Manifest der Heimatlosen

von Andreas Wilink

Hamburg, 19. Oktober 2018. Der König schreitet. Nicht gravitätisch, sondern mit Bedacht geht er an der Wand entlang, als messe er etwas aus. Die Grenzen seines Reichs? Wohl eher das Limit seines Lebens. Seine Mitspieler steigen zu ihm hoch von der ersten Reihe Parkett im Schauspielhaus Hamburg auf den nach vorn hin schräg abfallenden Bühnenkasten von Johannes Schütz. Ein Klavier. Ein Stuhl. Ein großer Teppich, der die Landkarte von Lears Herrschaftsraum abbildet. Sonst nur Schatten an den Wänden. Und der Sofortismus des Handelns, mit dem der Alte sich seiner Macht begibt.

Karin Beiers "Lear" in Köln 2009

Konnte die Welt noch dunkler werden? So geborsten, wie sie war – 2009 in Köln. Als "König Lear" eine Frauensache abgab und doch in nichts einem Männer-Ding nachstand. Barbara Nüsse ging für Karin Beier in den Wahn, der sie ihre Wunde aushalten ließ. Mit ihr ging mehr als ein Reich zuschanden, auch ein Eltern-Gefühl. Das Problem, am Leben zu bleiben, ist mehr als Privatsache, ist auch Teil des Politischen.

KoenigLear 1 560 MatthiasHorn uIn zerfallendem Hofstaat: Lear (Edgar Selge, in weißer Unterwäsche) und sein Gefolge auf der Bühne von Johannes Schütz © Matthias Horn

Nun dreht es sich. Die Regisseurin schließt mit diesem Shakespeare eher wieder an die Beschäftigung mit ihm während ihrer jüngeren Jahre an. Männer haben das Sagen, aber keine klare Identitäts-Kontur. Goneril und Regan sind bei Carlo Ljubek und Samuel Weiss zwei kokette, nicht unkomische Geschöpfe, die um den Vater wetteifern, als würde für den Superstar votiert. Mit St. Georg sind die posierenden Gender-Girls per Du, wie auch umgekehrt der schlimme Edmund der Sandra Gerling, der – zunächst als adretter Brit-Pop-Preppy in College-Dress und Bubenschopf – Biopolitik macht. Und dies nicht nur als Bastard-Sohn Gloucesters und Prekariats-Duse, sondern ebenso als Vertreter des Kommenden, der den Generationenvertrag zerreißt und das Diverse der Lebensformen propagiert.

Überhaupt trägt der Stamm Gloucester kurze Hosen: Edgar, wie mit dem Einfaltspinsel rot überstrichen, den Jan-Peter Kampwirth als "armer Tom" zum anarchischen Irrwisch aufputscht; und Ernst Stötzner als Graf, der lernen muss, dass vernunftbegabte Natur in den Wildwuchs wuchert.

Farbe für den Untergang

Die Welt – "What a wonderful world", wie der Narr mit kleiner Stimme singt – muss nicht Schwarzweiß zu Grunde gehen. Sie kann es in Farbe tun und uns dabei eine Nase drehen. Sie ist tollwütig, ungebärdig, politisch diskursiv, schürft sich auf. Manchmal bis aufs rohe Fleisch. Bisweilen wird es einem zu bunt und zu viel. Beier kehrt alle Gravitas unter den Teppich, holt das Stück aus der Zeitlosigkeit des Endspiels in die Gegenwart der Schrecken: mit einem Epilog als revoltierendem Manifest der Heimatlosen, Entwurzelten, Vertriebenen, vorgetragen vom überlebenden Edgar (Kampwirth).

KoenigLear4 560 Matthias Horn uDie Kinder des Schreckens: mittig Samuel Weiss als Lears Tochter Regan und Sandra Gerling als gefährlicher Intrigant Edmund. An der Ziehharmonika: Lina Beckmann als Narr © Matthias Horn

Dieser "Lear" folgt vielen Fährten: der des Geschlechter-Kampfes und seiner variablen Grenzen. Es scheint, als würde erst im Wechsel der Masken das Doppelgesichtige deutlich, als würden Kostüme, Farben, Aufputz, verstellende Identitäts-Attribute das Figuren-Innere ausloten. Shakespeares Drama der Abdankung begibt sich hier zudem in die Dunkelkammern des Alters, die eine Pflegeversicherung nie aufhellen wird. Verfolgt auch undeutlich die Spur der Parolen der Neuen Rechten und einer konservativen Revolution. Die Inszenierung hat eine Menge im Angebot. Etwas weniger im Schaufenster täte nicht schlecht. Der dreistündige Abend ist dann groß, wenn das Ornamentale der Gedanken und der niemals nicht perfekten Gestaltung bröckelt, wenn Kunstfertigkeiten des Showlaufs stolpern, wenn das Glück der reinen Geste zur Ansicht kommt.

