Der knallende Sound der Unschärfe

von Jan Fischer

Braunschweig, 25. September 2015. Der Chor, man kann das nicht anders sagen, knallt. Und "M(other) Courage" in Braunschweig besteht aus nichts anderem als Chor. 45 kurze Minuten, in denen größtenteils Bürgerinnen und Bürger der Stadt Braunschweig, unterstützt von sechs professionellen Schauspielern des Braunschweiger Ensembles, sich auf der Bühne in Sprachverschiebungen verausgaben.

"M(other) Courage" lehnt sich dabei lose an Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder“"an, hat aber nichts vom Brecht'schen epischen Theater übrig behalten. Marta Górnickas Inszenierung basiert eher auf dem Spector'schen Prinzip der Wall of Sound. Die insgesamt 23 Darsteller und Darstellerinnen schreien, singen, flüstern, tanzen auch ein wenig, und zerfetzen dabei auf der Bühne die Vorlage in ihre Themen: Es geht um Krieg, um die Ökonomie des Krieges, um die Frage, wer da eigentlich gewinnt, und wer verliert. Górnicka koppelt dabei ihre Vorlage an die Gegenwart an: Angela Merkel ist die Mutter, die alles richtet, vor allen Dingen Europa, die stolz auf ihre Kinder ist, auf der Bühne wird skandiert: "Wir sind das Volk!"

Miteinander, Gegeneinander

Marta Górnicka inszeniert mit "M(other) Courage" den Preis, den die polnischen Regisseurin auf dem "Fast Forward"-Festival 2012 gewonnen hatte: Eine Inszenierung am Staatstheater Braunschweig. Damals hatte sie die Jury mit – der ebenfalls chorischen - Inszenierung "Magnificat" von sich überzeugen können. Wie in "Magnificat" verlässt Górnicka sich in "M(other) Courage" ausschließlich auf ihren Chor – die Darsteller und Darstellerinnen stehen in Straßenkleidung auf der Bühne, ein Bühnenbild gibt es nicht.

MotherCourage1 560 Volker Beinhorn uEine Frau brauchs an der Spitze: Marta Górnicka dirigiert ihren Chor in "M(other) Courage" 
© Volker Beinhorn

Die Inszenierung zieht ihre Kraft alleine aus dem gesprochenen, gesungenen, geschrienen und geflüsterten Wort, aus dem klugen hin und her, dem Miteinander und Gegeneinander des Chores. Der mal singt, und aus Harmonien in Dissonanzen abgleitet, mal gemeinsam schreit, mal die Worte "Wahrheit" und "Fiktion" gegeneinander anschreiend sich an sich selbst abarbeitet. Marta Górnicka steht im Publikum und dirigiert, die Sprach- und Lautverschiebungen werden zu Verschiebungen der Bedeutungsebenen, alles ist dynamisch, alles ist im Fluss, nichts steht still.

Parallele Sprachstreams

Der Reiz der Inszenierung kommt dabei hauptsächlich aus der Unschärfe – manchmal sind die Dissonanzen zart, kaum erkennbar. Manchmal ist nicht klar – wie bei dem Teil, in dem von Merkels unbedingter Liebe zu Europa gesprochen wird – wo genau Ironie und Sarkasmus eigentlich beginnen. Wo genau sich über die "Wir sind das Volk!"-Schreier lustig gemacht wird, und wo die Angst beginnt. Folgerichtig ist das, was Górnicka da so schweißtreibend dirigiert, was da in ausgeklügelten Choreographien marschiert und spricht, kein allwissender Chor, der erklärt, was gerade los ist.

Im Gegenteil: Es ist eine Chormaschine, die Sprache in sich zieht und stampfend Zweifel wieder ausspuckt, die sich in parallelen Sprachstreams selbst widerspricht, die wort- und soundgewaltig sich mit Zitaten und Verweisen an Flüchtlingskrisen, PEGIDA, Kriege ankoppelt, Meinungen, Thesen, Argumente, Platitüden und viel zu oft gesagte Sätze wie "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" so lange verzerrt und gegeneinander verschiebt, bis sie losgelöst dastehen.

Scharf verknappt

So ist Górnickas kurze Inszenierung ein Beispiel dafür, wie Theater sich an die Gegenwart ankoppeln kann, ohne dabei belehrend zu wirken, ohne Gut und Böse klar zu identifizieren – einfach nur, indem durch Parallelität Unschärfe erzeugt wird, durch die kaum je ein erlösender Kontext schimmert. Gleichzeitig ist die Inszenierung aber auch mit einfachen Mitteln gewaltig, schlicht durch die genaue Choreographie und die dichte Wort- und Sprachinszenierung.

Tatsächlich ist das, was Górnicka da in 45 Minuten zeigt, ein Knall, der für seine Wirkung auch gar nicht länger dauern dürfte. Denn sobald die Unschärfe erzeugt ist, sobald das Prinzip der Inszenierung beginnt, sich zu wiederholen, ist sie auch schon vorbei. Hinstellen, durchziehen, und sobald alles gezeigt ist nicht unnötig in die Länge ziehen. Und bevor jemand weiß, was passiert ist, ist auch alles schon wieder vorbei. Besser geht es kaum. Knallt. Ganz gewaltig.

