"Reden Sie gefälligst Deutsch!"

2. März 2016. Während eines klassischen Konzerts in der Kölner Philharmonie ist es am Sonntag zu einem Eklat und schließlich zum Abbruch einer Darbietung gekommen. Das berichten diverse Medien, darunter der Kölner Stadtanzeiger. Während der Darbietung des Stücks Piano Phase des amerikanischen Komponisten Steve Reich im Rahmen eines Abos von KölnMusik zwangen die Zuhörer die Musiker zunächst durch lautes Klatschen und Buh-Rufen zum Aufhören. Einige Gäste verließen daraufhin den Saal.

Bereits auf die in englischer Sprache gehaltene Einführung in das Werk durch den Cembalisten Mahan Esfahani hatten Teile des Publikums den Berichten zufolge mit Rufen wie "Reden Sie doch gefälligst Deutsch!" reagiert. "Wovor haben sie Angst?" habe Esfahani das Publikum gefagt. Schließlich, so der Kölner Stadtanzeiger in seiner Darstellung der Vorfälle, "als der Künstler fünf, sechs Minuten des original 16 Minuten langen Stücks absolviert hatte, erzwangen Lachen, Klatschen, Pfeifen und andere Geräusche des Missfallens den Abbruch der Darbietung".

Das seit langem angekündigte Konzertprogramm konfrontierte Alte mit Neuer Musik: Werken von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach wurde Zeitgenössisches von Fred Frith, Henryk Mikołaj Górecki und Steve Reich gegenüber gestellt. Für Concerto Köln sei diese Konfrontation eine Strategie, so der Kölner Stadtanzeiger, die beiden im Konzertbetrieb meist säuberlich getrennten Kulturen produktiv einander anzunähern.

Am Ende sei noch das im Programm vorgesehene Bach-Stück mit Orchester gespielt worden, berichtet die Welt. "Hinterher freilich ergriff ein Hamburger Besucher das Mikro und entschuldigte sich so wortreich wie beifällig für die Rüpelei". Mahan Esfahani, habe dann noch Autogramme gegeben. "Das haben wir vom Kölner Publikum nicht erwartet", zitiert der Kölner Stadtanzeiger Jochen Schäfsmeier, den Geschäftsführer der Alte-Musik-Formation Concerto Köln: "Wir können es uns auch nicht erklären. Teile des Saals ließen jede gute Erziehung vermissen, das war schlicht unerträglich."

(KSTA / Die Welt / sle)

 

mehr meldungen

Kommentare

Kommentare  
#1 Eklat in Köln: NachfrageHans Zisch 2016-03-02 09:21
"Während der Darbietung des Stücks Piano Phase des amerikanischen Komponisten Steve Reich im Rahmen eines Abos von KölnMusik zwangen die Zuhörer die Musiker zunächst durch lautes Klatschen und Buh-Rufen zum Aufhören."

Gibt es Erkenntnisse oder Berichte, warum Teile des Publikums sich bemerkbar machten? Es fällt mir schwer die Frage des "Vermissenlassens jeder guten Erziehung" ohne diese Hintergrundinformation beurteilen zu können.
#2 Eklat in Köln: noch eine NachfrageExmecklenburger 2016-03-02 09:39
Die Musikgeschichte ist voll mit Tumulten und Missfallensäußerungen
bei Uraufführungen von neuer Musik. Ich habe nur die Frage: Warum hat nicht ein Musikdramaturg die Einführung übernommen?
#3 Eklat in Köln: nicht bieten lassen3,2,1 2016-03-02 10:21
Es lässt auch jede gute Erziehung des Veranstalters vermissen, wenn er in einem Land, in dem Deutsch Amtssprache ist ein öffentliches Abonnentenkonzert in englischer Sprache musiktheoretisch einführen lässt. Ansonsten lässt es nur die Klugheit eines Veranstalters vermissen, der die sogenannte "alte" Musik mit der sogenannten "neuen" Musik verknüpft zum Parallelhören von Gestern und Heute anbietet, auch noch gleich die nächste Gewohnheit des Publikums, nämlich die des vorab Angesprochenwerdens zur Einführung in ungewohnte Hörgewohnheit in ihrer Hauptsprache, ignoriert und zwangsverwelt-lichen möchte. - Das muss man auch als Solist vom Veranstalter sich nicht bieten lassen. Und: wo blieb die Solidarität mit dem auf diese Art angepöbelten Kollegen? - Wenn die Synthese bei dem Veranstalter Programm ist, gibt es doch nur eine kollegiale Reaktion: kein Reich, kein Bach. Basta.
#4 Eklat in Köln: in der Regel ein GewinnHermann Hesse 2016-03-02 12:32
@2 und 3
Also: In der deutschen Konzerthaus- und Festivalrealität (wie z.B. in Stuttgart) ist es mittlerweile absoluter Alltag, dass es gerne gesehen wird, dass KünstlerInnen, wenn es ihnen ein Anliegen ist, selbst in ihre Projekte einführen. Das ist in der Regel ein Gewinn für die Veranstaltung, weil die Distanz und Fremdheit zwischen Publikum und KünstlerInnen, die sonst durch die "Sprachlosigkeit" während des Musikmachens erhalten wird, auf diese Weise abgebaut wird. Dass dies des öfteren auf Englisch geschieht, liegt an der traditionellen Internationalität von Musik und daran, dass Englisch heute nun mal eben internationale Verkehrssprache ist. Und man kann ja eigentlich von einem gebildeten Publikum, das in klassischen Konzerten zu vermuten ist, erwarten, dass es Englisch genügend versteht. Aber klar, wer in einer internationalen Veranstaltung (und um eine solche handelte es sich ja in Köln, da dort ein Künstler aus einem anderen LAnd auftrat) nicht ertragen kann, dass nicht Deutsch gesprochen wird, der hält auch nicht aus, dass man dem altdeutschen Bach-Clan einen neuamerikanischen Reich gegenüberstellt. AfD und Pegida lassen grüßen!
#5 Eklat in Köln: ganz verzichtenMifte 2016-03-02 12:39
Wenn es in der Kantine ein Menü gibt, das wenigen passt. Kann es doch für die Mehrheit keine besonders gute Möglichkeit sein, ganz aufs Essen zu verzichten.
#6 Eklat in Köln: keine EntschuldigungImmerwiedergeher 2016-03-02 13:18
Es gibt keine Gründe für ein solches Verhalten, und es gibt keine Entschuldigungen.
#7 Eklat in Köln: Piano Phase, LinkFrank-Patrick Steckel 2016-03-02 13:54
#8 Eklat in Köln: es braucht VemittlungHairman Hässe 2016-03-02 14:09
@4: "Und man kann ja eigentlich von einem gebildeten Publikum, das in klassischen Konzerten zu vermuten ist, erwarten, dass es Englisch genügend versteht."

