Schutzbefohlene spielen "Schutzbefohlene"

Wien, 15. April 2016. Am Donnerstagabend kam es während einer Aufführung von Elfriede Jelineks Geflüchteten-Stück "Die Schutzbefohlenen" im Audimax der Uni Wien zu einer Störaktion. Die Darsteller*innen der Inszenierung von Tina Leisch waren Schutzsuchende aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Bei der gut siebenminütigen Störaktion hätten 20 bis 30 Männer die Bühne gestürmt und dort eine Fahne der rechtsextremen "Identitären Bewegung" sowie ein Transparent mit der Aufschrift "Heuchler! Unser Widerstand gegen eure Dekadenz" entrollt. Das melden u.a. die Wiener Zeitungen Standard und Presse. Nach Angaben der Polizei wurden dabei auch Flugblätter mit der Überschrift "Multikulti tötet" ins Publikum geworfen sowie mit Kunstblut gespritzt. Die Studentenvertretung ÖH Uni Wien, die zu der im Anschluss fortgesetzten Theateraufführung geladen hatte, spricht in ihrer Presseaussendung bzw. einem Facebook-Post von 50 Männern und von der Anwesenheit des Wiener Identitären-Obmanns Martin Sellner. Unter den Performenden haben sich laut ÖH Uni Wien auch Kinder befunden.

Teilen des Publikums im voll besetzten Audimax (ca. 700 Plätze) sei es schließlich nach einem Handgemenge gelungen, die rechtsextremen Störer hinauszudrängen, so der Standard. Bevor die Vorstellung fortgesetzt wurde, zerschnitt man als symbolische Geste die von den Identitären mitgebrachte Flagge, schreibt die Presse. Die Polizei, die erst nach dem Ende der Aktion im Audimax eintraf, sucht nun nach den Tätern, erste Verdächtige seien identifiziert. Es werde Anzeige wegen Körperverletzung in acht Fällen erstattet. Die Identitäre Bewegung Österreich postete das Flugblatt auch auf Twitter und verlautbarte dort, die Aktion habe sich "gegen die Heuchler im Publikum nicht gegen ihre 'Schutzbefohlenen'" gerichtet.

Am Freitag Vormittag reagierten der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Gründe), indem sie das Ensemble der "Schutzbefohlenen" zu einer Aufführung im Wiener Rathaus einluden. "Der Wiener Weg ist ein Weg der Gemeinsamkeit und der Integration. Wir werden uns als Stadt nicht auseinanderdividieren lassen – schon gar nicht durch solche Aktionen", so Häupl laut Pressemitteilung.

Die von dem Künstler*innen-Kollektiv "Die schweigende Mehrheit sagt JA" angestoßene Inszenierung wird, so die Presse, seit September an verschiedenen Orten aufgeführt und wurde bei der Nestroy-Preisverleihung 2015 mit einem Spezialpreis geehrt.

(Der Standard / Die Presse / ots.at / Österreichische Hochschüler_innenschaft Uni Wien / ape)

 

Mehr zum Thema: Regisseurin Tina Leisch hat der Süddeutschen Zeitung erzählt, wie sie den Abend erlebte. "Eine Frau aus Syrien sagte, sie hätte die ganze Zeit nur Angst gehabt, dass die Männer jetzt gleich Waffen ziehen und um sich schießen." Hier der Link zum Interview.

 

Schutzbefohlene spielen "Schutzbefohlene"