Das Glück der reinen Geste

Zum Beispiel: Wellen und das Geräusch der See zu schlagen aus einem Haufen Stoff, wie Kampwirth es tut für den geblendeten Gloucester. Zum Beispiel: Cordelia, brav und hochgeschlossen wie zur Konfirmation, kämmt ihrem Vater die Strähnen. Lina Beckmann wird mit einem leidig verständnissinnigen Schulterzucken die Verstoßung hinnehmen. Am Ende, todeswund, frisiert sie Lear nochmals das Haar. Und zwischendrin tut es der Narr – ebenfalls Beckmann –, bürstet es ihm zu abstehenden Büscheln, als wäre er Professor Unrath. Des Beckmann-Narren große Seele ist schief gewickelt. Jede Borderline schleift sie mit sanftem Mut, ist neurasthenisches Kind, Clown, verstörtes Wesen, hausfraulich putzig bisweilen – und überall obdachlos außer im Spiel. Mit ihr kann einem leicht schwer werden.

Lear im Feinripp: Edgar Selge (mit Carlo Ljubek) © Matthias HornIm Feinripp des hohen Alters: Edgar Selge als König Lear (mit Carlo Ljubek) © Matthias Horn

Nun, und Lear? – Edgar Selge. Wollen wir diesen Mann mögen? Sollen wir ihn mögen? Den harschen, bohrend absprechenden König nicht. Aber den Greis, den die (hier männerlosen) geschmückten Hähninnen und Scheuerweiber-Töchter mit dem Wasserschlauch traktieren, den, dem des Narren Ziehharmonika den Sturm herbeipfeift, den Patienten Lear, der sich eindeutiger Diagnose entzieht, den, dessen Anti-Autorität machtvoll in ihm wird, den, der, bloß im kurzen weißen Hemdchen, im Wahnsinns-Lichte der Erkenntnis strahlt, als er sein Kind Cordelia wiedersieht.

Selge geht am Ende an den Seinen vorüber, den Guten wie Bösen, Opfern und Tätern, und sie kippen einfach um, ohne Geschrei, Blut und Mord. "Die Stille nagelte sie ans Kreuz", um ein ungeheures Bild von Robert Musil zu benutzen.

 

König Lear
von William Shakespeare
Deutsch von Rainer Iwersen
Regie: Karin Beier, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Musik: Jörg Gollasch, Licht: Annette ter Meulen, Ton: Hans-Peter 'Shorty' Gerriets / Lukas Koopmann, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Lina Beckmann, Sandra Gerling, Jan-Peter Kampwirth, Matti Krause, Carlo Ljubek, Maximilian Scheidt, Edgar Selge, Ernst Stötzner, Samuel Weiss; Musiker: Yuko Suzuki, Akiko Kasai.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 


Kritikenrundschau

Karin Beier setze "von Anfang an auf große Bilder und – wie schon so oft – groteske Elemente", berichtet Katja Weise im NDR (20.10.2018). Beier wolle etwas zu deutlich zeigen wie sich "König Lear" in den Konflikten "Jung gegen Alt, rasanter Fortschritt gegen Beständigkeit, Gefühl gegen Macht" gleich einer "Blaupause" auch "auf unsere Zeit legen" lasse, sagt die Kritikerin. "Außerdem verliert sie sich teilweise in Episoden, das gewollt Grelle erschüttert die Intensität. Die Inszenierung hat Längen, was möglicherweise auch an der schwierigen Akustik liegt, etliche Passagen verschlingt der Bühnenkasten regelrecht."

"Vielleicht ist dieser Umgang mit Lear nicht 'aus einem Guss'; dazu stecken zu viele, oft verstörende Einfälle im Szenario. Das ergibt aber einen schönen Kontrast zur weißen Kiste, die das Bühnenbild von Johannes Schütz einmal mehr darstellt", sagt Michael Laages auf Deutschlandfunk (20.10.2018). Edgar Selge als Lear sei "(wie zu erwarten) ein Theater-Ereignis; aber in der Inszenierung hat er so viele Schauer-Bilder zu bewältigen, dass er nie in Gefahr gerät, die eigene Wichtigkeit zu überschätzen; Narr Beckmann ist immer in der Nähe", so Laages. Allerlei Widerspruch mische sich am Ende in den Beifall – "kann ein Weltstadt-Publikum etwa immer noch nicht ertragen, das Menschen nackt sind, wenn sie leiden?"