Was für ein Hochmut! Autoritarismus hat noch nie funktioniert auf Dauer. Das lehrt die Geschichte. Insbesondere, wenn man sich für gebildet hält, sollte man dies mitdenken. Die Begegnung von Kultur(en) braucht Vermittlung! Frontalentscheidungen sind da wenig dienlich. Wenn ich als Veranstalter davon ausgehen kann, dass ein hinreichend großer Teil meines Publikums nicht versteht, was in einer Einführung gesprochen wird, dann tue ich gut daran eine Übersetzung bereitzustellen.

Ihrer Argumentation zufolge müsste man in (deutschsprachigen) Sprechtheatervorstellungen voraussetzen, dass die Besucher/innen dem Gesagten folgen können und man könnte die um sich greifenden Übertitelungen weglassen. Das wollen Sie? Verkehrssprache ist da ja deutsch.
#9 Eklat in Köln: kein Sprechtheater3,2,1 2016-03-02 15:03
#8 und #4: Ja, eben weil Musik eine internationale Sprache ist, braucht sie entweder die Höflichkeit der an die "Verkehrssprache" des Publikums angepasste Einführung (durch Nutzung der Verkehrssprache oder Übersetzung in dieselbe) ODER eben GAR KEINE. Und wenn die MUSIK dann nicht ohne Vermittlung international verstanden werden KANN, ist sie auch keine universal verstehbare. Wie gesagt, es geht hier um Musik, nicht um textverbundene Musik oder gar Sprechtheater!!
#10 Eklat in Köln: aus WahlprogrammPeter Danzeisen 2016-03-02 15:04
Es greift um sich.
Aus dem Wahlprogramm einer sächsischen Partei:
..."IV.3.3. Weniger Anglizismen und weniger Englisch im amtlichen und öffentlichen Sprachgebrauch Etwas ganz anderes als die Verordnung von ideologisch motivierten Sprechweisen ist die Pflege unserer Sprache, wie wir sie kennen und gebrauchen. Wir fordern eine Regelung nach dem Vorbild des französischen „Loi relative à l’emploi de la langue française – Gesetz betreffend den Gebrauch der französischen Sprache“ (1994). Der Freistaat Sachsen soll Richtlinien erlassen, wonach Anglizismen im amtlichen Sprachgebrauch zu meiden sind. Sprache soll und muss für alle Generationen verständlich sein. Hierzu soll die Aktion „Lebendiges Deutsch“ der Stiftung Deutsche Sprache als Vorbild dienen. Die sächsische Akademie der Wissenschaften soll entsprechende Empfehlungen ausarbeiten. Die parlamentarischen Vertreter in den Rundfunkräten sollen sich für einen deutlich höheren Anteil deutschsprachiger Titel an den Ausstrahlungen in Rundfunk und Fernsehen einsetzen. Darüber hinaus treten wir für die Gleichberechtigung der Deutschen Sprache als zwischennationale Verkehrsund Arbeitssprache gegenüber dem Englischen und dem Französischen in der Europäischen Union ein." ...

Quelle: afdsachsen.de/download/AfD_Programm_Lang.pdf
#11 Eklat in Köln: CDU-Sprachschutz-ProgrammHans Zisch 2016-03-02 15:27
@10: Stimmt, es greift um sich. Aus dem Regierungsprogramm einer christlich-demokratischen Partei.

"Die deutsche Sprache ist wesentlicher Ausdruck unserer reichen Kultur. Wir bekennen uns ausdrücklich zur Pflege unserer Sprache, wollen ihre Ausdruckskraft erhalten und daher auf unnötige Anleihen zum Beispiel aus der englischen Sprache verzichten sowie auf verständliche Texte achten."

www.cdu.de/system/tdf/media/dokumente/regierungsprogramm-2013-2017-langfassung-20130911.pdf?file=1&type=field_collection_item&id=631
#12 Eklat in Köln: ParteiprogrammDie Meine 2016-03-02 17:54
"Die deutsche Sprache ist wesentlicher Ausdruck unseres Denkens über den Reichtum der Geschichte der Kulturen der Welt und unseres Handelns innerhalb der internationalen Verständigung zwischen uns und den Ländern der Erde. Wir wollen unsere Sprache pflegen und ihre Ausdruckskraft erhalten. Dies, indem wir die Lebendigkeit, mit der sie durch die Sprachen der Welt und der vergangenen Zeiten bis heute bereichert wurde und zukünftig wird, immer wieder erforschen, erkennen, beschreiben und dokumentieren. Dafür wollen wir die entsprechenden Wissenschaften unterstützen und im Alltag kommunikative Sorge tragen. Wir setzen uns zum Ziel, unsere Sprache in Recht und Ämtern wie Verwaltungen so verständlich anzuwenden, dass sie keine Hemmschwelle für gesellschaftliches Handeln im Gemeinwesen des Staates wird." - Aus einem deutschen Parteiprogramm.
#13 Eklat in Köln: zivilisierte WegeAlexander Joseph 2016-03-02 20:26
Man kann sich daran stören, dass man etwas nicht Versteht. Ich bin davon überzeugt, dass man deswegen nicht das Recht hat, zu pöbeln und andere zu stören.
Es gibt viele zivilisierte Wege, um seinen Unmut aus der Welt zu schaffen.
#14 Eklat in Köln: LinkJ. Marc Reichow 2016-03-02 23:41
Der Vollständigkeit halber sei noch auf eine Quelle aus erster Hand verwiesen, i.e. den - Disclaimer: - originalsprachlichen Bericht des Cembalosolisten unter slippedisc.com/2016/02/noisy-dissent-disrupts-a-harpsichord-recital/ , sowie den ergänzenden Beitrag eines beteiligten Musikers slippedisc.com/2016/02/a-second-take-on-the-harpsichord-riot/
#15 Eklat in Köln: dröhnendes Erzklara 2016-03-02 23:56
Wo soll man da anfangen?

Herr Esfahani ist 1984 im Iran geboren. Mitten im Iran-Irak Krieg.
Ist in Amerika aufgewachsen und konnte in Boston und Stanford (wo Migrantenkinder Google aufbauten) studieren.
Arbeitet in London und hat eine große Leidenschaft namens Bach.Wäre er in Deutschland aufgewachsen, wäre er wohl höchstens Taxifahrer,Teppichverkäufer oder Arzt geworden.

Das sind die bekannten Eckpunkte einer biographischen Odyssee,die die psychischen Tragödien, die mit so einem Schicksal einhergehen, völlig außer Acht lassen.

Anstatt geschmeichelt zu sein und so einen Menschen mit offenen Armen zu empfangen, wird er von der Bühne weggepöbelt.

Ist es weil er Steve Reich spielte? Weil das Publikum ausschließlich Bach hören wollte? Weil das Programm unvorhersehbar war? Weil er Englisch sprach?

Er solle gefälligst Deutsch sprechen.

