Das Unsagbare singen

von Frauke Adrians

Weimar, 30. August 2015. Weimar ist Weimar, noch in seinen schlichtesten Zweckbauten. Selbst das alte Schießhaus, einst am östlichen Stadtrand gelegen und heute ziemlich mittig, schmückt sich mit einem respektgebietenden Tonnengewölbe und vielen klassizistischen Säulen. An diesem Randschauplatz der Weimarer Klassik erlebte jetzt ein fast 30 Jahre altes Stück Musiktheater seine deutsche Erstaufführung, das wie kaum ein zweites an die in Weimar besonders augenfällige Nachbarschaft von deutscher Kultur und deutscher Barbarei gemahnt: Frederic Rzewskis "Triumph des Todes". Das Stück basiert auf dem anlässlich der Auschwitz-Prozesse Mitte der 60er-Jahre entstandenen Dokumentendrama "Die Ermittlung" von Peter Weiss.

Das Streichquartett schwebt nicht

Mit Bedacht hat Frederic Rzewski ein Streichquartett gewählt, das vollkommenste und sublimste Ensemble der europäischen Musikkultur, um in seinem "Oratorium in elf Teilen" die Schilderungen der entsetzlichsten Verbrechen der deutschen Geschichte zu illustrieren. Nach eigenem Bekunden wollte Rzewksi Musiker, die "eine höhere Sphäre" bewohnen, "entrückt von der Erde, auf der die Ereignisse der Vergangenheit geschildert werden." Sie sollten "gleichgültig gegenüber der Szene" sein, "ihre Musikausübung bleibt distanziert und formal."

In der Partitur indes relativiert Rzewski die eigene Anweisung, er konterkariert sie sogar. Die Musiker haben nicht nur ihre Instrumentalmusik beizusteuern, sondern auch eine wechselnde Geräuschkulisse aus Husten, Keuchen, Pfeifen, Stampfen, sogar Schreibmaschinengehämmere. In der Inszenierung von Alexander Fahima spielen die Musikerinnen des Amalia-Quartetts der Staatskapelle Weimar als Ermittlerinnen und Prozessprotokollantinnen buchstäblich mit – und wenn die Cellistin einen beinahe heiteren Schlagabtausch zum Thema Zyklon B mit überlautem Stühlerücken unterbricht, dann ist es, als sperrten sich die Musik und ihre Ausführenden dagegen, die Zeugenaussagen von Auschwitz-Überlebenden und die Ausflüchte der mordenden Aufseher kommentarlos hinzunehmen. Die beiden von Rzewski vorgesehenen Gewalt- und Lärmausbrüche – mal tritt eine Musikerin einen scheppernden Blecheimer um, mal zerschlägt eine andere einen Stuhl – sind bloß der Gipfel der Dekonstruktion des klassisch-entrückten Streichquartetts.

Entsetzens-Scherze

Fahimas Inszenierung lebt ebenso wie Rzewskis Komposition von permanenter Verstörung. Fünf Sänger-Darsteller sprechen und sprechsingen die unsingbaren Texte voll unsagbarer Grausamkeiten – meist lächelnd, was an sich schon eine gewaltige Leistung ist, und zudem eingebunden in eine bis an den Rand des Unerträglichen artifizielle Choreografie. Alexander Fahima und Choreografin Dorothea Ratzel lassen die fünf Akteure in Pelzmänteln über Julia Schnitgers podestartige Bühne rollen, in Fräcken aufmarschieren und in Operettenuniformen tanzen. Längst nicht jeder Auftritt ist so beklemmend schlüssig wie der von Ulrika Strömstedt, die im Brautkleid das Schicksal der Lili Tofler rekapituliert, einer Lagerinsassin, die sich lieber zu Tode quälen ließ, als ihren Freund zu verraten.

Triumph1 560 CandyWelz uUlrika Strömstedt, Andreas Koch, Bjoern Waag, Caterina Maier, Saya Lee © Candy Welz

Caterina Maier tänzelt engelsgleich und strahlend über die Bühne, bis es schmerzt; Andreas Koch und vor allem Bjørn Waag sind großartig darin, die Selbstentlastungs-Litanei der KZ-Aufseher in larmoyantem Singsang vorzutragen, und liefern sich, während sie sachlich die Kosten von Zyklon B pro 2000 Morde erörtern, ein fröhliches Federball-Match. Da treibt jemand ausgiebig Scherz mit dem Entsetzen. Nur: Das Entsetzen, das Peter Weiss' protokollarische Texte vom Auschwitz-Prozess auslösen, ist durch keine Inszenierung zu steigern. Jeder noch so grelle Versuch muss scheitern. Im Laufe der zweistündigen Aufführung ertappt sich der Betrachter dabei, dass er zunehmend gereizt auf holzsägende Sänger, wechselnde Kostüme und Videoeinspielungen aus der Kunstgeschichte – von der Laokoon-Gruppe bis zum Floß der Medusa – reagiert: zu viel leerlaufende Aktion, zu viel platte Symbolik angesichts eines Themas, bei dem sich Plattitüden verbieten.

