Weiblicher Glamour

von Barbara Villiger Heilig

Venedig, 2. August 2017. "Teatro Italia" steht in schmiedeisernen Lettern auf der neogotischen Fassade des zierlichen Palazzo in Cannaregio, einem Viertel der Stadt Venedig. Seit Jahrzehnten waren die Tore unter dem Doppelspitzbogen verrammelt, das Gebäude dümpelte ungenutzt vor sich hin. Jetzt leuchtet es als Supermarkt-Filiale der Kette Despar in neuem Glanz. Doch für wen? Drinnen, unter den frisch restaurierten Liberty-Fresken an Decke und Wänden, stapeln sich Esswaren in meterlangen Regalen. Clou der Inszenierung: An der Stirnseite des mit einem gemalten Bühnenportal verzierten Saals thront die Fleischauslage. Nein, das ist keine Aktion der Kunstbiennale, obwohl deren Ableger bis in diesen nördlichsten Teil der Lagunenstadt reichen. Es ist ganz einfach der Lauf der Dinge: Historische Bausubstanz wird sukzessive ausgehöhlt und kommerziell umgenutzt.

Ausverkauf des Theaters? Der Schein trügt. Das Teatro Italia war gar nie eine Sprechbühne, sondern ein Kino. Trotzdem zeigt gerade diese Umnutzung, wohin die Tendenz geht: Venedig rüstet systematisch für das Heer der Touristen auf, die längst nicht mehr nur in Hotels absteigen, sondern in Wohnungen (deren Besitzer sie lukrativ vermieten), und sich in Supermärkten verpflegen. Die Firma Despar hat für ihre neue Luxusfiliale über dreissig Stellen geschaffen – ein gewichtiges Argument in Zeiten, da die Jugend mangels Arbeit abwandert. Zweieinhalb Millionen Euro kostete die Renovation des Gebäudes, also über das Doppelte dessen, was der Biennale teatro als künstlerisches Budget zur Verfügung steht.

Und ja, auch die jungen Teilnehmer der Workshops an der Theaterbiennale wollen sich kostengünstig ernähren und suchen billige Unterkünfte, etwa in Studenten-Wohngemeinschaften. Viel verdienen kann die Stadt an diesen Low-Budget-Kulturtouristen nicht: Tagsüber stecken sie in Meisterkursen, abends im Theater. Wenigstens fehlt ihnen die Zeit für abwegige Ideen, wie sie unlängst sechs belgische Burschen hatten, die von der Calatrava-Brücke in den Canal Grande sprangen. Postwendend wurden sie per Lokalzeitung als "cafoni" (Primitivlinge) beschimpft: Speziell pfleglich geht die Lagunenstadt nicht um mit den Touristen, ohne die sie zusammenpacken müsste. – So viel zum pittoresken Rahmen, den wir jetzt, obgleich man ihn auch als Biennale-Gast nolens volens mitkriegt, verlassen. Vorhang auf fürs Theater!

Nachwuchsförderung: das College

Denn Theater ist, nebst Tanz und Musik, eine Nebenschiene der Biennale di Venezia mit ihren Hauptschienen Kunst, Architektur und der Mostra del Cinema. Nach sieben Jahren unter der Leitung des Katalanen Àlex Rigola beginnt mit Antonio Latella eine neue Theaterbiennale-Ära. Latella, der fünfzigjährige Neapolitaner mit Wohnsitz in Berlin und Italien, fing einst als Schauspieler an, wechselte dann ins Regiefach und arbeitet ausser in seiner Heimat in Frankreich, Deutschland, Österreich sowie der Schweiz. Seine pädagogische Ader kommt in Venedig insofern zum Zug, als er neben dem eigentlichen Theaterfestival das sogenannte College verantwortet: jene Workshops, bei denen bestandene Theatermacher junge Leute anleiten und unterrichten.

Teatro College03Im College mit Antonio Latella (links) @ Teatro Biennale

Die College-Praxis macht aus der finanziellen Not des knapp dotierten Events eine Tugend. In Italien sind die Bedingungen am Theater derart prekär, dass Möglichkeiten, wie sie Venedig offeriert, auf grosses Echo stossen – vier Fünftel der knapp fünfhundert College-Bewerbungen waren dieses Jahr italienisch, und die gleiche Proportion findet sich auch unter den 107 zugelassenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern (der Rest verteilt sich hauptsächlich auf andere europäische Länder). Vom 25. Juli bis zum 12. August erarbeiten sie, aufgeteilt in Gruppen, mit ihren "maestri" Projekte, die am Ende dem interessierten Publikum präsentiert werden. Zum Schlussbouquet gehört heuer erstmals ausserdem ein Regiewettbewerb, der vorselektionierten italienischen Jungregisseuren eine kleine Plattform bietet – und dem Gewinner im kommenden Jahr einen Auftritt beim Festival sichert. Wer die Zu- oder besser Missstände in der abgeholzten italienischen Theaterlandschaft kennt, weiss, welche Riesenchance das bedeutet.

