Eine Kirche der Abschottung

von Sascha Westphal

Duisburg, 15. September 2016. Von all den imposanten alten Industriebauten, die von der Ruhrtriennale bespielt werden, ist die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg Nord wohl der sakralste, zugleich aber auch der strengste. Die in die Seitenwände eingelassenen Bogennischen erinnern deutlich an Kirchenfenster. Nur sind sie zugemauert. Nichts dringt in diesen Raum hinein, nichts aus ihm heraus. Er wirft jeden, der ihn betritt, unbarmherzig auf sich zurück und ist damit wie geschaffen für letzte Fragen und heilige Handlungen. Davon zeugt auch seine Triennale-Geschichte. Vor fast genau acht Jahren hat hier Christoph Schlingensief seine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir errichtet, und vor gut zwei Jahren war es Romeo Castellucci, der in dieser Halle Strawinskys Le Sacre du Printemps in eine Maschinen-Choreographie samt Knochenstaub-Kaskaden verwandelt hat. Genau in diese Tradition schreibt sich nun die Regisseurin Susanne Kennedy zusammen mit dem bildenden Künstler Markus Selg ein.

Alles und nichts

Vor dem großen Ritus steht allerdings erst einmal eine Reise, die auch schon mystische Züge trägt. Der Raum unter der eigentlichen Halle ist in grünliches Licht getaucht, das den dort noch stehenden Maschinen etwas Organisches verleiht. Eine untergegangene Welt wird von der Natur überwuchert. Dazu passen auch die Trommellaute, die einen auf dem Weg hoch in die Gebläsehalle begleiten. Dort wird man dann in einer Art Prozession auf verschlungenen Wegen durch die Bühneninstallation geführt, entlang an mehreren unterschiedlich großen Video-Screens, die unter anderem eine Waldlandschaft und ein Bienenvolk zeigen. Zudem stehen und sitzen entlang des Pfades neun maskierte Frauen in folkloristisch anmutenden Gewändern, auf die zum Teil Frauen-Akte aus Renaissance-Zeiten gedruckt sind. Ein paar der Frauen halten blaue Plastikschüsseln in ihren Händen und lassen in ihnen ein Ei oder auch Kräuter kreisen.

medeamatrix2 560 Markus Selg Ruhrtriennale 2016 uAugen auf beim Mutterkauf: Birgit Minichmayr und der Chor © Markus Selg / Ruhrtriennale

Schon in diesem ersten, rein installativen Teil des Abends sind die Eindrücke und Assoziationen so vielfältig, dass es schwerfällt, zu entscheiden, ob sie nun Räume öffnen oder doch eher versperren. Unterschwellig passt das alles schon zusammen. Aber die Verknüpfungen von Natur und Kultur, von Mutterschaft und Auslöschung sind auf andere Art so vage, dass sie letztlich alles und nichts bedeuten können. Es wird einem schwindelig auf diesem Weg in den Zuschauerraum. Doch genau darum dürfte es Kennedy und Selg auch gehen. Der moderne Mensch soll sich selbst verlieren und so eingestimmt werden auf das, was folgt: "Medea.Matrix", zwei Worte, die sich spiegeln. Auf der einen Seite der Name der Priesterin und der Zauberin, der Mutter und der Mörderin, auf der anderen das römische Wort für "Gebärmutter", das zudem auch "Muttertier" bedeuten kann.

Hohepriesterin dieser Kunst-Messe: Birgit Minichmayr

Anfang und Ende, Geburt und Tod, die Erschaffung des Lebens und seine Auslöschung sind in Kennedys und Selgs archaischem und christlichem, menschlichem und posthumanem Ritus ineinander verschlungen. Die Gegensätze lösen sich auf, in den Texten, die das Künstler-Duo collagiert hat und die von Euripides bis Derrida, von der Bibel bis zu Internetforen, von Platon bis Nietzsche reichen, ebenso wie in den Videobildern, die mal moderne Kampfflugzeuge und mal ein Rudel Schakale zeigen. Alles hängt mit allem zusammen, und mittendrin steht auf einem Podest Birgit Minichmayr als Medea. Sie ist die Hohepriesterin dieser Kunst-Messe, die vollkommen überladen ist und doch einer bizarren Form von Askese frönt.