Mit aktuellem Bezug: Protest gegen Thüringer Musiktheatersparpläne

Frederic Rzewskis Musik liefert neben Sphärenklängen, von tröstlich-süß bis beklemmend, immer wieder sarkastische Kommentare zum Geschehen. Den "Gesang vom Ende der Lili Tofler" begleiten Variationen des Liedes "Die Gedanken sind frei"; die Rechtfertigungsversuche eines Unterscharführers werden konterkariert durch "Die Moorsoldaten"; zu den schrecklichsten Schilderungen von Massenmord erklingen Walzer oder amerikanische Folksongs. Das Streichquartett unter Leitung von Martin Hoff spielt als Handlungsträger glänzend mit, agiert musikalisch so sensibel wie präzise, fühlt sich auch auf Banjos, Percussion-Instrumenten und einer Singenden Säge zu Hause und kann in Alexander Fahimas Inszenierung doch nicht zum Ausdruck bringen, dass es Rzewski eigentlich um mehr geht als um ein musikalisches Kontrastprogramm zum Text.

Im blechernen Gelächter aus der Konserve, wie die Partitur es vorsieht, löst sich hier auch Rzewskis Kapitalismuskritik anno 1987 auf. Dennoch wirkte der 77-jährige Komponist und Premierengast angetan von der deutschen Erstaufführung seines Stückes, ließ sich auf die Bühne bitten und applaudierte den Akteuren freundlich.

Das Ensemble unterbrach den langanhaltenden Schlussapplaus, um eine Protestnote gegen die Pläne der rot-rot-grünen Landesregierung zur Schließung der Musiktheatersparte am Deutschen Nationaltheater Weimar zu verlesen und alle anderen gefährdeten Kulturinstitutionen in Thüringen einzubeziehen: "Sie dürfen nicht gestrichen, sondern müssen gestärkt werden." Aber musste das Ensemble denn unbedingt in der Aufführung Peter Weiss' Text ändern und den Musikzug von Auschwitz zur Staatskapelle Weimar umwidmen? Das war, gelinde gesagt, unpassend.

Der Triumph des Todes
Musiktheater nach "Die Ermittlung" von Peter Weiss
Komposition: Frederic Rzewski
Deutsche Erstaufführung
Regie: Alexander Fahima, Musikalische Leitung: Martin Hoff, Bühne & Kostüme: Julia Schnittger, Video: Bahadir Hamdemir, Szenische Choreografie: Dorothea Ratzel, Dramaturgie: Martina Stütz.
Mit: Andreas Koch, Saya Lee, Caterina Maier, Ulrika Strömstedt, Bjørn Waag und dem Amalia-Quartett der Staatskapelle Weimar: Barbara Seifert (1. Violine), Astrid Schütte (2. Violine), Almut Bormann (Viola), Astrid Müller (Violoncello).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.kunstfest-weimar.de

 

Der Text wurde am Montag, den 31. August 2015 um 16 Uhr updated. Die Autorin hat einen Irrtum in Bezug auf die Partitur korrigiert. 

 

Kritikenrundschau

"Die Sänger werden immer wieder in eindrucksvollen oft abstrakten Choreographien vorgeführt, lächelnd, tanzend, als amerikanische Tänzergruppe oder Federball spielend", berichtet Bernhard Doppler im Deutschlandradio Kultur (30.8.2015). Eindrucksvoll sei die Aufführung vor allem "durch den äußerst präzisen, nie ermüdenden Einsatz der Musiker unter Martin Hoff und des fünfköpfigen Sängerensembles. Obwohl Rzewski Kammeroper oft Melodram bleibt und meist schlichte Melodien zitiert, ist es nämlich langes komplexes Welttheater mit hohen Ansprüchen."

"So großartig konzentriert die Musik unter dem Dirigenten Martin Hoff klingt, so nüchtern arbeitet die Regie von Alexander Fahima auf kleinem Podium (Julia Schnittger), auf dem in der Choreografie von Dorothea Ratzel fünf Darsteller in lebhaften Bewegungsvarianten Spannungen erzeugen", preist Wolfgang Schreiber den Abend in der Süddeutschen Zeitung (1.9.2015). Die Aufführung gelinge "wie aus einem Guss".

"Vielleicht hätte das starke Musik-Text-Gefüge gar nicht einer so ästhetizistischen Inszenierung bedurft, um in seiner Wucht zu wirken", sekundiert Tatjana Mehner in in der Ostthüringischen Zeitung (1.9.2015). Viel habe das Inszenierungsteam hineingepackt in diese Auslegung. "Ob dass der ideale Umgang mit der Geschichte, mit der Weissschen Textvorlage oder Rzewskis Partitur ist, darüber kann man streiten. Auf jeden Fall ist es Kunst, Kunst mit einer klaren gesellschaftlichen Botschaft."

Rzewski stelle mit dem Titel "Der Triumph des Todes“ einen Bezug zum Bild von Pieter Bruegel dem Älteren her, erklärt Jan Brachmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.9.2015). "Diesen Weg der Universalisierung geht die szenische Umsetzung beim Kunstfest Weimar weiter." Etwa durch die Videoprojektionen Bahadir Hamdemirs. In der Pathos- und Betroffenheitsverweigerung dieser Inszenierung steckte ein "Provokationspotential".

Rzewskis Musik werde erst dann zur bewussten Provokation, wenn der Komponist die Lageralltags-Geschichte und die protokollierten Grausamkeiten mit Melodie-Zitaten etwa mit "Die Gedanken sind frei", den Moorsoldaten oder einem leichten Unterhaltungssound unterlegte, so Joachim Lange in der Welt (3.9.2015). Der Zuschauer könne dann gar nicht anders, als über das protokollierte Entsetzen und die Banalität des Alltäglichen beim Umgang mit der Erinnerung nachzudenken. "Am Ende kommen freilich weder die Musik von Rzewski noch die Inszenierungsbemühung von Alexander Fahima wirklich an das geschilderte Grauen heran."

 
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