Wir haben das Theater, um nicht an der Wirklichkeit zugrunde zu gehen

von Philipp Ruch

Berlin, 19. August 2015.

1. Zur Freiheit der Kunst

Der Begriff der Kunstfreiheit wird gerade bei Aktionskunst gerne rein legalistisch interpretiert. Die Kunst sei völlig frei. Sie kann sich aber diskreditieren. Wir haben das mit unseren Arbeiten nicht vor und die Langzeitwirkung unserer Aktionen dürfte davon künden, dass wir der Kunst eher zur Ehre gereichen und ihr zu neuem Recht verhelfen, die Gesellschaft zu verändern. Zumindest der politischen Kunst, die viele Beobachter in dieser Form nicht (mehr) für möglich gehalten haben und jetzt politischer Kunst eine Renaissance attestieren.

Die Kunst ist völlig frei. Diese Freiheit geht weit über das hinaus, was in einem legalistischen Sinne darunter gefasst wird. Menschen, die mit den Kunst- und Theaterdiskursen alltäglich befasst sind und über dieses Thema viel schöner und präziser schreiben könnten, wissen das längst. Ich will aber als ersten Denkvorstoß anbieten, dass die Kunst auch und gerade so frei sein muss, Menschenleben zu retten.

Das ist vielleicht die letzte sinnvolle Grenze, mit der es das so provokationserfahrene 20. Jahrhundert nicht aufgenommen hat. Wenn Zuschauer oder Kritiker dem Zentrum für Politische Schönheit verbieten wollen, Menschenleben zu retten, dann haben sie möglicherweise einen zu zeitgemäßen Kunstbegriff. Ich möchte einen unzeitgemäßen dagegen halten: Die Kunst ist völlig frei. Nicht nur im rechtlichen Sinne, sondern gerade im ethischen. Und das ist bekanntlich jener Abschnitt des Horizonts, aus dem politische Schönheit überhaupt herabscheint.

Die Freiheit der Kunst ist auch nicht nur so zu verstehen, dass Kunstwerke alles sagen und tun dürfen, was der Künstler für sinnvoll erachtet. Völlige Handlungsfreiheit birgt immer das Risiko, sich gerade in künstlerischen Entscheidungen zu diskreditieren. Das wirkt auf die Kunst zurück, hat aber doch weniger mit ihr als mit der Intelligenz des Kunstschaffenden zu tun. Im Rahmen der Kunstfreiheit Menschenleben zu retten, sprengt vielleicht auf sinnvolle Weise die letzte Konvention auf, die der Kunst im 20. Jahrhundert von Kunsttheoretikern, Publikum und Rezensenten auferlegt worden ist und die die Kunst stillschweigend geschluckt hat. Es ist, wie Heinrich Böll dem letzten großen Menschenrechtler Deutschlands, Rupert Neudeck, diktiert hat, unfassbar schön, einen Menschen zu retten. Diese Schönheit war und ist das Territorium der Künste.

2. Transformation von Kunst und Gesellschaft?

Wenn es um den Grundverdacht geht, dass sich das Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft grundlegend gewandelt habe, bin ich kein Freund derartiger Ansichten. Ich sehe etwas ganz anderes: weite Teil der Künste, insbesondere des Theaters, haben das Erbe der politischen Aktionskunst, insbesondere nach der causa Schlingensief, durch das gegenteilige Handeln wieder beerdigt. Die Intendantin des HAU sah sich beispielsweise "gesellschaftlich" genötigt, einem Künstler im vergangenen Oktober in die laufende Aktion hineinzugreifen und diese vor den Augen der Öffentlichkeit abzubrechen – wahrlich nicht ohne ihn dazu zu verpflichten, den Abbruch als "gemeinsame Entscheidung" zu verkaufen (mehr hier). Das ist eine merkwürdige Auffassung dessen, was die Rolle eines Intendanten ist. Dass das anders geht, beweist das Theater, das 2014 zum "Theater des Jahres" gekürt wurde. Die besten Intendanten und die besten Kuratoren sind jene, die für hinreichende Bedingungen sorgen, damit Kunst entstehen, atmen und vielleicht sogar sterben oder sich diskreditieren kann. Intendanten sind nicht dazu da, der Kunst die Luft zu rauben und dem Raubtier, dass die Öffentlichkeit sein kann, nachzugeben. Die besten Kuratoren und Intendanten lassen vielleicht aber auch nur Künstler ans Werk, von denen sie sicher sind, dass sie die Kunst und damit sich selbst nicht diskreditieren.

WannaPlay 560 HAU uEckte an und wurde abgesetzt: "Wanna Play" von Dries Verhoeven @ Sascha Weidner

Ich kann beim besten Willen keine Veränderung im Verhältnis von Kunst und Gesellschaft erkennen. Was wir im Fall des HAU attestieren können, ist ein Mehr an Feigheit, das Kulturschaffende beschämen muss. Berlin war einmal berühmt dafür, ganz andere Dinge auszuhalten und durchzuziehen – auch und gerade gegen den Willen der Öffentlichkeit. Das Skandalon eines Abbruchs von Kunst, nicht deren Geburt, sollte Intendanten den Stuhl kosten. Kultur hat mit Mut zu tun. Aber wenn man an die Wiener Aktionisten und ähnliche Strömungen denkt, dann ist in Sachen Heftigkeit und "gesellschaftlicher Auseinandersetzung" noch viel Potenzial nach oben. Der Erste Europäische Mauerfall etwa war in seiner konzeptuellen Anlage noch nicht einmal eine kontroverse Aktion.

3. Kunst als Schützenhelferin der Gerechtigkeit

Ich wurde darum gebeten, das Verhältnis von Recht und Kunst an einer Aktion durchzuspielen. Die "25.000 Euro Belohnung"-Aktion haben wir vor drei Jahren an der Berlin Biennale gemacht, einem Ort, dem es damals mehr an Geld, denn an Mut mangelte. Es gibt die Rechtsordnung der BRD. Die verbietet jedem von uns, auch nur eine einzige Kalaschnikow an Drittstaaten zu verkaufen. Diese Rechtsordnung enthält aber Fehler. Sie denkt selten in großen Dimensionen. Also erlaubt sie zum Beispiel den Familien Bode und von Braunbehrens, 270 Panzer neuester und präzisester Technologie, an das Regime in Saudi-Arabien zu liefern. Saudi-Arabien ist im Ranking des Economist die siebtschlimmste Diktatur der Erde.