medeamatrix1 560 Markus Selg Ruhrtriennale 2016 uUnd ewig lockt das Maskenweib im Installationsteil des Abends © Markus Selg / Ruhrtriennale

Nur mit einem schwarzen Bikini bekleidet steht Birgit Minichmayr wie versteinert da. Sie unterdrückt aber nicht nur jede körperliche Regung, auch ihre Stimme bleibt die ganze Zeit über weitgehend ausdruckslos. Ob sie nun Verse aus Euripides' Tragödie spricht oder philosophische Texte zur Rolle der Frau als Ur-Sünderin und Schmerzensmutter rezitiert, ihr Ton verändert sich kaum. Wie schon während des Parcours geht es auch in diesem Ritus nicht um einen religiösen Rausch, stumm begleitet vom neunköpfigen Chor – seine Stimmen kommen (wie das auch noch zum Sounddesign und Ideendropping gehörende, technisch manipulierte Voice-over) vom Band.

Nichts drängt nach Außen

Zusammen mit ihrem sich in an Selbstverleugnung grenzender Selbstkontrolle übenden Star versuchen sich Kennedy und Selg an einer spirituellen Reinigung des Publikums. Es wird mit zahllosen Verweisen auf die Unterdrückungsmechanismen überhäuft, die dem vorherrschenden Mutterbild wie auch der Mutterrolle an sich eingeschrieben sind, auf das es sich von ihnen löst: Medea, die Kindsmörderin, die sich nur so befreien kann. Nur ist dieses Evangelium doch etwas dünn, vor allem, wenn es so emotionslos verkündet wird.

Wie alle Religionen mag dieser Kunstritus seine Anhänger in Trance versetzen. Die Zweifler und die Ungläubigen bleiben ungerührt. Kennedys Inszenierung passt sich dem Raum an. Sie ist genauso hermetisch. Nichts dringt an sie heran, und nichts drängt nach Außen. Aber so ist zumindest der Agnostiker erleichtert, dass der Abend tatsächlich wie eine Messe ohne eine Gelegenheit zum Applaus endet.

 

Medea.Matrix
Uraufführung
von Susanne Kennedy und Markus Selg
Konzeption, Regie: Susanne Kennedy, Konzeption Raum, Video: Markus Selg, Video: Rodrik Biersteker, Sounddesign: Richard Janssen, Kostüm: Lotte Goos, Licht: Jürgen Kolb, Dramaturgie: Vasco Boenisch.
Mit: Birgit Minichmayr sowie Dorothea Grötzner, Edelgard Haferkamp, Heidemarie Heesen, Roswitha Herling, Margarethe Jeler, Annette Kaerger-Steinhoff, Elke Mirschinka, Gisela Pöpping, Gabriele Schönstädt.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

"Medea als die Mutter, die Leben schenkt und es auch wieder nimmt, ist kulturgeschichtlich eine Anomalie, hier in Duisburg aber ein Phänomen, das bildgewaltig umstellt und doch um Längen verfehlt wird", so Karin Fischer in der Sendung 'Kultur heute' beim Deutschlandradio ( 16.9.2016) "Statt Assoziationen zu wecken, gibt die Aufführung solche nur vor; statt Gefühle zu erzeugen, werden diese durch kryptische Zeichen und wabernden Sound zerfasert. Die Idee des Gesamtkunstwerks, die dieser theatralen Installation zugrunde liegt, verliert sich in dunkel dräuender Bilderflut. Am Ende ist alles nur kunstgewerbliches Bemühen. Keine Einsichten, keine Erfahrung, nirgends. Viel Ratlosigkeit aufseiten des Publikums. Susanne Kennedy wird mit dem Team Dercon an die Volksbühne nach Berlin gehen. Schon möglich, dass so etwas in der Hauptstadt als chic gelten könnte. Im ehrlichen Ruhrgebiet wirkt es wie Chichi."