Daß er die komplexe, grenzüberschreitende u völkerverbindende Sprache der Musik spricht und mit dem Deutschen Publikum seine Seele und seine Liebe zu Bach kommunizierte, vergißt und hört das Publikum gar nicht. Bach , der seine Musik als Geschenk Gottes an die Menschen empfand, wäre entsetzt gewesen. Dieses Publikum, das nur Bach tolerieren wollte, und vermutlich zu Weihnachten gerne in die Messe geht, um Werke dieses Komponisten zu hören,weiß es, woher die Inspiration für seine Musik kam? Für wen er die komponierte? Für einen gekreuzigten Juden aus dem Nahen Osten. Wenn dieser leibhaftig in Köln einem dieser Zuseher erschiene, würde er ihn wohl wegen Ruhestörung verhaften lassen, um sich dann ,vor lauter Rührung, wieder der Schönheit einer Bachmesse hinzugeben.

Deutsch soll er also sprechen.

Wenn es nach diesem Zuseher ginge, gebe es die Deutsche Sprache gar nicht. Wir wären noch in der Steinzeit,weil jeder, der anders aussieht, von anderswo kommt, anders klingt,aggressiv angegrunzt worden wäre.Keine Handelsbeziehungen, kein Austausch.

Sir William Jones wäre belustigt gewesen. Für ihn ist die Deutsche Sprache ein Zweig der Indo-germanischen Sprache,dem Sanskrit, mit einer sehr grossen Portion Latein,Griechisch und Französisch.Sprachfamilien entstammen aus derselben Quelle.

Wovor also diese Angst? Ist das Selbstbewusstsein dieses Zusehers so fragil, daß er sich in seiner Deutschen Identität, durch einen englischsprechenden, iranischen Bachliebhabers, bedroht sieht?
Wo ist die Großzügigkeit? Oder zumindest die Knigge-Manieren auf die das Deutsche Bürgertum sonst so stolz ist? Kann man sich nicht 20 Minuten zusammenreissen?
Ganz zu schweigen von der Herzensbildung. Da sitzt ein Mann am Cembalo, mit so unorthodoxen Startbedingungen, und spielt mit Leidenschaft Bach.Er ist der lebende Beweis, daß Nationalismen,Religion, Herkunft oder Biographien, in der Kunst völlig unbedeutend sind.Daß wir alle Teil eines grossen Ganzen sind. In welche Gestalt wir auf die Welt kommen, völlig nebensächlich ist.Anstatt, bescheiden und dankbar beglückt dieser Schönheit beiwohnen zu können, wird gemeckert.

Ich glaube dieses Auflösen von Grenzen, ist der wahre Grund für diese Angst. Wenn ein "dahergelaufener" Iraner Bach spielen darf, wer ist dann wirklich Deutsch?
Ja, Europa verliert an Bedeutung und davor fürchten sich sicher viele Deutsche.Der Verlust von Wohlstand u Relevanz.Das Gefühl,daß einem ein besseres Schicksal, als das von Milliarden anderer Menschen, zusteht. Warum? Mit welchem Recht?Anstatt sich zu freuen, daß mitten in einem, vom Westen unterstützten, Krieg, ein Junge zur Welt kommt, der Bachs Musik liebt und sie mit seiner Seele lebendig hält, als Fackel für zukünftige Generationen u andere Kulturen, wird gezischt.
Ohne Herzensbildung ist Kultur nichts als dröhnendes Erz.
Eine dekorative Schicht für Bestialität u Stumpfsinn.
#16 Eklat in Köln: Linkklara 2016-03-02 23:59
#17 Eklat in Köln: mehr Mühe gebenIphigenie 2016-03-03 09:22
Hm....nein
Zunächst mal: Rüpeleien gehen nicht. Gar nicht. Punkt.
"Es gibt niemals einen Grund unfreundlich zu sein. Niemals. Auch dann nicht."
Wir sollten uns aber auch vor einer Arroganz des Bildungsbürgertums hüten.
Es wäre eine gute Idee gewesen die englischsprachigen Ausführungen zu übersetzen oder mit einer Übertitelung, wenn auch nicht wörtlich dann sinngemäß, eine Hilfe zu geben.
War es nicht immer Ziel von uns die Bildungsschranken zu überwinden und die Kunst jedermann zugänglich zu machen?
Das Publikum abzuholen und mit zu nehmen?
Dann müssen wir uns schon ein wenig mehr Mühe geben.
Die Gegenüberstellung von Alter und Neuer Musik an einem Abend ist eine gute Idee.
Esfahani ist ein exzellenter Musiker und hat uns sicherlich auch viel zu sagen.
Hier hätte der Veranstalter helfen können. Dem Publikum und Herrn Esfahani.
#18 Eklat in Köln: Gängelei des Hörerskeinemeckermail! 2016-03-03 10:12
Also ob bürgerliches Publikum oder nicht: wenn einer eine Variation von Bachs Geschenk Gottes an die Menschen spielt, hört man das. Man hört die Liebe und die Angst und die Seele und alles mit. Die Interpretation IST der Kommentar. Ganz gleich, ob das eine in London lebender, einst im Krieg geborener Iraner ist oder ein Marsmensch aus einer Weltgegend, die uns noch völlig nichtssagend erscheint. Es ist eine Gängelei des Hörers irgendwie, wenn er vorab instruiert wird, wie er die Seele des Interpreten via Bach auszulegen und zu empfinden hat. Vielleich benötigt er Reich-Nachhilfe um musikkünstlerische Kontinuitäten für sich erschließen zu können. Das ist dann aber intellektuelle, und keine Herzens-Nachhilfe. Knigge ist ja für alle Fälle da. D.h. für Umgangsformen ohne Vorab-Bedingungen an Herz und Seele. Das gilt für ALLE Beteiligten in einer Kommunikation. Von mir aus kann das Publikum mit Eiern schmeißen, wenn es für zu erwartenden Kunstgenuss bezahlt hat und erstmal Therapie bekommt, damit die Künstler ja nicht verletzt werden durch eine vergleichende Beurteilung ihrer Arbeit durch Publikum. Ich glaube nicht, dass Bach vor Erklingen seiner Messen in der Messe über sein Familienleben oder seine Herkunft oder seine musikalischenb Leidenschaften geplaudert hat- den Platz hat er dem unbekannten Schöpfer, der sich seiner, Bachs, bediente um den Menschen etwas zu schenken, überlassen... Auch eine nach-bedenkswerte Umgangsform. Und dieses Nachdenken hätte weder mit Deutschsein noch mit Vorbehalten gegen fremdländisch wirkende Musiker zu tun-
#19 Eklat in Köln: Übersetzung nötigHans Zisch 2016-03-03 10:51
@15: Schön, dass Sie so viele Fragen stellen. Die Antworten würden mich ebenfalls interessieren. Schade gleichwohl, dass sie so suggestiv zusammgestellt sind. Waren Sie anwesend? Können sie uns über die Gründe der Unruhe aufklären? Oder vermuten Sie nur?