Die Rechtsordnung, nach der es mir mit einer UG oder GbR nicht möglich wäre, legal Waffen an Diktaturen zu verkaufen, ermöglicht es den etablierten Waffenherren, eben das zu tun. Das Zentrum für Politische Schönheit hat 2012 versucht, diese Rechtslücke zu schließen und diese "Herren" – die 38  Eigentümer des Panzerkonzerns Krauss-Maffei Wegmann – ins Gefängnis zu werfen. Was ist das Recht der Kunst? Sie darf 25.000 Euro als Belohnung darauf aussetzen, Hinweise auf eine Straftat zu finden, die die Besitzer des Panzerherstellers mit Milliardenumsätzen, ins Gefängnis wirft. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Multimillionäre, gerade wenn sie am globalen Waffenhandel beteiligt sind, in Sachen Geldwäsche oder Steuerhinterziehung straffällig geworden sind.

zentrum fuer pol sch 1 560 patryk witt uPlakat im Rahmen der ZPS-Aktion "25.000 Euro" © Patryk Witt

Viele Beobachter haben diese Aktion als nicht ganz legal wahrgenommen. Aber war die Aktion widerrechtlich? Nun, manchmal sind illegale Maßnahmen notwendig, um die Menschheit zu schützen. Es ist für Widerstand eher atypisch, dass er gesetzlich abgesichert ist. Nicht erst das Beispiel Elser macht das vor. Bis heute wird Elser in der pazifistischen Bundesrepublik im kollektiven Gedächtnis eher als eine Art Karteileiche geführt. Auch der Blockbuster-Kinofilm konnte daran nicht rütteln. Das Zentrum für Politische Schönheit ist dem Selbstverständnis nach Schützenhelferin des Rechts. Man nenne es das historische Recht, Naturrecht, Recht der Menschheit, dem wir da mit Aktionen auf die Sprünge helfen. Es mag den Zeitgenossen illegal erscheinen. Aber in einer überzeitlichen Rechtsordnung sieht das vollkommen anders aus. Wir sind einzig darauf bedacht, Rechtslücken zu schließen und Widersprüche wie die neuen EU-Außenmauern zur Detonation zu bringen.

4. Die neuen Mauern: ein Verbrechen an der Menschheit

Gesetze sollten dem Schutz der Menschheit dienen und Gesellschaften besser machen. Es kommt aber vor, dass Gesetze Menschenleben gefährden und die Gesellschaft schlechter machen. Dann ist der Augenblick von "illegalen" Maßnahmen gekommen. Dann loben wir 25.000 Euro Belohnung aus. Oder wir rufen dazu auf, die Mauern um Europa herum abzureißen. Die Gesetze gegen Flüchtlinge und Einwanderung gefährden Hunderttausende Menschenleben. Menschen ertrinken auch jetzt, während Sie das hier lesen, weiter. Wir haben das nicht so genannt, aber diese neuen Mauern sind ein Verbrechen an der Menschheit. Dieses Verbrechen ist es, das sich in den Geschichtsbüchern (über uns) an uns rächen wird.

Die Notwendigkeit, gegen alle geltenden Gesetze, gegen den Widerstand des BKA, der Bundespolizei, Interpol und was weiß ich, welche europäischen Stellen sich gegen den "Ersten Europäischen Mauerfall" aufgebäumt haben, diese Mauern jetzt einzureißen, diese Notwendigkeit wird in den kommenden Jahren eher wachsen als schrumpfen. Es kommt deshalb in unserer Arbeit nicht wenig darauf an, retrospektiv zu denken.

5. Die Gesellschaft nicht in eine Selbstbefragung, sondern zu Selbsterkenntnis zwingen

Der fünfte Denkanstoß berührt das Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung selbst. Wie ein Berliner Theaterkritiker unsere Aktionen bilanzierte: "Es gibt keine einfachen Lösungen." Eine Erkenntnis, die er unseren Aktionen angemerkt haben will. Ich kann dem nur etwas vom Selbstverständnis beifügen, eine Abwandlung der berühmten Worte Nietzsches über Kunst: Wir haben das Theater, um nicht an der Wirklichkeit zugrunde zu gehen.

Jenseits der Rettung von Menschenleben, jenseits der überbordenden Mutlosigkeit Deutschlands, jenseits der Illegalität aller Maßnahmen, schlagen über unseren Aktionen nicht selten "hässliche" Erkenntnisse zusammen, die wir im besten Falle "provozieren" konnten: Die Ignoranz der wahren Probleme. Beim "Ersten Europäischen Mauerfall" ist dies das Diskutieren über Berliner Lokalpolitik statt europäischer Rettungspolitik. Bei Die Toten kommen ist es das Diskutieren über die Grenze der Kunst statt über die Grenzen der EU und die Empörung über die zerstörte Reichstagswiese (übersät von Gräbern) statt über die Leichenberge an den Rändern des Kontinents.

ZPS Toten PhilippRuch 560 slePhilipp Ruch bei der jüngsten ZPS-Aktion "Die Toten kommen" © sle

Als Theatermacher kann und muss man über die Ironie seiner Werke schmunzeln. Aber das Schauspiel spricht Bände über unsere gesellschaftliche Verfassung. Aktionskunst operiert auf einem Gebiet, das unseren sozialen Gesundheitszustand indiziert. Zukünftige Historiker werden vielleicht darin einen Spiegel für unsere Zeit finden, einen Wasserstand der intellektuellen und diskursiven (Un-)Fähigkeiten. Wir könnten uns aber auch alle selbst darin erkennen. Die Aktionen genügen sich selten darin, das Publikum wie bei Nicolas Stemann nur zu befragen. Sie setzen einen Schritt vorher an: Sie zwingen zur Selbsterkenntnis. Sind wir wirklich so human, wie wir glauben? Die totale Verunsicherung dieser Erkenntnis an der umnachteten Wirklichkeit ist es, die uns interessiert. Deshalb suchten wir beispielsweise im Namen des Bundesfamilienministeriums 55.000 Pflegefamilien, die wenigstens ein Prozent aller betroffenen syrischen Flüchtlingskinder aus der Apokalypse retten. Dafür haben wir die "Kindertransporthilfe des Bundes" geschaffen. Gegen die Hilfsaktion konnte die Bundesregierung bis heute nichts ausrichten. Die Bundesregierung wirbt bis heute um Pflegefamilien für ein Hilfsprogramm, dass sie nicht machen will. Wir nehmen noch nicht einmal ein Prozent der Kinder auf. Wer sind wir eigentlich? Es geht darum, dass Deutschland vor sich selbst erschreckt.

