Drei Schweine, drei Fische, ein Rind

von Ralph Gambihler

Leipzig, 22. Juni 2013. Die Trillerpfeifen-Pfiffe wird man eine Weile im Ohr behalten. Die der Tierschützer, die vor dem Theater den Protest mehr probten als zelebrierten und drinnen mangels Kampfkraft bald aufgaben. Und die des Zeremonienmeisters, der die zahlreichen Akteure zuerst unten im Foyer und dann oben im Saal mit scharfen Signalpfiffen zu dirigieren verstand, sechs teils schmerzliche Stunden lang, fast wie ein Trainer, der seine Sportler über den Rasen hetzt. Dabei waren die Pfiffe das wenigste. Sie waren ein sehr kleines Detail in diesem gewaltigen Blutkunst-Spektakel, in das wohl niemand hinein geraten ist, der nicht wusste, was ihn erwartet, und sei es durch ausgiebiges Vorab-Googlen und You-Tube-Testgucken.

Mit seinem Orgien-Mysterien-Theater feiert Herrmann Nitsch das Leben vor dem Negativ des Todes. Er feiert, radikal und drastisch wie kaum ein zweiter, das Drama der fleischlichen Existenz. Zwei Weltkriege und die Ahnung, dass die Moderne mit ihrem Humanismus womöglich weniger über das Leben und seine Mysterien weiß als frühere Zeitalter, haben ihn dazu gebracht, vor einem halben Jahrhundert seinen archaischen Theater-Ritus zu entwerfen und seither immer weiter zu entwickeln, ausgehend von der Tiefenpsychologie Freuds und C.G. Jungs, mit Rückgriff auf christliche Symbolik sowie das heidnische Ritual des Tieropfers.

Perverser Ritualmetzger oder begnadeter Universalkünstler?

Nitsch wurde im Laufe der Jahrzehnte zu einem gefeierten und umstrittenen Exponenten der Gegenwartskunst. Von den einen als perverser Ritualmetzger verfemt, von den anderen als begnadeter Universalkünstler des Wiener Aktionismus' verehrt, bekunstet der seit 2005 mit dem österreichischen Staatspreis dekorierte Nitsch von seinem Domizil in Prinzendorf aus die halbe Welt. Und weil er dabei Grenzen ausschreitet und dehnt, sinnliche, emotionale, gesellschaftliche und juristische Grenzen, ist ihm die mediale Aufmerksamkeit stets sicher.

In Leipzig stand nun Aktion Nummer 138 auf dem Programm und damit die erste Aufführung des Orgien-Mysterien-Theaters in Ostdeutschland. Wie Nitsch steht der scheidende Leipziger Intendant Sebastian Hartmann Artauds Theater der Grausamkeit nahe. Zudem verbindet die beiden ein Hang zu Antimoderne, Mystik und Archaik. So kam es zur Einladung. Das Leipziger Gastspiel war eigentlich schon vor Jahren geplant, musste aber immer wieder verschoben werden, weil es Einschnitte im Budget gab. Dass das dreitägige Happening (das erst heute seinen dionysischen Ausklang findet) zum Schlusspunkt und Showdown der fünfjährigen Intendanz Hartmanns wurde, Polizeischutz und Sicherheitsfirma inklusive, ist somit den Umständen geschuldet. Ein heftiger Abgang ist es trotzdem.

nitsch 3 280 david baltzer u © David Baltzer

Kosmisches Brausen zur Einstimmung

Das "Konzert" am ersten Abend war harmlos. Es war musikalische Einstimmung und motivische Vorwegnahme der Hauptaktion mit den Mitteln der Symphonik. In der weißen Arena, der traumschönen Abschieds-Spielstätte des Centraltheaters, saß der 74-jährige Nitsch mit eingesunkenem Kopf seitlich auf einem Plastikstuhl, den weißen Rauschebart wie einen Latz über den erheblichen Bauch drapiert, derweil rund drei Dutzend zumeist junge Musiker den immer wieder bombastisch anhebenden Monoklang wechselweise in die Sphäre des Feierlichen oder Bedrohlichen hoben.

Ein kosmisches Brausen ohne Rhythmus und Melodie lag in der Luft und verharrte minutenlang auf den immer gleichen Moll- und Dur-Akkorden, bevor sich alles wieder im Grundton beruhigte. Gelegentlich brach ein Ländler in diese weit entrückte Klangsphäre ein, eine Art Hymne der Schuhplattler, die jeder kennt. Die gedehnte Metaphysik von Nitschs Musik bekam in diesem Moment einen folkloristischen Kontrapunkt, barocker und gemütvoller noch als bei Mahler.

