Linksliberaler Gewissensausverkauf 

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 30. Mai 2008. Eos kann nicht mehr. Ihre Nerven liegen blank. Als Göttin der Morgenröte geht sie im olympischen Dauerchaos zu Grunde. Sie sehnt sich nach Liebe, nach einem Abschied von Kampf und Hinterlist, denn die Himmelssphäre ist martialisch kalt, ohne Ordnung, ohne Sinn. Dass gerade sie als Botin des Tages alles Leid des Überirdischen regelmäßig mit falschem Licht besudelt, setzt dem Zynismus noch das Krönchen auf.

Sie rast, sie tobt. Also nichts wie weg, denkt sie sich in ihrem hübschen Kopf, auch wenn ihr die nächsten Wolkennachbarn, der eiskaltschnäuzige Hermes und das recht aufgeblasene Tantchen Mene den Fluchtweg ins Erdenideal wortreich vergällen wollen. Und Eos lässt sich fallen, tief fallen. Wie eine feuerrote Sternschnuppe in durchsichtigem Chiffon und schnuckligen Gummistiefeln segelt sie durch den Äther.

Himmlischer Systemeindringling

Und plumpst mitten auf die putzige Menschenwelt, von der sie nichts weiß - was für eine Göttin von Ovidschem Format mindestens unverständlich, wenn nicht unglaubwürdig ist. So umwölkt können die da oben kaum sein. Aber Schwamm drüber, sagt sich das Autorenkollektiv Soeren Voima. Dramaturgisch gesehen macht sich so eine himmlische Dusseline nämlich ganz passabel, Voima liebt schließlich Außenseiter, diese naivunschuldigen Systemeindringlinge, die mit ihrer Andersartigkeit das Bekannte, eben unsere realistische Windmühle wie einst Don Quichotte tragikomisch aufzuspießen versuchen. Und dabei ewiglich scheitern.

Das gute alte Modell ist demnach bekannt, ja narrensicher und daher vielversprechend. Voima selbst hat es schon einmal in Stuttgart in einer gelungenen Inszenierung seines Stücks "Herr Ritter von der traurigen Gestalt" präsentiert, vor zwei Jahren im Kammertheater. Viel Jubel gab es damals, wobei der Starbonus für Corinna Harfouchs Hauptrolle den Blick auf das tatsächlich Gezeigte etwas eintrübte. Christian Weise führte damals wie heute Regie, mit dem Unterschied, dass bei der jetzigen Uraufführung von "Eos" die Donquichotterie nicht wirklich überzeugt.

Spießige Zielgerade des Endlichen

Nach dem Erdenfall passt sich Eos schnell an - zu schnell. Sie fügt sich - anfangs euphorisiert - verdächtig reibungslos in die Gegebenheiten. Der Reiz der zwei kollidierenden Welten verfliegt. Ein heiter langatmiges Stationendrama, halb Reigen, halb Schlagerrevue entspinnt sich von der Ankunft bis zum neuerlichen Abschied von der Erde. Ein Menschenleben lang dauert die Katharsis der hartnäckigen Göttin. Eos macht Karriere bei einem schwedischen Möbelhersteller, bringt eine pornografische Studenten-WG aus der Horizontalen, verliebt sich heftig in den talentlosen Künstler Tim, wird schwanger von ihm, endet vorerst als junge Witwe. Dann spielt sie Schicksal und lässt ihre Liebe noch einmal auferstehen.

Doch auf der spießigen Zielgerade des endlichen Lebens verliert sich irgendwann auch eine göttliche Lust am Normalen, am alltäglichen Kleinbürgerwahnsinn unserer Tage. Voimas Text lässt nichts aus, jedes erdenkliche Thema wird mit ausgefahrenen Ellbogen kurz und schmerzlos angerempelt wie beim linksliberalen Gewissensausverkauf: Sexfrust, Ökobolschewismus, Akademikergegurre, Rabenmuttersyndrom, Vielfliegerpunkte, Workaholic-Seeligkeit, Kinderarbeit-Paranoia, Altersstress, Sterbehilfe. Das dauert natürlich.

Wohl deswegen schickt Weise zur Aufmunterung eine kleine Bläsercombo samt Sängerin mit einem trägen Repertoire an seichten Schlagern und sonstigem Popgedudel zwischen die Szenen, wobei das Ganze ein wenig an unsere unmotiviert musizierenden balkanischen Sommergäste in den Fußgängerzonen erinnert. Am Ende steht Eos wieder am Anfang. "Das Menschsein ist mir über den Kopf gewachsen." Und sagt Adieu. Was im Übrigen längst vorauszusehen war.

Spitze Thesen, böse Tiraden

Ursina Lardi gibt ihre Göttin der Morgenröte sehr heutig, ungebrochen. Man vergisst rasch, dass sie eine Auswärtige ist. Am stärksten agiert sie im Monolog, wie übrigens der Rest des Ensembles auch. Weder Weise noch Voima kreieren eindrückliche Szenen oder Dialoge: das Miteinander der Figuren verpufft meistens, man hetzt von Bild zu Bild. Ob Liebe oder Schmerz, man spürt es einfach nicht.