Als "große Leistung der dreistündigen Inszenierung" bezeichnet Werner Theurich es auf Spiegel online (20.10.2018), "dass hier die Balance aller Schicksale ständig neue Spannung erzeugt, Edgar Selge natürlich als Zentrum wirkt, aber alle anderen keine Satelliten eines Fixsterns sind, sondern ihre Kraft aus sich selbst entfalten". Die "sehr abwechslungsreiche Bühnenmusik" von Jörg Gollasch wirke noch intensiver durch das Pianospiel von Yuko Suzuki, "deren Präsenz diesem Atmosphärefaktor eigenes Gewicht verlieh". Theurichs Fazit: "Keine Sekunde Langeweile, ein 'König Lear', der fordert, aber jederzeit ergreift. Beifall fürs Ensemble, ein einsames 'Buh' für die Regie. Aber vielleicht gehörte das ja zur Inszenierung."

"Das war nicht die Shakespeare-Tragödie. Das war nicht das existenzialistische Menschendrama. Das war nicht das wuchtige Stück über den vorzeitigen Generationswechsel. Das war nicht die bittere Familientragödie, in der ausgerechnet die Liebe in die Katastrophe führt, weil sie sich nicht angemessen dosieren lässt. Das war nicht einmal die Beschreibung einer unlesbaren Welt in Zeiten des grassierenden Populismus, sondern eine verworrene Regiehandschrift", schreibt Stefan Grund in der Welt (22.10.2018). "Karin Beier weiß mit Lear nichts anzufangen. Ihre Inszenierung lässt den Zuschauer innerlich unberührt zurück."

"Ka­rin Bei­ers kraft­vol­le, durch­dach­te, thea­tra­lisch über­schwäng­li­che In­sze­nie­rung brei­tet das Er­zähl­ba­re aus, oh­ne sich um das Un­er­zähl­ba­re zu drü­cken. Sie ent­ideo­lo­gi­siert das Stück und macht es voll Em­pa­thie und Frei­mut als be­stür­zen­des, be­red­tes Spiel­ma­te­ri­al er­leb­bar", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.10.2018). "Die Ele­gi­en des Ver­schwin­dens sind zu­gleich auch un­se­re letz­te Mes­se, die Ka­rin Bei­er mit ih­rem fa­mo­sen En­sem­ble ein­dring­lich und kon­zen­triert, span­nend und er­schüt­ternd zu ze­le­brie­ren weiß."

Für Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (24.10.2018) ist Karin Beiers Shakespeare-Abend "mehr eine geistvolle Improvisation zu dem Stück als eine szenisch und psychologisch griffige Nacherzählung". Der Abend zeige "Bilder wie aus einem Spuk in Lears Kopf, Szenen, die wie erinnert wirken und in der Erinnerung verzerrt". Nicht alle "flackernden Bildassoziationen" von Beier seien "ergiebig; manches ist eigenartig, diffus. Aber atmosphärisch klug und konsequent kombiniert, ergibt dieses 'Lear'-Material doch einen fruchtbaren (mithin auch furchtbaren) Resonanzboden für Beiers tieftraurige Erzählung vom Schmerz an der Welt."

"Wie kommt es nur, dass die­se In­sze­nie­rung so kal­ku­liert, so 'aus­ge­rech­net' und nach al­len Sei­ten ab­ge­si­chert wirkt? Weil es ei­ne Zet­tel-ar­ti­ge In­sze­nie­rung ist, die sich (...) in je­der Se­kun­de zu den gro­ßen The­men der Welt 'ver­hält'", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (25.10.2018). Zu mer­ken sei vor al­lem ein auf Dau­er läs­ti­ger Drang, die Sze­nen 'sa­ti­risch' zu über­schmü­cken, "als wä­ren Poin­ten Fran­sen". 'Kö­nig Lear' er­reiche bei Wei­tem nicht die In­ten­si­tät und den ver­zwei­fel­ten Über­mut von 'Un­ter­wer­fung', der letzten Zusammenarbeit Karin Baiers mt Edgar Selge.

Die bis dato "highest-profile Shakespeare production" in dieser Saison in Deutschland ist der New York Times (2.11.2018) eine Besprechung wert. Als Karin Beiers "most radical idea" erscheint dem Kritiker A. J. Goldmann die Besetzung der negativen Charaktere des Stücks mit Spieler*innen des jeweils anderen Geschlechts. "The actors Carlo Ljubek (Goneril), Samuel Weiss (Regan) and Sandra Gerling (Edmund) are all wonderfully invested in their villainy, but the cross-dressing daughters lend the production a campy edge." Zum Lear von Edgar Selge heißt es: "Physically, it’s a no-holds-barred performance, featuring ample nudity, a hosing-down and several eggs cracked against the septuagenarian’s skull. Psychologically, however, the portrayal is less convincing, as Mr. Selge doesn’t quite find a way out of the king’s madness after his reunion with Cordelia."

 

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