Mit der Verharschung auf "Bestialität und Stumpfsinn" kommen wir leider nicht weiter. Es sei denn, wir wollten uns unserer Überlegenheit selbstvergewissern.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass jemand Musik liebt, Alte wie Neue, dass jemand Biografien - insbesondere in Kriegszusammenhängen - achtet, dass jemand eine/n Musiker/in bewundert und dass dennoch so jemand einem längeren und vermutungshalber relevanten Monolog in einer Fremdsprache mit dem Hinweis versieht, dass doch bitte in der Landessprache monologisiert oder wenigstens eine Übersetzung bereitgestellt werden soll. Das schließt sich keineswegs aus, wie Sie zumindest nahelegen. Aus einer gruppendynamischen Gemengelage dann derart zielstrebig zu schlussfolgern wie Sie es tun (u. a. "Ich glaube, der wahre Grund ist Angst ...") ist - gelinde formuliert - kühn bis nassforsch.

Wo war da der Veranstalter? Warum hat sich nicht akut jemand bereitgestellt zu übersetzen, zu vermitteln? Totalversagen! Es hätte der Beruhigung (und auch des Schutzes des Einzelnen gegenüber den Vielen) bedurft. Soweit ich erkennen kann, ist diesbezüglich nichts erfolgt.

By the way: Dem Ängstlichen seine Angst vorzuhalten führt üblicherweise nicht zur Bewältigung der Angst. Außer vielleicht auf dem Schulhof oder unter Substanzeinfluss.
#20 Eklat in Köln: Pöbeln als furchtbare ReaktionArbeiter 2016-03-03 11:53
An Rock- und Popkonzerten, Festivals etc., wird dauernd das Publikum auf Englisch angesprochen und keener hat ein Problem damit, keiner ruft "Sprechen Sie Deutsch!" Grundsätzlich ware dann auch zu erwarten, dass ein wohl eher gutbürgerliches Publikum mit dieser Sprache keine Probleme hätte, nicht? Der Unterschied war nur, es geht hier um die Gegenüberstellung von Alter und Neuer Musik, wenn die Leute nicht verstehen, was Gegenübergestellt wird und mit einer neuen Komposition einfach mal so konfrontiert werden, dann kann man eine Irritation erwarten. Schon eine konsekutive Übersetzung würde helfen, oder ein übersetzter Text im Programmzettel.
Was aber gar nicht geht ist die Reaktion darauf, Pöbeln, Rufe, Unterbrechungen...? Was soll das? Die Leute hätten auf der Stelle rausgeschmissen werden müssen. Hilfosigkeit der Veranstalter? Angst das Publikum zu verlieren?
#21 Eklat in Köln: Nachhilfeklara 2016-03-03 14:57
Mit anderen Worten, finden einige es in Ordnung, wie sich einige Zuseher benommen haben?
Der Veranstalter und der Musiker seien selber schuld, da sie mit dem Programm und mit Englisch provoziert hätten.
Gut, dem kann man nichts hinzufügen.

18

Ihre herablassende Kritik, befasst sich also mit der Art der Einführung des Künstlers. Technisch können Sie ihm nichts vorwerfen, also muß jetzt Ihre subjektive Empfindung über die Interpretation des Spielers, als Maßstab für die Berechtigung Herrn Esfahanis als Künstler herhalten.Er möge Nachhilfe bei Steve Reich nehmen.
Natürlich spielt die Herkunft eines Künstlers keine Rolle. Das schrieb ich ja!
Aber es ist so verlogen zu behaupten , daß die Deutschen so weltoffen seien, daß dies nie und nimmer eine Rolle spielen würde.
Halten Sie mich bitte nicht zum Idioten.Gerade für viele Deutsche spielt doch die Herkunft, Rasse etc eine sehr wichtige Rolle. Hier auf einmal nicht? Dieser ganze Esoterikgeschwurbel getaufter, abergläubischer germanischer Heiden, eines Waldorfschulgründers (Rudolf Steiner), der von Wurzelrassen spricht, dem Zuschreiben von Charaktereigenschaften je nach Phenotyp, bis hin zur Sarrazinschen pseudowissenschaftlichen Eugenik.
Ja, das ist polemisch von mir.

Die Herkunft sollte keine Rolle spielen. Es ist aber zynisch zu behaupten, daß sie es nicht tut.
Ich habe Hochachtung für so einen Menschen, der weit mehr Hindernisse zu bewältigen hatte, als sich einer der pöbelnden Zuseher vorstellen kann. Man könnte meinen, die Zuseher wären gefoltert worden. (...)
19
Wovor haben diese Menschen so furchtbar Angst?
Haben auf der Schwierigkeitsskala des Lebens, den Idiotenhügel erwischt. Wie ein dickes, verwöhntes Kind, das eine Schramme am Daumen hat, einen Tobsuchtsanfall bekommt, wenn ein anderes Kind kurz Aufmerksamkeit bekommt, weil er von einer Lawine angespült wurde.
Dass das Kölner Publikum kein Englisch spricht, können Sie Ihrer Tante Frieda weismachen. Auf der ganzen Welt werden Konzerte in englischer Sprache eingeführt. Das als Begründung und Rechtfertigung für dieses Benehmen zu verwenden, ist nicht sehr aufrichtig und unwürdig. Man hätte in Ruhe aufstehen u gehen können.
18
Herr Esfahani hat auch nicht seine Lebensgeschichte mit dem Publikum geteilt, wie Sie so verächtlich tun. Er braucht auch keine Therapie. Sein künstlerischer Werdegang hängt zum Glück nicht von der Gnade des deutschen Publikums ab. Er hat Klasse u Eleganz bewiesen, als er diesen Vorfall mit Gelassenheit u Humor nahm. Er wird nach London zurückkehren u diesen Vorfall, als lustige Anekdote in Erinnerung behalten.
Auf die Zuseher in Köln wirft es das grelle Licht einer verpassten Chance : sich offen u vornehm, ohne Vorverurteilung, in eine unbekannte, unvertraute künstlerische Dimension einzulassen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe die Deutsche Kultur, vor allem die Musik, und ihre Menschen. Eine Handvoll Kretins wird dem kein Abbruch tun.
Kunst unterliegt dem Wandel. Sie lebt und wächst mit den Menschen, die sie ausüben. Shakespeare würde heute auch anders inszenieren als damals. Mozart, der Rebell, anders komponieren.

Wenn Englisch schon so ein Problem ist, wie wird es erst sein, wenn die Chinesen das neue Imperium bilden?

Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, das chinesische Zuseher einen anblaffen, man solle gefälligst Mandarin sprechen!
#22 Eklat in Köln: Geduldsfaden gerissen18192021 2016-03-03 18:41
Ja, weil Sie kein Mandarin verstünden und ja nicht direkt wüssten, was die Chinesen sagten! Vor allem nicht, wenn die dabei nicht einmal unfreundlich aussehen oder laut werden! Ich habe nie gesagt, dass der Cembalist eine Therapie braucht, sondern dass das Publikum behandelt wird, als bräuchte es eine und auch noch für diese ihm entgegengebrachte Haltung bezahlt. Und ich deshalb in gewisser Weise sein Benehmen nicht gutheißen, aber nachvollziehen kann. Auch habe ich nie behauptet, dass Herr Esfahani Reich-Nachhilfe bräuchte und ich bezweifle, dass er den Vorfall jetzt oder später mit Humor durch sein weiteres Leben trägt. Weil ich Musiker kenne, die bei weitaus irrelevanteren Konzertunterbrechungen noch nach vielen Jahren deren Ursachen entweder verheldet haben ODER immer noch peinlichst davon berührt sind... Ehe daraus eine lustige Anekdote geworden ist, müssen sehr viele grandiose Konzerterlebnisse folgen, die ich diesem Cembalisten wirklich wünsche. Und klügere Veranstalter. Und mehr Vertrauen in seine eigene, universell wahrnehmbare Kunst, die doch keiner Selbst-Einführung bedarf. Vielleicht ist es auch besser, hinterher mit dem Publikum - in welcher Sprache immer - zu plaudern. Zwischen Vortragsende und Zugabe etwa... Vielleicht ist dem Kölner Publikum ein bereits lange überspannter Geduldsfaden gerissen? Und vielleicht sind auch reinrassige Rassisten in ihm gesessen. Wer will das beweisen? Die haben sich doch selbst disqualifiziert innerhalb des Publikums, das eben zuhören wollte und nicht in einen Zusammenhang gebracht werden möchte mit den Pöblern. Aus BEIDEM entsteht ein großer Schaden für Saal, Veranstalter und Stadt. Wer nicht in einen Topf mit den Pöblern geschmissen werden will, wird sein Abo kündigen... Bach übersteht das allerdings alles. Und auch Steve Reich übrigens. Das ist doch nachdenkenswert. Mozart wäre kein Rebell, würde er heute adäquat seines einstigen Könnens innerhalb seiner Zeit, komponieren, wenn er vor der Darbietung seiner Kompositionen über sie vor dem Publikum REDEN wollen würde.
#23 Eklat in Köln: scheinbar richtige SeiteHans Zisch 2016-03-03 22:07
@21: Vermutend, dass sie sich unter "19" auf meinen früheren Kommentar beziehen, möchte ich antworten, dass Ihre Unterstellungen in Bezug auf das Publikum haltlos bis unverschämt sind. Ihre Überheblichkeit diesbezüglich diskreditiert leider Ihre Anmerkungen bis auf Widerruf oder Nachweis des Behaupteten.

Ob ich es in Ordnung finde, wie sich dem Vernehmen nach einige(!) Zuschauer verhalten haben, kann ich schlicht nicht sagen. Empfehle dazu meinen Kommentar #1. Ich kann mir sowohl sehr popelige und verwerfliche und rückständige als auch sehr gut begründbare, mehrheitsfähige Motivationen dazu vorstellen; und auch Mischungen daraus. Aber hier digital zu verurteilen zeugt eben nicht von einer nötigen Gedankentiefe/Geduld und führt eher zur Selbstvergewisserung auf der "richtigen" Seite zu stehen als dazu, gesellschaftliche Phänomene (wenn dieses Ereignis einen solchen Abstraktionsschritt zulässt) zu verstehen und ihnen *versöhnend*, *konstruktiv*, *aufklärerisch*, *empathisch* zu begegnen.

Würden Sie Ihr (gedanklich angenommenes) "dickes, verwöhntes, tobsüchtiges Kind" auch an meine (gedanklich anzunehmende) "Tante Frida" verweisen? Oder hätten Sie nicht den Anspruch, diesen Menschen mit der Schramme ernst zu nehmen und mit ihm einen Weg zu gehen, an dem die Tobsucht nach und nach in Einfühlung/Selbstkontrolle/Bewusstsein übergeht?

Ich jedenfalls nehme bestimmte Ängste ernst (ergo, begegne Ihnen mit Nachsicht, versuche Gedanken anzuregen) anstatt ihnen zu spotten. Wollen Sie mir folgen, klara?
#24 Eklat in Köln: ganze Welt?Hans Zisch 2016-03-03 22:09
By the way: Welche Prämisse steckt eigentlich hinter "in der ganzen Welt"? Glauben Sie mir, ich habe schon viele schöne Konzerte erlebt, in denen der Veranstalter auf die Bedürfnisse des Publikums (Kinder, Schwerhörige, Eseilighabende, Desenglischennichtmächtige, ...) vorausschauend Rücksicht genommen haben. Auf der ganzen Welt.
#25 Eklat in Köln: Versorgung 1. Klasseklara 2016-03-03 23:51
22

Ich habe Sie bezüglich Reich Nachhilfe mißverstanden.Verzeihen Sie.
Geduldsfaden hin o her, macht es das Verhalten nicht besser u auch nicht ungeschehen.Aber gut,es ist nicht tragisch.

24

Ich verurteile das Verhalten, das eine Momentaufnahme ist. Keinesfalls die Menschen.
Ich versuche jeden Menschen ernst zu nehmen und seine Ängste. Allerdings nehmen sich diese Menschen selbst schon so ernst, daß kein Platz mehr für meine Anteilnahme ist.Für Sie scheint es viel wichtiger zu sein, wie sich die pöbelnden Zuseher fühlen. Ob sie nicht mißverstanden sind,bevormundet wurden,überrollt wurden etc, daß die Position des Gastkünstlers völlig nebensächlich wird.Völlig egal mit welchen Eindrücken er von diesem Vorfall erzählen wird.
Und nein, ich denke nicht in Seiten, geschweige denn, daß ich mich überlegen fühle.
Wir leben in einer Welt, in der die "verwöhnten,dicken Kinder mit Schramme" ohnehin Versorgung 1. Klasse bekommen. Alles dreht sich um sie u ihre Ängste u Wehwehchen. Manchmal kann man mit Humor oder Spott mehr erreichen, um die Dinge in Perspektive zu rücken.
Sollten sie zu zerbrechlich sein, bitte ich ebenfalls um Verzeihung. Solche Menschen sind vielleicht Hindernisse, wie ein Herr Esfahani nicht gewohnt u leicht beleidigt.
Folgen möchte ich Ihnen gerne.Möchten Sie auch versuchen, meine Position nachzuempfinden?

Aus der Distanz betrachtet, entbehrt dieser Vorfall nicht einer gewissen Ironie. Den Ayatollahs im Iran hätte der Abbruch dieses Konzerts "entarteter" Musik, aus anderen Gründen, vermutlich gefallen.

Es ist durchaus üblich , daß internationale Künstler, der Einfachheit wegen, Englisch sprechen. Es handelt sich dabei nicht um Dissertationen, wie 18 behauptet, sondern nur um die steife Schranke zwischen Musiker u Publikum aufzulockern, mit ein paar Worten
#26 Eklat in Köln: VerwirrungInga 2016-03-04 10:45
@ klara: "Arbeitet in London und hat eine große Leidenschaft namens Bach. Wäre er in Deutschland aufgewachsen, wäre er wohl höchstens Taxifahrer,Teppichverkäufer oder Arzt geworden." Wie meinen Sie das? Ist das die Parodie einer rassistischen Haltung gegenüber Menschen anderer Herkunft, welche angeblich eh "alle nichts gelernt" haben und dumm seien? Nein, oder? Da passt dann ja der Arzt nicht rein. Oder sind Ärzte am Ende auch dumm? Sind nur Künstler und/oder Intellektuelle wirklich intelligent? Sind nicht auch Arbeiter intelligent? Worum geht's Ihnen? Ich bin verwirrt.

