Kriegsschiff an der Bühnenrampe

von Peter Schneeberger

Wien, 11. September 2008. Es war eine gelungene Überraschung. Die Theaterwelt staunte nicht schlecht, als der Suhrkamp-Verlag 2006 zum 50. Todestag Bertolt Brechts ein neues Stück des deutschen Theatergenies präsentierte: In der Zeit seines finnischen Exils (1940/41) hatte Brecht gemeinsam mit seiner Kollegin Hella Wuolijoki an einem neuen Drama gearbeitet. In Brechts Nachlass jedoch waren nur fünf der elf Szenen gefunden worden (die 1997 am Berliner Ensemble zu sehen waren).

Erst 2004 entdeckten Wissenschaftler im Nachlass Wuolijokis die Gesamtfassung des Dramas. 2006 veröffentliche Suhrkamp den Text, der gestern nun das Licht der Bühne erblickte: Das Wiener Theater in der Josefstadt eröffnete seine Saison stolz mit einer "Brecht Uraufführung".

Gemalter Wolkenhimmel in Dunkelrot

"Die Judith von Shimoda" ist ein Lehrstück wie aus dem Lehrbuch: Gleich zu Beginn nehmen in den Logen des plüschroten Theaters ein japanischer Zeitungskönig namens Akimura, zwei westliche Intellektuelle und ein japanischer Schriftsteller Platz, um zu jeder einzelnen der elf Szenen ihren belehrenden Kommentar abzugeben. Das dramaturgische Gerüst des Stücks ist so typisch Brecht, dass man es mühelos für eine Persiflage auf dessen Poetik halten könnte: Die Verfremdungseffekte des epischen Theaters werden kreuzbrav eingesetzt.

Regisseur Heribert Sasse tritt artig vor jeder Szene auf die Bühne, um den Inhalt der folgenden Minuten zusammenzufassen. Er fordert die Schauspieler auf, an die Arbeit zu gehen. Bühnenbildnerin Amra Bergmann hat ästhetisch schöne Kulissen entworfen: Mal leuchtet der gemalte Wolkenhimmel in dunklem Rot, mal wirft Hauptdarstellerin Mavie Hörbiger pittoresk Reiskörner in die Luft. Einmal nähert sich sogar ein riesiges Kriegsschiff der Bühnenrampe. Ausgerechnet dem Erfinder des epischen Theaters rückt die Josefstadt mit Naturalismus zu Leibe.

Etikettenschwindel

Der Stoff stammt freilich nicht vom Meister selbst. Wie schon das Vorgängerstück "Herr Puntila und sein Knecht Matti" ist auch "Die Judith von Shimona" eine Bearbeitung. Wuolijoki drückte ihrem berühmten Gast 1941 ein Werk des japanischen Zeitgenossen Yamamoto Yuzo (1887 bis 1974) in die Hand. "Ein gutes Stück", wie Brecht über "Chink Okichi" urteilte. "Ich entwerfe schnell eine Rahmenhandlung". Die Autorenzeile des Manuskriptes lautet dementsprechend: "Ein Schauspiel von Yamamoto Yuzo. Westliche Bearbeitung mit Vorspielen von Hella Wuolijoki und Bertolt Brecht". Von einer "Brecht Uraufführung" zu sprechen, ist dreist, auf dem Cover des Programmheftes nur Brecht als Autor zu nennen schlicht Etikettenschwindel.

Yamamoto greift einen historischen Fall aus der Zeit der durch die Amerikaner erzwungenen Öffnung Japans auf. Als erster amerikanischer Konsul kam 1856 Townsed Harris in die Hafenstadt Shimoda. Die strengen Gesetze der über 200-jährigen Isolationsperiode Japans, die den Umgang mit Ausländern verboten, machten dessen Leben schwierig. Besonders litt der verwöhnte Konsul darunter, dass er keine einheimische Dienerschaft bekommen konnte. Als auch die Verhandlungen über den gewünschten Handelsvertrag stagnierten, drohte Harris mit dem Beschuss der Stadt.