Die Aktion: Ekel, Overload, Schmerz

Die Grausamkeiten folgten am zweiten Abend ("Aktion") und mit ihnen der Ekel, der sinnliche Overload, der innere Schmerz. Die Tatsache, dass man sich vorab mit der stets gleichen "Lithurgie" (also dem Ablauf) der Performance vertraut machen kann, hilft einem da wenig. Es ist nicht der bloße Anblick der verwendeten Tierkadaver, der einem zusetzt. Es ist vor allem der Griff in die "Ursuppe des Lebens" und der Blutrausch, den Nitschs Helfer zelebrieren und immer wieder in orgiastische Kulminationen hineintreiben.

nitsch 1 560 david baltzer u© David Baltzer Drei Schweine, drei Fische und ein Rind aus der Massentierhaltung mussten ihr Leben lassen. Unter strengen Auflagen der städtischen Ämter beschafft, sind sie zugleich Material und Symbol. Schlimm ist vor allem das "Matschen", das von tumultarischen Klangclustern begleitet wird. Die Bauchräume der ausgeweideten Tierkörper werden dabei aufgehalten, Eingeweide werden wie wild hineingeworfen und eimerweise mit Blut, Wasser und anderen Flüssigkeiten übergossen, wobei die Frontmatscher mit ihren Armen in dem Gemenge rasend herumwühlen, bis ihre weißen Gewänder vor Blut triefen. Es ist eine im Grunde schwer erträgliche Sauerei, die womöglich als komischer Splatter durchginge, wenn man nicht um die Authentizität des Materials wüsste und auch nicht mit diesem ekelerregenden Geruch (von Pansen?) klarkommen müsste, der zwei der Geigerinnen dazu brachte, das Instrument unter die Nase zu klemmen und nicht unters Kinn.

Dem "Matschen" folgt immer wieder ein quasireligiöses Ritual. Das tote Fleisch der Tiere wird mit dem lebendigen Fleisch von Menschen ins Bild gesetzt, ja mehr noch, in Hautkontakt gebracht. Das ist der vielleicht schmerzlichste Tabubruch. Nackte werden hereingetragen, Frauen und Männer aus dem Kreis der Akteure, deren Augen verbunden sind und deren Körper auf Bahren oder Holzkreuzen gefesselt wurden. Hinten hängen, einem Epitaph ähnlich, die halboffenen Schweine- oder Rinderkadaver an galgenartigen Holzrahmen. Die Nackten auf ihren Bahren und Kreuzen werden davor aufgestellt, angelehnt und fixiert. Es folgt das schubweise Überschütten von Blut auf die Münder der Nackten, das solange geschieht, bis das Blut in einer nach unten breiter werden Bahn die Körper benetzt. Diese Handlung ist drastisch und feierlich zugleich. Sie hat etwas von einer "Bluttaufe" und transzendiert die Körper in eine unfassliche Welt.

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Geschmacksfragen und andere Fragen

Man mag das alles höchst geschmacklos finden (was im Wortsinn ja stimmt, denn der Geschmack ist der einzige der fünf Sinne, den Nitsch in der Hauptaktion nicht anspricht - weil er ihn nicht ansprechen darf). Und man mag es auch geschmacklos finden, wie das Publikum nach und nach die Scheu verliert, gelöster wird, bald gelassen von Aktion zu Aktion schlendert und auch mal mit dem iPhone draufhält. Aber mit Geschmacksfragen kommt man hier nicht weiter.

Fragen bleiben gleichwohl. Beispielsweise die, ob das Konzept der Katharsis, das Nitsch der antiken Tragödie von Aristoteles entlehnt, also die Vorstellung einer inneren Reinigung und Erlösung im Schrecken, im Zeitalter der medialen Dauerberieselung überhaupt noch Relevanz hat. Man kann auch fragen, ob die Überwältigungsästhetik, die Nitsch im Laufe der Jahrzehnte immer weiter perfektioniert hat, um auf dem Schmerzensweg des sinnlichen Erlebens in die letzten Winkel der Empfindung vorzudringen, nicht an Hybris grenzt. Aber es ist ein Dilemma. Ohne Überwältigungsästhetik und Heilsgedanke ist die Arbeit von Nitsch nicht möglich. Man muss schon ein wenig dran glauben, sonst ist alles umsonst.

