Gewalt gegen Silikon ist auch keine Lösung

von Dieter Stoll

Erlangen / Fürth / Nürnberg / Schwabach, 27. Mai 2017. Ein Plüschtiger kämpft gegen Zinnsoldaten (niedlich: Ariel Dorons "Plastic Heroes“ aus Israel), ein nackter Mann testet Zwischenmenschliches an lebensgroßer Silikon-Puppe (irritierend: Ulrike Quades "Maniacs“ aus den Niederlanden), eine Tänzerin stürzt durchs schaukelnde Labyrinth von 5000 Leuchtschnüren (perfekt: Aurélien Bory von der Compagnie 111 aus Frankreich mit Kaori Ito), ein Slow-Motion-Performer durchmisst mit Chaosforscher-Blick einstürzende Rohbauten (schrullig: Tim Spooner aus Großbritannien), zwei Schauspieler verschmelzen im nicht nur dramaturgischen Korsett zu Kafkas Akademie-Affen (grandios: Samuel Koch und Robert Lang vom Staatstheater Darmstadt).

Lauter bannkraftvolle Grundsituationen für Aufführungen, die das "20. internationale figuren.theater.festival" in Erlangen, Nürnberg, Schwabach und Fürth (noch bis Sonntag) an zehn Spieltagen zum Paket einer mehr denn je unbegrenzten Kunst bündelte. Grenzenlos bei der Suche im Nirwana der sowieso stets schon von der nächsten Biegung aus winkenden neuen Medien. Zunehmend aber auch in Rückbesinnung auf traditionelle Formen und verrückte, die Wahrnehmung in vertraute Positionen verrückende Miniaturen. 71 Kompagnien aus 21 Ländern (je zur Hälfte aus Deutschland und "aus aller Welt", also von Stuttgart bis Halle / Saale und von Russland bis Taiwan) haben – wer rechnet bloß sowas aus – in 130 Vorstellungen 192,6 Stunden Programm geliefert. Für mehr als 20.000 Zuschauer. Ein Dutzend Ur- und Erstaufführungen war auch dabei.

Spinnen-Spagat zwischen diversen Kunstformen

Wie eine Sache auf den Punkt zu bringen ist, wurde vorab im Marketing-Meeting entschieden. In der Folge 20 der einst den Spott-Begriff "Kasperl-Biennale" pulverisierenden Veranstaltung hat man sich zur bewusstseinserweiternden Logo-Definierung durchgerungen. Dreifache Interpunktions-Blockade statt Bindestriche. Das soll nicht abgrenzen, ganz im Gegenteil wurde die "freie Zirkulation der Worte, Bilder und Ideen" beschworen und eine Art Spinnen-Spagat zwischen Objekten, Tanz, Performance, Nouveau Cirque und Kindertheater unter der Formel von "mehreren Festivals in einem" praktiziert.

Maniacs 560 Georg Poehlein uSpiel mit Silikon-Puppe: Phi Nguyen in "Maniacs" von der Ulrike Quade Company © Georg Pöhlein

Falsch ist das nicht, zumal die autonomen Planer in den drei Städten die eigene Individualität streng bewachen. In Nürnberg, wo Tafelhallen-Leiter Michael Bader den Tanztheater-Akzent setzte (erfolgreich mit Chris Harings "Foreign Tongues" vom Tanzquartier Wien) oder in der Fürther Vorliebe von Claudia Floritz für gediegen Literarisches (mit Kleist und Goethe bis in die Puppen) blieb bei je drei Veranstaltungsorten die Verführung zum Festival-Rausch beherrschbar.

In Erlangen, seit dem Gründerjahr 1979 und mit dem künstlerisch jederzeit entflammbaren Alles-Ermöglicher Bodo Birk als Festival-Chef seit 2003 in anderen Dimensionen unterwegs (76 der 130 Vorstellungen waren dort angesetzt), gab es im Netzwerk von zwölf Spielstätten bis zu acht Vorstellungen täglich. Ein Dauerlauf durch Wechselbäder. Heiß, eisig, sprudelnd, manchmal lauwarm – kreislaufbefördernd allemal. Lustvolle Erschöpfung ist der Konzept-Bonus.

Schreckensschrei bei Ulrike Quade: Aufhör'n!

"Herausforderung" scheint das Erlanger Codewort 2017 gewesen zu sein, denn nach dem Spektakel mit Philippe Quesnes "Nacht der Maulwürfe", die sich im Zottelpelz schon quer durch die etablierte Alternativ-Szene Europas buddelten, wurde viel gegrübelt. Bei Tim Spooner etwa, der mit zwei Erstaufführungen in magischer Ruhe Entfesselungs-Handgriffe organisierte, zog sich mancher Betrachter diskret zurück. Auch die schwer durchschaubare Aufarbeitung von Dokumenten, die der Pole Ludomir Franczak unter dem Titel "Wiedergewonnenes" wie eine Volkskunde-Vorlesung präsentierte, ließ schwer durchatmen.