Das Stück basiert auf ermüdenden Wiederholungen, die märchenhafte Dreimaligkeit bildet ein strukturelles zeitliches Korsett, jede Begegnung, jede Paarung ist nur die Variation einer vorherigen. Eine papierne Konstruktion. Dagegen gelingt ein ums andere Mal das ganz einfache Rezept mit nur drei Zutaten: Vorne an der Rampe stehend, allein spitze Thesen und böse Tiraden ausspeiend, samt einer gewissen Härte zu sich und dem Publikum. Zynisch. Spartanisch. Gut.

Das hinterlässt Spuren. Wo sich die Rede verselbstständigt, zur Textfläche wird, brillieren Catherine Stoyan (Hermes) oder auch Florian von Manteuffel als weinerlich-liebenswerter Tim. Wo aber mächtig wilde Götter so schnell zu seelenlosem Menschenklein wie du und ich verkümmern können, bleibt ein interesseloses Wohlgefallen. Mehr nicht.

 

Eos
von Soeren Voima
Regie: Christian Weise, Bühne und Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Jens Dohle, Dramaturgie: Kekke Schmidt.
Mit: Lisa Friederich, Christoph Gawenda, Benjamin Grüter, Gabriele Hintermaier, Boris Koneczny, Ursina Lardi, Markus Lerch, Martin Leutgeb, Florian von Manteuffel, Marietta Meguid, Rainer Philippi, Michael Stiller, Catherine Stoyan, Lisa Wildmann. Musiker Jens Dohle und Hans-Peter Ockert.

www.staatstheater.stuttgart.de


Mehr lesen? Hier geht's zur Nachtkritik von Christian Weises Stuttgarter Inszenierung der Voima-Bearbeitung von Ben Johnsons elisabethanischem Drama Volpone.

 

Kritikenrundschau

Soeren Voimas "pfiffiger, manchmal allerdings sehr formulierungsverliebter" "Eos"-Text, uraufgeführt am Staatstheater Stuttgart, zeigt laut Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (2.6.2008) "Vergnügen am Geschichtenerzählen, und Regisseur Christian Weise macht klar, dass die also vergnügt erzählte Geschichte schräg ist und nicht belehrend." Alles sei "offensichtlich, und vor allem spiegelt sich das im Gesicht von Eos selbst wider, Ursina Lardi." Denn das entgleise mal vor Wut, dann sei es "selig-blöd-froh", "glotzig vor Übereifer", "total ausgelaugt" oder "leer". Die Inszenierung sei lebhaft, das "Vorhersehbare und Durchkonstruierte" Konzept – und die "seicht-großartige Melancholie" der "Schlagerstimmung" verbreitenden Begleitkapelle sei schließlich "die Losung des Abends".

Eos' Eröffnungsmonolog sei "prometheisch, eine mit Blut, Kot und Heiner-Müller-Pathos gut geölte Hamlet-Maschine", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.6.2008). "Das Erdenleben, das Eos bis zum bitteren Ende auskostet, ist dann aber auch nur eine fröhlich knarzende, ziemlich längliche Nummernrevue. Auf dem Abstieg ins banale wahre Menschenleben liegt kein Segen." Es reiche in Christian Weises Stuttgarter Aufführung des Voima-Stückes "nur zu einigen hübschen Momenten und Monologen. Je länger der Abend dauert, desto mehr zerfasert und verflacht er, weil er die Spannung zwischen Mythos und menschlicher Realität zu schnell zugunsten von Satire mit Konfettiregen und Bläsercombo einkassiert." Voima und Weise verschenkten so "ihre an sich hübsche Idee für das Linsengericht des Zeitgeist-Kabaretts."

Das "Eos"-Epos diene Soeren Voima "vor allem als Folie für die Abhandlung tagesaktueller Probleme", meint Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (2.6.2008). "Von Globalisierung, Kapitalismuskritik über Fundamentalismus bis zu Kinderarbeit und Hochbegabtendilemma – nichts wird ausgespart. Wenn aber das große Gefühl, das große Drama nicht weiter interessiert, folgt auch der Zuschauer dem Geschehen einigermaßen unbeteiligt." Christian Weise betone zudem die "flach vorhersehbare Dramaturgie". Voima sei allerdings auch "ein kraftvoll formulierender Dramatiker mit Sinn für Situationskomik" und stelle "Heucheleien präzise aus". So erlebe man trotz schlicht gestrickter Systemkritik, wie in kleinen Szenen mit leichtem, komischem Ton umso treffender Gesellschaftskritik formuliert werden kann."

In der Stuttgarter Zeitung (2.6.2008) schreibt Tim Schleider, dass der "schroffe Gegensatz von feierlicher Geste und derber Erdverbundenheit, von göttlichem Gesang und saftiger Alltagssprache ganz erheblich den Reiz " von Voimas "Eos"-Stück ausmache. Es sei "ein schönes, ein bisschen volles, aber geistreiches, interessantes und über weite Strecken witziges Stück – das aber in der Stuttgarter Inszenierung von Christian Weise seltsam blass und schal" bleibe; "überraschend eindimensional" werde der "Tonfall des Sozialdramas" gepflegt. Es herrsche "leider nur die Poesie eine ZDF-Fernsehspiels", die Inszenierung sage "beständig nur: 'Das musste ja so kommen.' Hier wird immer nur Geschichte gemacht, schnurstracks dem schlechten Ende entgegen."

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