M(other) Courage
nach Bertolt Brecht
Konzept, Libretto & Inszenierung: Marta Górnicka, Komposition: Wojtek Blecharz, Choreografie: Anna Godowska.
Mit: Sandra Bezler, Anna Fagan, Nicola Feuerhahn, Jutta Finger, Pauline Kästner, Aleksandra Kuntze, Magdalene Lohmann, Brigitte Middlemiss, Klara-Felicitas Räthel, Anna Roskinski, Julia Schäfle, Mattias Schamberger, Undine Schönfeld, Waltraut Siemann, Martina Struppek, Maik Teßmann, Christophe Vetter, Andreas Vögler, Julia Weidner, Ingeborg Wender, Rika Weniger, Nadine Wolfarth.
Dauer: 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-braunschweig.de

 

Kritikenrundschau

In den Momenten, in denen Choreographie, Sprache und Sinn sich gegenseitig verstärken, sei Marta Górnickas Chortheater "ganz stark", schreibt Florian Arnold in der Braunschweiger Zeitung (26.9.15). "Doch insgesamt bleibt der Inhalt deutlich hinter dem Ausdruck zurück."

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Kommentare

Kommentare  
#1 M(other) Courage, Braunschweig: nicht ganz überzeugend, aber anregendeindrucksvoll 2016-01-27 20:07
Die junge Künstlerin geht ein Wagnis ein. Sie lässt den Zuschauern das Vergnügen, das Dirigat mitzuerleben. Auf diese Weise zieht sie den/die ZuschaierIn in einen ganz eigenen Bann.
Die Entwicklung dieser Künstlerin steht am Anfang. Wir werden sicherlich noch mehr von ihr sehen. Es ist noch viel drin, in dieser couragierten Inszenierung. Manchmal wirkt es ein wenig überladen, hier wird viel gewollt: aufklären, aufrütteln, aufmerksam machen. Die Message ist manchmal dem Chorgeschehen nachgeordnet. Überzeugend, manchmal schade, immer aber dennoch anregend. Weiter entwickeln. ?.
#2 M(other) Courage, Braunschweig: Europas BordellSascha Krieger 2016-10-13 10:52
Brechts Mutter Courage ist die Mutter Europa, ist vielleicht Deutschland, womöglich gar Angela Merkel, und versteckt die Ausgestoßenen, Verlorenen, Schutzsuchenden auf ihrem Planwagen. Die offene Gesellschaft ist Zuflucht, Bedrohung und Kriminalitätsschauplatz. Vom Willkommen für Flüchtende zum Bordell Europas zum aufkeimenden Rassismus von Pegida und AfD ist der Weg nicht weit, doch stets gewunden. Górnicka stellt Gegensätzliches nicht nur nebeneinander, sie verschränkt es, so dass es bald kaum mehr zu entwirren ist. Klar verortbare Passagen, etwa die lächerlich entsetzliche Etüde über junge Mädchen, die Dschihadisten wie Popstars feiern und für die der Islamismus zum Erfüllungsversprechen wird, sind selten. Meist regiert die Gleichzeitigkeit des Disparaten. Schubert und Heavy Metal, klarstimmiger Gesang und gewalttätiges Skandieren, polyphone Vielfalt und unverständliches Sprachwirrwar bilden keine Pole, sonder verschlingen sich ineinander, bis alles Ambivalenz geworden ist, weiß schwarz und alles grau. Oder bunt. Je nach Perspektive.

Górnicka, die ihren Chor live dirigiert, behandelt Sprache wie Musik. Kurze Sätze werden so lange wiederholt, bis sie pures Material geworden sind, sie werden, zerdehnt, komprimiert, verknetet, mutieren zu ihrem Gegenteil und werden leere Hüllen, die sich auf unterschiedlichste weise aufladen lassen. Parolen wie “Wir sind das Volk” gerinnen zu trommeln, die zum Marsch rufen, zu Waffen, mit denen Machtkämpfe ausgetragen werden, sie meinen nichts mehr, sondern sind Kampfmittel. Es wird mit süßer Stimme und entrücktem Lächeln von Frieden gesungen und im gleichen Moment mit aggressivem Duktus ein Schlaflied intoniert, das Kriegsruf, Proteststurm und verzweifelter Trauergesang ist. alles zugleich und nichts von allem. Die Realität des Verhandelten wird geleugnet, die Wahrheit negiert und der Trostruf “Europa – es wird dir an nichts fehlen” zur Drohung.

Die Sprache ist der Grund unseres Denken, das Fundement, auf dem Ideen entstehen, Gesellschaft verhandelt, Zusammenleben ermöglicht wird. Bei Marta Górnicka gerät sich ins Rutschen, treten Verwerfungen auf, verschieben sich Bedeutungen, bis nichts mehr sicher scheint, der vermeintlich feste Grund schwankt, sich aufbäumt und keinen Halt mehr bietet. M(other) Courage entlarvt die Sprache als Kriegswaffe, indem der Abend sie dekonstruiert, materialisiert, aufbricht und in einer Art vielstimmiger Klangwand in ihrer puren Gewalttätigkeit neu zusammengesetzt. Er ist satirisch und erschütternd, berührend und gewalttätig, ein aus rhythmischer Energie gespeister 45-minütiger Frontalangriff, bei dem am Ende nur eines klar ist: dass nichts klar ist und nichts klar sein kann. M(other) Courage verortet die Realität im Dazwischen, im Sowohl-as-Auch, in der Unsicherheit und Verunsicherung, aus der sich Angst speist. Da ist der Kinderreim Verheißung und Drohung, die offene Gesellschaft Freiheitsraum und Unterdrückungsapparat, Europa Versprechen und Tod, wie der Chor Gemeinschaft und Einzelner ist. Eine Übung in Gesellschaftsfindung und -verlust, der auf den Zuschauer fast physisch wirkt. Und hoffentlich lange nachhallt.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2016/10/13/der-klang-der-verunsicherung/

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