Aktionskunst muss sich im Zweifelsfall aber zwischen gesellschaftlicher Selbsterkenntnis und der Rettung von Menschenleben entscheiden, wie es auch Stemann vorschwebt. Ein Theatermacher, dem die Begrenztheit seines Tuns nicht einleuchtet, der sich gegen die heimliche Ironie seiner Stücke wehrt, stellt sich gegen das Theater selbst und gehörte eher in den Raum der NGOs oder des Aktivismus.
Von jenen Mauern, die wir zum 25. Jahrestag des Mauerfalls der deutschen Öffentlichkeit vielleicht als erste überhaupt präsentiert haben – die bulgarische Stacheldrahtmauer wurde im Sommer 2014 erst fertig gestellt –, von diesen Mauern führt eine direkte Linie zu den Bildern der Särge im Hangar des Flughafens von Lampedusa. Es reichte nicht, die Bilder dieser Särge zu sehen. Aber beides, Särge und Mauern, passt nicht zum Selbstbild, das wir von uns haben. Sie bedeuten den Zusammenbruch unseres Anspruchs auf ethischen Fortschritt. Eine Katastrophe, die mitten im Theater ausgeleuchtet gehört.

 

Philipp Ruch ist der künstlerische Leiter des Zentrums für politische Schönheit, das bekannt geworden ist durch sein "Theater im öffentlichen Raum" und zu Beginn der kommenden Spielzeit 2015/16 am Theater Dortmund erstmals das Theater im Theaterraum ausprobiert. Dieser Text ist die Nachbearbeitung eines Vortrags, den Ruch am 18.2.2015 im Rahmen der Veranstaltung "Phantasma und Politik #10 – Das Recht der Kunst" im HAU Berlin hielt.

 

Mehr lesen: In der Berliner Gazette hat Wolfgang Müller die Arbeit des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) mit Schlingensiefs verglichen – Zusammenfassung in unserer Presseschau vom 17. August 2015. Und im Deutschlandradio erklärte der oben von Philipp Ruch erwähnte Nicolas Stemann unlängst sein Konzept der theatralen Repräsentationskritik und äußerte sich seinerseits über die Aktionskunst des ZPS, zusammengefasst hier.

Kommentare

Kommentare  
#1 Ruch über Theater und Wirklichkeit: e oder i?Thomas Rothschild 2015-08-19 09:04
"Es geht darum, dass Deutschland vor sich selbst erschreckt." Wen? Oder doch: erschrickt? Oder kommt es darauf nicht an? Das ist ja erschrickend.
#2 Ruch über Theater und Wirklichkeit: Antwort auf Grammatik-FrageHeiko Fäller 2015-08-19 09:39
Grammatikalisch geht das schon: "Wenn man vor sich selbst erschreckt" – www.google.de/search?client=safari&rls=en&q=vor+sich+selbst+erschreckt&ie=UTF-8&oe=UTF-8&gfe_rd=cr&ei=NTLUVarANerj8we5p5-oCg

Gute Frage: "Kann man sich selber im Spiegel erschrecken?" www.gutefrage.net/frage/kann-man-sich-selber-im-spiegel-erschrecken
#3 Ruch über Theater und Wirklichkeit: im Weltraum?Inga 2015-08-19 14:18
Aber wie funktioniert es, dass "Deutschland" vor sich selbst erschreckt? Sind die Spiegel dann im Weltraum angebracht? Und bin ICH Deutschland? Schlingensief, hilf!
#4 Ruch über Theater und Wirklichkeit: an den Grenzen von Europamartin baucks 2015-08-19 16:33
Wann und wo hat Kunst jemals Menschenleben gerettet? Künstler sind keine Lebensretter, gehen und gingen sie doch oft an ihrer eigenen Kunst zu Grunde. Wann hat Philipp Ruch als Künstler ein Menschenleben gerettet? Ich wüsste nicht ein Menschenleben zu nennen, dass er gerettet haben könnte. Vielleicht nennt er uns ja noch einige Leben, die er gerettet hat. Heinrich Böll hat kein Menschenleben gerettet. Zu mindestens ist mir keines bekannt, dass er gerettet hat. Menschenleben retten jene, die an den Grenzen von Europa konkret helfen, und die Philipp Ruch noch vor kurzem verunglimpfte, indem er ihre Arbeit nicht würdigte, seine eigene aber ausstellte.

The Sinking of the Titanic ist eine Arbeit des Künstlers Gavin Bryars, die vielleicht am ehesten beschreibt, in was für einer Position der Künstler ist. In dieser Musik wird beschrieben, wie die Musiker auch nach dem Untergang der Titanic immer noch weiterspielten. Kunst ist vielleicht ein Spielen über den Tod hinaus, aber echte Menschenleben retten, tun Ärzte, Helfer, die Menschen, die die Flüchtenden dem Meer entreißen, und das sind in der Mehrzahl keine Künstler.

Ich finde hier sollte man sauber unterscheiden. Die Schönheit, ein Menschenleben gerettet zu haben , scheint im seltensten Falle auf Künstler herab. Auch ist Menschenleben retten im Kern keine politische Handlung, sondern ein menschliche. Bis heute hat die Wissenschaft nicht wirklich das Funktionieren von Altruismus erklären können, warum der eine Mensch dem Ertrinkenden seine Hand reicht und der andere nicht. Und auch in der Kunst kenne ich kein Werk, dass diesen Moment wirklich ergründen könnte.

So edel der Gedanke von Ruch ist, Leben retten zu wollen, so falsch könnte eventuell auch sein Ansatz sein. Lebensrettung kann das Thema, der Gegenstand von Kunst sein, aber wirklich retten tun meistens die Anderen, die Nicht-Künstler. Und wenn Künstler beginnen Leben zu retten, produzieren sie dabei im seltensten Falle Kunst. Das ist wohl etwas, das Philipp Ruch missversteht.
#5 Ruch über Theater und Wirklichkeit: Wie kommt das rüber?Inga 2015-08-19 22:55
Warum muss Philipp Ruch hier eigentlich zwei Intendantinnen gegeneinander ausspielen, um seine Kunst hochzuhalten? (...) Wenn schon Künstler keine Solidarität schaffen, und nur so ließen sich Menschenleben retten, wie kommt das eigentlich rüber? Okay, Künstler sind wohl vor allem erstmal egoistisch. Anders käme keine Kunst zustande. Und über dem ZfpS steht ja auch immer nur Philipp Ruch drüber. Oder kann mir einer mal kurz die anderen Namen nennen?

