Im Haus des Grauens

von Katrin Ullmann

Hamburg, 17. September 2016. Ein Blumenstrauß von der Tankstelle und eine Buddhafigur aus Plastik: Es ist Houswarming-Party bei Linda und Robert. Nach Jahren in Thailand sind die beiden nach Deutschland zurückgekehrt. Und haben ein Haus gebaut. Ein sehr schickes, mit bodentiefen Fenstern. Ein Bungalow, ein Glaskasten. Johannes Schütz hat es für die große Bühne des Hamburger Schauspielhauses entworfen. Darin inszeniert Karin Beier zur Spielzeiteröffnung "Hysteria – Gespenster der Freiheit". Nach Motiven von Luis Buñuel.

Ruhe vor dem Sturm

Irritiert suchen die Gäste den Eingang und werden, sobald sie das Portal füllende Haus betreten haben, förmlich aufgesogen. Kein Laut dringt dann mehr in den Theaterraum. Lediglich Gesten und Interaktionen erzählen vom höflichen Smalltalk, vom vergorenen Wein und von gierig verschlungenen Häppchen. Erzählen vom Sauberkeitsfimmel des Hausherrn (Yorck Dippe) und seiner um Fassung bemühten, hochschwangeren Frau (Julia Wieninger). Das Publikum bleibt draußen. Lange Zeit. Seine Soundkulisse ist sommerliches Grillenzirpen. Die Partygäste darf es beobachten wie Fische in einem Aquarium (das als selbstredendes Element das Hausinnere dekoriert). Der Zuschauer beobachtet, wie eine asiatische Maske zum haarigen Verhängnis wird, wie sich der Arzt Bernhard (Markus John) schrecklich wohlfühlt, wie die Begrüßungsgeste seiner japanischen Frau (Sachiko Hara) missverstanden wird, wie die Partygesellschaft tanzend durchs Haus tobt und wie sich hässliche Fettflecken an der Glasfront abzeichnen, die der beflissene Hausherr eilig wegwischt.

hysteria2 560 David Baltzer uNoch mal ausgelassen tanzen, bevor die Panik einkehrt: Sayouba Sigué, Kate Strong, Sachiko Hara, Josefine Israel, Angelika Richter, Michael Wittenborn, Yorck Dippe © David Baltzer

Vielleicht sind es zehn, vielleicht fünzehn Minuten, die Karin Beier in dieser Lautlosigkeit inszeniert. Und diese fein beobachteten Szenen erzählen ungemein viel von Beklemmung und Unwohlsein. Und von der (transparenten) Gesellschaft. Zwischendurch hört man Julia Wieningers laut gewordende Gedanken über das "unaufhörlich, sinnentleerte Geplapper" und ihren Wunsch "den Ton abzustellen". Bis ihr Mann zur Begrüßungsrede ansetzt und schwelgerisch die Heimat mit einem guten Rotwein vergleicht, den man bei Bedarf aus dem Keller holt.

Mit dem Sound kehrt der Horror ein

Der Sound ist also eingeschaltet. Nicht durchgängig, aber meist. Der Text wird hörbar und mit ihm kommt die Angst. Zunächst kommt allerdings noch ein Nachbar (Michael Wittenborn). In abgewetzter Lederjacke (Kostüme ebenfalls Johannes Schütz) klingelt er sich dreist in die feine Gesellschaft und beschreibt mit der Gewichtigkeit des Alteingessesenen die Gegend als "nicht ungefährlich". Bald fallen Worte wie "Bürgerwehr" und "Todesangst". Auf offener Straße wurde angeblich ein Radfahrer erschossen, tief im Wald lebt eine dubiose Sekte und in unmittelbarer Nähe befindet sich ein Tierseuchenzentrum.

