Gerade oder lieber extra krumm?

von Esther Slevogt

Berlin, 20. Juni 2019. "Warum hasst uns niemand?" fragt oder singt jemand an diesem Abend irgendwann – stellvertretend für die Bauhäusler*innen. Zu hören ist es durch die Kopfhörer, die zu Beginn ausgegeben werden und unter denen man nun durch die endlosen Weiten der Berliner Volksbühne wandelt, in die Schorsch Kamerun seinen Abend zum 100. Bauhaus-Jubiläum verteilt hat: verschiedene Foyers und schließlich der große Saal des Hauses samt seiner Bühne.

Dort ist ein Dorf aus Plastikzelten aufgebaut, in denen sich allerlei tut. Waffeln oder Popcorn werden gebacken. Gespräche über Oscar Schlemmers Masken und Figurinen geführt. Und über das Bauhaus insgesamt geredet, dessen ordnungsstiftende Formhuberei reine Oberflächenkosmetik gewesen sei, wie ein Herr an einem unordentlich auf einem Tischchen verteilten Sammelsurium kleiner Gegenstände demonstriert.

Begradigungs-Fantasien

Zwischen den Zelten sind Podeste aufgebaut, auf die man klettern und die Dinge aus luftiger Höhe betrachten kann. Alle tragen dabei diese Kopfhörer, die die Ohren blau leuchten lassen, was die Zuschauenden ein wenig wie Aliens wirken lässt, die aus der Zukunft in eine indifferente Gegenwart zurückgekehrt sind. Und so soll es ja wohl auch sein.

"Das Bauhaus – Ein rettendes Requiem" ist der Abend überschrieben, der dem Unbehagen über den geradezu unheimlichen Welterfolg des Bauhaus' nachspüren will. Jener interdisziplinären Kunstschule also, die 1919 in Weimar gegründet wurde (wie die Weimarer Republik), sich also in gewisser Weise aus den Trümmern der im Ersten Weltkrieg untergegangenen Welt erhob. Um neue Kunst, neues Design, neue Architektur für eine neue Zeit zu machen.

Das Bauhaus2 560 David Baltzer uZelte und Podeste sind aufgebaut, alles futuristisch blau beleuchet. Auf den Rundhorizont projiziert: Schorsch Kamerun am Mikrophon © David Baltzer

Und deren minimalistische Gestaltungsprinzipien ihren Nachhall noch bis in das Design des iPhones von Apple fanden, wie uns beispielsweise einst die CDU-Politikerin Ute Bertram wissen ließ: in ihrer (von Schorsch Kamerun am Ende verlesenen) Rede vor dem Bundestag, wo im Februar 2015 ein Antrag der Großen Koalition diskutiert und schließlich verabschiedet wurde: dass sich nämlich die Bundesregierung finanziell und konzeptionell am Bauhaus-Jubiläum beteiligen solle, zu dessen Leuchtturmprojekten auch dieser Abend gehört.

Was zum Menschen passt

Noch zu Zeiten der Kurz-Intendanz von Chris Dercon beschlossen, dann von Klaus Dörr beauftragt und nun von Schorsch Kamerun umgesetzt, der hier als Kunstfigur "Abendspielleiter Thomas Seel" auch selber in Erscheinung tritt, moderierend und vor allem seine somnambulen Bauhausfantasien singend oder schnarrend: in einer mit Plastik ummäntelten Box im Sternfoyer, aus der eine Livekamera sein Bild immer wieder überlebensgroß auf den Rundhorizont hinter der Bühne sowie diverse LED-Wände projiziert. Motto: "Was passt am besten um Menschen herum? / Alles ganz gerade oder extra krumm?" Wobei das (baushäuslerische) Gerade natürlich für das Doofe, Begradigende und das Krumme für das (anarchistische) Gute steht, dem sich selbstredend mit jeder Geste dieser von monumentaler Schrulligkeit getragene Abend zurechnet.