Protest gegen missglückte Kunst gibt es bei diesem Festival jedoch nicht. Reaktionen diesseits von Begeisterung nur bei "Maniacs", wo Ulrike Quade dem entblößten Akteur Phi Nguyen die Idealfrau in Kunststoff-Perfektion überlässt – auf dass er erotisches Partnerschafts-Glück mit Umtauschgarantie wie ein Machoschlaumeier erforsche. Eine tiefsinnig ironische Konstellation voller denkanstößiger Querverweise samt Missverständnis-Anrecht. Als der Puppen-Dompteur seiner gefühlsfreien Gespielin in aller Sachdienlichkeit klatschende Ohrfeigen verpasste, rief eine Frau aus dem Publikum erregt "Aufhör'n!". Wie wir jetzt wissen: Gewalt gegen Silikon ist auch keine Lösung.

Poetisches Mosaik-Drama: Yeung Fai mit "Lifelines"

Den Vielfalts-Anspruch des Festivals hat am straffsten Yeung Fai mit dem Team vom National Performing Arts Center Taiwan gebündelt. In "Lifelines" inszeniert er auf mehreren Bühnen-Ebenen sein poetisch satirisches Mosaik-Drama aus asiatischer Geschichte, das in Bürgerkriegs- und Fluchtbildern schnell den globalen Katastrophen-Modus aufsaugt, durchlässig für alle ästhetischen Entwicklungen. Der Künstler faszinierte bei dieser Deutschland-Premiere auch damit, wie er Varianten von Figuren, Objekten und Marionetten in Kombination mit den riesigen Menschen-Spielführern zum Stil-Sortimenter ohne Nahtstellen verarbeitet. Da kann man von chinesischem Ur-Ritual bis Augsburger Puppenkiste, von Disney-Animation bis Kung-Fu-Parodie alles erfassen. Repräsentativ für stabile Wurzeln und wuchernde Blüten dieser Gewächse. Hinreißend!

Lifelines 560 Adrien Gardel uMit Blick für den globalen Katastrophen-Modus: Yeung Fais "Lifelines" © Adrien Gardel

Bei einigen Produktionen konnten sich die drei Städte mühelos auf gemeinsame Planung einigen. Auf Neville Tranters Stuffed Puppet Theatre sowieso, die Uraufführung des Australiers aus den Niederlanden hat den Titel "Babylon" und war überall in (gefeierten) Doppelvorstellungen zu sehen. Worum es geht? Gott ist nicht tot, nur ein wenig desorientiert. Ehe er auf der Suche nach dem wieder mal verlorenen Sohn am Strand von Nordafrika auftaucht, wo Flüchtlings-Gedränge um Rest-Plätze für die letzte Bootsfahrt nach Babylon herrscht, muss ein Erzengel aus der überirdischen Gnadenverwaltung mit Infos zur allerhöchsten Ignoranz-Bekämpfung antreten. Da war der Teufel schneller! Im Outfit von funkelnden Augen und wehendem Gewand genießt er das heulende Elend der Menschheit. Gottvater mit Fusselbart und geerdetem Sohn (ein gereifter Hippie mit meckerndem Schoß-Schäfchen, womöglich irgendwas mit "Lamm Gottes") antwortet der genervten Volksmund-Floskel "Jesus!" schon mal spitz mit "Exactly".

Festival-Urgestein Neville Tranter zeigt in "Babylon" Gott bei Geflüchteten

Neville Tranter, der inoffizielle Festival-Patron – weil er gefühlt "schon immer" dabei war – hat mit wunderbaren Groß-Puppen alle Hände voll zu tun und das Migranten-Thema energisch angepackt. Ein Konflikt, zu dessen Bewältigung man sowieso den Mund, warum also nicht das Klappmaul aufmachen muss. Der ätzende Porträt-Satiriker, der im Laufe der Jahre zwischen Dracula, Schicklgruber und King Elvis etwas ins Beliebige abgedriftet war, ist wieder ganz bei sich. Wenn der Satan das tröstliche "Somewhere“ aus der "West Side Story“ wie eine höhnische Tom-Waits-Persiflage ins Irgendwo krächzt, lernt man das Fürchten. Vor Jahrzehnten beim Festival als Agitator gegen die Verniedlichung des Puppenspiels gefeiert, steht er 2017 auf Augenhöhe mit den Grenzüberschreitern der zwischen bildender und darstellender Kunst mäandernden Sparten-Stars (Gisèle Vienne von Chris Dercons Wunschliste etwa, die mit ihrem besonderen Blick aufs amerikanische "Bauchrednertreffen“ rätselspendend dabei war) und den qualifizierten Anmaßungen der Performance-Aktivisten. Der Schocker der Gründerjahre ist der Altersmilde entkommen. Wie schön, dass er trotzdem jeden Besucher mit Handschlag begrüßt.