Davon abgesehen, klingt hier in meiner Wahrnehmung vieles ziemlich absurd. Es geht einerseits um MUSIK - ja, und die kann man tatsächlich nicht interpretieren, siehe Susan Sontags "Against interpretation". Andererseits geht's um Menschen, die kein Englisch verstehen, auch, wenn sie gebildet sind (hä, hängt das denn zusammen?). Und wenn sie kein Englisch verstehen, dann sind sie gleich paranoide AfDler, die die deutsche Sprache am Verschwinden sehen? Wie passt das "dicke, verwöhnte Kind" da rein? Sind Dicke etwa schlechtere Menschen? Und was sollen die dicken Kühe auf der Weide dazu sagen?

Was ich allerfings am Ende auch nicht verstehe, ist, warum Zuhörer bei alldem dann gleich "pöbeln" müssen, was im Übrigen etwas anderes als stören ist.

Ach, waren das noch Zeiten, als John Cage die Stille tönen lassen wollte und dabei zugleich das Publikum inszeniert hat! Auch in und mit seinen Störgeräuschen.
#27 Eklat in Köln: AngemessenheitSascha Krieger 2016-03-04 10:48
Herr Zisch, verstehe ich Sie richtig, dass Sie sich Situationen vorstellen können, in denen Sie das berichtete Verhalten für angemessen halten?
#28 Eklat in Köln: nochmal lesenHans Zisch 2016-03-04 16:14
@27: Empfehle dazu Absatz 2 meines Kommentars #23 noch einmal zu lesen. Und falls Sie mögen Absatz 2 meines Kommentars #1.
#29 Eklat in Köln: um eine Kuhglocke gewettet klara 2016-03-05 12:21
Liebe Inga,

Das Allerwichtigste gleich vorneweg:

1.Dicke Kühe auf der Weide haben meine allergrößte Sympathie. Vor allem die ganz dicken.Wenn ich könnte, würde ich jede einzeln umarmen.
2.Nein, dicke Menschen sind keine schlechten Menschen.
3.Ja, man kann gebildet und des Englischen nicht mächtig sein.
(Es ist dennoch keine Entschuldigung für so ein Verhalten)
4.Es handelte sich nicht um eine Störung, sondern um ein so heftiges "Stören", daß das Konzert abgebrochen werden mußte.
5. Vielleicht kann man in Zukunft, das Verhalten des Publikums wie in Köln, bei dem nächsten Bach/Reich-Konzert mitinszenieren.
Warum eigentlich nicht?
6.Ich habe bewußt die Berufsklischees von Auslandsiranern in Deutschland gewählt.Ein Arbeiter ist kein dummer o minderer Mensch, als ein Akademiker.Nach solchen Kriterien bewerte ich gar nicht.
Oft sind Arbeiter gebildetere und feinere Menschen, als sogenannte Intellektuelle.Es gibt auch genug Taxifahrer in Deutschland, deren abgeschlossene Studien nicht anerkannt werden.Teppichverkäufer sind eigentlich Kunsthändler.Es gibt sehr wertvolle, antike Stücke darunter. Ein Teppichhändler verdient oft weitaus mehr, als ein Arzt. ich habe diese Berufe nicht genannt, um mich lustig zu machen.
Es ist auch nichts an irgendeinem Beruf auszusetzen. Es ist nur schön, wenn jemand seine wahre Leidenschaft zum Beruf wählen kann. Dass Herr Esfahani davon träumte Cembalist zu sein und es in die Tat umsetzen konnte.Wenn er davon träumte Rauchfangkehrer zu sein und dies ausüben könnte, wäre das auch großartig.
Klischees sind mentale Gefängnisse.Wir sind bewußt o unbewußt alle davon betroffen.Wieviele, mit leichteren Startbedingungen, als Herr Esfahani, limitieren sich nicht von Anfang an? Ich bezweifle,daß Herr Esfahani an eine Musikhochschule in Deutschland aufgenommen worden wäre.Er hätte den einfacheren Weg gewählt u wäre vielleicht Immobilienmakler geworden.
Natürlich sind nicht alle Deutsche Rassisten. Aber versuchen Sie ein Experiment: Lassen Sie sich von einem guten Maskenbildner zu einem Schwarzen,Türken,etc verwandeln. Oder binden Sie sich ein Kopftuch um. Halten Sie das eine Woche durch.Wenn Sie nicht anders behandelt werden als sonst, dann werde ich ein Liebesgedicht an die Deutschen schreiben u mit einer Kuhglocke um den Hals einmal um den Kölner Dom laufen.

Ich hoffe etwas zur Entwirrung beigetragen zu haben,

klara
#30 Eklat in Köln: Ausbildungnüchtern 2016-03-05 15:41
Um an einer deutschen Musikhochschule heute aufgenommen zu werden, muss man folgendes tun: 1. man muss ein romantisches und ein klassisches Konzert sehr reißerisch, technisch perfekt und in schnellstmöglichem Tempo spielen können und eine Sonate so gefühlig wie möglich, gleich von wem komponiert. Technische Perfektion in Form von Etüden- oder komplizierten Tonleiterläufen ist nicht nötig. 2. Man muss sehr gut, möglichst telegen aussehen und man muss 3. über genügend finazielle Ressourcen verfügen, um bereits in den Hochschul/Klassenklang ein hochklassiges Instrument einzubringen.
4. muss das alles innerhalb von 3 - 5 Minuten feststellbar sein beim Bewerbungsvorspiel. Länger dauert es nämlich offenbar nicht mehr. Da an den großen Hochschule ungefähr 200 bis 300 Bewerber aus aller Welt auf einen Bachalor-Studienplatz kommen. Das führt dazu, dass nicht mehr Repertoire in der Studienvorbereitung angesammelt wird, sondern DAS Tschaikowski-Konzert, DER Mozart oder genau die Bach-Sarabande aus DEM Bach geübt wird, bis genau das perfekt klingt, dass allgemeine Technik-Übungen so vernachlässigt werden, dass die instrumentale Allgemeinfertigkeit krankt und die jungen Leute sich mehr damit beschäftigen, wie sie am telegensten rüberkommen könnten, wenn sie automatenhaft Einstudiertes in drei Minuten überzeugend leidenschaftlich musikantisch packen, als mit Bach, Mozart oder Penderecki zum Beispiel. Im Prinzip hätte auch jeder Iraner, Iraker genau so eine Chance wie jeder Chinese, Koreaner oder Russe z.B. Er muss nur die Punkte 1-3 erfüllen und hätte bei Punkt zwei einen Bonus für Exotik. Die Deutschen müssen im Moment nur noch besonders schön aussehen, um die Exotik zu toppen.
#31 Eklat in Köln: ich habe nicht verstanden ...Inga 2016-03-06 20:40
@ klara: Ja, eben darauf wollte ich doch hinaus. Ob nun Künstler, Intellektueller, Wissenschaftler, Akademiker, Angesteller, Arbeiter, selbständiger Gewerbetreibender usw. Es gibt keinen besseren oder schlechteren Beruf von Menschen. Selbst Ungelernte (da müsste man dann die Gründe erfragen) sind natürlich und ohne Frage Menschen (entschuldigung, wenn das hier jetzt etwas absurd klingt), die ein Recht auf einen humanistischen Umgang haben.

