Die Qualen der Vielzuvielen

von Regine Müller

Bochum, 31. August 2018. Die Parallelen zur Gegenwart sind überdeutlich: Hans Werner Henzes Oratorium "Das Floß der Medusa" schildert den historischen Fall der Fregatte Medusa, die 1816 auf ihrer Fahrt in den Senegal kenterte. Während der Kapitän, die Oberschicht und die Geistlichkeit sich in Rettungsbooten in Sicherheit brachten, kämpften die Schiffbrüchigen auf dem Floß zuletzt sogar kannibalistisch um ihr Überleben. Die zeitgenössischen Berichte beförderten seinerzeit die revolutionären Stimmungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das ikonische Gemälde "Le Radeau de la Méduse" von Théodore Géricault verankerte das Drama im kollektiven Bildgedächtnis. Und vor 50 Jahren musste die Uraufführung von Henzes Oratorium in Hamburg wegen einer turbulenten Protestaktion abgebrochen werden.

Das Werk war ganz staatstragend im Auftrag des NDR entstanden, doch dann gab Henze bekannt, es dem im Oktober 1967 hingerichteten Che Guevara widmen zu wollen. Es knirschte bereits hinter den Kulissen, doch die mit prominenten Stars besetzte Uraufführung (mit Charles Regnier als Sprecher, Dietrich Fischer-Dieskau und Edda Moser) sollte erst noch wie geplant über die Bühne gehen. Scharfe Töne in der Vorberichterstattung gegen Henze heizten jedoch die ohnehin im Sog der 1968er-Studentenbewegung diffus eskalierende Stimmung an. Es gab Proteste im Saal gegen das Konzert als "Ritual", eine rote Fahne – mit der Henze sich solidarisierte – woraufhin sich der RIAS-Kammerchor weigerte zu singen.

Halbszenisches Konzert

All das hatte mit dem Werk an sich wenig zu tun. Sondern mit der widersprüchlichen, unruhigen Gemengelage der Zeit. Heute scheint Henzes Oratorium, das sich in epischer Breite den Qualen jener "Vielzuvielen" widmet, die auf dem großen Wasser einem ungewissen Ufer zutreiben, aktueller denn je. Und passgenau für diesen Jahrgang der Ruhrtriennale, die so politisch sein will.

Es bleibt dann aber ein eher flaues Gefühl zurück von dem Abend in der Bochumer Jahrhunderthalle, der nicht mehr und nicht weniger ist als ein halbszenisches Konzert mit erlesenen, defensiven Bildern, die Regisseur Kornél Mundruczó ausbreitet. Am Anfang fließt eine Projektion von Géricaults berühmtem Gemälde auf einem Gazevorhang bis über die Vorbühne, auf der Sanddünen mit dürren Gräsern angedeutet sind. Hinter dem Vorhang, der alsbald weggezogen wird, ist der riesige Apparat aufgebaut: das aufgestockte Orchester der Bochumer Symphoniker und drei Chöre.

Medusa4 560 Ursula Kaufmann uDas Szenario in der Jahrhunderthalle, mit Holger Falk und Tilo Werner
© Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale 2018

Die beiden Solisten, die fabelhaft höhensichere Marisol Montalvo und der balsamisch tönende und plastisch deklamierende Holger Falk sind an den Seiten in unauffälligen Kostümen positioniert, Tilo Werner als Sprecher und Charon trägt einen Smoking mit hochgekrempelten Beinen und watet anfangs knöcheltief in einem herabgesenkten Wasserbecken. Darin lässt er Papierschiffchen schwimmen, später wird das Becken wieder hochgezogen und blubbert magisch beleuchtet in der Höhe vor sich hin. Außerdem schwebt ein Videobild von wogendem Wasser, an die Rückwand projiziert, allgegenwärtig drohend über dem musikalischen Geschehen.

Dezente Aktualisierung

Im letzten Drittel des 75 Minuten kurzen Abends versickern die Sanddünen auf der Vorbühne langsam in den Keller und geben einen Berg von Skeletten frei. Die Bewegungen auf dem Konzertpodium sind überwiegend der Logistik geschuldet, denn die Chöre müssen sich mehrfach umsortieren. Die beiden Solisten und den Sprecher lässt Kornél Mundruczó mit bloß angedeutetem Spiel und sparsamen Gesten agieren. Erst ganz zum Schluss sorgt ein Reigen projizierter Gesichter von Männern, die aus Ländern stammen könnten, aus denen heute so viele Flüchtende an europäischen Küsten stranden, für eine – freilich sehr dezente – Aktualisierung des Stoffs.

Das Grundproblem des Abends liegt nicht in Mundruczós Regie. Es ist Henzes über weite Strecken hart am Kitsch schrammende Tonspur, deren selbstgefälliger Unterton unüberhörbar ist und der wohl nur mit einer harten Dekonstruktion beizukommen wäre. Die musikalische Ausführung immerhin ist formidabel, Steven Sloane koordiniert die Massen souverän, und die Klangregie ist hervorragend. Die Chöre klingen makellos, ebenso die Solisten, und Tilo Werner ist ein eisig klarer Sprecher.

Das Floß der Medusa
von Hans Werner Henze (Komposition) / Ernst Schnabel (Libretto)
Regie: Kornél Mundruczó, Musikalische Leitung: Steven Sloane, Bühne /Kostüme: Márton Ágh, Kostüme: Melinda Domán, Licht: Felice Ross, Dramaturgie: Kata Wéber, Einstudierung Chor: Sebastian Breuing.
Mit: Proton Theater, ChorWerk Ruhr (Chorsolisten, Chor der Lebenden und Chor der Sterbenden), Zürcher Sing-Akademie (Chor der Toten), Knabenchor der Chorakademie Dortmund, Bochumer Symphoniker, Marisol Montalvo (Sopran/ La Mort), Holger Falk (Bariton / Jean Charles), Tilo Werner (Sprecher / Charon).
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

Kornél Mun­druczó beweise zunächst "ein gu­tes Ge­spür für die Mu­sik, die al­lein schon ein Kopf­ki­no in Gang zu set­zen ver­mag", schreibt Malte Hemmerich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.9.2018). Ge­gen En­de verliere die Regie allerdings ein biss­chen das Ver­trau­en in ihre "mu­sik­fo­kus­sier­te, de­zen­te Les­art" und produziere "pathetische, erwartbare Schluss­bil­der" – "die ein­zi­ge klei­ne Schwä­che ei­nes an­sons­ten sog­star­ken, ein­dring­li­chen Abends".

"Einen Abend, der uns keine Schmerzen, sondern einen sorgenfreien Kunstgenuss bescherte – in seichtem Gewässer" hat hingegen Wolfram Goertz gesehen und schreibt in der Rheinischen Post (3.9.2018): "Der Chor singt so schön, als handele es sich um die Leistungsschau mythologischer Sirenen (...) – hier bräuchte es einen Regisseur, der entschieden das Salz in den Wunden des Stoffs schmeckt, statt sie mildtätig zu reinigen und zu verbinden." Aber die Inszenierung ästhetisiere, "wir erleben ein gefälliges Requiem, mit allem Pomp."

"Die antikolonialistische Motivation des Projekts von Stenze und Librettist Ernst Schnabel glättet Mandruczó eher zu einer Symbolik, die zur Staffage gerät", schreibt Benjamin Trilling vom Neuen Deutschland (3.9.2018). Die Inszenierung plätschere vor sich hin. Sein Fazit: "Viel symbolischer Aufwand für ein Oratorium, das ansonsten einem traditionellem Kunstgenuss verhaftet bleibt."

 
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