Konstanz liegt am Mississippi

von Thomas Rothschild

Konstanz, 12. April 2015. "Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?", fragt Thomas Bernhard. Analog könnte man bei "F:inn" fragen: Ist das Theater? Die Frage ist ebenso unsinnig wie alle terminologischen Fragen, die sich als ontologische ausgeben. Am nächsten kommt "F:inn" jenen Ritualen, mit denen wir in meiner weit entfernten Jugend, also vor Erfindung der Nähmaschine, alljährlich am 16. Juni den Bloomsday begingen, indem wir reihum die Wiener Örtlichkeiten aufsuchten, die mit etwas Fantasie für die von Leopold Bloom frequentierten Dubliner Locations stehen konnten. Nur nannten wir das nicht Theater und erst recht nicht Reenactment, sondern Happening. Das Duo Kassettenkind, bestehend aus den Absolventen des Hildesheimer Studiengangs "Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis" Insa Schwartz und Lotte Schwarz, bezeichnet sein Stück, wie schon drei Vorläufer, als "Begehbares Hörspiel".

Theater oder nicht Theater – eins steht fest: "F:inn" ist ein bemerkenswerter Versuch, Kinder mit ihnen vertrauten Mitteln wenn nicht für das Rollenspiel, so doch für eine die bloße Lektüre überschreitende Aufbereitung einer Story zu interessieren. Das Kindertheater wird hierzulande (wie übrigens auch der Kinderfilm) sträflich marginalisiert, was man schon daran ablesen kann, dass es mit schöner Regelmäßigkeit bei der Verteilung von Mitteln weit schlechter abschneidet als das Theater für Erwachsene, als dürften Kinder per Definition billig abgespeist werden. Hinzu kommt, dass sich in Deutschland, anders als etwa in England, das biedere Weihnachtsmärchen beharrlich gegen alle Versuche einer Reform seit GRIPS und Roter Grütze behaupten konnte. Da muss man es begrüßen, wenn junge Theaterleute neue Möglichkeiten ausprobieren. Vorerst experimentieren sie mit Technologien. Belangvollere Inhalte werden hoffentlich noch folgen.

Kein Kampf um die Armlehne

Dass Menschen mit Stöpseln im Ohr oder Kopfhörern auf eben jenem Körperteil, nach dem sie benannt sind, herumlaufen oder mehr oder weniger stumpfsinnig vor sich hin stierend in der U-Bahn sitzen, sind wir, bei wechselnden Technologien, seit der Erfindung des Walkman gewohnt. Lässt sich daraus etwas für die Künste gewinnen?

Zu den Topoi der Kritik am traditionellen Theater gehört das Ungenügen an der einkanaligen Kommunikation. Beim Hörspiel, das man, wenn man nur synästhetisch genug denkt, wie einen Schrank begehen kann, ist auch dieser eine Kanal eingeschränkt: auf die vorproduzierte Botschaft vom Tonträger. Mit verstopften Ohren kommuniziert man nicht. Theater als kollektives Erlebnis wird bei "F:inn" verabschiedet. Ich wurde für 16 Uhr 30 an den Ausgangsort beordert, denn begangen wird das Hörspiel einzeln, im Abstand von 5 Minuten. Kein Kampf um die Armlehne zwischen engen Sitzen. Ich durfte mich ungestört von hustenden Nachbarn und schwatzenden Hinterpaaren auf die Schnitzeljagd machen wie einst in den Jugendjahren beim Nachtgeländespiel.

Tom Sawyer am Rhein

Gesucht wird, unter der Führung von Tante Polly, nach Thomas Ludwig, der plötzlich verschwunden ist. Ein Zettel in der Tasche eines Sakkos auf dem Gepäckträger eines Fahrrads, zu dem man durch Anweisungen vom MP3-Player vordringt, gibt einen Hinweis auf den Freund von Thomas. Die beiden Jungs, so stellt sich bei dem Rundgang durch die Konzilstadt am Bodensee heraus, haben ein Floß gebaut, um ihren Helden Tom Sawyer und Huckleberry Finn nach Missouri zu folgen. Bis Basel sind sie, zwar nicht auf dem Mississippi, aber immerhin auf dem Rhein und unter Überwindung des Rheinfalls, gelangt. Diverse Objekte am Rheinufer – ein blau-weiß gestreiftes Segel, ein Seil – und ein Exemplar von Mark Twains Roman führen auf ihre Spur. Schauspieler allerdings bekommt man bei dieser Begehung nicht zu sehen. Es handelt sich eben doch um ein Hörspiel. Lediglich akustisch anwesend sind beim Blick durch eine Art Kaleidoskop Mitglieder des Konstanzer Ensembles als Nachbarn von Finn – ein Name? ein Codewort? – oder als Wasserschutzpolizei.

Formal brav

Das ist mit Witz, nach dem Schema eines Krimis, und mit perfektem Timing gemacht. Sogar vor den rasenden Radfahrern, die den Weg des Kopfhörerträgers queren, wird rechtzeitig gewarnt. Und für alle Fälle stehen hinter Büschen und Pforten versteckte Beobachter vom Theater, die sich mit dieser ungewöhnlichen Rolle für die NSA qualifiziert haben.

Freilich: unkonventionell an der Arbeit von Kassettenkind ist in erster Linie die Synthese von Hörspiel und Bewegung des Rezipienten im Raum. Das Hörspiel selbst kommt formal nicht einmal annähernd an die avancierten Exemplare der Gattung heran. Da wäre dem Publikum mehr zumutbar. Auch Kindern. Gerade ihnen. Die Aktion des Jungen Theaters Konstanz, die nicht mehr als 35 Minuten dauert, wird für Kinder ab 9 empfohlen.

 

F:inn
Begehbares Hörspiel nach Mark Twain
Konzept, Regie und Ausstattung: Kassettenkind (Insa Schwartz, Lotte Schwarz), Dramaturgie: Sarah Wiederhold.
Mit: Friederike Pöschel, Gabi Geist, Ingo Biermann, Andreas Haase, Béla Kocher.
Dauer: 35 Minuten, keine Pause

www.theaterkonstanz.de

 

 
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