Wien, 15. April 2016. Am Donnerstagabend kam es während einer Aufführung von Elfriede Jelineks Geflüchteten-Stück "Die Schutzbefohlenen" im Audimax der Uni Wien zu einer Störaktion. Die Darsteller*innen der Inszenierung von Tina Leisch waren Schutzsuchende aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Bei der gut siebenminütigen Störaktion hätten 20 bis 30 Männer die Bühne gestürmt und dort eine Fahne der rechtsextremen "Identitären Bewegung" sowie ein Transparent mit der Aufschrift "Heuchler! Unser Widerstand gegen eure Dekadenz" entrollt. Das melden u.a. die Wiener Zeitungen Standard und Presse. Nach Angaben der Polizei wurden dabei auch Flugblätter mit der Überschrift "Multikulti tötet" ins Publikum geworfen sowie mit Kunstblut gespritzt. Die Studentenvertretung ÖH Uni Wien, die zu der im Anschluss fortgesetzten Theateraufführung geladen hatte, spricht in ihrer Presseaussendung bzw. einem Facebook-Post von 50 Männern und von der Anwesenheit des Wiener Identitären-Obmanns Martin Sellner. Unter den Performenden haben sich laut ÖH Uni Wien auch Kinder befunden.

Teilen des Publikums im voll besetzten Audimax (ca. 700 Plätze) sei es schließlich nach einem Handgemenge gelungen, die rechtsextremen Störer hinauszudrängen, so der Standard. Bevor die Vorstellung fortgesetzt wurde, zerschnitt man als symbolische Geste die von den Identitären mitgebrachte Flagge, schreibt die Presse. Die Polizei, die erst nach dem Ende der Aktion im Audimax eintraf, sucht nun nach den Tätern, erste Verdächtige seien identifiziert. Es werde Anzeige wegen Körperverletzung in acht Fällen erstattet. Die Identitäre Bewegung Österreich postete das Flugblatt auch auf Twitter und verlautbarte dort, die Aktion habe sich "gegen die Heuchler im Publikum nicht gegen ihre 'Schutzbefohlenen'" gerichtet.

Am Freitag Vormittag reagierten der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Gründe), indem sie das Ensemble der "Schutzbefohlenen" zu einer Aufführung im Wiener Rathaus einluden. "Der Wiener Weg ist ein Weg der Gemeinsamkeit und der Integration. Wir werden uns als Stadt nicht auseinanderdividieren lassen – schon gar nicht durch solche Aktionen", so Häupl laut Pressemitteilung.

Die von dem Künstler*innen-Kollektiv "Die schweigende Mehrheit sagt JA" angestoßene Inszenierung wird, so die Presse, seit September an verschiedenen Orten aufgeführt und wurde bei der Nestroy-Preisverleihung 2015 mit einem Spezialpreis geehrt.

(Der Standard / Die Presse / ots.at / Österreichische Hochschüler_innenschaft Uni Wien / ape)

 

Mehr zum Thema: Regisseurin Tina Leisch hat der Süddeutschen Zeitung erzählt, wie sie den Abend erlebte. "Eine Frau aus Syrien sagte, sie hätte die ganze Zeit nur Angst gehabt, dass die Männer jetzt gleich Waffen ziehen und um sich schießen." Hier der Link zum Interview.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 "Schutzbefohlene" von rechts gestört: ohne TortenwurfUlrich Heinse 2016-04-15 13:07
Schade, dass die Identitären keine Torte geworfen haben, dann würden die sich jetzt anschliessenden Diskussionen interessanter. (Sorry, ich provoziere gern).
#2 "Schutzbefohlene" von rechts gestört: provoziertIsandrete 2016-04-15 15:43
Weil es für welchen Diskurs auch immer bereichernd wäre, das Werfen einer Torte auf eine Politikerin (wie auch immer man/frau dazu stehen mag) damit zu vergleichen, dass Faschisten eine Theaterveranstaltung stürmen, um gegen Kunst- und Meinungsfreiheit vorzugehen und die Darsteller*innen wie auch das Publikum zu bedrohen? Seriously? Aber was sind schon verängstigte Kinder gegen den Spaßfaktor für digital media versierte Hobby-Provokateure, weil die Nachtkritik Diskussion mal wieder so toll polarisierend ist...
P.S.: Ich fühle mich nicht provoziert.
#3 "Schutzbefohlene" von rechts gestört: Freiheit nicht per se linksUlrich Heinse 2016-04-17 11:45
@Isandrete: Weil die Identitären ihre Aktion auch "künstlerische Intervention" genannt haben, lt. Profil. Freiheit ist nicht per se links - das hätte bei einer Diskussion im Fokus stehen müssen. Aber es diskutiert ja keiner ;-)
#4 "Schutzbefohlene" von rechts gestört: Nein, Danke!Inga 2016-04-17 12:29
Ich kann Isandrete verstehen. Was Ulrich Heinse da schreibt, scheint nur bestätigen zu wollen, dass er die Identitären und andere rechtspopulistische Bewegungen akzeptabel findet. Ansonsten würde er ja den Tortenwurf von Peng! nicht mit dieser Störaktion vergleichen. Freiheit ist rechts(populistisch)? Nein, danke, Herr Ulrich Heinse.
#5 "Schutzbefohlene" von rechts gestört: Instrumentalisierungantifaschist 2016-04-17 20:46
Eine abstoßend autoritäre Instrumentalisierung der "Schutzbefohlenen" durch die Theatermacher*innen, gegen die das Peng!-Kollektiv eine freundliche Spaßguerilla zu sein scheint:

