Die Liebe ist auf Sand gebaut

von Jan Oberländer

Berlin, 28. August 2008. Die Liebe ist ein schmutziges Spiel. Das wird schnell klar in Michael Thalheimers Inszenierung von Shakespeares Rollentauschkomödie "Was ihr wollt". Glücklich wird niemand. Thalheimers Arbeit eröffnet die neue Spielzeit auf dem Platz gegenüber dem Deutschen Theater in einem Zelt. 28 Meter Durchmesser, 450 Plätze. Das Große Haus wird derzeit renoviert, es bekommt eine neue Bestuhlung und eine moderne Ventilation. Dem ausquartierten Regisseur scheint die frische Luft gut getan zu haben. Es geht einen an, wie sein erstklassiges Ensemble über den halbrunden, von Olaf Altmann mit satter, dunkler Erde bedeckten, zunehmend zu Schlamm verregneten Bühnenacker tobt.

An schlammige Küsten gespült

Der Matsch spritzt während der zwei Spielstunden immer wieder ins Publikum. In den ersten Reihen liegen Plastikponchos aus. Es ist, man muss es so sagen, ein erdiger Abend. Bodenständig für den Zirkler und Zergliederer Thalheimer. Von der Leber weg. Alles ist vorhanden: Gitarre, Gesang, Gewalt. Slapstick, Zoten, Melancholie, Hände in Hosen, Herzen in Händen. Da ist Viola, die durch einen Schiffbruch von ihrem Zwillingsbruder Sebastian getrennt und an die schlammigen Küsten Illyriens gespült wird. Und die sich von ihrem Käpt'n (Peter Pagel im marineblauen Zweireiher) eine Hose borgt, um unter dem Tarn-Namen Cesario in die Dienste des Herzogs Orsino zu treten, in den er/sie sich denn auch hoffnungslos verknallt.

Stefan Konarske spielt Viola. Wie zu Shakespeares Zeiten spielt hier ein Mann eine Frau, die einen Mann spielt – Thalheimer hat auch alle anderen weiblichen Rollen mit Schauspielern besetzt. Konarske trägt als Schiffbrüchige ein rotes Kleid, später als Dienerlein dann Blüschen und Jäckchen. Kein Mann mehr, noch keine Frau, immer noch kein Mann. Oder so. Das ist aber nicht im Geringsten transig-witzig. Es lenkt bloß keine Geschlechterrolle davon ab, dass Viola/Cesario vor allem eins ist: ein verzweifelt liebender Mensch.

Tapfere Diener, Power-Transen

Fahrig, zerbrechlich, mit hängenden Schultern wackelt Konarske durch den Modder. Alexander Khuons pelzverbrämter Macho-Herzog ist vor allem von seiner eigenen Verliebtheit in die Gräfin Olivia begeistert – seinen neuen Lieblingsdiener knutscht er zwar hin und wieder mal neugierig ab, stößt ihn nach Benutzung aber wieder in den Dreck zurück. Und Cesario rappelt sich tapfer wieder hoch. Liebe ist Macht. Und Matsch.

Mirko Kreibichs Sebastian ist auch so ein Mickermännchen wie Cesario, nur eben kein verkleidetes. Ingo Hülsmanns rothaarige, rotlippige, zähnefletschende Power-Transe Olivia konnte bei der keuschen Viola nicht landen. Also wird eben ihr Zwillingsbruder Sebastian bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit gepackt, zu Boden geworfen und – zur Liebe gezwungen. Am Ende ist er genauso von Matsch überzogen wie Viola – ein treffendes Bild für Identitätswirrwarr und Selbstverleugnung.

Das Gleiche bei Malvolio, Olivias Haushofmeister. Herrlich comichaft gespielt von Michael Benthin im Fliederjackett. Malvolio ist einer, der zunächst mal mit angeekelten "Ih, ih, ih"-Lauten über die Matschbühne stakst. Einer, der eitel ist und sich aufspielt und was werden will. Einer wie viele. Nur ungeschickter. Einer, der sich, nachdem er einen vom verkniffenen Kammermädchen Maria (Matthias Bundschuh) gefälschten Liebesbrief gefunden hat, für seine Herrin komplett zum Affen macht, in einer Ganzkörperstrumpfhose mit gelben Strapsen.

Seelen im Fischglas

Es ist eben nicht leicht. Dabei wünschen sich doch eigentlich alle – was eigentlich? "Wish you were here", singt an einer Stelle das gesamte Ensemble aus voller Kehle. Der alte Pink-Floyd-Jauler funktioniert: Ein Du wird gesucht. "We're just two lost souls swimming in a fish bowl." Arne Jansen schlägt vom Bühnenrand die E-Gitarre dazu. Es geht wirklich allen so. Etwa dem Seemann Antonio, ebenfalls gespielt von Peter Pagel. Antonio hat Sebastian aus den Fluten gerettet, er liebt ihn, und zwar nicht wie ein Vater. Ein alternder, eifrig verliebter Mann, der seine Hände nicht im Zaum halten kann, aber ohne Chance ist bei dem Jungen.