Die Worte des Fremden schüren Angst: Plötzlich ist nichts mehr sicher, die Ratte, die die Teenietochter (Josefine Israel) einfängt, wird zum unheilvollen Zeichen, ein Donnergrollen zur Explosion – oder war es gar kein Donner? Spätestens nachdem Bernhard von draußen mit einer Kopfwunde zurückkehrt, sind alle hysterisch. Und bleiben es bis zum Schluss. Die Drehbühne hat sich da schon längst in Bewegung gesetzt, der Zuschauer darf das Haus von allen Seiten absuchen – nach der Bedrohung, dem Unwägbaren. Die Partygäste schultern Gewehre, es fallen Schüsse, irgendetwas knallt gegen die Fensterfront. Ein Vogel? Oder eine Drohne? Am Ende des Partyabends will keiner gehen – alle bleiben, hoch nervös, bald wird das Trinkwasser knapp, wie in Buñuels "Würgeengel".

hysteria12 560 David Baltzer uTerror im Idyll © David Baltzer

Zu den Waffen!

Immer wieder gelingt es Beier an diesem Abend dichte Atmosphären zu schaffen, beunruhigende Tableaux vivants mit mal absurd-komischen, mal surrealen, mal brutalen Begegnungen. Sie streut Verweise auf die Filme des spanisch-mexikanischen Regisseurs, schafft David-Lynch-artige Szenerien. Und immer wieder löst sie konkrete Bedrohungen auf: Dann war die Kopfverletzung doch nur eine Harmlosigkeit, die zusammengesunkene Sterbende (Angelika Richter) einfach nur müde. Was aber nicht weicht, ist die Angst. Die Angst vor dem Fremden. Die Angst, die lähmt, die hysterisiert, und die die Partygäste zu den Waffen greifen lässt. Die Angst, aus der Hass und letztlich Kriege entstehen.

Die Form, die die Regisseurin für diese Aussage wählt, ist unverhältnismäßig groß, voller (fast) erschlagender Effekte: Zu dem vollendeten Bühnenbild, kommen elektronische, meist natürlich bedrohliche, Sounds von Jörg Gollasch, stimmungsreiches Licht (Annette ter Meulen) und später noch Nebel. Am Ende der sich abzeichnenden (Gesellschafts-) Apokalypse sitzt Julia Wienigers Linda allein im Haus des Grauens. In den Armen ihr im Chaos geborenes Baby. Noch ein Tableau, noch ein wohl komponiertes Bild im kühlen Schaukasten. Die Glasfront verbietet Empathie. "Schon jetzt weiß ich, dass der Tag ein seltsames Ende nehmen wird", waren Lindas Worte zu Beginn des Abends. Das Ende ist tatsächlich seltsam. Und der Abend (abgesehen von der anfänglichen, charmanten Stille) vor allem seltsam laut.

 

Hysteria – Gespenster der Freiheit
nach Motiven von Luis Buñuel
Texfassung von Karin Beier und Christian Tschirner
Regie: Karin Beier; Bühne und Kostüme: Johannes Schütz; Musik:Jörg Gollasch; Sounddesign: Dominik Wegmann; Licht: Annette ter Meulen; Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Paul Behren, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Jonas Hien, Josefine Israel, Markus John, Angelika Richter, Kate Strong, Sayouba Sigué, Julia Wieninger, Michael Wittenborn.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Katja Weise vom NDR (18.9.2016) konstatiert: "Angst gebiert Angst, wird Hysterie, und irgendwann ist nicht mehr klar: Was passiert wirklich und was möglicherweise nur im Kopf der hochschwangeren Linda? Doch erschöpft sich die Inszenierung, da Beier bewusst auf Analyse verzichtet." Das Ensemble zeige sehr plastisch, wie sich die Wahrnehmung durch Angst verändere. Inhaltlich bleibe der Abend aber "etwas dünn".