@ martin baucks: Stimmt denn das, dass Künstler ihr eigenes Leben, und das anderer gleich mit dazu, zerstören? (...)
#6 Ruch über Theater und Wirklichkeit: Vogel? 2015-08-20 03:20
wenn ich einen vogel male, kann ich ihn damit nicht retten. wenn ich ihn rette,kann ich ihn währenddessen malen? wobei beides schöne dinge sind. kunst? theater? hilfe!!!
#7 Ruch über Theater und Wirklichkeit: Theater ist TheaterStritter 2015-08-20 12:31
Wenn Sie einen Vogel malen, können Sie den Vogel als solchen, also die flugfähigen Tiere, vielleicht retten. Aber einen konkreten einzelnen Vogel eher nicht. Auf alle Fälle können Sie sich mit dem Malen des Vogels die Möglichkeit bewahren, sich Ihre eigene Vorstellung, entweder von einem konkreten Vogel oder von flugfähigen Tieren, also der kreatürlichen Option, ein Tier zu sein und gleichzeitig ohne Hilfe fliegen zu können, zu retten. Wenn Sie einen Vogel, dem ein Flügel brach, aufheben, heilen, ihm das Fliegen beibringen (ich sah einmal, wie ein Mann ein junge Krähe gerettet hatte und ihr, die kein Elternhaus hatte, auf der Straße vor seinem Haus später erfolgreich das Fliegen beibrachte, und das ist eines der schönsten Bilder, die ich von der Möglichkeit des Menschlichen im Leben geschenkt bekommen habe…), können Sie natürlich nicht den Vogel gleichzeitig malen, es sei, er ruht sich gerade aus, schläft usw. Das Retten erfolgt zumeist in Etappen. Nach der Errettung vom Ertrinken z.B. müssen andere Maßnahmen erfolgen, bis ein Leben eventuell wirklich bis in die erneute Selbstbestimmung hinein gerettet ist. Zwischen den Maßnahmen gibt es Pausen, die könnte man zum Malen durchaus nutzen. Und auch das Malen erfolgt etappenweise: man kann sich zunächst den Vogel fürs erste merken. Dann ihn erinnern, sich zunächst vorstellen, wie man ihn malt, und erst wenn man die Zeit dafür hat und es immer noch einen Drang gibt, den Vogel zu malen und man gleichzeitig alle Materialien zusammen hat, die einem anzuwenden notwendig erscheinen, um ihn so zu malen, wie man es sich vorgestellt hat in auch ärgster Bedrängtheit der materiellen Verhältnisse, DANN malt man ihn… Nun sind das aber alles keine Dinge, die man macht, sondern Handlungen oder vorgestellte Handlungen. Retten und Malen sind Handlungen und keine Dinge. Und Handlungen können nicht schön sein, sondern allenfalls gut. Gute Handlungen können mitunter schöne Dinge hervorbringen (oder jemand kann schön aussehen, während er sie ausführt): Das Bildnis von einem Vogel. Die unausweichliche Vorstellung von einem konkreten Vogel, von Vögeln als flugfähigen Tieren. Und damit von der schönen Vorstellung, dass es andere Tiere als Menschen gibt. Solche, die frei von allen künstlichen Aufwendungen sich in die Luft erheben können und ihren Aufenthaltsort wechseln können, als seien sie jede Schwere los… Das Bildnis kann auch als hässlich empfunden werden vom Betrachter. Etwa weil für seine Begriffe zu viel schwarz in ihm ist. Oder der Vogel böse aussieht, bedrohlich etwa, oder ähnlich. Trotzdem bleibt die schöne, vielleicht wegen der Unausräumbarkeit schmerzhafte, Vorstellung für den Betrachter, dass es andere Tiere als ihn selbst gibt, denen von der Natur die Freiheit gegeben ist, sich ohne Hilfsmittel, nur im Verlass auf ihren Körper, in die Lüfte zu erheben und ihren Aufenthaltsort zu wechseln… Dies eben vermag Kunst. Diesen für Betrachter unausweichlichen Rest zu produzieren, unabhängig von seinem Schönheitsempfinden – wir sagen meist, vom Geschmack – des Betrachters. Ich weiß nicht, ob der Herr Ruch schon einen Menschen gerettet hat, aber er behauptet es, wie hier behauptet wird. Da steht Aussage gegen Aussage. Wenn sich also jemand meldet, der sich von Herrn Ruch gerettet fühlt(e), dann könnte dessen Aussage wahr und berechtigt sein. Ansonsten ist sie vielleicht einfach ein bisschen dümmlich undoder arrogant und das ist eben auch eine Geschmacksfrage, ob man ihm da gerne zuhören undoder ein Podium bieten möchte, wo er dies vortragen kann. Das Theater an dieser Aktionskunst machte dann aber derjenige aus ihr, der ihr ein Podium und eine Kommentierung bereitet, nicht Herr Ruch selbst. Er provozierte durch seine Aktion das TheaterTheater, das um ihn, seine Mitarbeiter und Ideen gemacht wird. Das kann dann eine Kunst sein. Diese Öffentlichkeits-Reaktion garantiert zu erreichen. Aktionskunst eben. Aber kein Theater. Theater ist Theater und KEINE Aktionskunst.
#8 Ruch über Theater und Wirklichkeit: Simulationmartin. baucks 2015-08-20 13:22
Was aber , wenn ich nur vorgebe einen Vogel, ein Leben zu retten, um mich dabei selbst zu malen, zu inszenieren, um selber in das Bild aufzurücken , das Bild aber simuliert nur das Eigentliche, und die Arbeit, die eigentliche bleibt unerledigt?
#9 Ruch über Theater und Wirklichkeit: einzelner autonomer Künstler?grrlll 2015-08-20 16:51
Ich vermute, dieser Herr Ruch hat das Theater als Medium eines einzelnen autonomen Künstlers neu für sich erfunden. Er muß nicht mit Schauspielern arbeiten, nicht mit Bühnen- und Kostümbildnern. Nur mit Intendanten. Er kann höchstwahrscheinlich genau das am besten.
#10 Ruch über Theater und Wirklichkeit: sich selbst inszenieren?Stritter 2015-08-21 10:59
Sehr geehrter Herr Baucks, meinen Sie, Sie selbst würden vorgeben? Und sich selbst inszenieren wollen? Oder formulieren Sie lediglich anschaulich gedacht in ein anderes Ich, mit dem Sie sich indentifizieren und uns empfehlen, dies ebenfalls zu tun? - Das würde nicht alles ändern, aber jedenfalls Ihren Arbeits-Begriff in Frage stellen. Oder über Sie den zeitgenössischen Arbeits-Begriff als solchen. Insofern ist Ihre Frage aus meiner Sicht überaus wertvoll, hier gestellt erst recht.
#11 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: verdeckte Egozentrikmartin baucks 2015-08-21 15:34
Nun, Herr Stritter, mein "Ich" befand sich 2015-08-20 13:22 gerade auf dem Weg zu einem Casting und es blieb noch ein wenig Zeit für eine Tasse Kaffee und einen Kommentar von ihnen. Das Bild des Vogels bewegte mich schon seit den frühen Morgenstunden. Und so kam es, dass ich, wie für Schauspieler üblich, mich versuchte in die Rolle des Phillip Ruch hineinzuversetzen, hineinzudenken. In dem Sinne ist das "Ich" meiner vorangegangenen Fragestellung nur anschaulich gedacht. Und in der Rolle des Herrn Ruch käme ich persönlich sehr schnell an meine Grenzen, speziell in dem Moment, wo meine Figur behaupten würde, dass Kritiker und Zuschauer sie daran hindern wollten Menschenleben zu retten. Denn was könnte Herrn Ruch daran hindern nach Kos oder Sizilien zu reisen, um dort Menschen zuretten? Nichts. Wenn ich also die Rolle des Herrn Ruch anlegen würde, müsste ich jemanden zeigen, der sehr schnell an die Grenzen seiner Glaubwürdigkeit käme, ich müsste jemanden zeigen, der Selbstzweifel überspielt und sich seiner narzistischen Züge nicht vollends bewusst wäre, der seine verdeckte Egozentrik noch nicht richtig studiert hat. Einer, der sich noch nicht selbst richtig kennengelernt hat.

