Es muss auch ohne Video gehen

22. April 2009. Krise ist. Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Kapitalismuskrise. Es steht jeden Tag in der Zeitung, es gibt jeden Tag neue Wasserstandsmeldungen. Und was macht das Theater? Wie und wann kommt die Krise in der Realwirtschaft der Bühnen an? Ein Gespräch von Hans-Christoph Zimmermann mit Ludwig von Otting, dem Kaufmännischen Geschäftsführer des Thalia Theaters Hamburg.


Die Wirtschaft bekommt die Finanzkrise mit voller Wucht zu spüren, die Kultur scheint noch Schonfrist zu haben. Wann erwarten Sie die ersten Einschläge?

Als aktuelles Problem ist die Krise bisher in der Kultur nicht angekommen. Nur Sponsoren und Stiftungen sind inzwischen sehr vorsichtig geworden. Für das Thalia Theater, das 16,8 Milionen Euro Subventionen bekommt, sind 350.000 Euro Sponsorengelder aber nur das Sahnehäubchen. Nach meiner Schätzung wird die Krise in Hamburg spätestens im nächsten Kalenderjahr deutlich werden.

Und welche Folgen erwarten Sie für die Theater, beispielsweise für die Gagen?

An der Schraube wird gedreht werden, schon allein, weil die Gagen frei aushandelbar sind. Die Mindestgage im künstlerischen Bereich liegt bei 1600 Euro, was weit unterhalb jedes Abschlusses von Verdi- oder der IG-Metall liegt. Den Theatern bleibt nichts anderes übrig, als mit Gagen extrem restriktiv zu sein, wobei da eine untere Grenze gegeben ist.

Wird eine restriktive Gagenpolitik nicht zu einer Zweiklassen-Gesellschaft am Theater führen mit Technik und Verwaltung hier und den Künstlern dort?

Die Krise wird auch Auswirkungen auf den öffentlichen Dienst [an dessen Tarife Bühnentechnik und Theaterverwaltung gekoppelt sind - d. Red.] haben. Wie langsam das allerdings geht, sieht man daran, dass die Länder den letzten Tarifabschluss übernommen haben. Das war ein Sieg von ver.di, der errungen werden konnte, weil die Folgen der Krise von der Politik überhaupt nicht antizipiert werden.

Und die Produktionskosten? Welche Auswirkungen wird die Krise auf sie haben?

Für Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Die Kontrakte des Kaufmanns muss man – ohne es jetzt ganz genau beziffern zu können – 200.000 bis 250.000 Euro an direkten Kosten veranschlagen. Bei solchen Produktionsetats wird es in Zukunft dramatische Einsparungen geben. Das Theater wird sich auf sich selbst besinnen müssen und das heißt, ein Schauspieler steht auf einer Apfelsinenkiste und sagt einen Text, und zwar ohne Videos oder komplizierte Ausstattungen, die viel Geld kosten.

Was bringen Kooperationen wie im Falle Jelinek mit dem Schauspiel Köln?

Es gibt sehr unterschiedliche Arten von Kooperationen. Im günstigsten Fall kooperiert man mit einem nicht produzierenden Haus ohne eigenes Ensemble, von dem man einfach Geld bekommt. Im ungünstigsten Fall zahlt einer der Koproduzenten am Ende mehr, als wenn er eine Inszenierung alleine herausgebracht hätte. Es kommen ja Kosten wie für Reisen, Unterbringung und Transporte sowohl bei der Proben- wie den Vorstellungen hinzu. Bei Jelinek kommen wir unterm Strich ohne Zusatzkosten aus.

Wenn gespart werden soll, reagiert die Theaterszene bekanntlich reflexhaft. Mich macht das immer ganz nervös, wenn ein Intendant sich hinstellt und sagt "50.000 Euro weniger, jetzt geht gar nichts mehr". Das ist Quatsch. Eine kreative und rationalisierende Phantasie ist im deutschen Nachtkriegstheater nie gefragt gewesen.

