Mehr Teilhabe ermöglichen

13. Juni 2019. Für eine Berücksichtigung der Perspektiven und Bedürfnisse von Künstler*innen und Teilnehmer*innen mit Behinderung bei der Organisation öffentlich geförderter Veranstaltungen setzt sich ein von bislang etwa einhundert Darstellenden Künstler*innen unterzeichneter Offener Brief ein. Initiiert wurde er beim Tanzkongress, der unter der Überschrift "A Long Lasting Affair" vom 5. bis 10. Juni im Europäischen Zentrum der Künste in Dresden-Hellerau stattfand.

... was Tanz war, ist und sein wird

Der Offene Brief, der während des Kongresses mit einer Intervention vorgestellt wurde, kritisiert die Nichteinbeziehung von Tanzschaffenden mit Behinderung bei dem fünftägigen Treffen der Tanzszene, das von der Choreografin Meg Stuart kuratiert worden war. Unter den Erstunterzeichner*innen insbesondere aus der inklusiven Tanzszene sind unter anderen die Choreographin und Performerin Claire Cunningham, der Künstler Dan Daw, der Autor und Schriftsteller Kenny Fries, der Choreograph Michael Turinsky oder die Schauspielerin Jana Zöll.

"Der Tanzkongress 2019 will darüber nachdenken, was Tanz war, ist und sein kann. Aus diesen Überlegungen waren und sind Künstler_innen mit Behinderung fast immer ausgeschlossen," heißt es unter anderem in dem Schreiben. Innovationen im zeitgenössischen Tanz seien oft inspiriert durch das Bewegungsmaterial behinderter Menschen – auf der Bühne selbst oder in den choreografischen Prozess würden sie aber so gut wie nie einbezogen. Der Tanzkongress, kritisieren die Verfasser*innen des Briefes weiter, habe keine Informationen zu Barrierefreiheit bereitgestellt, die über die Standardinformation zu Rampen und Treppen hinausgingen, keine qualifizierte Ansprechperson benannt, um Bedürfnisse vorher abzuklären.

Ein Forderungskatalog

Unter anderen von der Kulturstiftung des Bundes, die den Tanzkongress veranstaltete, fordert der Offene Brief, bei Veranstaltungen dieser Art mehr gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen: "Das Wahrnehmen dieser Verantwortung ist kein nettes Entgegenkommen privilegierter Einzelpersonen, sondern beruht auf einer menschenrechtlichen Verankerung: der UN-Behindertenrechtskonvention, die von Deutschland bereits vor 10 Jahren ratifiziert wurde." Barrierefreiheit dürfe nicht länger als nachträglicher Zusatz und Belastung betrachtet werden, sondern müsse von Anfang an selbstverständlicher und elementarer Bestandteil der Veranstaltungsplanung sein. Verbunden war der Brief mit einem Forderungskatalog. So soll die Vergabe von öffentlichen Fördergeldern für Festivals und künstlerische Kongresse künftig an die Erarbeitung eines Barrierefreiheitskonzepts geknüpft werden und künstlerische Kongresse und andere maßgebliche Vernetzungstreffen spartenübergreifend nicht mehr ohne Künstler*innen mit Behinderung stattfinden.

"Die Verfasser*innen des Offenen Briefs haben einen Punkt und man kann ihnen dankbar sein, dass sie ihn aufgebracht haben," so Friederike Tappe-Hornbostel, die Leiterin der Abteilung Kommunikation der Kulturstiftung des Bundes auf Nachfrage von nachtkritik.de. "Wir unterstützen diese Forderungen natürlich. Trotzdem berührt das Thema weiterreichende Fragen." So wisse sie, dass sich Hellerau seit mehr als zwei Jahren bemühe, mit dem Denkmalschutz eine Übereinkunft zu finden, um das Festspielhaus barrierefrei machen zu können. "Und wenn sie fragen, ob Barrierefreiheit ein Kriterium ist, das bei Förderentscheidungen eine Rolle spielt: Hätte man also sagen sollen, der Kongress kann nicht in Hellerau veranstaltet werden, weil dort keine Barrierefreiheit gewährleistet werden kann, obwohl Hellerau auf Grund seiner Bedeutung für die Entwicklung des modernen Tanzes in Deutschland eigentlich ein idealer Ort ist?"

Widerspruch

Bauliche Anpassungen seien in Arbeit, teilte das gastgebende Europäische Zentrum der Künste Hellerau in einer Reaktion auf die Vorwürfe mit und verwies ebenfalls auf den Denkmalschutz. Auch begrüße und unterstütze man ausdrücklich die Forderungen des Offenen Briefes. Den Vorwürfen, dass "behinderte Choreograf_innen und Tänzer_innen nur zu speziell gelabelten Alibi-Veranstaltungen willkommen" seien und es kein "nachhaltiges Interesse an einer inklusiven Zukunft" gebe, wird allerdings mit Nachdruck widersprochen. Künstlerisch arbeite Hellerau mit Darsteller*innen aller Körperlichkeit ganz selbstverständlich in seinem Programm zusammen. Erwähnt werden mehrere inklusive Produktionen (darunter "Every Body Electric" von Doris Uhlich beim 4. Europäischen Bürgerbühnenfestival). Wert wird außerdem auf die Feststellung gelegt, dass sich das Audience Development darum bemüht, Menschen aller Körperlichkeit, aller Altersgruppen und Bildungsschichten Zugang zum Haus und zum Programm zu gewähren. In diesem Zusammenhang wird auf Saisoneinführungen in Gebärdensprache und Rollstuhlplätze verwiesen. Ab der kommenden Spielzeit arbeite man intensiv mit der Servicestelle Inklusion im Kulturbereich Dresden zusammen.

"Wo wir noch nicht sind"

"Ich respektiere und unterstütze, dass der Tanzkongress den Anlass bot, diesen kraftvollen Brief an die Öffentlichkeit zu bringen", erklärte auf Nachfrage von nachtkritik.de die Choreografin Meg Stuart als Kuratorin des Kongresses. "Verletzlichkeit und Fragilität des Körpers in der Gesellschaft waren stets ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Die Themen und Einladungen lagen von Anfang an auf dem Tisch. Unglücklicherweise konnten sie dann aus verschiedenen Gründen im letzten Monat nicht mehr umgesetzt werden. Dies zeigt, das wir noch nicht da sind, wo wir sein müssten. Mit diesem Offenen Brief wird diese Schlagseite überdeutlich. 

Ziel des Tanzkongresses sei gewesen, strukturelle Veränderung auf einer Ebene des Vertrauens zu verhandeln, "um die Aktivist*innen, die Heilerß*innen und Dichter*innen in uns zu bestärken und die Tanz-Community zu ermutigen, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte in der Welt auszusäen und in eine noch undefinierte aber engagierte Zukunft aufzubrechen," so Meg Stuart weiter. "Ich schlage vor, dass unter den zukünftigen Organisator*innen des Tanzkongresses auch ein*e Künstler*in mit Behinderung sein soll, um damit auf die Kritik zu reagieren, die dieser Brief formuliert."

(eph / sle)

 

Die Meldung wurde am 14. 6. 2019 um 13:10 um die Stellungnahme des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau ergänzt.

Hier der Offene Brief zum Download.

Alles zum Thema Inklusion auf nachtkritik.de hier.

 

 
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