Raus aus dem Kohl

von Esther Boldt

Marburg, 2. Februar 2019. Wie zeigt sich Macht? Und wer übt sie aus? Können, beispielsweise, fünf Frauen Bundeskanzler werden? Oder vielmehr: ein Chor von fünf Frauen, von fünf Körpern, sich in einem Bündel zusammenknäulend oder auf chrom-weiße Freischwinger setzend, oder da, breitschultrig am vorderen Bühnenrand stehend? Ein Chor von fünf Frauen, die sich in scheinbaren Nebensächlichkeiten verplappern und deren kollektiver Körper der Betrachterin stets zu entgleiten droht?

Im Hessischen Landestheater Marburg, da sind sie Kanzler. Und nicht irgendein Kanzler, sondern der Kanzler, Helmut Kohl. In ihrem neuen Stück "Es ist doch eine schöne Sache, über Kanzlerkandidaten zu reden und dabei Blutwurst zu essen." haben die Regisseurinnen Susanne Zaun und Marion Schneider-Bast eine Reise in die Vergangenheit angetreten, in die eigene zumal, wuchsen sie doch mit Helmut Kohl als "ewigem Kanzler" auf. In dieser Spielzeit sind die beiden mit ihren Choreutinnen unter dem Label "Zaungäste" Artists in Residence im Hessischen Landestheater Marburg, das seit dieser Spielzeit von dem Intendantinnen-Duo Eva Lange und Carola Unser geleitet wird – und das sich hier öffnen will für die freie Szene, sind die "Zaungäste" doch sonst zumeist am (hier auch koproduzierenden) Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt beheimatet.

Michelle for President

Seit 2005 arbeiten Marion Schneider-Bast und Susanne Zaun zusammen, ihren Erstling "Dreckig tanzen oder Schleiertanz bei Kellermanns" entwickelten sie auf der Probebühne des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft. Ein Frauenchor zerzupfte da munter und zornig die deutsche Synchronfassung des Kultfilms "Dirty Dancing". Seither werfen sie dem kollektiven Gedankenmahlstrom des Chorkörpers regelmäßig populäre Mythen vor, zum Fraße und zur lustvoll-wiederkäuenden Dekonstruktion.

EsistdocheineschoeneSache2 560 Jan Bosch uDickes Erbe © Jan Bosch

Aber wie werden denn nun fünf Frauen ein Helmut Kohl? Der Anzug passt schon mal nicht, ein Arm bohrt sich nur mit Not durch den Ärmel des übergroßen Sakkos, Judith Altmeyers Gesicht schaut eher unglücklich-zerknautscht zwischen zu breiten Schultern heraus, die Isabelle Zinsmaier und Asja Mahgoub zu füllen suchen. Währenddessen lehnen Katharina Speckmann und Katharina Runte am Sideboard, jede steckt bis zur Brust in einem Bein einer grauen Anzughose – sie finden, sie stehen sehr lässig da. Und obgleich sie doch angeblich in den 1980er Jahren herumhängen in dieser mit beigefarbener Auslegwaren ausgekleideten Heimeligkeitsbühne, um der eigenen Kindheits- und Tagesschauprägung nachzugehen, ist das, was da in Form einer heiteren Bodyswitch-Komödie verhandelt wird, ziemlich heutig: Wie sind Machtstrategien und die Repräsentation von Körpern miteinander verbunden? Zahlreiche Diskussionen, die zurzeit um weiße, westliche, männliche Normative und die mit ihnen verbundenen Machtstrukturen kreisen, welche auch den deutschen Theaterapparat prägen, lassen sich hier assoziativ anknüpfen: Kann dieses Kollektiv sich dazu ermächtigen, Intendant zu sein? Nur so zum Beispiel. Das Hessisches Landestheater steht ja, wie gesagt, auch seit Spielzeitbeginn unter weiblicher Doppelspitze.

