Die Boten bitten zum Booty Shake

von Johannes Siegmund

Wien, 11. Dezember 2016. Vielleicht ist es gar nicht möglich, gute Bilder zu finden für dieses Material: In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden in Rechnitz, einem österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze, 200 jüdische Zwangsarbeiter ermordet. Bis heute konnte das Verbrechen nicht aufgeklärt werden, da die beiden einzigen Zeugen ermordet wurden, bevor es zu einer Aussage kam. Der Hauptverantwortliche, Gestapoführer Franz Podezin, setzte sich nach Südafrika ab.

Seine Bekanntheit verdankt das Massaker von Rechnitz auch der Tatsache, dass die Mörder*innen in dieser Nacht Gäste eines Schlossfestes der milliardenschweren Gräfin Margit von Batthyány waren. Ob das Massaker ein Party-Programmpunkt war, wie ein britischer Journalist 2007 mutmaßte, oder eher zufällig mit dem Fest zusammen fiel, darüber kann bis heute nur spekuliert werden. Sicher ist, dass die Thyssenerbin half, die Spuren zu beseitigen.

Im Jelinek-Stream-of-Consciousness

Vor diesem Hintergrund schrieb Elfriede Jelinek ihr Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)", mit dem sie 2009 den Mülheimer Dramatikerpreis gewann. Es wirft die Frage auf, wie über das Verbrechen berichtet werden kann. Jelinek forscht nicht dem Unfassbaren und eben auch juristisch Unaufgeklärtem nach, sondern spiegelt die den öffentlichen Umgang mit dem Abgründigen. Dazu setzt sie auf die bekannte Mischung aus Kalauer, Gelaber und Zitatbrocken, die diesen Jelinek-Stream-of-Consciousness erzeugen. Es gibt keine Rollen und keine Psychologisierung, nur eine glatte Text(ober-)fläche. Der Text wird von Boten gesprochen, die über das Massaker berichten, dabei aber nie klar Stellung beziehen, sondern sich in Widersprüchen verheddern und von Hölzchen aufs Stöckchen kommen.

Rechnitz1 560 LupiSpuma uAbtanzen zu Black Music: Das Ensemble des Volkstheaters Wien nähert sich Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" © Lupi Spuma

Jelineks Text ist ambivalent. Einerseits verschafft sie einem wichtigen Thema Aufmerksamkeit und liefert einen Einstiegspunkt für eine tiefere Beschäftigung. Andererseits reproduziert sie mit ihren Andeutungen und halb fertig gedachten Sätzen all die Schauergeschichten und Mystifizierungen, die sie doch reflektieren will.

Das Schmiermittel Erotik und Gewalt

Miloš Lolić stellt sich an Wiener Volkstheater diesem vielschichtigen und undurchsichtigen Material mit etwas rätselhaften Regieentscheidungen. Der Text wurde auf erträgliche zwei Stunden eingedampft und wird von den acht Schauspieler*innen abwechselnd von der Bühnenkante ins Publikum gesprochen. Obwohl er abwechslungsreich intoniert und gut gegriffen ist, wirkt das zu statisch.

Alle paar Minuten gibt es Bewegung. Dafür werden Black Music Musikvideos eingespielt, von R’n’B über Disco bis zu jazzigen Worksongs. Die Schauspieler*innen schlüpfen in die coole Kleidung der Musiker*innen und Tänzer*innen aus den Videos und imitieren deren Posen und Tanzstile. Diese Vermischung von US-Popkultur und NS-Verbrechen erschließt sich mir nur teilweise. Mit Tanz zu arbeiten und damit die kulturellen Schmiermittel Erotik und Gewalt auf der Bühne zu bringen, ist naheliegend. Aber warum in aller Welt entscheidet sich Lolić für Black Music?