"Gegensätzlichkeit ist ein Prinzip des Abends, den die Regisseurin Susanne Kennedy und der bildende Künstler Markus Selg entwickelt haben. Bilder, Worte und Geräusche, Kunst-Installation und Schauspiel werden miteinander verwoben," so Anne Horstmeier auf dem WAZ-Portal Der Westen (17.9.2016). Durch genervt wirkende Aneinanderreihung von Beschreibungen schwülstiger Bilder und Einfälle der Inszenierung drückt die Kritikerin ihren wachsenden Missmut über den Abend aus. "Gegen Ende nehmen die Wehen zu, und als die Glocke schlägt, vermutet das ratlose Publikum zu Recht, dass es jetzt entlassen ist."

"So nachvollziehbar die feministische Botschaft ist, so intellektuell und auch technisch überfrachtet erscheint die Darstellung," schreibt Karsten Mark auf RuhrNachrichten.de (17.9.2016) "Das meiste geschieht allein in Videobild und -ton. Letzterer wirkt oft dick aufgetragen mit Soundeffekten, wie man sie aus dem modernen Hollywoodkino kennt." 

"Bei aller in sich stimmiger Bildergewaltigkeit dieser 90 Minuten: Der installative Abend hinterlässt ein ärgerliches Gefühl", schreibt Dorothea Marcus in der taz (19.9.2016). "Er tritt quasi auf der Stelle, erschöpft sich in einer Anhäufung schwülstiger Klischees, die schon lange nicht mehr aufgedeckt werden müssen." Ärgerlich sei vor allem, dass an keiner Stelle gewagt werde, Gefühle oder Selbsterfahrenes ins Spiel zu bringen, dass der Abend "geradezu zwanghaft" zitiere, aber niemals etwas an sich heranlasse. "Der Abend tut so, als sei er ein Einblick in Medeas Kopf und Wahn – bewegt sich aber quasi selbst in männlicher Außenperspektive."

Christine Dössel hat "nicht etwa die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Video-Installation oder sonst ein fruchtbares Spiel mit Frauenbildern und Muttermythen" gesehen. Sondern "Medea.Matrix" sei "ein ziemlich ursuppiger, angeberischer, zunehmend Wehen verursachender 'Medea'-Murks aus raunendem, assoziativ zusammengesampeltem Text- und Bildmaterial", schreibt Dössel in der Süddeutschen Zeitung (19.9.2016). Im "Video-Dschungel dieser Computerkunstanstrengung" wirke "die arme" Birgit Minichmayr "wie Jane ohne Tarzan. Aber auch wie eine Vollblutschauspielerin im falschen Theater". Regisseurin Susanne Kennedy habe mit ihren "verfremdungseffektsicheren Horrorinszenierungen" ("Fegefeuer in Ingolstadt" und "Warum läuft Herr R. Amok?") einigen Furor gemacht. Bei "Medea.Matrix" verheddere sie sich nun im Kunstgewerblichen, so Dössel: "Ein guter Text ist eben immer noch eine gute Basis für gutes Theater."

Eine in zu klugen Worten zu Fall gebrachte Medea, die sich der "Regretting motherhood"-Bewegung angeschlossen haben könnte, schreibt Simon Strauss in seiner Dreifach-Rezension aktueller "Medea"-Inszenierungen in Wien, Duisburg, München in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.11.2016). Trotz einer ausgefallenen Bildsprache, die Archaisches und Digitales auf interessante Weise zusammenschnitt, trotz der wildwuchernden Textcollagen und einer variantenreichen Beschreibung männlicher Suprematie und weiblicher Geschlechtsorgane, sei dieser Abend "nicht mehr als ein kurzatmiger Tauchgang in den seichteren Gewässern der Bildakttheorie".

 

 
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