Drei Texte, drei Projekte

7. März 2018. Die Berliner Festspiele geben bekannt, dass die Juror*innen des Stückemarkts des Theatertreffens Joy Kristin Kalu, Anne Lepper, Dimitrij Schaad, Philippe Quesne und Christina Zintl sechs Arbeiten für den Jahrgang 2018 ausgewählt haben:

"Amsterdam" von Maya Arad Yasur (Israel / Niederlande – Text)

"Die Benennung der Tiere" von Leon Engler (Österreich – Text)

"Exodus" von Li Lorian (Israel / Deutschland – Projekt)

"Fresque" von Old Masters (Schweiz – Projekt)

"Böse Häuser" von Turbo Pascal (Deutschland – Projekt)

"1 yottabyte leben" von Olivia Wenzel (Deutschland – Text)

Insgesamt seien 20 Arbeiten in der Abschlussdiskussion berücksichtigt worden, davon 12 Texte und 8 Performances aus insgesamt 9 europäischen Ländern. Hier die Shortlist.

 

Die ausgewählten Stücke in Kürze

Maya Arad Yasurs Protagonistin, eine schwangere israelische Geigerin, begibt sich in Amsterdam auf die Spur einer Gasrechnung aus dem Jahr 1944, die eines Morgens vor ihrer Tür liegt. Im Verlauf der nächsten 24 Stunden wird sie sich nach und nach der Bedeutung ihrer Herkunft und ihres Geschlechts in einer zunehmend xenophoben, misogynen Umgebung bewusst. Erzählt wird die Geschichte von mehreren Stimmen, die verschiedene Perspektiven auf das Geschehen werfen.

Leon Engler erzählt in Die Benennung der Tiere die surreale Geschichte des Wurstsortenprüfers Alexander, der nach einem unglücklichen Sturz – verursacht durch ein Leberwurstbrot – auf den Gleisen eines Metrotunnels landet. Die zu Hilfe eilenden Menschen können den voluminösen Mann nicht aus seiner misslichen Lage befreien und so wird Alexander, der "gestrandete Wal", für die Vorbeigehenden zum göttlichen Symbol der Erlösung.

Li Lorian zeigt mit Exodus eine Skype-Lecture Performance für ein geteiltes Publikum (in Berlin und Jerusalem) und verwebt mit spielerischen Mitteln Geschichten über Flucht und Vertreibung, biographische Dokumente, die Suche nach Heimat und aktuelle Migrationsgeschichten.

In Fresque begegnen sich zwei Performer*innen der Gruppe Old Masters in einer installativen Anordnung. Sprache als Mittel der Herstellung von Empathie erscheint dabei zunehmend fragwürdig und wird schließlich angesichts des sich entwickelnden Eigenlebens des Objekts auf der Bühne gänzlich ad absurdum geführt. Ein Versuch, in der Stille zwischen den Wörtern menschliche Beziehungen und den Raum, in dem sie stattfinden, greifbar zu machen.

In der immersiven Performance Böse Häuser entwickeln Turbo Pascal ein interaktives Gedankenexperiment, in dem es um das Umdenken, die Konfrontation mit dem radikal Andersdenken(den) und das Aufsuchen der eigenen "bösen" Gedankengebäude geht. Turbo Pascal regen dazu an, andere Perspektiven und Blickwinkel einzunehmen und festgefahrene Denkmuster zu überprüfen.

In 1 yottabyte leben reflektiert Olivia Wenzel darüber, wie das Surfen in digitalen Räumen unsere analogen Realitäten beeinflusst und was mit sozialen Beziehungen passiert, wenn wir uns primär digital begegnen. Sie fragt danach, was in Zeiten des allumfassenden Internets mit existenziellen menschlichen Bedürfnissen wie Anonymität, Intimsphäre und Körperlichkeit passiert und mit unserem politischen Bewusstsein.

Die sechs eingeladenen Stücke konkurrieren um einen Werkauftrag, der auch in diesem Jahr gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung im Anschluss an eine öffentliche Jurydiskussion vergeben wird. Er ist mit 7.000 Euro dotiert und verbunden mit einer Uraufführung am Schauspiel Köln, wo das Werk im Laufe der kommenden zwei Spielzeiten unter der Intendanz von Stefan Bachmann gezeigt wird.

(Berliner Festspiele / sd)

 

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