Denn natürlich wurde und wird das Bauhaus sehr gehasst für seine neuen Gedanken, seine rationalistischen Reduktionen und Begradigungen, seine grenzen- und kulturüberschreitende Formensprache – um mal auf die Eingangsfrage zurückzukommen. Von den Nazis zum Beispiel, die die Schule 1933 schlossen und viele Bauhäusler*innen ins Exil vertrieben. Oder von SED-Chef Walter Ulbricht, von dem 1951 auf dem Höhepunkt der Formalismus-Debatte der berüchtigte Satz überliefert ist: "Wir wollen in unseren Kunstschulen keine abstrakten Bilder mehr sehen. Wir brauchen weder die Bilder von Mondlandschaften noch von faulen Fischen."

Ein Satz, der an diesem Abend schon sehr früh zitiert wird. Wie überhaupt dieser Abend von Zitaten in Wort, Bild und Ton durchzogen, ja geradezu überwuchert wird, wobei sein Herz natürlich den Mondlandschaften und faulen Fischen zufliegt. Denn den morbiden Schattenseiten des Lebens war ja auch der klare Geist der Vernunft des Bauhaus' nicht gerade zugeneigt.

Zukunftsträume, Zukunftstänze

Am Anfang werden von ambitionierten jungen Menschen Plastikbäumchen mit Zitronen herumgetragen und überall im Gebäude arrangiert. Als Referenz an Kameruns Band Die Goldenen Zitronen vielleicht. Oder an den Bauhaus-Geburtsort Weimar, von wo aus sich schon Goethe ins Land, wo die Zitronen blühen träumte – Italien, das Land der formstrengen Klassik nämlich. Als steinerner Gast stößt alsbald der Schauspieler Paul Herwig Kryptisches unter einer grauen Perücke hervor, dessen Bild allüberall auf Bildschirmen und Videowänden flackert. Irgendwann tanzt Anne Tismer Zahlen und Farben und träumt von einem Kunstinstitut der Zukunft.

bauhaus1Requiem 560 DavidBaltzer u0080Materialphilosophische Betrachtungen von Paula Kober © David Baltzer

Wir lernen also die "Akademie für Hip Hop und Science" kennen, die sich auf eine angebliche japanische Bauhausschülerin beruft. Paula Kober tritt mit suggestiven wie ins Absurde kippenden Reflexionen über Form- und Materialphilosophie in Erscheinung. Immer wieder laufen Horden junger Menschen in Biedermeier(?)-Kostümen durchs Bild. Andere Formationen des Massenspektakels führen Ausdruckstänze auf.

Gegen die Vereinnahmung

Fast noch am Anfang schreitet die Mezzo-Sopranistin Corinna Scheurle in einem Latex-Rokoko-Kostüm eine Treppe herab, derweil sie Gustav Mahlers Rückert-Vertonung "Ich bin der Welt abhandengekommen" und viel später einmal "Dido's Lament" von Henry Purcell singt. Dabei ist sie dann in einen Gaze-Polyeder eingeschlossen, der vielleicht Dürers Bild "Melencholia" zitiert.

Denn wir haben es schließlich mit einem Requiem zu tun, das das Bauhaus vor sich selbst, seiner globalen Vereinnahmung und der Verwässerung seiner bahnbrechenden Formen und Ideen durch die Banalisierung retten soll. Und so punktet der verworrene und versponnene Abend immer wieder mit betörenden Bildern, und vor allem betörender Schorsch-Kamerun-Musik. Ist ein diffuses Lamento und grundsympathisches Plädoyer für das Abseitige und Unvollkommene, das Ungestylte und Undesignte. Ein rettendes Requiem also.

 

