Das muss man doch ändern!

von Gabi Hift

Berlin, 3. April 2017. "Demokratie und Tragödie" heißt das Motto des diesjährigen Festivals für Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. an der Schaubühne. Nach einem scheußlich verpatzten Auftakt mit Angélica Liddells Toter Hund in der chemischen Reinigung (so langweilig und hohl, dass es einem körperlich weh tat) wurde es in den Tagen drauf besser und besser. Ein Drittel des Festivals ist gelaufen, es gab bisher mehrere interessante Produktionen, eine außerordentliche und eine zutiefst erschütternde.

Ein Schauerstück alter Güte

Die außerordentliche ist "Tristesses" von der belgischen Theatermacherin Anne-Cécile Vandalem und ihrer Kompanie Das Fräulein. Außerordentlich ist das schaurige Vergnügen, außerordentlich ist aber auch die Liebe der Truppe zum Medium Theater und – man hört’s und spürt’s und staunt – zum Publikum. Das Stück ist zwar mit allen Wassern der Verfremdung gewaschen, aber das hindert es nicht daran, einen magischen Sog zu entwickeln. Eine derartig furchtlose Genremischung hat es vermutlich auf einer deutschen Bühne noch nie gegeben: ein Politkrimi, ein Schauerstück mit wandelnden Toten, eine schwarze Komödie. All das wird aber nicht etwa zitiert, wie das heutzutage Mode ist, sondern in eine Geschichte gepackt, die stringent zu Ende erzählt wird.

Tristesses 560 Christophe Engels u"Tristesses" © Christophe Engels

Auf der Bühne stehen vier kleine graue Häuser im Schilf. Wir sind auf der Insel Tristesses in Dänemark. Auf der Leinwand über den Dächern steht: "Diese Geschichte ist vollkommen wahr". Auf dieser Insel lebten ein paar hundert Menschen, einziger Arbeitgeber war ein Schlachthof. Als dieser pleite machte, hat sich die Insel geleert. Jetzt gibt es nur noch acht Einwohner – und bald sind es nur noch sieben. Im Morgengrauen wird die Leiche von Ida Heiger entdeckt: Die Mutterfigur für alle Inselbewohner hat sich in die dänische Flagge gewickelt am Fahnenmast erhängt. Ihre Tochter Martha (gespielt von Anne-Cécile Vandalem) ist Vorsitzende einer rechtsextremen Partei in Dänemark, die kurz vor der Machtübernahme steht. Sie setzt vom Festland über und will den Tod der Mutter vertuschen.

Da beginnt der Krimi. Es ist aber auch ein Schauerstück alter Güte, mit Nebel, unheimlichen Tönen in der Luft, einem stummen Mädchen, aus dessen Mund die Lieder der Toten klingen, mit weißgeschminkten, hohläugigen Geistern, die ungesehen zwischen den Lebenden schreiten, nur manchmal wird einer von einem kalten Hauch gestreift. Die Toten erzeugen durch Musik eine zweite Wirklichkeit – man sagt, sie hätten früher für die Rinder gesungen, die zur Schlachtbank getrieben wurden, um sie zu beruhigen. Die Figuren sind außerdem von einer skurrilen Komik, eigensinnige, verschlagene Gestalten, in Kaurismäki Filmen sieht man solche Typen, oder in Fargo oder Breaking the waves.

Wie kann man Rechtspopulismus auf dem Theater verhandeln?

Die Schauspieler zeigen aber auch die Erzeugung der Traurigkeit, was es noch lustiger macht und noch trauriger. Die Schauspieler werden im Inneren der Häuser gefilmt und sind in Großaufnahme auf der Leinwand zu sehen, draußen auf dem Dorfplatz sieht man sie "in echt". Aber anders als man es von z.B. von Castorf kennt, wechseln sie den Spielstil und stellen das auch aus: In den Häusern spielen sie für die Kamera filmisch, innerlich, draußen theatral bis hin zum Comichaften. Man kann ihnen, jedes Mal wenn sie durch eine Tür gehen, beim Switchen in einen anderen Stil zusehen. Und man kann sich selbst dabei zusehen, wie man sie dennoch als ungebrochene "echte" Menschen wahrnimmt, obwohl sie ihre Zaubertricks deutlich vorführen.