Festival und College funktionieren als kommunizierende Gefässe. Nicht nur gehören die Besuche der abendlichen Festival-Aufführungen zum College-Programm, auch rekrutieren sich die Workshop-"Meister" mehrheitlich aus den am Festival präsenten Theaterschaffenden, die zudem in nachmittäglichen Gesprächsrunden über ihr Schaffen Auskunft geben. Der Nachwuchs lernt also einerseits in der praktischen Arbeit den kreativen Prozess kennen und kann anderseits überprüfen, in welchem Verhältnis dieser "processo" – ein Lieblingsbegriff Latellas – zum professionellen Resultat steht. Solche Wechselwirkungen wurde Latella in der ersten College-Woche, während der er alle Workshop-Teilnehmer unter seine eigenen Fittiche nahm, nicht müde zu erklären (manche murmelten schon leicht ungeduldig, weniger "Geplauder" wäre mehr gewesen).

Eröffnung mit Katrin Brack und Maja Kleczewska

Eröffnet wird die Biennale teatro traditionell mit der Preisverleihung. Den goldenen Löwen – er zeichnet jeweils ein Lebenswerk aus – erhielt dieses Jahr Katrin Brack, deren Bühnenbilder, so Latella, immer bereits Teil der Dramaturgie seien. Brack bedankte sich mit einer Installation im Arsenale, dem Ort, wo die Theateraufführungen stattfinden: Glitzerndes Lametta, genau wie in Luk Percevals Berliner "Anatol"-Inszenierung, füllt den Eingangsbereich des hohen Raums wie ein verzauberter Winterwald, durch den die Besucher irren, und steigert im Kontrast mit dem rohen Backsteingemäuer den umwerfenden Glamour-Effekt. Der silberne Löwe, ein Nachwuchspreis für theatralische Innovation, ging an die polnische Regisseurin Maja Kleczewska, die mit Elfriede Jelineks "Wut" das Festival eröffnete. In ihrer Dankesrede wies Kleczewska – wie später, nach der Aufführung, eine mit den Tränen kämpfende Schauspielerin – auf die politische Krisensituation in Polen hin und gedachte jener "Menschen, welche auf der Strasse die Demokratie verteidigen".

Wut 560 natalia kabnow "Wut" von Maja Kleczewska © Natalia Kabnow

Unter diesem Zeichen stand auch Kleczewskas dreistündige Inszenierung (darum wohl bezeichnete sie Latella in seiner Laudatio als "notwendig"): Aus den sich widersprechenden, ineinander verschwimmenden jelinekschen Bewusstseinsströmen, welche die Pariser Terrorattacken auf "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt umkreisen, exzerpiert das energiegeladene Ensemble ein furioses Pamphlet gegen nationalistische, rassistische, homophobe und misogyne Auswüchse in seinem Herkunftsland. (Diese Adjektive landeten umgehend in der berichterstattenden "Gazeta Wyborcza" und wurden mit wütenden Kommentaren quittiert.)

Fokus aufs polnische Hier und Jetzt

Das Bühnensetting: Ein Fernsehstudio. Oben zwei Grossbildschirme; über den einen flimmern Aktualitäten, den andern bespielt eine Webcam, die nach nervös wechselnden Einsprengseln auf dem Antlitz des schwarzen Schauspielers Mamadou Goo Bâ innehält wie auf einem statuarischen Mahnmal. Davor, dahinter, daneben nimmt wortreich das kunterbunte Treiben seinen Lauf. TV-Moderatorinnen posieren vor dem Blue-Screen am Desk und halten Jelinek-Reden (eine verdrehte Anspielung auf die Theaterdarbietungen im polnischen Fernsehen); eine davon schminkt sich Blackface-mässig. Ein Neonazi-Scharfmacher nimmt am andauernd unterbrochenen Studiogespräch teil, ein korpulenter Prälat steht herum, ein püppchenhaftes Wesen mit geschientem Bein tanzt zu Johann Sebastian Bach. Nebst Sexpuppe, Wärmedecke, Kalaschnikow und Kruzifix tritt auch die obligate Jelinek-Perücke in Erscheinung. Eine Fitness-Adeptin macht das Publikum an und verwandelt sich zuletzt, wenn die von der Drehbühne zusätzlich angekurbelte Hyperaktivität zur Ruhe und gerade deshalb zu weitaus stärker beunruhigenden Bildern findet, in die express-österreichisierte Anna Netrebko.