Das Bauhaus – Ein rettendes Requiem
von Schorsch Kamerun
Regie: Schorsch Kamerun, Bühne: Katja Eichbaum, Kostüme: Gloria Brillowska, Musik: PC Nackt, Schorsch Kamerun, Licht: Frank Novak, Dramaturgie: Elodie Evers, Künstlerische Produktionsleitung: John McKiermann, Technische Produktionsleitung: Karina Zotz.
Mit: Paul Herwig, Paula Kober, Anne Tismer, Corinna Scheurle, Mia von Matt, Frank Willens, Musiker: Schorsch Kamerun, PC Nackt, Sir Henry, Elena Kakaliagou, Nils Marquardt, Jonas Urbat, Phonoschrank, Fee Aviv Marschall.
Sowie projekt bauhaus und Gäste: Torsten Blume, Beatriz Colomina, Christian Hiller, Philipp Oswalt, Katja Szymczak, Mark Wigley.
P14: Mauri Bachnick, Leander Dörr, Yasmin El Yassini, Ben Engelgeer, Imke Grünewald Francia, Elena Herrmann, Musa Kohlschmidt, Marlene Kommallein, Gesa Kreye, Anna Marie Lutz, Celine Meral, Natascha Merckens, Finn Michelis, Luzie Scheuritzel, Anaїs Urban, Leonie Volke.
UdK Berlin: Mina Büker, Ferdinand Dölberg, Milan Dölberg, Charlotte Eitelbach, Tania Elstermeyer, Laurent Garnier, Veronika Melanie Haas, Magnus Krüger, Hansol Kim, Lorenz Lauten, Merav Leibküchler, Marleijn Spekking, Jannik Richard Steinmeyer, Ana Tomic, Thomas Zipp.
DIE ETAGE: Lauren Fitzgerald, Karlotta Frank, Rocío Gottschalk del Pozo, Nadine Haas, Milena Nowak, Daniel Sellami, Henrike Swoboda, Evelin Uus, Tim Vandenbroeck.
Und: Kristina Pleinert, Luise Tismer, Hauke Vogt, Genoveva Wieland.
Premiere am 20. Juni 2019
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"Ziemlich viel Geflüstere, ziemlich viel Gewusele, ziemlich viel Geraune: mehr Romantik als bauhausklare Linien" hat Gerd Brendel von Deutschlandfunk Kultur (20.06.2019) erlebt. "Wäre das ein Abend über die Blütenträume der Romantik oder halluzinogene Drogen gewesen – super, großartig. Aber als Abgesang und Würdigung des Bauhaus – klare Themaverfehlung."

Ein "maßvoll wildes, buntes, verwirrendes Weltneudenk-Durcheinander" begutachtet Wolfgang Höbel von Spiegel Online (21.6.2019). Aus kulturhistorischem Schulwissen über das Bauhaus mache Schorsch Kamerun eine "aberwitzige Lecture Performance, die das Volksbühnengebäude in ein brummendes, lärmendes Insektennest verwandelt", so Höbel. Die Veranstaltung wirke "oft wie ein Jahrmarkt, der den Popcornduft und die Spintisier-Attraktionen einer untergegangenen Zeit zelebriert". Es werde geflüstert, "herzhaft herausgebrüllt" und gesungen, "doch erstaunlicherweise wird die Theaterwelt dann doch weder neu gedacht noch neu erfunden". Was dieser "Hürdenlauf in Ironiegewittern" über das Bauhaus genau mitteilen möchte, ist dem Kritiker unklar. Ihm bleibt ein Abend, der "die Unendlichkeit der Phantasiemittel" beschwört, um eine vergangene Welten lebendig zu machen.

Mit diesem Abend setzt Schorsch Kamerun aus Sicht von Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (22.6.2019) "den offiziösen Festivitäten zum 100. Bauhaus-Geburtstag einen lässigen, klugen und gute Laune machenden Kontrapunkt entgegen." Ganz nebenbei sei Kameruns Revue "auch ein hinreißender Schlussakkord der Spielzeit an der wieder lebendigen Volksbühne."

Der "großartigste dieser vor Effekten sprudelnden Performances" entstand für Jenny Zylka von der taz (23.6.2019) "durch den Mut, das Thema 'Kollektiverlebnis' gleichzeitig zu präsentieren und zu dekonstruieren": Auditiv erlebten die Zuschauenden die Simultan-Performance gemeinsam, aber die Wahl des Ortes blieb ihnen individuell überlassen. "Das passt zur Gleichzeitigkeit des globalisierten Lebens genauso gut wie zum Bauhaus mit seinen mannigfaltigen Schulen, Ästhetiken und seinem Inspirationsreichtum", so Zylka. Ihre Gesamtbewertung der "pickepackevollen Bauhaus-'Erlebnisrally'": "erratisch – und faszinierend".

 

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