Lüge am Start

von Elena Philipp

Berlin, 4. Dezember 2017. Was ist ein Ensembletheater? Nach einer trockenen Definitionsfrage klang der Titel der Diskussion, zu der die Berliner Akademie der Künste eingeladen hatte. Aufrufen sollte die scheinbar neutrale Formulierung aber natürlich eine der zentralen Theaterdebatten der letzten Zeit – den Vorgang Volksbühne. Eigentlich lautete die Frage also: Wie halten sie's an der Dercon-Volksbühne mit dem Ensemble? Ausweichend antwortete die neue Intendanz bislang. Wissen wollen es aber alle, gilt die Antwort doch als Präzedenzfall für die deutschsprachige Theaterlandschaft, die (noch, so die Befürchtung) auf stehenden Häusern mit festen Ensembles gründet. Hitzig wurde mithin diskutiert.

Schöpferische Gruppe mit Vertrag

Auf dem Podium Platz genommen hatte ein Großteil der Berliner Intendant*innenriege: von den fünf landeseigenen Sprechtheatern Ulrich Khuon (Deutsches Theater), Shermin Langhoff (Gorki Theater), Thomas Ostermeier (Schaubühne), Oliver Reese (Berliner Ensemble) und, an Stelle von Chris Dercon, Programmdirektorin Marietta Piekenbrock (Volksbühne Berlin). Außerdem saßen dort mit Philipp Harpain und Volker Metzler Vertreter der beiden großen Kinder- und Jugendtheater und Annemie Vanackere vom Produktionshaus HAU Hebbel am Ufer.

ADK Diskussion 560 nachtkritikIm Gegenlicht: die Diskussionsrunde © nachtkritik.de

Gefragt nach ihrem Ensemblebegriff vertraten die Geladenen, wie zu erwarten, das jeweils von ihnen verantwortete Theatermodell. Mit zwei Begriffsvorschlägen hatten die beiden Moderator*innen vorgelegt: Nele Hertling, Direktorin der AdK-Sektion Darstellende Kunst, zitierte den Kritiker und Dramaturgen Herbert Ihering zum Ensemble als "schöpferischem Zusammenhalt", beruhend auf Einverständnis und künstlerischer Übereinstimmung; Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung bezog sich als Moderator aufs Theater als Institution, welche einer Gruppe von Bühnenkünstler*innen die Bedingungen schaffe, ein Repertoire zu bedienen. Thomas Ostermeier betonte die utopischen Momente: gemeinsam über Jahre hinweg eine ästhetische Sprache auszuprägen. Ulrich Khuon berief sich aufs Gefühl der Gemeinschaft, für ihn der "Glutkern" des Theaters. Von 48 Jahren Mitbestimmung kündete der Chef des Grips-Theater, Philipp Harpain, während Volker Metzler, Schauspieldirektor an der Parkaue, für klare Leitungsstrukturen und Beteiligung im Sinne transparenter Prozesse plädierte. Über die Festanstellung der Schauspieler*innen definierte Oliver Reese das Ensemble, und Shermin Langhoff sah das gemeinsame Gestalten auch auf harte Arithmetik gegründet: Schauspieler*in zu sein müsse man sich als Theater wie Individuum leisten können.

Flexibilisiertes Modell

Annemie Vanackere wies den Ensemblebegriff für ein Produktionshaus wie das HAU tendenziell zurück, obgleich sich in der regelmäßigen Kooperation mit freien Gruppen ein Repertoire ausbilde. Damit lieferte sie eine Steilvorlage für Marietta Piekenbrock: so ähnlich halten sie's auch an der Dercon-Volksbühne. Programmdirektorin Piekenbrock ließ daraufhin das Bekannte wissen: Mehrere Jahre ans Haus binden wolle man Künstlerpersönlichkeiten, die bereits in "nachhaltigen" familiären bis "tribalen" Produktionszusammenhängen arbeiteten; die wiederkehrenden Produktionen seien so gleichermaßen das Repertoire der jeweiligen Truppe wie das der Volksbühne.

Diffuser als von der Dercon-Mannschaft geäußert kann man sich ein professionelles Selbstverständnis kaum vorstellen. Während Vanackere durch die Spielplangestaltung freien Truppen die Bildung eines Repertoires ermöglichen möchte, requirieren Piekenbrock & Co. die künstlerischen Kooperationsergebnisse (auch) für ihr Haus – ein rechtlich reichlich schizophrener Status, wie es scheint. Ähnlich unklar wirken Piekenbrocks Äußerungen zum Ensemble: Hundert Stellen seien nötig, um die Diversität von Gesellschaft abzubilden, wie sie Dercon und ihr vorschwebe – aber eigentlich brauche es für ihr Theatermodell keine Ensemblestruktur. Dann wieder bot sie an, Verträge quasi auf Künstlernachfrage hin abzuschließen: Wer einen festen Vertrag möchte, bitteschön, bekommt ihn auch? 

