Revolution neuer Mensch

von Sabine Leucht

München, 26. September 2013. Es ist der Tag, an dem Matthias Lilienthal als künftiger Intendant der Münchner Kammerspiele bestätigt wurde. Und zugleich serviert der Noch-Chef den Auftakt der neuen Bewährungsrunde nach der Inthronisierung des Hauses als Theater des Jahres.

Ist Johan Simons' Inszenierung des Revolutions- und Ideendramas "Dantons Tod" deshalb so demonstrativ geraten? Oder nimmt man es unter diesen Vorzeichen nur so wahr? Simons, der München 2015 auf eigenen Wunsch verlässt, findet an diesem Abend zu einem Theater des sichtbar gemachten Denkens zurück, wie man es von diesem zum Menschenregisseur Mutierten lange nicht mehr gesehen hat. Und als böte der dichte, sprachgewaltige Büchner-Text dafür nicht ohnehin schon Stoff zuhauf, reichern ihn Simons' Dramaturgen noch mit Michel Houellebecqs Phantasien vom emotions- und körperfunktionsbereinigten neuen Menschen an, die an den Kammerspielen zuletzt in Stephan Kimmigs Plattform-Inszenierung laut geworden sind. Aber auch Camus' "Mensch in der Revolte" und Peter Sloterdijk meint man aus dem Zitate-Patchwork herauszuhören. Und Arthur Schopenhauer und der Marquis de Sade sprechen vom wilden Menschentier und der Gleichgültigkeit der Natur über sein Verschwinden.

danton 560 julianroeder xTheater des sichtbar gemachten Denkens: Marc Benjamin, Annette Paulmann, Benny Claessens, Anna Drexler, Kristof Van Boven, Stephan Bissmeier und vorne Pierre Bokma als Danton. © Julian Röder

Abschied von den schmerzbeladenen Affen

Der Abgesang auf die "schmerzbeladene" affenartige Spezies mit ihren edlen Zielen und blutigen Taten aus Houellebecqs "Elementarteilchen" rahmt den Abend ein, womit Johan Simons seiner eigenen Regie-Vergangenheit zuwinkt. Sein erster Teil wird von Hans Kremer vorgebracht, der als Präsident des Revolutionstribunals lange nur Beobachter des Geschehens ist, der letzte Teil von Wolfgang Preglers Robespierre, der sich dazu vorn an der Rampe vollständig entkleidet. Doch da ist die spannendere Hälfte des Abends längst vorüber.

Gerade haben Danton, den der in München bislang wenig besetzte Pierre Bokma als einen schmierigen, selbst Liebesgeständnisse leichtfertig hinausposaunenden Staatsmann à la Gerhard Schröder spielt, und seine Getreuen Camille (Kristov Van Boven) und Lacroix (Stephan Bissmeier) heftig über ihr Sterbenmüssen geweint und vergeblich versucht, mit abrupten, überlauten Lachern dagegen anzukämpfen. Annette Paulmann hat den unerbittlichen St. Just als kalte Matrone noch angsteinflößender gemacht. Und Benny Claessens, der vor der Pause mit schaurig-schönem deutsch-französischem Sprechgesang dem bluthungrigen Volk eine Stimme gab, hat einen Henker als Forscher in Sachen demokratischer Gleichbehandlung dahineuphemisiert. Alles für sich genommen sind das starke Theatermomente, und doch ist das artifizielle Tableau des Beginns nach der Pause irgendwie aus seiner Grundschwingung geraten. Die Schauspieler treten expressiver aus ihm und sich heraus – und es fühlt sich an, als hätte einer das Seil gekappt, das bislang für die Spannung sorgte.

Dagegen die ersten eineinhalb Stunden: An einem langen, in die Tiefe der Bühne ragenden Tisch sitzen alle Schauspieler wie in Erwartung einer Séance, während über zwei gerahmte Leinwände an der Rückwand geisterhafte Schatten huschen. Weil ganz hinten am Tischhorizont auch noch sieben Musiker Platz genommen haben, wirkt es ein wenig so, als sei zum Spielzeitauftakt das halbe Ensemble aufmarschiert. Auf dem aus Streichern und vereinzelten Bläsern gewebten elegischen Klangteppich Karl Oesterhelts, der für jüngere Simons-Inszenierungen fast schon obligatorisch ist, werden die Argumente des auf dem Weg der Entfernung aller konterrevolutionären Elemente immer weiter voran preschenden Robespierre und die des sich auf halbem Wege bei schönen Kleidern, Frauen und Genuss ausruhenden Danton wie exquisite Kostbarkeiten präsentiert.