Pagel hat nur wenige Szenen, aber die sind stark. Oder die Junker. Bernd Stempel als Olivias Onkel Sir Toby Rülps und Niklas Kohrt als Sir Andrew Bleichenwang. Der doofe Witz, letzteren mit fleckiger Bräunungscreme im Gesicht auftreten zu lassen, geht in Ordnung. Schließlich ist Sir Andrew mit seiner blondierten David-Bowie-Vokuhila ja auch eine Witzfigur, Sir Tobys hampeliger Sidekick. Sie haben einander, könnte man denken. Aber als Bernd Stempels Trunkenbold nach einem gepöbelten Saufkanon ("Halt's Maul!") die Wirrhaarperücke vom Kopf rutscht, steht er da, stumm, mit nackter Glatze, und ist plötzlich sehr verletzlich und allein.

Traurige Liebeslieder

Trotz allem Geraufe und Geschmadder, trotz Rock-Chor und "Fotze"-Witzen – der Abend ist kein fröhlicher. Michael Schweighöfers Narr, ein grummeliger Weihnachtsmann mit Hochwasserhose und Schlips, lässt sich von dem Theater um ihn herum nicht beeindrucken. Der Narr singt traurige, enttäuschte Lieder. Eins vom Tod, eins vom Verstreichen der Zeit. Auch das "Halt's Maul!" grölt er mit. Nur zur Melodie von Jane Birkins und Serge Gainsbourgs "Je t'aime"-Duett – da wagt er, ganz für sich, ein langsames Tänzchen.


Was ihr wollt
von William Shakespeare, Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Katrin Lea Tag, Musik: Bert Wrede, Musiker: Arne Jansen.
Mit: Michael Benthin, Matthias Bundschuh, Ingo Hülsmann, Alexander Khuon, Niklas Kohrt, Stefan Konarske, Mirco Kreibich, Peter Pagel, Michael Schweighöfer, Bernd Stempel.

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Viel Schmutz um nichts" befindet Irene Bazinger mit deutlicher Enttäuschung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.8.) über Michael Thalheimers, in ein Matschfeld verlegte Inszenierung. Der Matsch bewirkt aus ihrer Sicht neben "einigem Amüsement und viel gelungener Komik" zwar, daß die Aufführung oberflächlich "ziemlich pfui" daher kommt. Zu Bazingers Bedauern ist sie innen dann aber eher hohl statt hui. Denn über den "eigentlichen Witz des Stücks, der darauf beruht, dass sich feste Grenzen und fixe Bestimmungen zugunsten überraschender Wahrheiten und verwirrender Erfahrungen auflösen", rutsche die Inszenierung haltlos hinweg. Thalheimer habe seine erste Shakespeare-Komödie "mit mechanischer Geläufigkeit" erledigt, und zwar "an der Oberfläche entlang, die er mit Dreck und Dampf noch betont". So sei Aufführung "zwar gut gemacht und flott abgespult, aber ohne jeden gedanklichen oder emotionalen Widerhaken".

Noch enttäuschter klingt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (30.8.), für den Michael Thalheimer in Shakespeares "Verwirrspiel der Geschlechteridentitäten alle Komplikationen zwischen Männern und Frauen in robuster Naivität auf Karikaturformat geschrumpft" hat: "ich Tarzan, du Jane; ich Macker, du Tussi." Thalheimer gebe fast alle Figuren der Denunziation preis: "Die Liebenden und Verwirrten werden unter seiner Regie zu grunzenden Primaten, keine Emotionalclowns, sondern Testosteron-Krüppel." Nur Matthias Bundschuh entzieht sich aus Sicht Laudenbachs dieser Karikaturen-Dressur. Aus dem Kammermädchen Maria mache er "eine tieftraurige, bis zur Depression unglücklich Verliebte", womit sie für Laudenbach "die einzige berührende und darum faszinierende Figur dieser Inszenierung" ist. Ansonsten läuft für ihn an diesem Abend Thalheimers große Stärke, "Stücke auf einen zentralen Konflikt- und Schmerzpunkt zu verdichten, für den er dann starke Bilder findet, in der Formlosigkeit und einer reichlich simplen Vulgärpsychologie ins Leere."