Zwar ist er mit dem Satz: "Aktionskunst muss sich im Zweifelsfall aber zwischen gesellschaftlicher Selbsterkenntnis und der Rettung von Menschenleben entscheiden." schon sehr nah an einer Selbsterkenntnis, aber er verweigert sie sich wiederum in dem Moment, wo er den Zuschauer in eine Selbsterkenntnis, in ein Bewusstsein schmerzhaft hineinzwingen will. Er biegt den Moment der Selbsterkenntnis auf den Zuschauer um. Das macht die Figur "Ruch" für einen Schauspieler so unangenehm zu spielen, da er sich selbst herausnimmt aus dem Prozess des Bewusstwerdens und wie ein sächsischer Aristokrat am Rande steht und es genießt, wie die Objektive sich langsam auf ihn drehen, um seine falsche Zurückhaltung und Bescheidenheit abzufilmen.

Wäre Ruch eine Figur in einem Theaterstück, dass ich verfasste, würde ich versuchen die Zuschauer dazu zu bringen über ihn zu lächeln und zu schmunzeln, als einen, der meint über den Dingen zu stehen und doch so tief in ihnen verstrickt ist, dass er nicht erkennt, dass er, und was er für eine Rolle spielt.
#12 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: das Wesen der SelbsterkenntnisInga 2015-08-21 22:12
@ martin baucks: "Schmerzhaft hineinzwingen"? Ach, was! Nein! Das wäre ja wirklich. Ich ahnte es schon und würde ihn jetzt auch gern persönlich fragen, was er oder seine MitarbeiterInnen eigentlich dafür tun, dass ein Zuschauer Selbsterkentnis erlangt. Schade. Leider sehr sehr schade. Denn das ist tatsächlich der völlig falsche Ansatz. Denn zur Selbsterkenntnis kommt man allein über die Anschauung/Wahrnehmung. Die aber kann nicht und niemals schmerzhaft sein. Ausser, sie wird körperlich. Hat Ruch mal was vom "Emancipated Spectator" von Jacques Rancière gehört?:

"The collective power that is common to these spectators is not the status of members of a collective body. Nor is it a peculiar kind of interactivity. It is the power to translate in their own way what they are looking at."

Kein Regisseur, auch nicht Ruch, kann seine Zuschauer in eine bestimmte Form von Selbsterkenntnis zwingen. Denn das Wesen der Selbsterkenntnis ist ja, dass sie ganz ohne das Zutun eines anderen stattfindet. Und zwar im Kopf des Rezipienten.

Aber ganz krieg ich's immer noch nicht zusammen. Kann das einer bitte noch konkreter formulieren? Was spricht eigentlich dagegen? Das Recht?
#13 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: ... will Zwang ausübenmartin baucks 2015-08-22 14:14
Liebe Inga, was wollen sie erfragen? Was spricht wo gegen? Ich verstehe es nicht.

Grundsätzlich kann Phillip Ruch machen was er will. Nur ist seine Arbeit ebenso einer Kritik ausgesetzt, wie viele Theaterarbeiten. Auch ist es schwierig bei Ruch von Zuschauern zu sprechen im üblichen Sinn. Er zwingt ja seine Betrachter durch ein Netzwerk in die Aktion mit hinein. Er ruft sie auf sich dazu zu verhalten. Und das führt häufig zu recht undifferenziertem Agieren und Darstellen, und wirft ein kindliches Licht auf all sein Tun. Wer nur außen steht und nur betrachtet, ist wahrscheinlich im Werteempfinden eines Ruchs sogleich aussortiert. Man muss eben mitbuddeln können unter seiner Aufsicht vor dem Reichstagsgebäude, sonst gehört man nicht mit zu seinem Hort. Die Dinge anders zu sehen als er, ist an sich nicht vorgesehen. Ruch will Zwang ausüben auf den Betrachter.
#14 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: es gab keinen ZwangInga 2015-08-22 22:45
@ martin baucks: Zuschauer im üblichen Sinne nicht, eher im Sinne Brechts, Theater ohne Zuschauer bzw. mit Zuschauern, welche über ihre Partizipation lernen. Oder eben im Sinne der sozialen Plastik. Alles schon erwähnt.