 

P.S. 24. Juni: Ursprünglich wollte man zum Finale mit einem geschlachteten Schwein durch die Straße vor dem Theater ziehen. Die Stadtverwaltung hatte die rituelle Prozession aber beizeiten untersagt. So geriet das "dionysische Fest" des dritten Tages ganz einfach zum sommerlich ausgelassenen Straßen- und Abschiedsfest der scheidenden Intendanz Hartmann. Bei Livemusik, Freibier und Freiwein aus Prinzendorf wurden die überstandenen und womöglich anstehenden Aufregungen (es gibt einen Stapel Anzeigen) bis tief in die Nacht begossen.

 

3-Tage-Spiel
Das Orgien-Mysterien-Theater
von Herrmann Nitsch
Gesamtkonzept: Hermann Nitsch, Regie: Hermann Nitsch, Frank Gassner, Leo Kopp, Rainer Juranek, Aktionsleitung: Frank Gassner, Aktionsrealisation: Leonhard Kopp, Dirigent: Andrea Cusumano, Koordination: Rita Nitsch, Projektbetreuung: Martha Schildorfer
Musik: Blaskapelle "Venkovanka".
Spieldauer: 1 Stunde 20 Minuten (Teil eins); sechs Stunden, eine Pause (Teil zwei)

www.nitsch.org
www.centraltheater-leipzig.de 

 

Kritikenschau

"Natürlich ist es eklig, wenn einem Gelegenheits-Jesus am Kreuz dunkles Tierblut in den Mund gegossen wird, aber spätestens, wenn eine Frau mit einem großen Katzen-Tattoo auf dem Po die Blutdusche nimmt, bekommt das Spektakel etwas unfreiwillig Erheiterndes", so Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (24.6.2013). "Statt Versenkung in dunkle Vorzeit und Kontakt zur Metaphysik, wie von Nitsch beabsichtigt, bildet sich hier eher das Bild eines Extrem-Seminars für angehende Wirtschaftsführer ab." Gerade angesichts der großen Aufregung um den 'Tiermord für die Kunst', erscheine dieser 'totale Exzess der Welten', den Nitsch als Ausweg aus einem zu engen Lebensgefüge hier vorführen möchte, "in keinem Moment wirklich schockierend und fordernd, sondern leider eher harmlos".

"Das ständige Geschiebe und die Hektik der Spieler ist der beabsichtigten Wirkung leider sehr abträglich", befindet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (24.6.2013). Statt einer intensiven Erfahrung, wie Nitsch sie wolle, meine man sich hier vielfach auf einen Jahrmarkt der Sensationen versetzt. "Bald wird man müde. Nicht, weil es an Skandalösem, sondern weil es an Intensität, Dichte, auch Ernsthaftigkeit mangelt." Die Würde einer Feier der Existenz bräuchte eine würdige Form. "Hier aber herrscht nur Betriebsamkeit. Nur einmal, nach der Pause (auch das ist neu: eine Orgie mit Pause), wenn das Rind gekreuzigt ist und zwei Männer an Kreuzen davor aufgebaut werden, die Musik sich zum Rausch verdichtet und die Kameramenschen ausnahmsweise einmal nicht im Bild stehen, ahnt man, was dieses Theater vermag: Erschütterung des Herzens, Läuterung der Sinne."

Die Aufführung erscheine "wie eine kunstgeschichtliche Schulstunde zur Wiener Aktionskunst", schreibt Bernhard Doppler im Wiener Standard (24.6.2013). "Im Theater wirken die Teilnehmer, die sich überschütten lassen, und die Malerassistenten in Ministrantenkitteln oft wie ein wenig unbeholfene, manchmal auch konfuse Dilettanten." Allerdings kämen die oft langatmigen Aktionen nach fast sechs Stunden plötzlich so in Fahrt, "dass Nitsch nach dieser Schlussorgie mit überraschend langen Ovationen gefeiert wird".

Ein "Mytserienspiel ohne Mysterium" nennt Steffen Georgi in der Leipziger Volkszeitung (24.6.2013) die Aktion. "Eine simple, wenn auch effiziente Sinnes-Überrumpelung mit den Mitteln des Spektakels, in dem längst schon jeder etwaige transzendente Kern zum blubbernd Esoterischen hin wegschmolz." Das könten auch die über Jahre nachgereichten theoretischen Exkurse nicht kaschieren: "Ekstase mit theoretischem Unterbau bleibt auch dann noch Kopfgeburt, wenn die Körper ekstatisch zucken."

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