Auch Andreas Schäfer, der für den Berliner Tagesspiegel (30.8.) schreibt, ist unzufrieden. Aus seiner Sicht fehlt dem Abend die entscheidene Zutat, die für ihn eine echte Komödie ausmacht: Nämlich der versöhnliche Glaube, dass alles gut wird. Thalheimer jedoch liefere nur die komödiantischen Zustaten. Doch ohne das versöhnliche Bindemittel bleibt für Schäfer der Matsch lediglich "der kloakige Bodensatz" von Intrige und Schadenfreude, statt zur "Ursuppe der Lust" zu werden. Natürlich könne man "so bitter" wie Thalheimer Shakespeares Komödie auch erzählen. Doch wirklich Spaß macht das dem Kritiker eigenem Bekunden zufolge nicht, obwohl es für ihn immer wieder Momente großer Schauspieler gibt, von Matthias Bundschuh, Stefan Konorske und Michael Schweighöfer zum Beispiel, der als bärtiger Narr eine Mischung aus Karl Marx und Helge Schneider sei.

"Das Deutsche Theater auf tollem Niveau!" bejubelt dagegen Joachim Lange in der in Wien erscheinenden Tageszeitung Der Standard (30.8.) die Aufführung, die er als "traurige Selbsterkundung verlorener junger Leute" beschreibt. "Man schüttet sich zwar bei der Zweistundenversion, die Michael Thalheimer aus Shakespeares Komödie 'Was ihr wollt' gemacht hat, nun nicht gerade vor Lachen aus. Dafür schüttete es aber reichlich von oben: auf Olaf Altmanns erdigen Arena-Boden vor einer schlichten Sperrholzwand." Thalheimer, der ohnehin mehr Verdichter als Slapstickspezialist sei, bevorzuge das Hintergründige. Obwohl diesmal auch gematscht werde, was das Zeug halte: "Illyrien wird zu einem Feuchtgebiet mit Rutsch- und Spritzgefahr."

Ganz stimmig und irgendwie auch tiefgründig findet Matthias Heine in der Tageszeitung Die Welt (30.8.) Olaf Altmanns Matcharena, obwohl er im Stück selbst kaum "Feuchtigkeitspoesie" ausmachen kann. Aber das "knietiefe Waten in hoffnungsloser Liebe" findet er hier höchst haptisch auf den Punkt gebracht. Auch die Entscheidung, alle Rollen wie zu Shakespeares Zeiten von Männern spielen zu lassen, findet er richtig. Auch deshalb, weil der Abend sonst zum sexistisch-proletarischen Schlamm-Catch-Vergnügen geworden wäre. Ganz glücklich ist Heine trotzdem nicht geworden, weil sich aus seiner Sicht insgesamt die Subtilität der Interpretation in sehr überschaubaren Grenzen hält.

In der Berliner Zeitung (30.8.) schreibt Ulrich Seidler über diesen "garstigen, schwarzen und volkstheaterhaft versauten" Abend, der besonders die Beobachtung zu Protokoll gibt, daß sich der Regisseur Michael Thalheimer, sonst bekannt für "seine geschniegelten, depressiven Klassikerbegradigungen" darin mit einer, für Seidler "unerwartet heftigen und lustvollen Selbstironie auf die Suche nach seinem Humor" gemacht hat. Wobei Seidler dann im Verlauf des Abends nicht Thalheimers Humor allein komisch findet, "sondern vor allem das irgendwie sehr deutsche Bemühen um ihn". Denn über jeder Szene dieser Inszenierung sieht Seidler den "gleichzeitig als empörte Frage und als strammen Befehl gemeinten Satz: Das soll komisch sein" stehen.

Für Anne Peter
, die sich den Abend für Die Tageszeitung (30.8.) angesehen hat, ist der Abend der beiden "strengen Guckkastenformalisten" Thalheimer und Altmann überraschend leichthändig ausgefallen, ohne daß es ihm an gebührender Tiefe fehlen würde: Ein "ziemlich verspielter, sich im Übertriebenen weidender, teilweise arg veralberter, sich bisweilen aber zu dringlicher Wildheit aufschwingender Nummernabend über die quälenden Wirrnisse der Liebe, angesichts derer letztlich noch jedes Komödienspiel in Bitternis umschlägt."

Peter Kümmel schließlich schreibt in der Wochenzeitung Die Zeit (4.9.), empfindet den Bühnenschlamm als Schlacke, als "Thalheimers Schlacke". Denn von jeder Utopie sehen man in den Arbeiten dieses Regisseurs nur den Rückstand, das Überbleibsel sozusagen. Im vorliegenden Fall von der Utopie der Liebe. Thalheimer macht sich Kümmels Eindruck zufolge nicht die Mühe, deren "utopisch-erotischen Verheißungen" erst mal zu entwickeln. Er zeige immer gleich deren trostloses Resultat: "Die Landschaft in Asche, den Menschen nach dem Blitzschlag". Deshalb werde man bei Thalheimer nie die "schöne Überraschung erleben, von der wahre Kunst lebt: das Glück nämlich, sich in einem Wesen zu täuschen oder über den Ausgang einer Geschichte im Unklaren zu bleiben."

 

 

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