Jetzt muss ich aber nochmal Sie fragen, denn Sie sprachen vom Hineinzwingen, und ich fragte mich, ob das als Metapher gemeint ist oder tatsächlich körperlich. Bei dieser Aktion jedenfalls gab es für mich keinerlei Zwang. Nicht mal einen minikleinen. Ha ha ha. Die Menschen, die an dieser Aktion teilgenommen haben, haben es doch alle erstmal freiwillig getan, wenn auch manche dann leider von der Polizei angegriffen und sogar festgenommen wurden, ohne Grund. Oder gab es doch einen? Ist da irgendwer vielleicht bisschen wütend geworden? Und heisst Anarchismus nicht erstmal nur Freiheit von Machtausübung? Von jeglicher Machtausübung? Und das ohne Gewalt? Friedlich?

Ruch braucht tatsächlich keine Schauspieler, er steht da nur rum, ob nun positiv oder negativ, und wartet darauf, dass Menschen an seiner vorangekündigten(!) Aktion teilnehmen. Ist doch prima gelaufen, haben doch alle wunderbar mitgebuddelt, hat doch geklappt, das Ganze. Wo ist denn da Zwang? Sie hätten ja nicht mitmachen müssen. Haben Sie denn? Ich habe es von vornherein nicht getan, weil mir nicht klar wurde, warum es hier nicht um die Rettung Lebender, sondern um die Beerdigung Toter ging. Das kam mir persönlich zynisch vor, und gerade nicht moralisch oder ethisch. Das konnte/durfte doch jeder selbst entscheiden. Oder inwiefern nicht?
#15 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: Zwangmartin baucks 2015-08-23 12:52
Brecht, Frau Inga!? Ich bitte Sie! Wo sehen sie denn bei Ruch einen dialektischen Ansatz? Mal abgesehen davon, dass er selbst Auskunft darüber gibt, dass er die Zuschauer zur Selbsterkenntnis zwingen will, stellt sich doch anschließend die Frage: Zu einer Selbsterkenntnis, frei entwickelt, oder zu einer bestimmten Selbsterkenntnis?

Ruch stellt seine Haltung doch als relativ alternativlos dar und so könnte man leicht meinen, er zielt auf eine von ihm vorbestimmte Selbsterkenntnis. Zumindest erkenne ich keine dialektische Haltung, die eine Gegenposition mitdenkt. In dem Sinne ist der Zwang nicht direkt, sondern sublim, den er ausübt.

Er stellt Stühle bereit, und wer sie nicht einnimmt, an denen meint er eine Geisteshaltung ablesen zu können, weil sie abwesend bleiben. Aber die Abwesenheit von Politikern bei jener Beerdigung lässt mehr als einen Rückschluss zu.

Ich kann hier ja auch mal einen digitalen Stuhl für Herrn Ruch bereit stellen, und behaupten, wenn er ihn nicht einnimmt und nicht mitdiskutiert, wäre er ein "unkommunikativer Autokrat". Das wäre ebenso unfair und unzulässig.

Somit kann man sagen, der Zwang, der von Herrn Ruch ausgeht, ist subtil, und man möchte nicht gerne von ihm lernen, wenn es überhaupt sinnvoll ist den Zuschauer in eine Lernsituation zu versetzen, wie sie meinen Frau Inga.

Ruch hat einen Feind vor Augen, den er belehren und zur Erkenntnis zwingen möchte. Es ist aber so, wie es häufig ist, gerade eben dieser Feind besucht seine Vorstellungen nicht. Und so stösst er meißtens auf Gleichgesinnte und die Auseinandersetzung löst sich in Wohlgefallen auf.
#16 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: Wer berief die Berufenen?Margarete 2015-08-23 14:01
Verstehe ich Herrn Ruch richtig, dass die Kunst seiner Meinung nach das Recht zum blühen bringt, aber nicht das derjenigen, die zum Beispiel durch die Aktion "Wanna Play" von Dries Verhoeven in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt wurden? Der (männliche, weiße) Künstler entscheidet über Recht und Unrecht, denn nur er schaut die Wahrheit des überzeitlichen Naturrechts. "Der wirkliche Künstler, der schon jetzt den rechten Standpunkt erfasst hat, vermag, da dieser Standpunkt doch ewig wirklich vorhanden ist, schon jetzt daher an dem Kunstwerk der Zukunft zu arbeiten." schrieb Richard Wagner. Und ebenso wie Wagner ist Ruch anscheinend ein "wirklicher" Künstler, der den ewig richtigen Standpunkt erfasst hat und uns andere nun zur Selbsterkenntnis zwingt. Also zu der richtigen Einsicht, für die wir anderen noch zu kurzsichtig sind. Imperator bene volente Ruch. Wir sollten ihn zum König von Deutschland krönen!
Grundsätzlich möchte ich den Aktionen des ZfpS gar nicht die Schlagkraft absprechen, jedenfalls einigen. Die Beerdigung eines (oder mehrerer?) ertrunkenen Flüchtlings auf deutschem Boden, das ist eine geniale Idee. Die Umsetzung war leider um einiges schlechter. Sie bestand schließlich nur noch in einem Medientamtam um die Figur Ruch herum, wurde künstlich aufgebauscht mit einem "Marsch der Entschlossenen", der dann doch nur wieder Symbolpolitik betrieb und "Theatergräber" vor dem deutschen Bundestag grub.
Ruch beschwert sich darüber, dass die Diskussion immer wieder an den wirklichen Problemen vorbei führe. Dabei tragen seine künstlerischen Entscheidungen daran Mitschuld. Wie hier bereits festgestellt worden ist, liegt Ruch nichts an einer selbstkritischen Auseinander mit seiner künstlerischen Arbeit. Denn seiner Meinung nach ist es ganz einfach: Wenn andere seine Kunst nicht verstehen oder kritisieren, dann sind sie einfach nicht so schlau wie er. Wer hat eigentlich die berufen, die sich berufen fühlen?
#17 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: falsche Setzungenmartin baucks 2015-08-23 14:35
Liebe Margarete,

da haben sie vollkommen Recht. Wenn es dazu kommt, dass die Themen, welche Ruch vorschweben, nicht ins Zentrum der Debatte geraten, dann liegt fast einzig und allein an seinen falschen Setzungen, seinem künstlerischem Unvermögen den Focus wirklich zu richten.
#18 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: dialektisch insofernStritter 2015-08-23 17:18
Woher weiß man hier eigentlich so genau, dass Herr Ruch n i c h t mitdiskutiert und nicht an entsprechender Stelle, von ihm gewählter Stelle, in der Lage sei, dialektisch insofern zu denken, als dass er die antipodische Gegenposition seines Denkens mitdenkt?? Und m u s s man eine dialektisch gedachte Gegenposition auch immer beim Diskutieren mit erörtern?? Ist dies das eigentliche Wesen der Dialektik, das Erörtern, oder genügt auch das dialektische Denken???
#19 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: Lebende stärken statt Gräber buddelnInga 2015-08-24 00:12
@ martin baucks: Natürlich zu einer frei entwickelten Selbsterkenntnis. Und Ruch hat sicher auch keinen "Feind" vor Augen. Wer wäre denn dieser Feind?