Ich habe bloß tatsächlich nicht verstanden, warum Sie meinen, dass Herr Esfahani in London als Musiker erfolgreich sein kann, in Deutschland aber nicht. Warum sollte er in Deutschland eher Immobilienmakler werden? Ich würde mich freuen, wenn Sie mir das bitte auch noch erklären könnten.
#32 Eklat in Köln: destruktive Klischeesklara 2016-03-06 22:40
Liebe Inga,

London ist weltoffener. In weltoffenen Städten wird man auch als Angehöriger einer Minderheit, erst mal als Mensch, als Individuum angesehen.In Deutschland machen Menschen ,die anders aussehen, oft die Erfahrung, entweder wie ein Maskottchen verniedlicht oder als Bedrohung wahrgenommen zu werden.So eine Haltung geht oft einher mit Klischees: die "Kanaken",der"feurige"Italiener,der "temperamentvolle"Spanier,der "rückständige" Araber.etc... Sarrazin hat in seinem Buch den Türken unterstellt geistig "wertloser" zu sein. In New York gehört die türkische Community zu den erfolgreichsten und progressivsten. Nun kann man sagen, es handle sich um "andere" Türken. Ich persönlich bin der Meinung, daß es sehr viel damit zu tun hat, wie man auf Menschen, die zu einem kommen, zugeht.Mit welcher Haltung.(Idioten gibt es natürlich überall)
Solche Klischees sind sehr destruktiv und wirken wie ein Gift, wenn sie von den Betroffenen internalisiert u so zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.
Wäre Herr Esfahani in Deutschland aufgewachsen, hätte er mit diesen Klischees klarkommen müssen. Man hätte ihn nicht ernst genommen, mit seinem Wunsch Cembalospieler zu sein. Vielleicht bin ich auch zu pessimistisch u tue den Deutschen Unrecht. Aber ich erinnere mich an ein Interview mit der Deutsch-iranischen Schauspielerin Pegah Ferydoni, die an keiner staatlichen Schauspielschule aufgenommen wurde. Die Schauspielschulen hätten Angst, zuviele Migranten auszubilden, da es für sie ohnehin kaum Rollen gebe am Theater o im Film. In England ist es nichts Aussergewöhnliches schwarze Schauspieler in Shakespearestücken zu besetzen.(Nein, nicht nur Othello)
Gehen Sie die Wette mit mir ein, leben Sie ein paar Tage als "Außenseiter".Es ist eine Sache etwas rational zu verstehen, eine andere sie zu durchleben.
#33 Eklat in Köln: wie Klischees entstehenInga 2016-03-07 15:03
@ klara: Dass ein Mensch anderen Aussehens wie ein Maskottchen verniedlicht (gilt das dann auch für den Film "Momo"?) oder aber als Bedrohung wahrgenommen wird, die Argumentation kann ich nachvollziehen. Aber warum gleich verbunden mit dem Wort "Aussenseiter"? Kann z.B. ich als Frau nicht auch einerseits als Maskottchen oder andererseits als Bedrohung wahrgenommen werden? Klar, das ist sicher nochmal etwas anderes als das, was Herrn Esfahani hier widerfahren ist. Aber Klischees gibt's natürlich nicht nur in Bezug auf das Thema Menschen anderer Herkunft.

Ich bin mir ausserdem auch gar nicht sicher, ob es hier wirklich um Herrn Esfahani "als Aussenseiter"(?) geht bzw. die Tatsache, dass er aus dem Iran kommt oder nicht eher um Menschen, die ihre eigene (Englisch-)"Ungebildetheit" auf das Englischssprechen des Musikers und darüber auf den ganzen Menschen projiziert haben. Ich kann Ihre Sicht auf jeden Fall verstehen, und frage mich nun, wie Klischees eigentlich entstehen. Entspringen sie allein dem Kopf eines oder mehrerer Menschen, sind es immer nur Projektionen oder sind diese nicht zugleich verbunden mit realen Erscheinungen von Menschen? Ich weiss, das klingt jetzt richtig problematisch, aber ist ein Klischee immer nur Lüge oder steckt da in Einzelfällen auch ein Fünkchen Wahrheit mit drin? Was also letztlich heissen würde, dass man tatsächlich immer im Hinblick auf das einzelne Individuum differenzieren muss.
#34 Eklat in Köln: Klischee ist nicht gleich LügeKlischeeklischee 2016-03-07 17:38
Ein Klischee ist nie eine komplette Lüge. Das macht Klischees so interessant. Sie sind dafür da, dass sie uns irgendwie ärgern und nicht loslassen. Weil uns allein dies zum wahren Kern des Klischees, und damit zur differenzierten Sicht der Dinge, die wir wahrnehmen, führt.
Ich mag Klischees deshalb voll.
#35 Eklat in Köln: der 10. Sudaneseklara 2016-03-07 17:49
Liebe Inga,

