Durch die Figuren, die sie spielt, auf die Menschen von heute blicken

von Thomas Ostermeier

Hamburg, 31. Januar 2010. Der Ulrich-Wildgruber-Preis soll ja bekanntermaßen an junge Schauspieler oder Schauspielerinnen verliehen werden, die auf besondere Weise in den Medien Theater und Film auf sich aufmerksam gemacht haben. Deswegen ist es für mich eine besondere Ehre, hier als jemanden, der aus dem Theater kommt, die Laudatio zu halten.

Katharina Schüttler ist trotz ihrer jungen Jahre, und obwohl erst vor kurzem als beste Nachwuchsdarstellerin mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet, schon seit vielen Jahren in ihrem Beruf unterwegs und hat ihre erste große Kinorolle bereits mit 11 Jahren gespielt. So jung, und so vielfach ausgezeichnet und beschrieben, könnte man frei nach Karl Valentin sagen: "Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von Allen."

Sie ist eine Schauspielerin, die zwei Dinge auf besondere Art und Weise miteinander verknüpft. Auf der einen Seite ihre mädchenhafte, zerbrechliche, und mitunter oft auch undurchdringliche Erscheinung. Auf der anderen Seite ihre Ausstrahlung als selbstbewusste und selbstbestimmte junge Frau, die sich trotz ihrer Zerbrechlichkeit in einer Umwelt, die sich durch Härte und Konkurrenzkampf auszeichnet, durchzusetzen weiß.

Messerscharfe Analyse, instinkthafte Intuition

Diese Mischung macht sie zu einer einzigartigen Schauspielerin. Das brachte mich dazu, nachdem sie bei uns am Haus in dem Stück "Das kalte Kind" von Marius von Mayenburg in der Regie von Luk Perceval gespielt hat, sie für eine der faszinierendsten, wenngleich auch herausforderndsten Rollen der zeitgenössischen Dramatik zu besetzen, nämlich für Kate in "Zerbombt" von Sarah Kane. Wäre ich ihr nicht begegnet, hätte ich das Stück nicht gemacht.

Ich erinnere mich noch, dass ihre beiden Partner – immerhin der leider viel zu früh verstorbene Ulrich Mühe und Thomas Thieme – sie von Beginn der Proben an als eine gleichrangige Partnerin behandelt haben. Katharina spielte in dem Stück ein stotterndes, minderjähriges Mädchen aus der englischen Arbeiterklasse, das von dem 40jährigen Journalisten Ian – von Ulrich Mühe gespielt – missbraucht wird. Trotz der Handicaps und der kaputten Verfassung der Figur gelang es Katharina, dieser jungen Frau eine große innere Würde zu geben und fern aller Klischees, die dieses Milieu als Gefahr in sich birgt, einen unangestrengten und selbstverständlichen Ausdruck zu finden. Ich denke, dass dies eine der bemerkenswertesten Eigenschaften an ihr ist, nämlich, dass sie nie etwas spielt, was nicht von ihr selbst oder der Beobachtung ihrer Umwelt ausgeht, dass sie sozusagen nie mit ungedeckten Schecks bezahlt, sondern eben bar.

Ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, dass ich von ihr je einen falschen Ton oder eine hohle Pose gesehen hätte. Ich habe das Gefühl, dass sie das gar nicht hinkriegen würde, selbst wenn sie dies versuchte, ganz so, als ob so etwas all ihren Instinkten zuwiderlaufen würde. Ich glaube, Katharina ist der seltene Glücksfall einer Schauspielerin, für die messerscharfe Analyse und instinkthafte Intuition keine Gegensätze sind, sondern sich notwendig ergänzen.

Geschmeidiger, raubtierhafter Engel

Die Eleganz und Leichtigkeit ihrer Bewegung, das Gefühl, das sie vermittelt, dass sie auf der Bühne zu Hause ist, dass sie den Ort im wahrsten Sinne des Wortes bewohnt; ihre geschmeidigen, raubtierhaften Bewegungen geben mir ein ums andere Mal das Gefühl, eher einer Tänzerin als einer Schauspielerin zuzusehen. Die Faszination, die von ihr ausgeht, weil man ihre Hülle gleich einem Engel von klirrender Schönheit nicht durchdringen kann, diese Illusion von Unnahbarkeit würde einen schnell vermuten lassen, dass Katharina Schüttler zu den Schauspielerinnen gehört, die es einem nicht leicht machen, mit ihnen zu arbeiten. Das Gegenteil ist der Fall.

