Schreie Panik Blut

von Elena Philipp

Berlin, 20. Mai 2017. Was für ein bizarres Triumvirat des Terrors: Der mittelalte Mann, der vor seinem Eigenheim das Auto wäscht und um seine wilden Jugendjahre trauert. Der Junge, der ein Eis verzehrt, verzweifelt kleckernd und elternseits darob gescholten. Und der junge Mann, der gemeinsam mit anderen im Bataclan-Theater 89 Menschen töten wird: "hab’ keine angst / du wirst in zwei minuten tot sein / boom".

Begegnungslos werden diese drei nur grob umrissenen Figuren nebeneinander gestellt in Johannes Hoffmanns Theatertext zu den Pariser IS-Anschlägen am 13. November 2015. Ursächlich aufeinander bezogen wirken sie dennoch – wie eine Theaterversion der verkürzenden Narration von Banalität und Bösem, in der rasenbesitzende Mediokrität mörderische Radikalität begründet.

Anschlag1 560 KonradSchaller uGewalt im gleißenden Licht © Konrad Schaller

Alltag und Attacke montiert der österreichische Autor und Schauspieler in seinem Stück mit dokumentarischem Gestus und ausgeprägtem Wirkungsbewusstsein: Aneinander gefügt sind poetisch kommentierte Alltagsszenen und (manches Mal allzu) allgemeine Reflexionen über das Leben und Sterben mit chronologischen Schilderungen vom Blutbad im Pariser Bataclan-Theater und fiktional kaum überformten Augenzeugenberichten.

Grotesk-komische Fallhöhe konstruiert Hoffmann mit dem als "massaker" bezeichneten Schmelzen der Kinder-Süßspeise und der zweifach wiederholten Eltern-Grausamkeit: "und mutti sagt: / ach schau / jetzt ist schon wieder / wieder alles / vollgekleckert". Jäh sind die Brüche im Text: "dieser dehnbare körper / wie kaugummi / wird immer durchsichtiger / hier … ich / ich löse mich auf", heißt es länglich über das Altern – und dann reißt Hoffmann unvermittelt den Fokus herum – "es ist 0 uhr 22 / wir sprengen / alles in die luft". Trotz allen Ernstes im Anliegen liegt hier die Splatter-Ästhetik nicht fern: "es regnet blut und menschliche überreste".

Ave Satan

Klug verzichtet Krzysztof Minkowski in seiner texttreuen Inszenierung von "Anschlag" am Heimathafen Neukölln auf eine Bebilderung der geschilderten Gräuel. Mit sparsamen, aber effektvollen Mitteln lässt er vier Schauspielerinnen den Text sprechen. Mal chorisch, mal in Einzelstimmen aufgegliedert, richten Elzemarieke de Vos, Carolin Karnuth, Rashidah Aljunied und Meda Gheorghiu-Banciu die Hoffmann’sche Bearbeitung bürgerlicher Bedrohtheitsgefühle an die Zuschauer*innen.

Gesten, Laute und Bewegungen verstärken eine Passage oder bieten subtextuelle Lesarten: Bei den Song-Einspielungen der Band Eagles of Death Metal, die am Abend des Anschlags im Bataclan auftrat, recken die vier ihre Hände zum Satansgruß, blecken die Zunge oder zielen mit vorgestrecktem Zeige- und Mittelfinger ins Publikum. Wie Tragödinnen klagen sie wiederholt die Wortfolge "schreie panik blut".

Anschlag 560 KonradSchaller uTerror an der Rampe © Konrad Schaller

Wenn Carolin Karnuth über Resilienz und Selektionsvorsprung des aus Asien eingeschleppten orangefarbenen Marienkäfers Harmonia axyridis doziert, klappen die anderen weit ihre Münder auf und deuten mit einem comicartig klingenden "chaaamp" ein Wegbeißen der "heimischen" roten Käferart an. Stilmittel aus der Komik verwendet Minkowski auch, wenn er nach dem druckvollen Countdown bis zum ersten Schuss ein unterspanntes "Hallo" vor eine fingierte Aussage des Attentäters Samy Animour zu seiner Vorliebe für Piratenkostüme setzt und damit sofort allen Suspense aus der Szene nimmt.

Dann wieder verstärkt der Regisseur akustisch ein Textmotiv. "es ist tatsächlich ein bisschen / wie in einem film", zitiert Hoffmann eine*n Überlebende*n des Bataclan-Anschlags, und man erinnert sich wieder an die Einspielung zu Beginn des 70-Minüters: In der verwendeten Handy-Aufnahme eines Opfers klingen die Schüsse aus den Kalaschnikows anfangs wie das harmlose Aneinanderknallen von Topfdeckeln, die entsetzten Schreie sind surreal verzerrt.

Ein Massaker in pink

Harte Cuts in Beleuchtung und Ton setzt Krzysztof Minkowski, um seine Inszenierung ähnlich montageartig zu rhythmisieren wie Hoffmann seinen Text. Meist abrupt enden die eingespielten Musiktitel. Wechselt im Text die Sprecherposition oder Situation, blendet oft auch das Licht ab oder auf, in grelles Weiß bei den harten, schnellen Berichten oder den schonungslosen Reflexionen übers Altern; in sonniges Gelb beim Phantasieren der Islamisten vom Paradies; in ein (eher liebliches denn blutiges) Pink bei den Schilderungen des Massakers.

Stimmig und souverän ist diese Inszenierung mit vier überzeugenden Schauspielerinnen. Ansatzweise scheint Minkowski in der Wahl der Mittel zwischen Überwältigung und Unterspielen zu schwanken, wenn es um die Bataclan-Berichte geht: Maschinengewehr-Salven im Stroboskop-Flackern oder leere Bühne? Atmosphärisch ist auch der Text. Von der angekündigten "Anatomie dieses Terrorakts" und mithin von einer ernsthaften Analyse der Motive oder des gesellschaftspolitischen Kontexts der Anschläge ist er allerdings erheblich weit entfernt.

 

Anschlag
von Johannes Hoffmann
Regie: Krzysztof Minkowski, Bühne & Kostüme: Konrad Schaller.
Mit: Rashidah Aljunied, Elzemarieke de Vos, Meda Gheorghiu-Banciu, Carolin Karnuth.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.heimathafen-neukoelln.de

 

Kritikenrundschau

Intensiv, gut und diskussionswürdig wie inhaltlich angreifbar findet Doris Meierhenrich die Inszenierung in der Berliner Zeitung (23.5.2017). Die Inszenierung versuche, andere Schichten von Gegenwart um die verhandelten Attentate freizulegen und scheinbar unzusammenhängene Augenblicke dieses Tages "Tröpfchen für Tröpchchen" aneinanderzureihen. So zeichne der Abend ein "Schichtbild" aus realen und allegorisch verdichteten Einzelheiten. Das klappe mal gut, mal weniger gut, werde manchmal auch problematisch. Beeindruckend ist aus Sicht der Kritikerin dennoch, was Regisseur und Darstellerinnen machten: "ein Sprechoratorium", das den Raum in Schichten, die Gesellschaft in Vor- und Hintergründe teile.

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