Dialektik ist doch drin. Ich sehe die jedenfalls sofort, wenn man den bereits genannten youtube-Film anschaut. Denn einerseits geht es hier um das Thema Geflüchtete bzw. die Toten aus dem Mittelmeer. Die sollten beerdigt werden. Nun kommt aber die bereits genannte Frage auf, ist das vor allem Kritik an der Sympolpolitik der deutschen Regierung oder ernst gemeint? Und wenn ernst gemeint, was ist da los, wenn unzählige Menschen wie wild drauflosbuddeln? Für tote Geflüchtete? Los, schnell, noch mehr Gräber ausheben! Es werden immer mehr!? Wer da keine Ironie bzw. keinen Zynismus drin sieht, na ja. Um wen geht es hier eigentlich? Um diejenigen, die buddeln oder um Trauer und Mitgefühl mit den Toten? Am Ende wird sich noch beschwert über die Festnahme durch die Polizei und die eigenen Blessuren, aber ich erkenne auch da einen ironischen Unterton? Geflüchteten ergeht es im Umgang mit Polizisten oftmals sicher noch schlechter. Und was sind Blessuren gegen den Tod? Entschuldigung, auch ich möchte hier jetzt nicht zynisch werden, aber ich erkenne da nunmal all diese Widersprüche, keine Ahnung, ob das beabsichtigt war. Es gibt allerdings sicher Menschen, die die Geflüchteten lieber tot als lebendig sehen würden, (...) Diese Haltung ist nicht nur eine von extremen Rechten, sondern leider bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir sollten die Geflüchteten daher lieber stark machen und mit ihnen für ein gutes Leben für alle kämpfen, anstatt ihnen Gräber zu buddeln.

Ich meine, schon allein dieser Titel "Die Toten kommen". Da möchte man doch gleich ergänzen: Und die Lebenden?!
#20 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: extreme RolleMargarete 2015-08-24 10:43
Ich bin wirklich begeistert von der Qualität der Diskussion hier, um Argumente bemüht und genau am Gegenstand dran. Vielen Dank, das erwartet man ja kaum noch! Ich wünschte nur noch, eine oder einer vom ZfpS würde sich beteiligen.

Nehmen wir doch einmal an, Philipp Ruch ist so reflektiert wie man dies auch von ihm erwarten könnte. Dann spielt auch er nur seine Rolle in den Inszenierungen des ZfpS (und auch dieser Text wäre Teil der Inszenierung). Und diese Rolle ist natürlich die des intellektuellen Führers mit der moralischen Keule und der Vision, der der Sehnsucht der Menschen nach einem klaren moralischen Kompass entspricht und uns entbindet von der lästigen Pflicht zum selber denken. Diese Rolle treibt er nun ins Extrem, damit wir zu der Selbsterkenntnis gelangen können, diese Führung eben nicht zu brauchen! Das wäre eine wahrlich intellektuelle Leistung eines Künstlers.
#21 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: Unschärfe im Auftrittmartin baucks 2015-08-24 12:45
Ich bitte sie, Frau Inga, da sind gleich eine ganze Reihe Feinde, die Ruch selbst benennt. Die Zuschauer und Kritiker, die ihn hindern Menschen zu retten, die Intendanten, die ihm die Luft zum Atmen nehmen und die Bundesregierung, die ihn bekämpft und überhaupt für alles verantwortlich ist. Er inszeniert sich als ein Künstler der mit dem Staat ringt, mit Verboten. Er sucht die Konfrontation mit der Regierung, indem er, wie ein Kind Grenzen auslotet. Er inszeniert sich als bedrohter Künstler, der seine Kunst bald nicht mehr ausüben kann. Und das bei einem Thema für das er auch Partner in der Regierung finden könnte. Wir sehen ja, dass ein Til Schweiger und ein Sigmar Gabriel sich treffen. Da aber beide nicht Teil der Hochkultur sein sollen, nehmen wir solche Begegnungen nicht ernst. Wir verhöhnen sie. Der Focus liegt bei Ruch eindeutig auf der Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen und nicht auf dem eigentlichen Thema "Flüchtlinge und ihr Elend". Sie sind nur ein Mittel zum Zweck, weitgehenst. Natürlich empfindet Ruch auch in Richtung der Flüchtlinge, aber sie stehen denoch nicht im Zentrum seiner Arbeit. Er hat keine konkreten Vorschläge zu diesem Thema, so wie Schweiger. Ruch skizziert den Künstler, sich im Verhältnis zum Staat retroperspektiv, ohne die wahren heutigen Chancen auszuloten, seine Möglichkeiten wirklich zu helfen.

Und liebe Margarete, da wird sich Ruch unendlich freuen, dass nun jemand beginnt etwas in ihn hinein zu orakeln, eine Größe, etwas Extremes, das wird ihm schmeicheln, sicherlich. Wahr ist, er funktioniert ganz gut als Projektionsfläche. Auf Grund seiner Unschärfe im Auftritt kann man alles Denkbare in ihn hinein fabulieren. Er hat die Struktur eines Stars, aber nicht eines intelektuellen Führers, der seine Entbehrlichkeit demonstriert.

