Die Nadel im Einfühlungssumpf

von Dirk Pilz

Bautzen, 14. März 2008. In Emilias Haar wippt eine große Blumenstecknadel. Sie ist aus weißem Kunststoff und macht sich bestens zu ihrem schicken Brautkleid. Und wenn Emilia die Tränen kommen, wenn sie schluchzt und bibbert, aufgeregt mit den Armen rudert und ihre Hände nach Halt in der Luft suchen, scheint diese Haarnadel vor lauter Erbarmen mitzujammern. Sie zittert, bebt fast ein bisschen.

Die Haarnadel hat viel zu barmen an diesem Abend – und wird am Ende zur Hauptfigur. Emilia rupft sie sich unwirsch aus den Haaren, ächzt und schreit dazu in die schlimme Welt hinaus, dass ja doch Verführung die wahre Gewalt sei und in ihrer armen Seele ein unbändiger "Tumult" wüte. Aus den Boxen popsongt es "That's all I need!", Emilia ratscht mit ihrer Haarnadel die Arme hinauf und rammt sie sich schließlich furchtlos in den Bauch. Ihr Kleid ist jetzt blutig, die Haarnadel liegt unbeachtet am Boden. Der Herr Vater steht derweil hingepflockt daneben. Die Hände in die Manteltaschen gefaustet, bleibt ihm nur dumpfes Staunen ob dieser Frauenwut. So stirbt Emilia.

Bibbern und Barmen
Und so starb sie wahrscheinlich lange nicht mehr. So hemmungslos gefühlig und distanzlos, so naiv jammervoll und püppchenhaft tränenreich. Als sei sie aus fern entrückten Zeiten gänzlich unbeleckt in die Gegenwart geplumpst.

Marie-Luise Lukas wirft sich ihrer Emilia ungebremst an den Hals, salbt sie mit reichlich Seelenfett, nimmt sie ganz unreflektiert und ja!, auch unbedarft. Bibbern und Barmen sind ihre Hauptausdrucksverfahren, Aufgeregtheit und Augenaufschlagen ihre Hauptmittel. Und doch, wie seltsam, fehlt's ganz an dem, worauf diese identifikationsselige Spielweise hinaus will: Wahrhaftigkeit.

Man glaubt ihr das dauernde Schluchzen und Tränendrücken schlicht nicht und sitzt als Zuschauer bedröppelt vor diesem Haarnadelbestückten Leidensbündel. Und meine Güte!, welch Frauenbild ist das denn hier! Emilia und ihre Mutter: die reinsten Affektbündel, die bloße Fühligkeit, pures weibisch tun. So plump steht das nun wirklich nicht in Lessings Trauerspiel, dem man doch sonst an diesem Abend so treulich an den Lippen hängt.

Schwitzende Sehnsucht im Leopardenmantel
Die Gräfin Orsina (Lilli Jung) darf zwar in ihrem grünen Kleid zu den knallroten Haaren wie die geborene Provinzdiva über die Bühne stolzieren, darf geifern und kreischen und mit ihrem Handtäschchen wedeln; doch das macht es nicht besser: Sie ist der Typ Frau, die sich aus ihrer Männeruntertänigkeit ein bisschen Schnippischkeit abtrotzt, sonst jedoch ganz das Frauchen bleibt. Oh weh.

Dabei hatte die Inszenierung von Michael Funke am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen durchaus viel versprechend angefangen. Der Prinz liegt im Leopardenmantel auf einer samtroten Chaiselonge und träumt von seiner Emilia, die – ha!, dem Traume gleich – auch kurz durchs Bild huscht. Der Prinz schwitzt und wühlt sich in seine Sehnsucht hinein, reißt sich die ersten Szenen zu einem irrsinnsgetränkten Großmonolog an die nackte Brust und suggeriert eine aufschlussreiche Deutungsrichtung: Der Herrscheradel im verklärenden Traume vom Bürgermädel.

Ralph Hensel weiß das überzeugend zu geben: Hier spielt einer mit Wucht und Wonne ohne alles Ranschmeißertum. Nur, dass diese angedeutete Lesart weiterhin keinerlei Rolle spielt. Was folgt, ist das schnöde Abspielen des Plots. Mit Figuren, die nichts als auf die Seelendrüse drücken sollen und deshalb nichts als Pappkameraden sind. Schreiten, schluchzen, schreien – darauf läuft's hinaus.

Gockel im Klischeekabinett
Marinelli ist bestes Beispiel dafür. Er muss bei Thorsten Köhler vornehmlich über die leere, nur mit halbrunden Stellwänden bestückte Bühne gockeln, muss von zynisch bis schleimig die Spielarten des Chargentums abschreiten und dauernd so tun, als befände er sich in einem Mafia-Vorabendfernsehfilm. Und wenn's dann wirklich ernst wird, bleibt ihm nicht mehr als Erschreck- und Erstaun-Gesichter machen. Eine Figur wie aus dem Klischeekabinett. Das Männerbild an diesem Abend ist auch nicht viel besser.

