Häkchen-Theater

von Tobias Prüwer

Leipzig, 13. Dezember 2018. "Behinderungstheater" nennt die Berliner Compagnie Bryckenbrant ihre Arbeit. Sie wollen mit Sehgewohnheit brechen, Widerständigkeit erzeugen. Programmheftprosa jedenfalls kann die Gruppe. Und tatsächlich hintergeht "Das Massaker von New Leipzig" in der Regie von Daniel Wittkopp am Lofft Leipzig so ziemlich alle Erwartungen. Allerdings stellt es sich selbst dabei das eine oder andere Bein.

Sonnenbrillenmacker im Westernklischee

Das Spiel um Repräsentation und Inszenierung beherrscht das Team zunächst gut. Hübsch vollgerümpelt ist der Bühnenraum mit Tand, der einen Abklatsch von Realismus erzeugt vom Klavier bis zum Kuhhornmobile. Weil das Leipziger freie Theater Lofft wegen Bauverzögerung gerade ohne Haus dasteht, wurde der Abend in eine ehemalige Schwimmhalle verlegt. Vor einer gelblich gekachelten Wand zeigt die quergezogene Bühne eine Straßenecke, einen Saloon und ein Hinterzimmer. Der zu groß dimensionierte Raum erzwingt lange Laufwege, die die vier Darsteller und damit auch die Zuschauer fordern.

Massaker 16 DSC 9336 560 Thomas Puschmann uPokerspaß: Grit Wagner, Debrecina Arega, Ronald Bird, Elpida Orfanidou © Thomas Puschmann

Auf der inhaltlichen Ebene passiert nichts beziehungsweise nichts Nachvollziehbares. Irgendwo im US-Westen des 19. Jahrhunderts treffen Klischee-Figuren aufeinander, saufende Sonnenbrillenmacker mit Cowboyhüten, die sich in Pokerrunden und Schusswechseln duellieren. Ein lokaler Square-Dance-Verein steuert Tanz im Quadrat bei. Dann wälzt sich eine Fastleiche elendig lang sterbend auf dem Boden.

Warum? Das erfährt man so wenig wie in den Pulp-Western, die als Vorbild dienten. Eine Darstellerin ist öfter nicht zu verstehen, was als Til-Schweiger-Effekt durchgehen mag. Die Dramaturgie stellt sich tot. Als Farce, als die der Abend zwischenzeitlich scheint, funktioniert der Abend nicht, weil Tempo und Verdichtung fehlen. Wäre vermutlich auch zu unterhaltsam. Ziel der Inszenierung ist ja "Behinderungstheater", "um neue Ausdrucksformen zu finden", "aufzurütteln".

Kunstblutorgie? Konfetti!

Frauen spielen Haudegen, ein Mann erscheint in Kleid und Federboa, das Ensemble ist Mixed-Abled, Experten des Alltags werden eingebunden. Damit kann Bryckenbrant gleich mehrere Häkchen machen in obligatorischen Kästchen auf Antragsformularen: Gender/queer, Inklusion, dokumentarisch. Allein, das genügt nicht. Gewiss, in den besten Momenten bleibt unentschieden, ob das Gezeigte bewusst schlecht oder unfreiwillig schlecht gespielt ist. Hier hintergeht die Inszenierung tatsächlich binäre Gegenüberstellungen von normal/behindert und Laien/Profis. Solch professioneller Dilettantismus, der gängige Beurteilungsregeln aussetzt, ohne Schmiere zu werden, ist tatsächlich hohe Kunst. Im Leipzig-Massaker flaut sie bald ab. Für manche Momente muss sich die Inszenierung sogar den Verdacht gefallen lassen, ihre Darsteller auszustellen.

Massaker 49 DSC 9568 560 Thomas Puschmann u© Thomas Puschmann

Indem sie auf Spannung, Dramatik und alles andere verzichtet, was dem Theater Emotionalität verleiht, verliert sie alle Kraft. Es gibt nette Anspielungen auf die aktuellen künstlerischen Mittel im Stadttheaterrepertoire: Schauspieler treten aus ihrer Rolle heraus, arbeiten mit Handkameraprojektionen, veranstalten Kunstblutorgien (okay, hier ist es rotes Metallfolienkonfetti). Diese Mittel aber verpuffen im zähen Aneinander der Szenen. Das Kollektiv vermeidet es, auch mal klar zu sein, gefällig – und sei es in Form grausamster Farce.

 

Das Massaker von New Leipzig
von Bryckenbrant
Regie: Daniel Wittkopp, Live-Musik: Vladimir Stramko, Kostüm: Josephin Berger, Bühne: Holden Deadfield.
Mit: Debrecina Arega, Ronald Bird, Elpida Orfanidou, Grit Wagner, Mitglieder des Squaredance-Vereins 1st Dancing Lions Leipzig SDC e.V.
Premiere: 13. Dezember 2018
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.lofft.de

 

Kritikenrundschau

"Insgesamt ein seltsam aus der Zeit gefallener Abend, den aber die Methode des Zeitlupen-Slapsticks gut zusammenhält", schreibt Torben Ibs in der Leipziger Volkszeitung (15.12.2018). "In den besten Momenten wirkt das wie Helge Schneider, in den schlechtesten Momenten fühlt man sich verloren im Grand Canyon."

 

 
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