Insgesamt hatte es nicht leicht, wer in Unkenntnis der polnischen Sprache auf die rechts und links der Bühne projizierte Übersetzung angewiesen war. Klar ist, dass Kleczewska aufs (polnische) Hier und Jetzt fokussiert, indem sie den antiken Bezug (die Wut des Herakles) weitgehend beiseitelässt – Götter und Götzen spielen bei ihr trotzdem eine Rolle. Wut ist in der heutigen Gegenwart genug vorhanden, um einen Theaterabend zum Explodieren zu bringen: Diesen Eindruck nahm man mit.

Regisseurinnen als Motor der Theater-Innovation

"Atto prima: REGISTA" lautet das Motto von Latellas erstem Jahr. Damit meint er nicht "il", sondern "la regista": Den regieführenden Frauen widmet er seinen Auftakt, denn laut ihm bewirken vor allem sie Veränderung im Theater. Ob dem wirklich so ist und wenn ja, weshalb, kann der Direttore im Gespräch seltsamerweise nicht analytisch begründen. Gegen die Einordnung ins Frauenlager opponierte dann auch sofort Ene-Liis Semper. Für sie gilt nur: Künstlersein oder nicht, unabhängig vom Geschlecht. Ohnehin arbeitet sie meistens zusammen mit Ehemann Tiit Ojasoo – das Teater NO99 in Tallinn ist ihre gemeinsame Erfindung. Ein Countdown-Langzeitprojekt, das, einmal abgelaufen, aus 99 durchnummerierten Produktionen verschiedenster Art bestanden haben wird. Nach Venedig brachte Semper "NO43 Kõnts" (Dreck) und "NO42 El Dorado: Klounide" (Clowns) mit, ersteres ein schauspielerisches Gesamtkunstwerk mit Tiefgang und Humor, letzteres eine Sache für Clown-Fans, aber beides schlichtweg perfekte Produktionen.

NO42ELDORADO Tiit Ojasoo10"Eldorado" von NO99 © Tiit Ojasoo

Nicht einfach einzelne Highlights will Latella offerieren – dies ein weiteres Charakteristikum seines Konzepts –, sondern Mini-Werkschauen. Nathalie Béasse aus Angers lud er mit sage und schreibe vier Produktionen ein, die freilich eher Ratlosigkeit hervorriefen: szenische Brainstormings, etwa zu "Richard III." ("Roses") oder zum Märchen ("Tout semblait immobile"). Dennoch applaudierten die Youngsters frenetisch. Eine Generationenfrage? Auf jeden Fall ein Beweis dafür, wie dankbar das überwiegend italienische Theaterbiennale-Publikum auf internationales Theater reagiert.

Die weiteren eingeladenen Regisseurinnen beim Festival der diesjährigen Biennale teatro sind: Maria Grazia Cipriani mit einer Trilogie ihres Teatro del Carretto aus Lucca ("Biancaneve", "Pinocchio", "Le mille e una notte"), die Italienerin Livia Ferracchiati mit einer Provinz-Recherche ("Todi is a small town in the center of Italy") und den ersten zwei Kapiteln ihrer Trilogie über die – auch geschlechtliche – Identität ("Peter Pan guarda sotto le gonne", "Stabat Mater"), das niederländische Duo Suzan Boogaert/Bianca Van der Schoot mit zwei Teilen des Performance-Projekts "Visual Statements" ("Bimbo", "Hideous (Wo)men") sowie die beiden Deutschen Anna-Sophie Mahler ("Tristan oder Isolde", "Alla fine del mare") und Claudia Bauer ("Und dann", "Der Menschen Feind").

VilligerHeilig Barbara mittelBarbara Villiger Heilig hat in Zürich und Italien Romanistik studiert. Während 25 Jahren war sie Feuilletonredakteurin bei der Neuen Zürcher Zeitung, wo sie unter anderem die Berichterstattung über das internationale Sprechtheater verantwortete. In Genf und Paris arbeitete sie zeitweise als Kulturkorrespondentin für den französischsprachigen Raum. Ihre Unterrichtstätigkeit setzt sie auch nach dem Weggang von der NZZ fort.

 

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