Was diese Produktion so sympathisch macht, ist, dass hier (anders als zum Beispiel bei Borgen von Nicolas Stemann) den Zuschauern nicht aus pädagogischen Gründen vorgeführt werden soll, wie sie manipuliert werden. Die Manipulation wird nicht als "böse" entlarvt. Im Gegenteil, auf der Bühne stehen Illusionskünstler, die stolz darauf sind ihr Können vorzuführen. Sehnsüchte, Schrecken, Lüste aller Art in den Zuschauern zu erzeugen ist es, woraus ihr Leben besteht. Aber sie wissen eben auch, dass dies genau derselbe Kanal ist, durch den Menschen dazu manipuliert werden, Waren zu kaufen und Ideologien zu folgen. Das Stück setzt sich damit auseinander, dass die Kunst, Menschen zu berühren, immer in Gefahr ist benutzt zu werden. Moral? Keine! "So ist das", sagt das Stück. Wir wollen verführt und gerührt und bei unseren Leidenschaften gepackt werden. Das macht uns manipulierbar. Aber es gehört zu unserem Menschsein. Es ist vermutlich nur gut, es zu wissen.

acceso2 560 copysergioarmstrong uRoberto Farías in "Accesso"  © Sergio Armstrong

Auf einer Podiumsdiskussion fragten sich Schaubühnenchef und Festivalleiter Thomas Ostermeier, Vandalem und Richard Nelson, wie man Rechtspopulismus auf dem Theater verhandeln kann "while still making artistic sense". So wie in "Tristesses" kann man das machen, definitiv. Richard Nelson übrigens hat "The Gabriels" geschrieben und produziert – eine amerikanische Familie aus Rhinebeck im Staat New York, der man dreimal im Abstand einiger Monate beim Zubereiten des Abendessens zusieht. Die letzte Folge spielt direkt am Tag der Präsidentenwahl – bei der Premiere wussten die Schauspieler noch nicht, dass Trump gewinnen würde. Nelson sieht das Theater, wie er sagt, als Bastion des Humanismus. Er wollte echte Menschen zeigen, nicht die Monster, als die wir die US-Amerikaner zur Zeit sehen. Gespielt wird das in einer Art Hyperrealismus, nicht nur die Figuren könnten echt sein, auch jede der Situationen.

Eine Art Katharsis

Was üblicherweise am Theater passiert, dass die Konflikte in der Familie beim Essen eskalieren, findet nicht statt. Diese Leute sind, obwohl vom Schicksal gebeutelt, hochanständig. Tragen alles mit Fassung. Obwohl sie deklassiert werden, bleiben sie aufrechte Hillary-Wähler und immer höflich. Das ist liebenswert, toll gespielt, warmherzig, differenziert – und trotzdem irgendwie schal und letztlich insgeheim herablassend gegenüber den Figuren und den Zuschauern. Denn warum sollte man das am Theater sehen wollen? Weil es ein lobenswertes Vorbild ist, so zurückhaltend und zivilisiert zu sein wie die Gabriels, auch wenn es einem finanziell immer schlechter geht? Aber wer leidet wie ein Schwein und sich nur mit Mühe zusammenreißt, will doch nicht im Theater ein minutiöses Abbild der eigenen müden, zivilisierten Verklemmung sehen. Der will Rasende sehen, Verzweifelte; will, dass es wenigstens auf der Bühne für Gefühle Platz gibt.

Gefühle wie in "Acceso" von Roberto Farías und Pablo Larraín. Die Figur Sandokan, die Farias spielt, kam schon im Film El Club vor, der 2015 den silbernen Bären bekommen hat. Darin geht es um ein Heim für des Missbrauchs angeklagte Priester. Sandokan war einer der missbrauchten Jungen. Das Stück ist ein Monolog, ganz simpel, nur ein großartiger Text und ein großartiger Schauspieler. Sandokan ist erwachsen, Straßenverkäufer, das Publikum ist sein Kunde, er hat Lauskämme anzubieten, Broschüren, Leuchtkäfer, lauter billigen Ramsch. Und er ist lustig, wickelt alle um den Finger, dann fängt er an, Sachen aus seiner Kindheit zu erzählen, von den "Onkels". Er macht das so großartig, so richtig, so unausweichlich. Und das Schreckliche ist, dass er das alles nicht so schlimm findet, er wollte einfach "Acceso", Zugang. Dabeisein bei den Menschen, zu Essen haben, Kontakt, eine Chance, was zu werden, eine Chance auf Liebe.

Das erwischt einen mit unausweichlicher Wucht, weil es ganz tief geht, dorthin, wo wirklich alle Menschen gleich sind. Weil jeder das braucht. Und es nahezu unerträglich ist, einen Menschen zu sehen, der es nicht bekommen kann. Ich glaube, fast alle im Zuschauerraum haben geweint. Ja, das war eine Art Katharsis: von einem solchen Gefühl überwältigt werden und nicht allein sein dabei; sehen, wie die Menschen neben einem auch weinen. Es lässt einen aber auch denken: So kann die Welt doch nicht sein, so schrecklich ungerecht. Das muss man doch ändern. Wie Farías als Sandokan dasteht, mit seinem massigen, schwitzenden Körper, die Arme weit ausgebreitet und bittet "con besos!", mit Küssen! – denn dann war es fast schön, von den Priestern vergewaltigt zu werden, wenn es mit Küssen war, dann war es Liebe. Wie er also "Con besos!" ruft, das wird wahrscheinlich niemand vergessen, der es gesehen hat.