Babylon 560 Georg Poehlein uMit Gott an seiner Seite: Neville Tranter in "Babylon" © Georg Pöhlein

Spurensicherung auch beim jungen Ensemble des spanischen Kulunka Teatro, das nach bejubelter Entdeckung 2015 als gläubige Jünger der Familie Flöz mit deren Masken jetzt den eigenen Weg verlängert. In der Deutschland-Premiere "Solitudes" wird nach "André & Dorine" erneut mutig das Altern thematisiert. Der Senior, der nach dem Tod der Frau ins Leere blickt und wortlos Rest-Sehnsucht verteidigt, umkreist von der Familie und anderen zwielichtigen Gestalten. Die Komik-Blitze, mit denen die drei Spieler im Sprung durch wechselnde Rollen die Melancholie aufhellen, verscheucht diesmal mit den Schatten allerdings oft auch das Mitgefühl.

Da ist die chemische Demenz, die "Kasper in Teufels Küche" bei Tristan Vogt von Thalias Kompagnons erleidet, doch deutlich hintergründiger. Das im Vorjahr in Nürnberg entstandene, traditionsgenau kleinformatige Spiel mit den Prototypen des Trullala wirbelte auch beim Rundgang durch die Partnerstädte eherne Kindheits-Erinnerungen um die Gelüste auf Großmutters Pfannkuchen und Königs Prinzessin mit ziemlich erwachsener Kindsköpfigkeit zur Existenzkrise hoch. Von wegen Kasperltheater!

Nikolaus-Habjan-Festspiele

Die letzten vier Festival-Tage gehörten im Schwerpunkt dem österreichischen Multi-Künstler Nikolaus Habjan, der ja fast Kult und grade auf dem Weg zum Opernregie-Debüt mit "Oberon" an der Bayerischen Staatsoper ist. Am Sonntag gibt er im Erlanger Schlossgarten ein Loriot-freies Kunstpfeifer-Konzert, zuvor war er mit seinen denkwürdigen Puppenspiel-Dramen "F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig" (Erlangen) und "Schlag sie tot" (Fürth) auf der Bühne.

Faust Habjan 560 Lupi Spuma uMit Operettenzucker: "Faust" von Nikolaus Habjan © Lupi Spuma

Als Regisseur zeigte er in Deutschland-Premiere auch seine große "Faust"-Inszenierung mit dem Grazer Jugendtheater-Ensemble Next Liberty, das Klassik vom Einschüchterungs-Podest holen will. Er reserviert für Mephisto die Figurentheater-Welt (aber die hat er leider nicht selber gespielt, nur gecoacht), lässt Doktor Faust sein Gretchen leutselig aus dem Publikum holen und streut zügig Operettenzucker über die Handlung. Den Schauspielern, die ständig dem Reim der zweiten Zeile entgegenstreben, säuseln hammondorgelnde Sound-Stützen um die Ohren, wo Sprachregie nicht helfen konnte. Habjan, als Puppenspieler und -bauer eine unbestreitbare Größe, ist als Regisseur allenfalls "auf dem Weg" zwischen den Stühlen.

Ballett mit Sprung: "Forever" von der Needcompany

Letzter Eindruck: "Forever" der belgischen Needcompany. Das Choreografie/Design-Duo Lemm & Barkey macht eine Installation von Porzellan-Mobiles mit Ventilator-Hilfe zur reizvoll klirrenden, später scheppernd zu Bruch gehenden Kulisse für lächelnd servierte Original-Ballettposen, womit der Begriff "Sprung" schon mal zweifach abgesichert war. Dazu bemühte sich ein bedingt erfolgreicher Vorsänger lautmalerisch brummelnd um Mahlers "Abschied", während Naturbilder die Assoziationsschleusen bekränzten. Die ambitionierte Koproduktion fand für keines der "Festivals im Festival" die richtige Tür.

Ob man nach Kenntnis von 23 der 71 aufgetretenen Kompagnien den Jahrgang angemessen beurteilen kann, steht auf einem anderen Blatt. Eindeutig ist die Publikums-Bestätigung der Sonderstellung dieser Sparte ohne Grenzen. Sie kann nicht immer mehr, aber sich jederzeit mehr erlauben als andere. Das muss genutzt werden. Ein Auftrag für 2019.

 

Das komplette Programm des Figurentheaterfestivals finden Sie unter www.figurentheaterfestival.de.

 

Kommentar schreiben