Rechnitz3 560 LupiSpuma uSprachgewirr-Exerzitien auf der Bühne von Paul Lerchbaumer © Lupi Spuma

Die Musikvideos, das Wechseln der Kleidung und die recht pure Textrezitation sollen wie Jelineks Text die Oberflächlichkeit des Umgangs mit dem Massaker hervorheben. Dazu passt auch die Bühne, in deren Mitte ein zunehmend verloren wirkender Turm aus aneinander gelehnten, barocken Innenfassaden herumsteht. Allerdings: Darf man dem schrecklichen Massaker mit Oberflächlichkeit begegnen? Sowohl im Anschluss an Jelineks Text als auch an die Inszenierung stellt sich diese Frage.

Eine Antwort ließe sich bei Hannah Arendt finden. Ihr Begriff der "Banalität des Bösen" wird im Stück zitiert. Mit dem Begriff bezeichnete Arendt die scheinbare Oberflächlichkeit des NS-Funktionärs Adolf Eichmann, der jede Verantwortung für die NS-Verbrechen von sich wies, da er ja nur Befehle befolgt habe. Arendt hat sich von Eichmann täuschen lassen, der vor Gericht eine perfide Show abzog. Die "Banalität des Bösen" war ein Irrtum. Das Böse verlangt eine tiefschürfende Analyse. Jelineks Text und die Inszenierung können diese Analyse nicht liefern. Sie können uns allerdings ihre Notwendigkeit verdeutlichen.

 

Nachträgliche Änderung: Auf Wunsch des Autors wurde am 18.12.2016 die Bezugnahme auf die journalistische Vorlage von Elfriede Jelinek im 2. Absatz präzisiert.

 

Rechnitz (Der Würgeengel)
von Elfriede Jelinek
Regie: Miloš Lolić, Bühne: Paul Lerchbaumer, Kostüme: Jelena Miletić, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Veronika Maurer, Periša Perišić. Mit: Thomas Frank, Katharina Klar, Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher, Claudia Sabitzer, Birgit Stöger, Jasmin Avissar.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

"Pop trifft Theater. Das muss (...) nicht zwangsläufig funktionieren", holt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (13.12.2016) aus. Lolićs Inszenierung wirke "über weite Strecken wie ein MTV-Reenactment, wie eine launige Musik-Revue mit Hits afroamerikanischer R&B-Größen". Das Unternehmen gehe zwar "jedenfalls als exquisites Ausstattungsspektakel" durch, aber sonst erschließe sich kein Zusammenhang, Musik und Text stünden einander fremd gegenüber, Jelineks Sprache erscheine zunehmend als Fremdkörper.

"Ganz gewiss" fördere diese Inszenierung "keine besonderen Erkenntnisse zutage", schreibt auch Ronald Pohl in Der Standard (13.12.2016). Lolic habe sich vorgenommen, "den messerscharfen Text der Botinnen mit Videoerzeugnissen des schwarzen Popmarktes zu konterkarieren". Also seien wunderbare Rezitatoren wie Claudia Sabitzer oder Thomas Frank (…) vor allem damit beschäftigt, ihre Luxuskörper in immer neue Freizeitfetzen zu hüllen. Das zehre am Stück, füge ihm vor allem nichts Erhellendes hinzu, so Pohl: "Man gewahrt den Fleiß, den alle Beteiligten aufwenden. Man beklagt das Fehlen von Rhythmus, von sarkastischer Emphase. Und denkt nicht ohne Weh an Jossi Wielers furiose Uraufführungsinszenierung zurück, 2008 in den Münchner Kammerspielen." Aber Elfriede Jelineks ingeniöser Rechnitz-Text werde "auch diese brave, unerhebliche, anerkennend beklatschte und noch mehr begähnte Stadttheateraufführung" überstehen.

"Der Inszenierung gelingt es, abgesehen von wenigen entbehrlichen Längen, das Böse der Verharmlosung und des Vergessens zu vermitteln", sieht es Norbert Mayer in Die Presse (13.12.2016) positiver. "Dieses gut eingespielte Ensemble schont sich nicht. Es schont uns nicht."

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