Eines ihrer herausragenden Merkmale besteht in dem Unterschied ihrer eben beschriebenen Wirkung und dem, was für ein Genuss es ist, mit Katharina Schüttler zu proben und ihr als Mensch zu begegnen.

Ich glaube, wir teilen beide eine große Leidenschaft, die zunächst völlig selbstverständlich scheint, aber im Theateralltag leider nicht mehr so selbstverständlich ist: Wir beide proben gern. Das heißt, dass Katharina Schüttler wie Wenige mit einer großen Neugierde und Offenheit das aufsaugt, was man als Regisseur über die Situation einer Szene denkt und wie man diese aus allen nur erdenklichen Perspektiven hinterfragen und ausprobieren kann.
Wenn man sie so auf der Bühne sieht, könnte man meinen, dass alles, was sie tut, aus einer großen Selbstverständlichkeit und auch Selbstüberzeugtheit kommt. Doch das heißt für die Proben nicht, dass sie sich nicht immer wieder von neuem darauf einlassen würde, bereits eingeschlagene Wege zu verlassen, um andere auszuprobieren.

Rare Glücksmomente

Besonders deutlich wurde mir dies durch unsere zahllosen Gastspiele mit "Hedda Gabler", das wir seit nunmehr 5 Jahren im Repertoire haben, und in der, von London bis Paris, von New York bis Caracas, um nur einige wenige Stationen unserer Tour zu nennen, Katharina die Hedda gespielt hat.

Auch der Blick des Regisseurs auf ein Stück kann sich weiter entwickeln. Katharina ist jedes Mal, wenn wir auf Gastspiel sind, bereit, sich anzuhören, was sich bei mir verändert hat. Manchmal ist es nicht nur die Perspektive auf eine bestimmte Szene, sondern der gesamte Blick auf Theater. Immer versucht sie beides zu verstehen. Immer ist sie bereit, neu an eine Szene heranzugehen und sie in wichtigen Nuancen auch gänzlich anders zu interpretieren. Ich habe das Gefühl, dass es ihr auch eine große Freude bereitet, sich ständig zu hinterfragen.

Der Sinn für das Detail, der sich auch in ihrem nuancenreichen Spiel ausdrückt, ist eine der großen Qualitäten von Katharina Schüttler. Dieser Sinn fürs Detail ging bisher in jeder Produktion, die ich mit ihr machen durfte, so weit, dass sie sich immer auch für den Gesamtauftritt des Abends, insbesondere was Bühnenbild und Kostüme anbelangt, verantwortlich fühlte.

Bei "Hedda Gabler" lag in den Endproben ein Hauptaugenmerk von ihr darauf, dass es am Rand des Zuschauerraums zwei, drei Plätze gab, von wo aus man hinter das Bühnenbild gucken konnte und so den Requisiteur sah, wie er - allerdings wirklich innerhalb von Sekunden - ein, zwei Requisiten bereit stellte, was mit dem ästhetischen Empfinden von Katharina in keinster Weise in Einklang zu bringen war. Beständig mahnte sie mich, dieses Problem zu beheben.

Wie man an dieser kleinen Anekdote sieht, ist Katharina Schüttler jemand, der sehr wach durch die Welt geht, und, wenn es ihre Kraft erlaubt, versucht, alles aufzunehmen, was um sie herum vorgeht. Sie dreht ihre eigenen kleinen Videofilme und schneidet sie zusammen, schreibt Kurzgeschichten, und auch innerhalb des Ensembles der Schauspieler, in dem sie arbeitet, setzt sie sich immer für andere ein, wenn sie das Gefühl hat, dass sie ungerecht behandelt werden. Sie ist ganz im Gegensatz zu ihrer sehr zierlichen und jungmädchenhaften Erscheinung eine sehr selbständige und engagierte Person. Manchmal wirkt sie auf mich, als hätte sie irgendwann in ihrem Leben entschieden, sich trotz ihres zarten Äußeren nichts mehr gefallen zu lassen.

