Das ist hier nicht raus, das ist drinnen!

von Ralph Gambihler

Jena, 27. März 2008. Die Wonnen des Mitteleuropäers unter südlichen Himmeln sind getrübt. Sie sind sogar reines Wunschdenken in diesem Drei-Personen-Stück, das von Angleichung und Abschottung handelt. Exemplarischer Schauplatz ist die Ferieninsel Gran Canaria. Dort, am schönen Rand von Europa, in dieser Enklave des urlaubenden Wohlstands, besichtigt die Nachwuchsautorin Charlotte Roos eine Welt zwischen Obstsalat und Stacheldraht. Oder auch: Trugbilder des schönen Scheins; man kennt das.

Die Handlung geht so: Ein jung-dynamischer Ingenieur (Ralph Jung) hat den Auftrag, für die EU-Bürokratie eine Machbarkeitsstudie zur Abwehr unerwünschter afrikanischer Flüchtlinge zu erarbeiten. Er soll Baukosten und Bauzeiten für neue Hochsicherheitszäune kalkulieren. Außerdem soll er auf marokkanischem Boden so genannte "Aufnahmezentren" projektieren, deren offensichtlicher Hauptzweck es ist, die anstürmende Armut exterritorial wegzusperren.

Zivilisationsmüde in der Ferienanlage 

Der Mann hat die Faxen natürlich dicke: Die Termine sind zu eng, die Datenbasis ist ein Graus, und über der Frage der "Aufnahmezentren" nagen auch noch Skrupel an seinem Karrierewillen. Dem Urlauber (Roman Haselbacher) geht es aber auch nicht besser. Der hockt in der Ferienanlage und nörgelt sich seine Zivilisationsmüdigkeit von der Seele. Dass er hier nach westeuropäischem Standard Entspannung suchen soll, mit dem gleichen Bad, dem gleichen Fernseher, dem gleichen Obstsalat, findet er ärgerlich bis beklemmend. Er will raus. Dort aber sind die Zäune.

"Das ist doch hier nicht raus, das ist rein, das ist drinnen", keift er. Das wiederum nervt seine Ehefrau (Renate Regel), die die Assistentin des Ingenieurs ist und als solche zwischen beiden Männern einen netten Arbeitsurlaub zu verleben gedachte. "Mach' doch mal Sport", drängt sie den Herrn Gemahl. "Geh' doch mal an den Strand!" Soweit die Grundkonstellation dieser Schimpfstunde am Pool.

Schrecklich niedlich

Das Stück heißt "Die Unmöglichkeit einer Insel" und kam nun am Theaterhaus Jena zur Uraufführung. Die 1974 geborene Verfasserin Charlotte Roos, die nach beruflichen Anfängen in der Theaterregie derzeit ein Zweitstudium am Leipziger Literaturinstitut absolviert, hat damit ihren ersten Schritt als Bühnenautorin gemacht. Allein: Es war ein ernüchterndes Debüt. Das Textgestühl ist wesentlich zu klein für die große Themenhalle, in die sie sich begibt. Was die Dramatik auf diesem Gebiet leisten kann, hat zum Beispiel der Ukrainer Juri Andrychowytsch mit seiner galligen Politfarce "Orpheus, illegal" gezeigt.

Die Kulisse von Sandra Rosenstiel sucht eine formale Entsprechung zum Trio der Figuren. Das Publikum sitzt im Dreieck um eine kleine Spielfläche mit Miniaturbesatz herum. Der Pool ist zum Planschbecken geschrumpft. Die Liegestühle haben Handyformat. Alles ist schrecklich niedlich und gesichtslos. Die Bühne verlacht das Elend massentouristischer Uniformität, wobei es so bemerkenswerte Details gibt wie das Schuhtablett aus Plastik, das jeder Zuschauer unter den Sohlen hat.

Choreographie der Urlauberposen 

Die Regie (Linda Best) macht sich ohne viel Umschweif ans Werk. Sie lässt vom Blatt spielen und hilft stellenweise mit Lockerungsübungen nach. Es gibt da zum Beispiel eine kleine Choreographie der Urlauberposen, in der die Darsteller Bräunungsblicke, Liegequalen und ähnliches durchprobieren. Solche nonverbale Würze ist nett, bleibt aber an der Oberfläche. Der Abend scheitert darunter an einer Textvorlage, der man die Blaupause in jedem Moment ansieht: hier die (faktengespickte) Kritik an der Brüsseler Abschottungspolitik nach außen, da das (allgemeine) Unbehagen am Wohlstands-Einerlei im Inneren, dort der Versuch, beides als "unmöglich" darzustellen. Die Figuren wurden dabei zu bloßen Dienern der Stoffpräsentation degradiert.

So flach und abgezirkelt ist junge Dramatik selten. Immerhin: Die Pointe dieser "Installation für drei Schauspieler" (Untertitel) hat Charme. Sie besteht darin, dass die drei Peripheriegeschädigten mehr mit sich selber reden als miteinander. Die politische Situation der Trennung widerspiegelt sich auf wundersame Weise in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Da hätte die Regie ansetzen können und hat es verpasst. Bleibt die Frage nach dem Stücktitel. Charlotte Roos spielt mit ihm direkt auf Michel Houellebecqs 2005 erschienenen Zukunftsroman "Die Möglichkeit einer Insel" an. Der Bezug ist eher vage. Wo der radikale Romantiker Houellebecq eine bizarre und universelle Vision über die immerwährende Suche nach Glück schreibt, hat Roos ein ganz konkretes Grenzregime vor Augen. Dazwischen liegen Welten.

 

Die Unmöglichkeit einer Insel
Eine Installation für drei Schauspieler
von Charlotte Roos, Uraufführung
Regie: Linda Best, Bühne und Kostüme: Sandra Rosenstiel, Musik: Clemens Wegener. Mit: Roman Haselbacher, Renate Regel, Ralph Jung.

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

Charlotte Roos' "Die Unmöglichkeit einer Insel" sei "kein Stück, bestenfalls eine Installation mit drei Sprechern", schreibt Frank Quilitzsch in der Thüringischen Landeszeitung (29.3.2008). Man erfahre, dass Gran Canaria "jährlich von 25 000 Flüchtlingen heimgesucht wird und was die Errichtung zusätzlicher Zäune kosten würde. Der Eurozentrismus wird ad absurdum geführt. Und am Ende tun einem die Schauspieler leid, weil sie keine Rollen, sondern nur Texte haben, die ihr Missbehagen am Zustand der Welt zum Ausdruck bringen." Das Ganze sei "Argumentations- und Agitationstheater, zu dem die alte Lebensweisheit passt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint."

Entschieden im abschließenden Urteil ist auch Constanze Alt in der Ostthüringer Zeitung (28.3.2008): "Stimmen, paralleler Monolog statt Dialog. Céline Dions 'My heart will go on' als überbordendes Klischee. Unerträglich. Unvermeidlich. Nach nicht einmal einer Stunde ist der Spuk aus Ohren- und Augenfolter vorbei. Und mit ihm ein Stück, das wehtun und nerven will und soll. Ziel erreicht."

 

 
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