Das klingt erst einmal wahllos und mitnichten nach Ensemblebildung. Doch das ist ja nichts Neues. Von "Stück-Ensembles" oder maßgeschneiderten "Haute-Couture-Ensembles" hatte Piekenbrock schon bei anderer Gelegenheit gesprochen. De facto besetzt sind nun offenbar vier der zwölf im Stellenplan noch vorgesehen Schauspielposten an der Volksbühne: der Performer Frank Willens ist neu eingestellt, neben den drei Unkündbaren aus der Ära Castorf (der, das sei hier kritisch erwähnt, mit seinem flexibilisierten Vertragsmodell dem Stellenabbau sicher Vorschub geleistet hat). Mit Anne Tismer befinde man sich in Vertragsverhandlungen, so Piekenbrock, die sich sichtlich unwohl fühlte in der Runde.

Verschleierter Systemwechsel

Als Reaktion auf dieses rhetorische Lavieren platzte Piekenbrocks Mitdiskutierenden der Kragen. Mit einer Ensemblestruktur habe diese Art des Theatermachens nichts zu tun, adressierte Annemie Vanackere den Hinweis an Piekenbrock und betonte, dass das HAU mit einem Viertel des Volksbühnen-Etats auskommen müsse. Auch Shermin Langhoff platzierte ein klares kulturpolitisches Statement: Ähnlich wie das Duo Dercon & Piekenbrock sei auch sie 2013 ohne Repertoire angetreten, aber mit 200.000 Euro statt 2 Millionen Euro Vorbereitungsetat und nur einem statt zwei Jahren Vorlauf. Nervös werde sie, wenn sich die Dercon-Volksbühne wie eine private Galerie geriere und immer noch mehr Zeit für die Spielplan- und Ensemblegestaltung reklamiere. "Wir sind Institutionen des Landes Berlin, da gibt es doch eine Verantwortung", sprach Langhoff eine eigentlich unstrittige Grundlage öffentlich geförderten Theatermachens an – um dann ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen, dass die finanzstärkere Dercon-Volksbühne ihre Schauspieler*innen mit Abwerbeversuchen anrufe.  (Hier wurde im Text nachträglich korrigiert, siehe Fußnote1).

Damit war die Verteilungsdiskussion in vollem Gange, und während Oliver Reese eine klare Positionierung von Dercon & Co. zum Ensemble- und Repertoirebetrieb forderte, formulierte Ulrich Khuon, sonst der Chef-Diplomat des deutschen Theaters, mit erhobener Stimme den Vorwurf der "Lüge am Start": mit der Dercon-Intendanz sei ein "Systemwechsel" einher gegangen, der aber nicht benannt, sondern "verschleiert" worden sei. Das saß.

Kulturpolitisches Versagen

Offen legte die hochreflektierte Runde aber vor allem die eigentliche Leerstelle in der aufgeheizten Diskussion: Wo steht die Berliner Kulturpolitik? Wer hat die Volksbühne verramscht? Kulturstaatssekretär Tim Renner, der als Quereinsteiger aus der Musikbranche 2014/15 die Berufung des Quereinsteigers Dercon eingefädelt hatte, ist von der kulturpolitischen Bühne abgetreten. Der jetzige Kultursenator Klaus Lederer, der Vorbehalte gegenüber Dercon & Co. bereits vor der Wahl in Berlin 2016 nicht verhehlte und als eine seiner ersten Amtshandlungen als neuer Kultursenator Dercons Vertrag prüfen ließ, hält derzeit die Füße still, ohne in dem Konflikt zu moderieren oder die Begriffsklärung voranzutreiben. Und Michael Müller, als damaliger Kultursenator und Regierender Bürgermeister in Personalunion für die Entscheidung eigentlich verantwortlich, lässt in dieser Angelegenheit rein gar nichts von sich hören.

Kulturpolitisches Versagen lautet denn auch die Diagnose nach der AdK-Diskussion. Wie düpierend muss es auf Häuser wie das Gorki oder das HAU wirken, wenn Dercon mit einem windigen Konzept und sattsam bekannten Ausreden eines der renommiertesten Theater der Republik auf Grund setzt – während sie um jede Stelle ringen? Und worauf hat die Verwaltung ihr Augenmerk gerichtet, als ihnen Chris Dercon und Marietta Piekenbrock 2014/15 während des Berufungsverfahrens einen virtuellen Spielplan, einen Stellen- und einen Masterplan vorlegten, wie Piekenbrock nun erklärt? Die Frage, ob die Volksbühne als Ensemble- und Repertoiretheater weitergeführt werde, habe während des Berufungsverfahrens keine Rolle gespielt, versichert Piekenbrock auf Ulrich Seidlers Nachfrage. Abgesegnet ist der Systemwechsel damit nicht – aber niemandem in Müllers Apparat scheint es bei den monatelangen Gesprächen aufgefallen zu sein, dass hier der vertragliche Auftrag nicht erfüllt zu werden drohte. Oder hatte Renner von Beginn den Plan, die Volksbühne zum Mega-Produktionshaus umzubauen, ließ die Öffentlichkeit darüber jedoch bewusst im Dunkeln? Man weiß nicht, was man verheerender finden sollte. Vielleicht muss man in Berlin noch einmal ganz von vorne beginnen: Was ist ein Ensembletheater?