 

Tristesses
Konzept, Text und Regie: Anne-Cécile Vandalem, Musik: Vincent Cahay, Pierre Kissling, Bühne: Ruimtevaarders, Sounddesign: Jean-Pierre Urbano, Licht: Enrico Bagnoli, Kostüme: Laurence Hermant, Video: Arié van Egmond, Federico D’Ambrosio, Technische Leitung: Damien Arrii, Produktion: Das Fräulein (Kompanie).
Mit: Vincent Cahay, Anne-Pascale Clairembourg, Epona und Séléné Guillaume, Pierre Kissling, Vincent Lécuyer, Bernard Marbaix, Catherine Mestoussis, Jean-Benoit Ugeux, Anne- Cécile Vandalem, Françoise Vanhecke.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

The Gabriels: Election year in the life of one family 1-3
Regie: Richard Nelson
Bühne: Jason Ardizzone-West, Susan Hilferty
Kostüme: Susan Hilferty
Mit: Meg Gibson, Lynn Hawley, Roberta Maxwell, Maryann Plunkett, Jay O. Sanders, Amy Warren.
Dauer: jeder Teil zwischen 1 Stunde 35 oder 45 Minuten, keine Pause

Acceso
von Roberto Farías und Pablo Larraín
Regie: Pablo Larraín (Santiago de Chile)
Mit: Roberto Farías.
Dauer: 55 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Tristesses

"Vandalems Geschichte ist nur mäßig originell", findet Fabian Wallmeier im RBB (5.4.2017). Wie sie sie inszeniere, sei um einiges interessanter: "Bühnenmusiker schleichen als aschgraue Zombies über die Bühne, Horror wird mit Mitsingklamauk gepaart - ein düsterer Stilmix. Auch im wörtlichen Sinne, denn die Bühne ist nur gespenstisch fahl beleuchtet."

Vandalems Stück changiere "zwischen Gruselmärchen, Zombie-Musical und Dogma-Film", meint Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (7.4.2017). Formal sei es beeindruckend, wie Vandalem "Licht, Video und Sound einsetzt" Die Musik-Arrangements erreichten "mit minimalen Mitteln große Wirkung". Doch Vandalem bleibe "eine Spur zu harmlos. Dafür hat sie einen sehr eigenen Sinn für Skurriles."

"In einer Mischung aus Grusel-Comic und Dogma-Film erschafft die Belgierin Anne-Cécile Vandalem (...) eine Dystopie eines abgeriegelten Europas", schreibt Barbara Behrendt in ihrem F.I.N.D.-Abschlussbericht der taz (10.4.2017). "Doch es gilt: So intensiv die ästhetische Handschrift, so plakativ die politische Botschaft."

Acceso

Larraín lasse in "Acceso" Sandokan in einem langen Monolog zu Wort kommen, "in der ganzen Unmittelbarkeit und Verletzlichkeit des Theaters", schreibt Katja Kollmann in der tageszeitung (6.4.2017). Larraín setze bewusst auf eine ungefilterte Darstellung, nehme zusätzlich die vierte Wand weg und ­entwerfe eine bis an die Schmerzgrenze gehende Anklage gegen die chilenische Gesellschaft. Und Roberto Farías sei "ein Ausnahmeschauspieler".

Bei manchen besonders schmerzlichen Passagen komme Farías einzelnen Zuschauer so nahe, dass er förmlich in sie hinein krieche, berichtet Fabian Wallmeier im RBB (5.4.2017). Larraíns Programm: "Intensität durch Zudringlichkeit. Auch wenn am Ende die Grenze zum verbalen torture-porn-Kitsch überschritten wird: Der Abend ist ein großartig gespielter Magengrubenschlag."

The Gabriels

Im Deutschlandfunk (3.4.2017) berichtet Barbara Behrendt tüber "The Gabriels": "Auch wenn die Gabriels in ihrer Küche viel Triviales von sich geben und man vergeblich auf die großen politischen Auseinandersetzungen um Trump und seine Anhänger wartet – Richard Nelson porträtiert hier doch mit viel Gespür die Verlierer von Gentrifizierung und Globalisierung. Der lange Abend lohnt."

"Banal ist an all dem gar nichts – es ist tiefsinnig abgebildeter Alltag, phantastisch beiläufig gespielt", findet auch Fabian Wallmeier im RBB (5.4.2017).

Bei Richard Nelson werde "ein eindringliches Tableau eines Milieus [gezeigt], das von Abstiegsangst gelähmt und politisch verunsichert ist", schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (7.4.2017). "Sie alle sind Demokraten, und damit Wahlverlierer."

"Nelson inszeniert die Geschichte als hyperrealistisches Kammerspiel", schreibt Barbara Behrendt in ihrem F.I.N.D.-Abschlussbericht der taz (10.4.2017). "Auch wenn man vergeblich auf die großen politischen Auseinandersetzungen um Trump & Co wartet – Nelson porträtiert hier doch mit viel Gespür die Verlierer von Gentrifizierung und Globalisierung."

 

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