Weggetackerte Sprach-Stücke

Den Körpern der Macht wird also mit den Mitteln der Dekonstruktion zu Leibe gerückt, mit der immer wieder aufs neue wunderbar schieflaufenden Repräsentationsbehauptung – das da ist doch nicht Helmut Kohl! Aber warum eigentlich nicht?!, – und auch per Wiederholung: Originalzitate Kohls werden gnadenlos wieder- und wiedergesprochen, andere Haltungen für die Sätze aufgesucht, bis sich ihre Bedeutungen erst multipliziert und dann entleert haben: In einem grandiosen Chorstück berichtet der Kohl, nein, der Chor von den dramatischen Ereignissen um den CDU-Bundesparteitag im September 1989, als Heiner Geißler Kohls Abwahl als CDU-Chef betrieb und der Bundeskanzler sogar eine Prostata-Operation aufschob, um seine Macht zu sichern. Die durchaus beeindruckende Heldenerzählung mit Schlachtbeschreibung wird in rhythmische Sektionen aufgeteilt und mit jeder Wiederholung mehr als Melodie, als Sprach-Stück weggetackert, das es mit der Präzision eines Uhrwerks zu performen gilt.

EsistdocheineschoeneSache3 560 Jan Bosch uAlle Nuancen der Farbe Beige © Jan Bosch

Eine kluge, lustige Einverleibung des Kohls also, mit sitzfleischmäßigen Längen (aufgrund hartnäckigsten Wiederholungszwangs) zwischendurch, mit purzelbaumschlagenden Albernheiten und einer ziemlich tollen Gesten-Choreografie zum abgeblassten Soundtrack von "You put a spell on me". Schließlich müssen die Choreutinnen am Ende wieder raus aus dem Kohl, aus den Erzählungen des alten, toten Mannes, schließlich arbeiten sie sich noch durch eine wohlinszenierte Dosis Pathos, um aus der bundesdeutschen Nostalgie heraus in der Gegenwart anzukommen. Selten sah diese so gut aus.

Es ist doch eine schöne Sache, über Kanzlerkandidaten zu reden und dabei Blutwurst zu essen.
Konzept und Regie: Zaungäste / Susanne Zaun, Marion Schneider-Bast, Bühne: Friederike Schmidt-Colinet, Kostüme: Mari Liis Tigasson, Dramaturgische Mitarbeit: Philipp Schulte, Choreografische Mitarbeit: Ekaterine Giorgadze, Video: Janna Pinsker.
Mit: Judith Altmeyer, Aska Mahgoub, Katharina Runte, Katharina Speckmann, Isabelle Zinsmaier.
Premiere: 2. Februar 2019, Theater am Schwanhof
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.hltm.de
www.mousonturm.de

 

Kritikenrundschau

"In dem Theaterstück wird das Bild eines Machtmenschen gezeichnet, der selbstzufrieden in einem großen, statischen Körper ruht, und das geschieht mit äußerst komischen Mitteln." An machen Stellen gebe es Längen, zudem hätte man sich vielleicht etwas mehr Tiefgang gewünscht. "Wer aber einfach nur seinen Spaß haben will und den fünf tollen Darstellerinnen beim Spielen zuschauen möchte, kommt voll auf seine Kosten", so Bettina Preusser von der Oberhessischen Presse (5.2.2019).

Einer "amüsanten Performance" hat Eva-Maria Magel von der Rhein-Main Zeitung der FAZ (7.2.2019) beigewohnt. Zwar sei die Blutwurst im Laufe der Proben wohl abhanden gekommen. "Doch das "Körperliche, die, auch kulinarische Fülle, das 'Aussitzen': Das war seinerzeit Thema, als Helmut Kohl von 1982 bis 1998 Bundeskanzler war." Über die Regisseurinnen und ihren Chor schreibt sie: "Dass das Ganze immer, ob es um Schönheitsideale oder Hitler geht, witzig ist, gescheit und auch leichtfüßig etwas wagt im strengen Korsett des chorischen Vortrags, macht einen großen Reiz der Produktionen aus." Das gelinge auch bei der "Blutwurst": Es brauche nur eine Anekdote, eine der Europa-Reden Kohls und ein paar Originalzitate, "um, durchaus drollig, mit fast akrobatischen szenischen Einfällen und rasend schnellen Wechselreden ein Kohl-Bild aufzubauen."

 

 

 
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