Spiel mit dem Feuer

von Katrin Ullmann

Hamburg, 3. Oktober 2015. "Wir wollen erben." Ist das nicht Grund genug für Heuchelei und Windigkeit? Immerhin stehen 140.000 zur Disposition. In Form von Wertpapieren in bayerische Forstbestände. "Potztausend!" denkt sich da der verarmte Oberlehrer Heinrich Krull. Sein Kontostand ist im Minus, sein Lebensstandard nicht gerade bescheiden und seine junge, zweite Frau noch weniger.

Die Erbschaft, die Tantchen Elsbeth ihm in Aussicht stellt, kommt wie gerufen – und macht Krulls frischer Braut ernsthaft Konkurrenz. "Geld oder Liebe?" muss sich Carl Sternheims Protagonist bald fragen und ist kurz darauf – gemeinsam mit seiner eifersüchtigen Tochter Lydia, dem hintertriebenen Fotografen Seidenschnur und nicht zuletzt seiner koketten Frau Fanny – in allerlei Verwicklungen und Interessenskonflikte verstrickt. Ab jetzt wird intrigiert und korrumpiert, gelogen und verführt – ein jeder hat da seinen eigenen Plan und natürlich scheitern am Schluss die Pläne aller.

Holz in der Hütte

Die "Kassette" war der erste große Erfolg Sternheims als Komödienautor. Am Hamburger Schauspielhaus hat Herbert Fritsch sich des mittlerweile selten gespielten Stücks angenommen. Der Komödienkatalysator und Pointenbeschleuniger, bekannt für schrille Figuren mit überzeichneten Gesten, beliebt für durchgedrehtes Schauspielertheater auf der Überholspur. Man könnte meinen, es sei eine perfekte Kombination.

Einige Vorzeichen sprechen zunächst dafür: Etwa hat Fritsch sich selbst einen Rundplafond mit floraler Mustertapete mit einem künstlich lodernden Kaminfeuer gebaut. Eingerahmt wird das bürgerliche Zeichenspiel von einem überdimensionalen Stapel Kaminholz einerseits und einem schwarzen Flügel andererseits. Auf letzterem spielt Ingo Günther als August Förster sich den Abend lang gekonnt die Seele aus dem Leib. Er illustriert die gewohnt zuckenden und durcheinander stolpernden Fritsch'schen Figuren mit Akkorden aus der Stummfilmzeit (Musik: Ingo Günther). Er baut die nötige Atmosphäre, kommentiert oder beschleunigt das Geschehen und dirigiert auch mal das ganze Ensemble zu einem einheitlich seufzenden Chor.

Pastell-bunt

Die durchweg spaßbereiten und großartigen Schauspieler agieren entsprechend: mit rollenden Augen, klimpernden Lidern, schürzenden Lippen, überdeutlichen Gesten und verdrehten Körpern. Extraexpressionistisch. Endloseenergetisch. Auch Victoria Behrs Kostüme sind gewohnt schräg-schrullig und zeichnen in meist pastellenen Bunttönen das übertriebene Bild einer unheimlichen Bourgeoisie – mit Anleihen aus dem Zombiereich.

kassette1 560 Thomas Aurin uGeld oder Liebe? Nein, Kamin und Kaminholz schenkt Herbert Fritsch seinen Hamburger Spielern
© Thomas Aurin

Doch Fritschs wilder Aktionismus und überdrehter Manierismus verbreiten an diesem Abend, statt der gewohnten schwindelnd-hysterischen Unterhaltung, eine Mischung aus Reizüberflutung und Langeweile. Zu Anfang scheint das Klavier zu laut, und große Textbrocken landen im Meer der akustischen Unverständlichkeit. Später – auch ohne oder mit nur zarten Pianoklängen – verpasst das Fritsch-typische Schnellsprechtempo Handlungsstränge und Pointen. Und schließlich entpuppen sich noch so groteske Choreografien rund um Klavier und Kamin als unausgegorene Spaßbremsen, generieren Slapsticks mit Schal, Schlüssel oder kullernden Holzscheiten nur mehr müde Lacher eines schnell mürbe gewordenen Publikums. Am Ende fühlen sich diese zweieinhalb Stunden verstolperte Hektik an wie ein fehlgezündetes Feuerwerk.

Much too much

Es scheint, als sei Sternheims expressionistische wortverspielte Sprache selbst schon zu exaltiert, um eine erhöhte Fritsch-Dosis zu verkraften. Es scheint, als ertrinke die temporeiche und mit schnellen Szenenwechseln gebaute Komödie an der Virtuosität des Regisseurs, an dessen wildem Aktionismus und überdrehten Manierismus. Es scheint als ergebe Plus und Plus an diesem Abend eben Minus.

Als Carl Sternheims Stück "Die Kassette" – denn in einer ebensolchen sind die Schatzbriefe aufbewahrt – 1911 in Berlin uraufgeführt wurde, tobte das bürgerliche Publikum, so kann man lesen, vor Entsetzen. In Hamburg machte sich über hundert Jahre später nurmehr Enttäuschung breit.


Die Kassette
von Carl Sternheim
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Ingo Günther, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie und Fassung: Sabrina Zwach.
Mit: Karoline Bär, Jonas Hien, Anja Laïs, Bastian Reiber, Götz Schubert, Michael Weber, Gala Othero Winter.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 

 
Kritikenrundschau

Zu den besseren Fritsch-Arbeiten rechnet Michael Laages auf Deutschlandradio Kultur (5.10.2015) diesen Abend nicht. Er "sieht eher nach Beliebigkeit aus; erkennbare Ziel hat die neue Inszenierung von Herbert Fritsch eher nicht – außer natürlich die üblichen: Grimassen, Augenrollen, Geschlenker der Gliedmaßen und Körper, Stürzen Steppen, Kreischen und Krabbeln."

"Der Narrentanz auf dem bürgerlichen Narrenschiff" nimmt für Stefan Grund in der Welt (5.10.2015) "erst im zweiten Teil Fahrt auf und wird – einfallsreich genug illustriert – zum Komödiengenuss." Ein Teil des Unbehagens in der ersten Hälfte geht aufs Konto des Stücks, das so "schlicht gestrickt" sei, dass "man sich gleich einen Strick statt einer Eintrittskarte für das Schauspielhaus kaufen möchte". Die zweite Hälfte aber erreiche "Monty-Python-Höhen". Und dann kommt das Fritsch-Gefühl auf: "Das ist Wahnsinn pur, das ist exzellenter, kluger Klamauk."

"Schönstes, hyperventilierendes Tollhaustheater" hat Annette Stiekele erlebt, wie sie im Hamburger Abendblatt (5.10.2015) berichtet. "Die Mittel des überbordenden Fritsch-Theaters befeuern den ohnehin sprachmächtigen Sternheim-Text, erdrücken ihn aber auch." Dieser Abend sei mehr einer des Zuviel als des Zuwenig. "Und daran herrscht derzeit eher Mangel an den Theatern."

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