Erinnerung an die Erotomanie

von Georg Kasch

Zittau, 12. April 2019. Sex ist eine grenzüberschreitende Angelegenheit. Wenn man sich in Zittau in die einschlägigen Datingportale einloggt, dann ploppen die Messages in drei Sprachen auf: Polnisch, Tschechisch, Deutsch. Zittau liegt direkt am Dreiländereck, und auch, wenn die äußerst hübsche Stadt ein wenig verschlafen wirkt, so wird auch hier gevögelt. Garantiert.

Ironie, Melancholie und Tinder

Warum also nicht Arthur Schnitzlers einstiges Skandalstück "Reigen" inszenieren? Jenen augenzwinkernden Balztanz der Paare von 1900, bei dem der Soldat mit der Prostituierten und danach mit dem Stubenmädchen schläft, das sich danach mit dem jungen Herrn vergnügt, der daraufhin mit der jungen Frau ... bis der Graf am Ende in den Armen der Prostituierten aus Szene 1 landet. "Reigen", das erst 1920 uraufgeführt werden konnte und dann pseudomoralischen, antisemitischen Kampagnen ausgesetzt war, besitzt eine feine Ironie, die zum Beispiel das Problem der Monogamie – wer hält das schon durch, ein Leben lang? Schnitzler jedenfalls nicht, wie wir wissen – aufs Korn nimmt, aber auch die Melancholie des Orgasmus, die Versagensangst, falsche Romantik beschreibt.

Reigen 2 560 NikolaiSchmidt u"Ach, wie gut, dass Du nicht weißt, dass ich das Tinder-Stilzchen heiß!" © Nikolai Schmidt
Von Tinder, Grindr und Co. ist da natürlich noch nicht die Rede. Das holt Dorotty Szalma, Schauspiel-Intendantin am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau, jetzt auf der kleinen Zittauer Studiobühne nach. Und zwar mit einem grenzüberschreitenden Ensemble: Auf der Bühne stehen neben Zittauer auch Schauspieler*innen des Partnertheaters Divadlo F. X. Šaldy aus dem eine halbe Bummelzugstunde entfernten tschechischen Liberec. In manchen Szenen wird also Tschechisch, in manchen (ein von allen Austrizismen befreites) Deutsch gesprochen, in manchen beides. Die Übertitel halten einen auch auf Polnisch auf dem Laufenden. Tolle Idee – dafür muss man dieses Theater lieben!

Sex? eine Lachnummer

Gutem Sex steht hier allerdings nicht die Mehrsprachigkeit im Wege, sondern der Mensch. Schon bei Schnitzler ist der Beischlaf, noch mehr aber das paarungstechnische Drumherum eine tendenziell komische Angelegenheit. Szalma macht nun endgültig eine Lachnummer draus. Wo Schnitzler noch gnädig Striche für den Vollzug setzte, sind hier die Männer in Sekundenschnelle fertig – wenn sie sich denn überhaupt aufraffen können und die Sache nicht gleich im Virtuellen austragen. Der Gatte und das süße Mädel kommunizieren ausschließlich über Tinder – mit dem Clou, dass der Freund des Mädchens den Dialog tippt, zu dem sich der Gatte einen runterholt. Später ziehen sich der Dichter und die Schauspielerin hinter ihre VR-Brillen zurück, statt sich aneinander abzurackern.

Reigen 3 560 NikolaiSchmidt u Noch einmal so tun als ob © Nikolai Schmidt
Aber es tun ohnehin alle nur als ob auf der kargen Bühne, die aus Zaun, Laterne und Tisch besteht, darauf ein transparenter Rahmen, halb Garderobenspiegel, halb Bildschirm. Die Begegnung von Graf und Schauspielerin inszeniert Szalma als wilde Live-Seifenoper mit Kamera, Tonangel und hingehaltenen Texttafeln, während das Publikum zu Ohhhs und Applaus angehalten wird. Auch die einzige Begegnung, in der so etwas wie erotische Spannung aufkommt zwischen Martha Pohles junger Frau und Grzegorz Stosz’ jungem Herrn, ist zumindest teilweise Fiktion: Sie proben Rollen. Die erste Szene rauscht als reines Hörspiel im Dunkeln, die letzte zerbröselt im Stimmgewirr aller Schauspieler.

Bei all dem hochtourigen Aufwand, der oft genug wirkt wie eine überdrehte Generalprobe – da haken Übertitel, erkennt man zu wenig von den Videobildern, ist der übertragene Ton zu leise –, geht die Figurenzeichnung allerdings verloren, das Typische wie das Individuelle, die Zwischentöne. Die Erotik sowieso. Sex, so lernen wir, ist eine aussterbende Gattung. Wenn er so erbärmlich ist wie hier, ist es allerdings auch nicht schade drum.

 

Reigen
von Arthur Schnitzler
Regie: Dorotty Szalma, Bühnenbild: Dorotty Szalma, Kostüme: Małgorzata Gałaś-Prokopf, Dramaturgie: Gerhard Herfeldt.
Mit: Martha Pohla, Patricia Hachtel, David Thomas Pawlak, Grzegorz Stosz, Kirstin Hering, Uwe Körner, Konstantin Richter, Lucie Škodová, Martin Polách.
Premiere am 12. April 2019
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.g-h-t.de

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