Die Theater sind Teil des öffentlichen Dienstes, der seit Jahrzehnten auf Mehrarbeit und Arbeitszeitverkürzung immer mit Stellenzusetzung und nicht etwa mit Rationalisierung reagiert. Das Thalia Theater ist 1914 für 80 Beschäftigte, davon 40 Schauspieler, gebaut worden. Heute haben wir 350 Mitarbeiter und komischerweise immer noch 40 Schauspieler.

Wo lässt sich also rationalisieren? Beim Personal, durch Outsourcing oder bei der Vorstellungsanzahl?

Personalreduktion macht nur Sinn, wenn man für die gleiche Arbeit weniger Personal braucht. Wenn man jedoch weniger Produktionen herausbringt, ist es selbstmörderisch. In Krisenzeit muss man mehr spielen und nicht weniger. Schauspieler kann ich also nicht wegrationalisieren. Ensemble und Repertoire sind der Basiswert des deutschen Theaters. Alles andere lässt sich in Frage stellen.

Eines der großen Probleme der Theater sind die Gewerksgrenzen. Da kommt morgens der Requisiteur, legt drei Requisiten bereit und hockt den Vormittag ansonsten in seiner Bude, weil der Glaubenssatz der Bühnentechnik lautet "Das ist Requisite, das fasse ich nicht an". Und das gilt genauso für die Ton- oder die Beleuchtungsabteilung. Mittelfristig ist denkbar, dass durch eine andere Ausbildung der Techniker und entsprechende Organisation der Arbeit in jeder Produktion nicht mehr riesige Gewerke, sondern nur ein paar Veranstaltungstechniker eingesetzt werden.

Was ist mit Outsourcing?

Outsourcing kann eine wirtschaftlich vernünftige Überlegung sein. Wenn das Garderoben- und Einlasspersonal aber von einer Firma gestellt wird, die mit Dumpinglöhnen arbeitet, habe ich ein total schlechtes Gefühl.

Ich bin dagegen, die Finanzprobleme des Theaters dadurch zu lösen, dass man den Mitarbeitern in die Tasche fasst. Ich bin auch gegen betriebsbedingte Kündigungen. Nichtsdestotrotz: Das Thalia Theater betreibt Garderoben auf vier Ebenen mit 30 Mitarbeitern. Das ist eine liebenswerte Geschichte, aber bevor ich das Ensemble aufgebe, werde ich natürlich die Garderobentheken aufgeben. Zweites Beispiel: Wir haben 18 Leute an der Kasse. Ich erwarte von einem Verkaufssystem der Zukunft, dass die Zuschauer in großem Maß ihre Karten übers Internet erwerben.

Kann das Konjunkturpaket II der Bundesregierung den Theatern helfen?

Das Konjunkturpaket wird für Investitionsprogramme ausgelobt und damit lassen sich auch marode Theater sanieren. Oder Maßnahmen finanzieren, die Arbeit erleichtern oder einsparen, wie die Anschaffung eigener Containersysteme für die Lagerung von Ausstattungen oder Modernisierungen im Schnürboden. Mit solchen Investitionen könnten die Theater fit gemacht werden für die Krise.

Erwarten Sie von der Krise auch Theaterschließungen?

Ich gehe von dramatischen Kürzungen aus und die Schließung ist nur die dramatischste Form der Kürzung. Vieles hängt davon ab, wie viel Zeit uns die Finanz- und Kulturpolitiker im Umgang mit der Krise lassen. Einen schweren Einbruch kann ich in einem Zeitraum von drei Jahren händeln; wenn es von Mai auf September geht, kann ich nichts machen.

 

Ludwig von Otting, 1949 in München geboren, absolvierte zunächst ein Jura-Studium bevor er 1979 als Referent der Schauspieldirektion ans Schauspiel Köln wechselte. Zwei Jahre später bereits wurde er am selben Haus zum kommissarischen Betriebsdirektor, kurz darauf zum ordentlichen Betriebsdirektor berufen. In gleicher Position wechselte er 1985 an das Thalia Theater in Hamburg. 1992 kam noch die Funktion des Kaufmännischen Geschäftsführers hinzu.




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