Als würde man Musik machen

Ich hatte bei einem Gastspiel von "Hedda Gabler" in Paris an einer der zehn Vorstellungen, ich weiß nicht mehr, ob es die dritte oder die fünfte war, einen dieser raren Glücksmomente, die man manchmal nur im Theater erleben kann. Alle Spieler auf der Bühne - und Katharina Schüttler und ihr Partner Lars Eidinger allen voran - waren so in das Geschehen verwickelt und auf ihre Partner konzentriert, dass das Spiel eine Selbstverständlichkeit hatte, als ob kein Zuschauer mehr nötig wäre. Als würde diese Gruppe sich aufeinander einlassen und miteinander spielen, selbst wenn kein Zuschauer gekommen wäre. Als wäre es selbstverständlich, sich jeden Abend um acht zu verabreden, um miteinander zu "jammen", als würde man Musik machen. Das Ganze hatte etwas von einem heiligen Ernst, der fast schon wieder beunruhigend war.

Dieses Musikmachen ist ein weiteres wichtiges Merkmal für das Spiel von Katharina Schüttler. Nie geht es um eine krampfhafte, psychologische Versenkung in ihre Rolle. Sondern darum, durch die rhythmisierte Abfolge von Bewegungen die Figur zusammenzusetzen, wie eine Musikerin, die mit Bewegungen komponiert. Das Material ihrer Komposition besteht daraus, wie sie geht, wie sie sich hinsetzt, wie sie die Polster des Sofas in "Hedda Gabler" beiseite schiebt, um sich noch gelangweilter in das Möbel zu flezen, wie sie die Tasse ansetzt, um von unten heraus ihr Opfer Elvsted zu beobachten, wie sie sich gegen die Wand lehnt und mit verlorenem Blick aus dem Fenster schaut, um ihrer Langeweile Ausdruck zu geben.

Für meine Art Regie zu führen ein absoluter Glücksfall. Ich habe es mit einer selbständigen Künstlerin als Gegenüber zu tun, die viel davon zu erzählen weiß, was sie an sich und anderen beobachtet, und ihr Blick scheint mir mitunter melancholisch, aber nie sentimental, von einer analytischen Schärfe, aber nie moralisch urteilend. Es ist für mich ein Geschenk, mit den Augen von Katharina, durch die Figuren, die sie spielt, auf Menschen von heute zu blicken.

Lucidité, Klarsicht, Helle

Ich glaube, diese analytische Kraft ist heute, wo uns der Blick immer mehr vernebelt wird und unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit eher verhangen ist, eine sehr seltene Kostbarkeit. Im Französischen gibt es das schöne Wort "Lucidité", was man wohl am besten mit "Licht" oder "Hellsichtigkeit" oder "Klarsicht" und "Helle" übersetzen kann. Ich glaube, diese französische "Helle" trifft Katharina Schüttler sehr gut.

Verzeihen Sie mir, dass ich nicht auf ihre Arbeit in Film und Fernsehen eingegangen bin, aber ich hoffe, dass ich mit dem Versuch, der Einzigartigkeit der Theaterschauspielerin Katharina Schüttler etwas näher zu kommen, auch vieles von ihrer Wirkung in Film und Fernsehen beschrieben habe.Mir selber wünsche ich, dass ich Katharina noch oft in der Arbeit begegnen werde, und ihr wünsche ich, dass sie sich ihre Unbestechlichkeit, die sie bei mir immer vehement behauptet hat, in beiden Medien, Film und Theater, bewahrt.

Jetzt bleibt mir nur noch, Dir, liebe Katharina, von ganzem Herzen zu dem Preis zu gratulieren und ich hoffe, dass Du Dich von Deiner Familie, Deinen Freunden und allen, die Dir auch in der Arbeit lieb und teuer sind, dem Anlass gemäß feiern lässt und diesen Tag genießt.



Thomas Ostermeier, Künstlerischer Leiter der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, hielt diese Laudatio aus Anlaß der Verleihung des Ulrich-Wildgruber-Preises an Katharina Schüttler am 31. Januar 2010 im Hamburger St. Pauli Theater, das den Preis seit 2007 gemeinsam mit der Nordmetall-Stiftung zur Förderung junger Schauspieler verleiht.


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