 
1 Richtigstellung: In der ersten Fassung dieses Textes wurde in Bezug auf die versuchten Abwerbungen ein Schauspieler*innenname genannt, den Shermin Langhoff während der Diskussion nicht erwähnt hat. Auf dem Podium sprach sie allgemein von Abwerbeversuchen gegenüber Gorki-Schauspieler*innen durch die neue Volksbühnen-Intendanz. Für die unbewusste Kurzschluss-Interpretation, damit sei eine bestimmte Person gemeint – was sich als falsch erwiesen hat –, bitten wir um Verzeihung.
 

Was ist ein Ensembletheater?
Diskussion mit Berliner Intendant*innen

Mit: Philipp Harpain (Grips Theater), Ulrich Khuon (Deutsches Theater), Shermin Langhoff (Gorki Theater), Volker Metzler (Theater an der Parkaue), Thomas Ostermeier (Schaubühne), Marietta Piekenbrock (Volksbühne Berlin), Oliver Reese (Berliner Ensemble) und Annemie Vanackere (HAU Hebbel am Ufer).
Moderation: Nele Hertling und Ulrich Seidler

https://www.adk.de

 

Am 1. Februar 2018 hat die Berliner Akademie der Künste den Audiomitschnitt der Veranstaltung veröffentlicht. Hier nachzuhören.


Presseschau

Mit O-Tönen aus der Veranstaltung berichtet  Susanne Burkhardt für Deutschlandfunk Kultur (4.12.2017). Nachdem jeder der Anwesenden seinen Beitrag zur Definition des Ensemble-Begriffs geleistet habe, "wird in der zweiten Hälfte der Veranstaltung deutlich, worum es an diesem Nachmittag wirklich geht: die Volksbühne natürlich und das Versagen der Berliner Kulturpolitik". Volksbühnen-Programmdirektorin Marietta Piekenbrock habe "Unmut" erregt "mit unglücklichen Formulierungen wie: 'Wir werden nicht ein 22 köpfiges Ensemble aufbauen, das ist in diesem Setting, das wir gewählt haben gar nicht möglich.'"

Für Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (4.12.2017) bringt Ulrich Khuon "in einem bemerkenswert deutlichen Statement das eigentliche Problem auf den Punkt: nämlich, dass der offensichtliche Systemwechsel an der Volksbühne nie offen benannt, sondern 'von allen Seiten verschleiert' worden sei. So findet diese Diskussion die Antwort auf ihre titelgebende Frage schließlich im Gegenbeispiel. Was ist kein Ensembletheater? Die Volksbühne."

Janis El-Bira, der für die Berliner Zeitung (4.12.2017) in der Akademie der Künste war, entdeckte in DT-Intendant Ulrich Khuon "den Feuerteufel" der Runde. "Verlogen" sei es in Khuons Sicht gewesen, in der Volksbühnen-Debatte "von offizieller Seite nie ehrlich kommuniziert zu haben, dass mit der Intendanz Dercon ein radikaler Systemwechsel lanciert werden sollte". Marietta Piekenbrock habe gestanden, dass Begriffe wie "Repertoire- und Ensembletheater" in den Verhandlungen zwischen Dercon und Tim Renner "keine explizite Rolle gespielt" hätten. "Zumindest das hatte man so deutlich tatsächlich noch nicht gehört", so El-Bira.

Mounia Meiborg von der Süddeutschen Zeitung (5.12.2017) erinnerte die Veranstaltung an die "Dramaturgie misslungener Familienfeste. Erster Akt: Alle tun, als sei die Welt in Ordnung. Zweiter Akt: Spitze Bemerkungen schaffen ein Klima unterschwelliger Aggression. Dritter Akt: Eskalation." Oliver Reese habe "die Volksbühnen-Programmdirektorin Marietta Piekenbrock so lange ins Kreuzverhör" genommen, "bis diese zugibt, die Bildung eines Ensembles habe für sie keine Priorität. In der Bewerbungsphase sei es in den Gesprächen mit dem Senat nie darum gegangen. So deutlich hat man das noch nie gehört. Befriedet ist der Berliner Theaterstreit damit noch lange nicht. Aber vielleicht wird er in Zukunft wenigstens ehrlicher geführt."

 

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