Alle Menschen sind von Klischees betroffen. Und es gibt viele Überschneidungen. Herr Esfahani, ist trotz des Verlustes seiner Heimat, ein sehr privilegierter Mensch. Privilegierter, als ein prekär arbeitender Deutscher, zbp. Man kann privilegiert u ein Aussenseiter sein.Die Grenzen sind fließend u nicht statisch. Es geht mir auch nicht um ein Aufwiegen gegeneinander.
Sie wollen andeuten, daß die Menschen, gegenüber die man Vorurteile hegt, selber schuld seien an diesen Vorurteilen.Man kann aber,zbp, den Juden nicht schuld am Antisemitismus geben.
Damit hören Menschen auf Individuen zu sein und werden nur als Teil einer Gruppe, eines Problems angesehen. Sobald man aufhört, einem Menschen,als Individuum, zu begegnen,entmenschlicht man ihn. Sie wollen ja auch, als einzigartiger Mensch wahrgenommen und nicht mit Eva Braun in einem Topf geworfen werden, nicht wahr?
Wie Klischees entstehen, ist eine sehr komplexe u sehr gute Frage, mit der sich einige viel besser qualifizierte Wissenschafter/innen auseinandergesetzt haben. Es gibt auch ausgezeichnete Bücher zu diesem Thema. Verzeihen Sie mir, wenn ich mich ausserstande sehe dieser Frage, in einem vom Platz limitierten Thread, Genüge zu tun.
Nehmen wir mal an,9 Sudanesen wären unfreundlich zu mir. Die gewöhnliche Reaktion wäre, daß ich zum 10 meinerseits unfreundlich bin, aufgrund meiner Erfahrungen.Dennoch liegt es in meiner Verantwortung, dem 10 eine Chance zu geben. Wenn nicht, entstehen Teufelskreise. Was kann der 10, der wahrscheinlich ein freundlicher Zeitgenosse ist, für die vorherigen 9?
Oft werden Minderheiten nur als Klischees abgebildet o besprochen. Das sieht man vor allem bei Kriegspropaganda. Sehen Sie sich die Dokumentation "Reel Bad Arabs" an. Der auserkorene Feind wird nur mehr als Karikatur wahrgenommen. Sich selber sieht man in komplexen, vielschichtigen Nuancen. Wenn Sie jemanden lieben, werden Sie nach u nach mehr von ihm kennenlernen u erkennen. Dinge die für andere unsichtbar sind, sehen.
Mit anderen Worten, behandeln Sie andere Menschen so, wie Sie von Ihnen behandelt werden wollen.
Und sollten Sie schlecht behandelt werden, so gebe ich Ihnen ein jüdisches Sprichwort mit auf dem Weg: "Es ist besser Unrecht zu erleiden, als selber Unrecht zu tun."
#36 Eklat in Köln: Klischee und VorurteilInga 2016-03-07 22:47
@ klara: Nein, das wollte ich damit nicht andeuten. Dass, wie Sie schreiben, "die Menschen, gegenüber die man Vorurteile hegt, selber schuld seien an diesen Vorurteilen". Das wäre ja Quatsch! Na ja, oder auch nicht. Ich meine, Juden geht's doch echt immer nur ums Geld, hihi, oh entschuldigung, stimmt denn das? Nein, ich frage mich, was ein Klischee ist. Und was ein Klischee somit auch gegenüber einem Vorurteil abgrenzt. Ich muss dazu keinen Wissenschaftler bemühen, ich versuch's selbst mal. Ein Vorurteil hat jemand, ohne sich darüber nochmal Gedanken zu machen. Ein Vorurteil ist eine stereotype Sicht auf Menschen einer Gruppe. Ein Klischee dagegen fasst Menschen in eine Gruppe zusammen, die da aber möglicherweise eben doch nicht alle reingehören. Ja, ein Klischee regt vielleicht auch erst zum Nachdenken über solche Fragen an! Und ist oft sogar AUCH liebevoll gemeint, jedenfalls nicht allein mit Hass erfüllt, schauen Sie sich z.B. mal die Comics von OL ("Die Mütter vom Kollwitzpatz") an. Ein Klischee kann man auch mit Humor formulieren und so grotesk übertreiben, dass ersichtlich wird, dass in Einzelfällen einerseits was dran und andererseits eben nichts dran ist. Humor ist also eine wesentliche Fähigkeit und Notwendigkeit, mit Klischees umzugehen, ja, diese erst als Klischees zu erkennen und als solche zu hinterfragen.

Das ist schön gesagt, werden Sie jetzt einwenden, aber was soll das, die Opfer sollen Humor entwickeln? Ja, schwierig, das empfinde ich auch erstmal so. Aber dann fällt mir ein, selbst Tabori hat das so formuliert, dass nur ein Jude Witze über Juden machen dürfe.

Wie Sie hier nun darauf kommen, dass ich mit Eva Braun in einen Topf geworfen werde, das verstehe ich allerdings nicht so ganz. Das müssten Sie mir bitte auch nochmal erklären. Nur, weil ich deutscher Herkunft bin, bin ich nun wirklich noch lange nicht Eva Braun. Sie scherzen wohl. Und das finde ich übrigens auch sehr lustig.

Sie geben da übrigens ein gutes Beispiel mit dem/den Sudanesen. Ich würde dazu aber fragen wollen, ist das jetzt ein Problem, weil die von Ihnen so bezeichneten Menschen aus dem Sudan kommen oder entsteht das Problem nicht vielmehr daraus, für mich entstehen alle Probleme zwischen Menschen vor allem daraus, WIE sie sich (gegenseitig) behandeln? Für mich ist es total egal, woher jemand kommt, entscheidend ist, ob er mich gut oder schlecht behandelt. Bei Letzterem geht es vor allem um (gebrochenes) Vertrauen.
#37 Eklat in Köln: subjektives VertrauenDDummie 2016-03-08 15:19
Die Sache mit dem (gebrochenen) Vertrauen, weswegen man sich schlecht behandelt fühlt: Was ist nun, wenn der andere, der einen also "schlecht" behandelt, gar nicht genau wissen kann, wieviel Vertrauen genau ihm entgegengebracht war und deshalb gar kein Empfinden dafür haben kann, ob er es nun bricht mit seinem Verhalten, mit dem er mich "behandelt" oder nicht???
#38 Eklat in Köln: EinfühlungsvermögenInga 2016-03-08 22:06
@ DDummie: Vielleicht könnten Sie das weniger abstrakt und in der Ich-Form (anstatt "man", "der eine" und "der andere" zu verwenden) formulieren? Anders gefragt: Ich verstehe nicht so Recht, welche Rolle Sie in dieser Sache einnehmen.

Davon abgesehen, ist dieser Mensch dann wohl nicht feinfühlig genug. Sowas weiss man nicht, sowas spürt man, wenn man ein wenig Einfühlungsvermögen besitzt.
#39 Eklat in Köln: Wann feinfühlig genug?DDummie 2016-03-09 09:39
Ja, ja, verehrte Inga, das sehe ich alles ein. Die Frage, die ich versuche ganz un-abstrakt zu stellen, lautet: Wann ist jemand - also ganz allgemein, Sie scheinen das definieren zu können - feinfühlig "genug" für einen anderen? Gibt es da einen Maßstab für Genügsamkeit?
Meine Rolle ist die des Fragenden. Menschen. Es tut mir leid, wenn Sie da sich in Unklarheit befanden, was mich in der Sache betrifft. Wenn ich mich schlecht behandelt fühle, das kam in der Vergangenheit sehr häufig, heute seltener, vor, dann frage ich mich eben, ob ich so a) wirklich definitiv schlecht behandelt worden bin, b) wenn ja, in welcher Weise konkret und wenn wenn ich c) die nicht benennen kann, ob ich mich eventuell nur schlecht behandelt fühle, weil der andere gar nicht weiß, wie viel konkretes Vertrauen ich ihm eigentlich in einer Sache entgegengebracht habe. Weshalb er auch nicht wissen kann, ob er es brechen könnte durch sein Verhalten oder nicht. Ich gebe zu, dass sich andere Menschen weniger Gedanken darum machen könnten, weshalb konkret ihnen das Verhalten anderer wehtut.
#40 Eklat in Köln: ErklärungInga 2016-03-09 10:47
@ DDummmie: Was meinen Sie mit "Genügsamkeit"? Feinfühligkeit ist immer ein Zusammenspiel zwischen zwei sich ihrer selbst und des anderen bewussten Menschen. Das schließt auch ein, dass man einander in unklaren Situationen nicht ausnutzt.

Kommentar schreiben