnung wirken die Figuren meist wie auf der Flucht – ob vor der Kindheit oder dem Erwachsenwerden, wissen sie wohl selbst nicht so genau.

 

Das Tierreich
von Nolte Decar
Uraufführung
Regie: Gordon Kämmerer, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Josa David Marx, Video: Stini Röhrs, Dramaturgie: Julia Figdor.
Mit: Pina Bergemann, Julia Berke, Anna Keil, Andreas Herrmann, Dirk Lange, Michael Pempelforth.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

"Verhandelt wird der Alltag einer Generation - letztlich die Banalität des Banalen", schreibt Dimo Riess in der Leipziger Volkszeitung (6.10.2014). Dabei gelinge der Inszenierung das Kunststück, nicht selbst in die Banalität abzurutschen. "Weil schon die Sprache stimmt in ihrer feinen Balance aus Annäherung an das, was man für Jugendsprache halten mag und dem Zug ins Satirische. Weil das Ensemble trotz des Comic-Ansatzes spielerisch nicht übertourt." Das hohe Tempo unterlaufe die Regie "leider manchmal mit Pausen, Wiederholungen und etwas zu plakativen Einspielern". Das hemmt den Fluss aus Kritikersicht eher, als dass es die Situationen erschließt. Mut beim Kürzen der vielen hübschen Regieeinfälle auf den letzten Probenmetern hätte Riess zufolge ganz gut getan. "Dennoch: Nichts vom Überfluss bringt das stimmige Gesamtkonzept der Inszenierung ins Wanken. Die latente Wucht hinter allem Witz und der alltäglichen Harmlosigkeit trifft wirkungsvoll."

Als "alles ganz nett und alles eher banal, nur zuweilen auf Pointe gestrickt" empfindet Michael Laages auf die-deutsche-buehne.de (6.10.2014) das Stück. Gordon Kämmerer zwinge die Uraufführung "in einen Wahnsinnswirbel aus Jux und Lärm und Dollerei – eben in den Mutanten-Stadl". Aber sicher bekomme das Stück irgendwo demnächst die nächste Chance.

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