Es ist nicht so, dass Funke Lessings Vorlage nicht zu kürzen gewusst hätte. Die reflektierenden, auf Feinnuancen abgestellten Passagen sind allerdings nur gestrichen, um schonungslos der Handlungsspannung in die Arme zu stürzen, die wiederum ohne glaubhafte Figuren verloren im billigen Einfühlungssumpf steckt. Die Scheu davor, Stoff und Stück irgend an die Gegenwart anzudocken verrät damit eine Haltungslosigkeit, die unter der Strafe der Belanglosigkeit steht. Die Haarnadel als Hauptfigur. Das hat man dann davon.

P.S. Vor der Premiere verkündete Intendant Lutz Hillmann, der in Bautzen als stadtbekannter Kulturpolitiker mit eigens gegründeter Partei im Stadtrat sitzt und seine Theater-Interessen geschickt zu vertreten weiß, indem er nicht zuletzt die lokale Wirtschaft von der Notwendigkeit einer festen Bühne samt Puppenspieltheater und regelmäßigem Sommerspektakel zu überzeugen versteht, dieser Hillmann also verkündete stolz, dass an diesem Abend erstmals die durch Sponsoren ermöglichte Drehbühne zum Einsatz komme. Wenn sie sich das erste Mal in Bewegung setzt, wird das Licht gedimmt und Rocksound eingespielt. Ein Tusch für die neue Technik.

 

Emilia Galotti
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Michael Funke, Ausstattung: Martin Fischer/Andrea Eisensee, Dramaturgie: Evelin Günther.
Mit: Marie-Luise Lukas, Rainer Gruß, Heike Ostendorp, Ralph Hensel, Thorsten Köhler, Armin Wagner, Benjamin Kneser, Lilli Jung, Thomas Ziesch, Erik Dolata.

www.theater-bautzen.de


Mehr lesen? Am Theater Magdeburg inszenierte im Winter 2007 Andreas Kriegenburg das Lessingsche Drama vom Bürger, der lieber sein eigenes Kind umbringt, anstatt sich gegen seinen Fürsten zu erheben.

 

Kritikenrundschau

Als ein "spannendes Ränkespiel" erzählt Michael Funke Lessings "Emilia Galotti", schreibt Valeria Heintges in der Sächsischen Zeitung (17.3.2008): "Lessings Werk hat Dialoge von solch atemberaubender Schärfe und Brillanz, dass der Zuschauer meint, in irgendeinem Intrigantenstadl im Fernsehen oder einer Mobbingshow am Arbeitsplatz gelandet zu sein. Ein Regisseur hat also, wenigstens für den ersten Teil, nur gute Schauspieler zu nehmen, sie in ein halbwegs gescheites Bühnenbild zu stellen – und schon kann das Ränkespiel losgehen." Und Funke tue genau das. Und auch die SchauspielerInnen weiß Heintges zu loben, vor allem Lilli Jung, die "einmal mehr ein Trüffelpraliné der Schauspielkunst" biete: "Da sitzt jedes Wort, jeder Satz, jede Geste, wechselt sie in Sekundenschnelle von tödlicher Beleidigung zu durchtriebenster Intrige – und bleibt doch immer die Dame von Welt, die auch im Elend noch triumphiert." Aber "dieser vermaledeite Schluss", denn "wie um alles auf der Welt soll man heute noch erklären, dass sich eine Tochter mit Hilfe ihres Vaters umbringt, um die Ehre zu retten?" Funke habe zwar das Problem erkannt, inszeniere aber, "als hätte er sich ein 'Augen zu und durch' verordnet".

Andreas Herrmann (Dresdner Neueste Nachrichten, 20.3.2008) hat ein "prickelndes Spiel" gesehen. In der "dreifach versetzten Arena, die – innen edel-hölzern, außen metall-gepanzert – die jeweiligen Machtbereiche des Prinzen abgrenzt" sei die Kostümierung "zeitlos, aber extravagant passend" geraten, "also ewig heutig". Michael Funke zelebriere zudem mit seiner Inszenierung "regelgerecht einen Neuentwurf, der die Publikumsgenerationen vereint: Genug Sexualität zwischen Liebe und Begehren, aber auch genug Pietät in den Endstadien der Ekstase. Dazu Gewalt in echten Facetten, aber immer nur als Mittel zum Zweck, nie heiligend." Und neben einer "großen Szene" mit Marie-Luise Lukas als Emilia und Rainer Gruß als Odoardo Galotti sah Herrmann, "wie im Schauspiel üblich", vor allem "die 'bösen' Gestalten" brillieren. "allen voran Ralph Hensel als tiefschwarzer, rein liebessüchtiger Prinz von Guastalla". Dem steht Thorsten Köhler "als diabolischer, omnipräsenter Sekretär und gewissensloser Gehilfe nicht nach". Und die "Duelldialoge mit Lilli Jung in Form der eifersüchtelnden Gräfin Orsina (...) gelingen grandios". Fazit: "Ein bewegendes, lohnendes, weil bleibendes Trauerspiel."

 
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