www.youtube.com/watch?v=szpovhVppxw
#6 "Schutzbefohlene" von rechts gestört: miteinander sprechenInga 2016-04-18 10:00
@ antifaschist: Okay, das ist natürlich tatsächlich schwierig, wie hier die Geflüchteten im Chor nachsprechen (müssen), wie bei einer katholischen Messe. Trotzdem rechtfertigt das für mich nicht, dass Rechte nun Bühnen stürmen. Warum auch? Wem hilft das? Ist das nicht auch wieder egoistisch? Dekadenz ist für mich persönlich nur ein Totschlagargument, welches weiter pauschalisierende Fronten aufmacht, was den Schutbefohlenen sicher auch nicht weiterhilft. Die Gesichter im Publikum empfinde ich als interessant, manche machen ein betroffenes Gesicht, das könnte Heuchelei sein, andere sind wirklich berührt. Und das zählt bei manchen Menschen ja offenbar nicht, sondern bloß Aggression und Wut. Aber geht es nicht um Bewusstseinsbildung und vielleicht daraus folgendes Handeln? Klar, im Publikum des Burgtheaters(?) sitzt sicher viel Geld, aber Arme sind eben auch nicht immer die besseren Menschen. Auch Antifaschisten könn(t)en Schutzbefohlene instrumentalisieren. Diese Menschen sind aber frei, und weder Rechts- noch Linksradikale sollten der Vorsprecher für sie sein. Miteinander sprechen, Gemeinsamkeit gestalten, darum sollte es stattdessen gehen. Humanismus, nicht Ideologietransport.
#7 Störaktion bei "Schutzbefohlenen": wer unstrumentalisiert wen?Inga 2016-04-18 22:51
Ich bin mir gerade gar nicht mehr sicher, wer hier eigentlich wen instrumentalisiert. Wird hier nicht eher und vor allem doch das Publikum, adressiert als schweigende Mehrheit, mit bereits gut bekanntem "aggressiven Humanismus" instrumentalisiert? Es muss doch echt absurd sein, wenn man da im Publikum sitzt und einem gedankt wird, obwohl man vielleicht (noch) gar nichts getan bzw. noch gar nicht geholfen hat. Und nun wird einem auch noch gedankt! Als Teil der schweigenden Mehrheit, die einerseits hilft und andererseits nichts gegen die von unseren angeblichen Volksvertretern angezettelten Kriege tut. Und gegen die Kriege im Großen können wir vielleicht auch erstmal nichts tun, sind wir vielleicht momentan wirklich machtlos, aber gegen Kriege im Kleinen können wir schon was tun, oder? Dann wären die Regierungen machtlos, weil ihre Instrumentalsierung von uns als Bürgern nicht mehr greifen würde. Niemand könnte uns mehr gegeneinander aufhetzen. Eigentlich ist das alles dann ja eine Art Publikumsbeschimpfung.

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