Ablaufende Hoffnungen

von Andreas Schnell

Geestenseth, 20. November 2014. Im Grunde erzählt "November und was weiter" kaum etwas, was nicht wissen könnte, wer der medialen Berichterstattung zum Thema nicht völlig borniert gegenübersteht. Dass sich hinter den Zahlen aus den Nachrichten Menschen verbergen, die nicht aus Schierschandudel den Weg nach Europa auf sich nehmen, vielleicht mit dem Zweck, "uns" in Europa etwas von unserem vermeintlichen oder realen Wohlstand wegzunehmen. Dass es sehr oft junge Menschen sind, die ihre Familien zurücklassen und für den Weg deren Ersparnisse aufbrauchen, um dann, in Europa angekommen, entweder gleich wieder zurückgeschickt zu werden oder aber nicht tun zu können, was der Zweck der Reise war: Geld für die Daheimgebliebenen verdienen, um deren Armut zu lindern. Dass sie die Flucht als letzten Ausweg sehen, um der ständigen Bedrohung ihres Lebens zu entkommen. Dass der Weg in Richtung Sicherheit erneut eine Bedrohung für ihr Leben bedeutet. Und dass Tausende es nicht bis an ihr Ziel schaffen. All das kann man wissen. Und doch trifft dieses Stück einen Punkt.

Schon auf dem Weg zum Einlass fröstelt es einen, nicht allein der winterlichen Temperaturen und der nebligen Nacht wegen. Es sind auch die Scheinwerfer, die das Dunkel punktuell erhellen wie Suchscheinwerfer, das UNHCR-Zelt hinter dem Bahnhofsgebäude. Über den Bahnsteig geht es in einen Waggon, der zunächst ganz gemütlich erscheint. Drinnen bollert ein Ofen, auf einer Kochstelle wird Mokka gebraut. Eine alte Dame schläft im Sessel des spärlich eingerichteten Wageninneren, später wird sie weltenmüde seufzend aufstehen, einen neuen Scheit aufs Feuer werfen und wieder in ihrem Sessel versinken.

Brutale Geschichten
Lange herrscht Stille. Bis die jungen Frauen im Raum zu erzählen beginnen. Von dem Leben in Serbien. Davon, wie sie dort als Roma behandelt wurden. Manchmal fuhren junge Leute nach der Disco noch an ihrem Haus vorbei und warfen die Scheiben ein. Ein-, zweimal im Monat. Manchmal wurden sie auch angegriffen, verprügelt. Einmal wurde sogar das Haus angezündet. Opa, der im ersten Stock wohnte und sich nicht mehr gut bewegen konnte, schaffte es nicht mehr heraus. Eines Tages packte der Vater seine Kinder ein und ging nach Deutschland, pro Person 600 Euro bezahlte er für ein Leben, das nicht ganz so bedrohlich ist. Auch wenn schon einmal die Staatsgewalt die Tür eintritt, weil sie illegale Flüchtlinge in der Wohnung vermutet. Geduldet sind sie noch bis November. Und was dann?

november 560a ingowagner uDurchzug im Fluchtfahrzeug © Ingo Wagner

Die nächste Station ist das UNHCR-Zelt. Hier spielt die noch brutalere Geschichte sudanesischer Flüchtlinge. Jahre im Lager, die Flucht über Libyen, Polizeigewalt, ausgeschlagene Zähne – wobei sich nicht recht ausmachen lässt, wessen Geschichte da eigentlich genau erzählt wird, wer im Zelt ein "echter Flüchtling" ist, wer Schauspieler, wer Publikum, wer Chor. Schauspieler sprechen Texte, die offenbar aus Erzählungen der Flüchtlinge montiert sind: Rudimentäre Sätze, gebrochene Syntax. Authentisch? Eher real, aber nicht eins zu eins. Kunstvolle Distanz im absichtsvoll kunstlosen Stück.

Notration und Musik
Die dritte Szene schließlich spielt in einem Kühlcontainer, wo das Publikum auf provisorischen Bänken zusammengepfercht wird. Zwischen Europaletten kauern zwei junge Männer aus Afghanistan auf dem Weg nach Griechenland in Dunkelheit und Kälte, gepinkelt wird in die Flasche. Einer der beiden verließ die Heimat, weil er das falsche Mädchen liebte. Er war verliebt, wollte heiraten, sie gingen zusammen ins Kino. Das Mädchen wurde von ihren Brüdern totgeschlagen.

november 560 ingowagner uWer spielt wen? © Ingo Wagner

Das Drinnen, das nur notdürftig schützt, das bedrohliche Draußen, eine Notration, die sie mit uns teilen – und ein Lied. Das ist allen drei Geschichten gemein. Und die Hoffnungen, die zuverlässig enttäuscht werden, auch wenn die Sudanesen, die in Geestenseth untergebracht sind, jetzt immerhin zusammen Fußball spielen können, anstatt unablässig um ihr Leben zu fürchten.

Was Siemssen in gewohnt rudimentärem Stil, mit minimaler Requisite und viel Gespür für Räume in Theaterform gießt, lässt uns, wenn vielleicht nicht schlauer, dann doch herzensklüger zurück. Neben dem Umstand, dass das Theater dem Letzten Kleinod ein Stück sozialer Praxis ist, das die Flüchtlinge involviert und ernstnimmt, konfrontiert es mit einer Sicht auf die Dinge, der man sich kaum entziehen kann; entwickelt eine Dringlichkeit, die einen förmlich zwingt, eine Haltung zu den aufgeworfenen Themen einzunehmen.

November und was weiter
von Jens-Erwin Siemssen
Regie: Jens-Erwin Siemssen, Musik: Shaul Bustan, Dramaturgie: Karsten Barthold.
Mit: Charlotte Engelbert, Petra Straussová, Noredin Taabni.
Dauer: eine Stunde, keine Pause

www.das-letzte-kleinod.de

 

Mehr zu Das letzte Kleinod: In Die Filchner-Barriere vollzog die Gruppe eine schwierige Südpol-Expedition nach, in Atalanta ging es um Piraterie, Um uns herum nur nichts war ein Dokumentartheaterabend über das Leben auf hoher See.


Kritikenrundschau

"Das letzte Kleinod hat präzise recherchiert, das Thema beeindruckend und mit fast brutaler Intensität umgesetzt", lobt Ulrich Müller in der Nordseezeitung (20.11.2014). "Das Stück wird niemanden kalt lassen. Wer es gesehen hat, muss Stellung beziehen."

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