Das Dilemma jeder Ideologie

Die Zeichen stehen auf großer Kunst, die Musik ist fast so manipulativ wie beim fulminanten dritten Teil von Simons' Sarah-Kane-Abend, und die Stadt-, Wald- und Menschenfilme, die bald über die Leinwände ziehen, addieren dazu viel Atmosphäre und Dynamik. Gleichzeitig aber wird das Setting durch eine Art Probenatmosphäre herabgedimmt. Zwar werden die Rollen nie ganz verlassen oder gar befragt, aber die Gedanken können in Ruhe atmen, nachklingen, Raum einnehmen im Fadenkreuz der Blicke der Anderen. Und zwar gleichermaßen Marions (Sandra Hüllers) mit verspielter Selbstverständlichkeit vorgebrachtes Lob der lustvollen Hingabe wie die Philosophie der Askese, die Preglers armen Robbespierre bereits beim Sprechen darüber förmlich auszutrocknen scheint.

Andere "Danton"-Inszenierungen – zumal im Büchner-Jahr – mögen den Klassenkampf beschwören, den arabischen Frühling in den Fokus rücken oder uns Dantons ins Gewissen nehmen, weil das Blut, das für unsere Bequemlichkeit fließt, an anderen Händen klebt. Johan Simons aber stellt das Dilemma zur Diskussion, das einem noch aus jeder Ideologie entgegenschreit: Die Säuberung der Welt von allen liederlichen Subjekten rottet am Ende den Menschen aus. Oder: Gutmenschentum ist unmenschlich.

 

Dantons Tod
von Georg Büchner
In einer Bearbeitung von Matthias Günther und Tobias Staab
Regie: Johan Simons, Musik: Carl Oesterhelt, Bühne: Eva Veronica Born, Kostüme: Teresa Vergho, Video: Lennart Laberenz, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Matthias Günther / Tobias Staab.
Mit: Pierre Bokma, Stephan Bissmeier, Marc Benjamin, Kristof Van Boven, Anna Drexler, Marie Jung, Wolfgang Pregler, Annette Paulmann, Hans Kremer, Benny Claessens, Cigdem Teke, Sandra Hüller.
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

In München läuft derzeit auch noch eine andere Danton-Version, nämlich die von Christian Stückl am Volkstheater (Premiere im Oktober 2012), in der es deutlich mehr menschelt.

Kritikenrundschau

Eine "Inszenierung, deren Offenheit für Längen sorgt – und schauspielerische Glanzlichter ermöglicht" hat Michael Stadler für die Münchner Abendzeitung (28.9.2013) gesehen. "Johan Simons will es anders. Schon den König Lear pflanzte der Intendant in einen Schweinekoben, und auch bei dieser Spielzeiteröffnung erzeugt er eine Atmosphäre des Bodenständigen, Menschennahen", schreibt Stadler. Der Abend sei besonders am Anfang sehr statisch – "die Spieler stehen mitunter auf, wenn sie an der Reihe sind, kommen auch ins Spielen, aber keine unnötige Bewegung soll vom Diskurs und zentralen Disput ablenken." Büchners Drama sei für Simons und die Dramaturgie ein Ausgangspunkt, von dem sie beträchtlich weit zu anderen Texten ausschwärmten. Damit dächten sie durchaus die Methode Büchners weiter, der sein Drama 1835 aus verschiedenen historischen Quellen zusammensetzte. "Aber sie lassen die Assoziationen schon weit schweifen."

"Schade nur, dass das musikalisch-filmisch-sängerisch-schauspielerische Stückwerk ohne Gesamtform ausfranst und Simons seinen Darstellern nicht mehr abverlangt als Profi-Routine", schreibt Kerstin Holm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.9.2013), nachdem sie ebendieses Stückwerk ausführlich beschrieben hat.

"Was an den Münchner Kammerspielen wie eine feierliche Gedenkveranstaltung zum Büchner-Jahr beginnt, wird zu einer herausfordernden Denkveranstaltung auf hohem künstlerischen Niveau", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (28.9.2013). Johan Simons knüpfe mit dieser Inszenierung an seine Anfänge als Regisseur an diesem Haus an. "Doch was ihm früher oft etwas spröde und kopflastig geriet, ist hier, bei aller Diskursliebe, leichtfüßig-musikalisch, sarkastisch-melancholisch, durchaus auch sinnlich - und nie moralisch-besserwisserisch." Es bündele und füge sich da "vieles, was Simons' Arbeit in den letzten Jahren an den Kammerspielen ausmachte: von der intimen Probenszenerie, die an die Lese-Marathon-Abende des Ensembles erinnert, über die musikalische Live-Orchestrierung seiner jüngeren Inszenierungen mit Kompositionen von Carl Oesterhelt (die hier sehr dick, sehr ausmalend geraten) bis hin zu der Beschäftigung mit den zivilisationskritischen Endzeitromanen von Michel Houellebecq." Eine Handschrift sei da erkennbar, eine Linie, eine Stimmigkeit. Insgesamt ein Abend, dem man vielleicht nicht rundum mit Begeisterung begegnen müsse, "aber in jeder Hinsicht Respekt zollen, dessen Tiefgang man schätzen und dessen Intimität man lieben muss".

 

 

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