Auch denke ich nicht, dass er zu einer freien Selbsterkenntnis aufruft. Er fragt im Ganzen schon vorhandene Meinungen und Bilder ab, in einer Situation, in der man fast völlig neu ansetzen müsste,historisch gesehen. Ruch arbeitet ohne einen ernst zunehmenden Überbau. Und eine Selbsterkenntnis, die zu dem Schluss kommt, wir können Flüchtlinge nur begrenzt aufnehmen. Gäste, die ihre Flüchtlingsheime auf Grund einer Koranschändung zerstören, sind sofort auszuweisen. Man muss zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und Asylsuchenden unterscheiden und die zu erst genannten umgehend ausweisen. All diese Selbsterkenntnisse sind von Ruch nicht gemeint. Das heißt er steigt nicht wirklich in die Debatte ein. Die behandelt er als schon geführt und entschieden. Das ist naiv Denn diese Debatte muss erst noch erneut geführt werden. Am Ende steht vielleicht ein Einwanderungsgesetz und ein neues Asylrecht, das man auch vom nichteuropäischen Ausland aus wahrnehmen kann oder ähnliches. Das wissen wir noch nicht. Aber eines ist sicher, mit Phillip Ruch durschreiten und schreiten wir nur längst bekannte Rituale ab, die wir alle schon aus der Vergangenheit kennen.
#22 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: MedienspektakelMargarete 2015-08-24 16:22
@ Martin: *Ironie Ende* Natürlich eine absolute Wunschvorstellung meinerseits. In diesen Kommentaren ist es schwer, Ironie zu markieren.
In einem Interview mit der taz hatte Ruch behauptet, nur er als Intellektueller könne gesellschaftliche Leerstellen füllen, indem er Diskurse anstoße, die am Ende neue Tote verhindern. Und dort sprach er auch davon, dass er die Wirklichkeit inszeniere und die Politikerinnen und Strafverfolger in diesen nur die für sie zugedachten Rollen einnähmen. Also mutmaßte ich, Ruch näme dann die Rolle des Intellektuellen ein.
Schlussendlich bleibt mir nur zu sagen, dass Philipp Ruch und das ZfpS besonders gut die Aufmerksamkeit auf sich lenken können, aber das, was man dann zu sehen bekommt, ist ein Medienspektakel aber in meinen Augen keine große Kunst.
#23 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: Thema verfehltInga 2015-08-25 00:49
@ martin baucks: Oh je, zu Ihren Argumenten kann ich leider nichts mehr sagen, Sie empfehlen also Til Schweiger und Sigmar Gabriel? Die SPD bzw. Bundesregierung ist doch Teil der problematischen Asylpolitik. Und wenn Künstler jetzt anfangen, sich gemeinsam mit der Politik Lösungen für eine andere Asylpolitik auszudenken, dann haben sie das Thema verfehlt. Denn Künstler sollten Aufmerksamkeit generieren bzw. neue Denk- und Handlungsräume eröffnen, aber nicht Lösungen für Probleme bereitstellen, welche auf dem Mist der (kapitalistischen) Politik gewachsen sind. Ästhetik/Kunst und Politik sind zwei Paar verschiedene Schuhe. Das ZfpS setzt den Fokus doch ganz anders, es geht im Zusammenhang mit den Geflüchteten bzw. Toten nicht um die üblichen, politischen Debatten, sondern um Menschenleben. Warum soll das ZfpS da nicht retrospektiv denken? Wir können nicht vorangehen, ohne zunächst einen Blick in die Vergangenheit geworfen zu haben. Auch Navid Kermani tut das, in seiner Rede "Vergesst Deutschland!". Und er zitiert dazu Hannah Arendt und ihre Erfahrung als Jüdin. Und spricht ausserdem über seine eigene Migrationsgeschichte. Ja, man kann Deutschland als Heimat lieben und doch regierungskritisch, das heisst als Weltbürger, und nicht als Bürger einer Nation, denken. Diese Grenzen aufzulösen, auch die im Kopf, darum geht's hier doch. Und wie kommen Sie jetzt auf Koranschändung?
#24 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: breites Spektrummartin. baucks 2015-08-25 11:35
Da haben sie wieder einmal vollkommen Recht Frau Inga, zu Argumentationen haben sie keinen wirklichen Zugang. Und wenn sich einer regierungskritisch in Richtung CSU geäußert hat, dann war es Schweiger, den ich genauso wenig empfehle, wie Gabriel, sondern ich führe ihre Handlungen und Äußerungenen in die Argumentation ein. Wenn aber der Vizekanzler für sie kein würdiger Gesprächspartner ist, dann ist das ihre ganz persönliche Entscheidung .

Auf die Koranschändung kam ich, weil ca. neunzig Flüchtlinge ein deutsches Flüchtlingsheim auf Grund eben einer solchen Schändung zerstörten. Es stehen sich eben nicht nur der rechte Krieger und der gute Flüchtling gegenüber, wie Frau Völcker uns weiß machen will, sondern das Spektrum derer, die an diesem Konflikt beteiligt sind , ist bei weitem umfangreicher.
#25 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: Verteidigung der "neuen Rechten"?Inga 2015-08-25 12:16
@ martin baucks: Wir sind hier jetzt aber bei Ruch und dem ZfpS. Warum werden hier alle Diskurse und Offenen Briefe miteinander vermischt? Natürlich gibt es auch untereinander verfeindete Menschen mit Migrationshintergrund. Und Geflüchtete sind natürlich nicht immer nur die Guten und die rechten Krieger nicht immer die Schlechten? Bitte?! Wollen Sie jetzt etwa auf eine Verteidigung der "neuen Rechten" hinaus? Sicher nicht, oder? Ich kenne die Argumentationsstrategien, es gibt sicher auch Regierungsleute oder "ferngesteuerte Polizisten", welchen es ganz recht kommt, dass die Rechten die eigene Rolle der falschen Politik überdecken.

(Liebe Inga, lieber Martin Baucks,
es wäre tatsächlich wünschenswert, wenn die Kommentare sich wieder konkreter in die Richtung von Philipp Ruchs Text bewegen würden.
Beste Grüße aus der Redaktion)
#26 Philipp Ruch über Theater und Wirklichkeit: zum einwand der Redaktionmartin baucks 2015-08-25 14:14
Naja, liebe Redaktion , ich bin schon sehr nah bei Herrn Ruch, denn er war nicht in der Lage den toten Flüchtlingen ihren Namen und ihre Geschichte zurück zu geben, obwohl unsere Gesellschaft schon längst solche Kulturtechniken internalisiert hat. Geschweige denn war er je versucht dies breite Spektrum, das Flüchtlinge heute ausmacht, abzubilden .

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