"Eine Dystopie der verschrobenen Mittelschicht" hat Stefan Grund gesehen und schreibt in der Welt (19.9.2016): "Nach 75 spannungsgeladenen Minuten krachen irgendwo Explosionen, ein Vogel fliegt gegen eine Scheibe, alle drehen durch vor Angst, bewaffnen sich, der Bungalow wird zur Festung Europa." Der Rest werde abgespult, vorhersehbar. "Jeder verdächtigt und bekämpft jeden – in wundervollen Choreografien." "Faszinierend exakt, mit einem scharfen Blick fürs Absurde" seziere Beier im Deutschen Schauspielhaus die Stimmungslage in der Mitte der Gesellschaft.

"Von dem schnellen Rhythmus absurder Wendungen, die Buñuel zu einem bösen Porträt des bürgerlichen Selbstverständnisses verflochten hat, sind bei dieser Adaption eigentlich nur der Beat und der Geist, aber kaum eine originale Szenenidee übrig geblieben", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (20.9.2016). Die von Beier und ihrem Dramaturgen Christian Tschirner geschriebene Textfassung entwickele sich vielmehr zu einer "eigenständigen Komödie über verschiedene Zustände geistiger Überhitzung: Paranoia, Aber- und Verschwörungsglaube, Angst, Nervosität, Panik, Aggression, Gewalt". Der finale "Einzug der Menschheitsgeißeln ins traute Heim" bleibe aber "trotz einiger starker Bilder im Ablauf mechanisch und in seiner Steigerung vorhersehbar", so Briegleb: "Der wirklich unterhaltende Gipfel der Verzweiflung ist im Theater wohl doch eher die latente Aggression, nicht die akute."

"Geschickt zeigt Karin Beier, wie die Konflikte im Inneren des Eigenheims sich ihre Ventile suchen. Existenzangst führt zu Rassismus, wenn der neue Chef zufällig ein Afrikaner ist. Eine Krähe, die gegen die Scheibe fliegt und tot auf der Terrasse liegen bleibt, könnte auch eine Überwachungdrohne sein", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.9.2016). Jedoch: "Was leichthändig begann und sich dann konsequent steigert, tritt nach neunzig Minuten noch ein Weilchen auf der Stelle, um dann abzustürzen." Karin Beier wolle "die Mechanismen vorführen, die unsere Gesellschaft zuweilen anfallartig in Angstzustände versetzen. Aber sie selbst zieht ihrer Inszenierung den Boden unter den Füßen weg: Wo alle Bedrohungen nur eingebildet sind, bekommen die beklemmenden Rituale der Angst etwas Lächerliches und Unwirkliches."

Wie atmosphärisch dicht Beiers Inszenierung auch "zuweilen" gerate, (...) komme diese "Hysteria" über das zentrale Problem nie hinweg, sagt Michael Laages im Deutschlandfunk (19.9.2016): "Die Fabel des Abends ist extrem flach und dünn, als Geschichte fürs Theater führt Beiers Fantasie gegen Ende sehr vorhersehbar nur noch in die Langeweile, in die Leere, ins Nichts."

Peter Kümmel von der Zeit (22.9.2016) schreibt: "Hysteria ist eine schwelgerische völkerkundliche Schau über die in aller Welt bewunderte und nachgeahmte German Angst. Eine Anleitung zur Raserei: Überlasst euch der Panik, dann könnt auch ihr so werden wie wir." Für dieses Spiel gelte: "Eine Kunst, die sich selbst zu sehr genießt, ist womöglich keine." Der Abend lebe von Erstarrungsmomenten, hinter denen man die Herrschaftsgeste der Regie ahne.

Ein "seltsamer Abend" ist dies für Robert Matthies von der taz (1.10.2016). Beier fahre die "ganze Theatertrickkiste auf", erzeuge "beeindruckende Intensität", treibe ihr Ensemble akribisch "in den Exzess" und stelle dabei weniger eine Handlung als "vielmehr soziale und individuelle Aggregatzustände aus". Aber "immer mehr kreist auch Beiers Inszenierung konsequent um sich selbst, beginnt in der letzten halben Stunde leerzulaufen und in Paralyse zu erstarren: kein Fortschritt, keine Entwicklung mehr, nur noch Exzess im Dauerzustand, Ausnahme als Regel."

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