Staat gegen Individuum

Hier setzt die Handlung des Stückes ein. Fürst Isa ist bemüht, den verärgerten Konsul zu beruhigen, und bittet die Geisha Okichi, sich um dessen Wohlergehen zu kümmern. Anfangs weigert sich Okichi, diese Bitte des Staates zu erfüllen. Denn ihr drohen bittere Konsequenzen: Das Volk würde sie als "Ausländerflittchen" verhöhnen und verstoßen. Kein Wunder, daß Brecht von dem japanischen Stück angetan war: Er fand in Yamamotos Text Themen, die den kommunistischen Theoretiker seit je interessierten. Plakativ werden darin die Interessen des Staates gegen jene des Individuums gehetzt. Brecht stilisiert den feministisch aufgeladenen Stoff zu einem Schaukampf zwischen edlen und profanen Motiven: Aus selbstlosem Mitleid mit der bedrohten Stadt beschließt Okichi, in den Dienst des Amerikaners einzutreten.

Alles läuft nach Plan: Okichi gewinnt die Gunst des erkrankten Konsuls, indem sie ihm verbotener Weise Kuhmilch besorgt – eine plump eingesetzte Metapher für Sex. Es kommt, wie es kommen muß: Die Stadt wird gerettet, das Handelsabkommen zwischen Japan und den USA unterzeichnet, doch die gesellschaftliche Ächtung und der Verlust jeglicher Selbstachtung vergiften Okichis restliches Leben: Die tragische Heldin verkommt zur Säuferin.

Theater aus längst vergangenen Zeiten

Als wäre das alles nicht schon deutlich genug, zwingt Brecht dem Stück auch noch die Kommentare aus den Logen auf und nimmt dem ohnedies geheimnislosen Stoff damit jeden spärlichen Rest von Spannung: "Herr Yamamoto wünscht wohl lediglich zu zeigen, dass die patriotische Tat seiner Heldin nicht finanziellen Spekulationen entspringt", ruft neunmalklug der englische Orientalist Clive aus seiner Loge herab. Zeitungsmacher Akimura pflichtet ihm gut brechtisch bei: "Der Patriotismus, von dem zu reden lohnt, ist natürlich keine interessensbedingte Sache."

Dem Zuschauer bleibt nichts anderes zu tun, als sich fast drei Stunden belehren zu lassen. Mavie Hörbiger als Okichi und Peter Kern als Konsul geben ihr Bestes, um den Figuren Leben einzuhauchen: Die beiden zeigen Schauspielertheater auf der Höhe der Zeit. Ihr Umgang mit Sprache ist modern, ihre Gesten sind frei von falschem Pathos. Die Leistung ihrer Kollegen aber bleibt über weite Strecken holzschnittartig: Selten hat Brecht so überholt gewirkt wie an diesem Abend.

Europäische Schauspieler mimen in Kimonos Japaner, Peter Kern als Konsul spricht Englisch mit österreichischem Zungenschlag. Das ist aristotelisches Theater aus längst vergangenen Zeiten. Die Frage, wie Brechts Verfremdungseffekt heutig umgesetzt werden könnte, bleibt ebenso ungelöst wie die Frage, was die Josefstadt an dem Stück außer dessen Werbewirksamkeit eigentlich interessiert: Es wird kein Bogen in die Gegenwart geschlagen. Heribert Sasse hat der "Judith von Shimoda" vor der Uraufführung ein langes Bühnenleben prophezeit. Es kann getrost dagegen gehalten werden.

 

Die Judith von Shimoda
Ein Schauspiel von Yamamoto Yuzo. Westliche Bearbeitung mit Vorspielen von Hella Wuolijoki und Bertolt Brecht.
Inszenierung: Heribert Sasse, Bühnenbild und Kostüme: Amra Bergman, Musik: Michael F. Kienzl. Mit: Mavie Hörbiger, Peter Moucka, Friedrich Schwardtmann, Elfriede Schüsseleder, Mario Hellinger, Heribert Sasse, Peter Kern, Paul Matic, Alexander Strömer, Thomas Groß, Heinz Trixner, Franziska Singer, Silvia Meisterle, Wolfgang Klivana, Sarah Wimmer, Eva Mayer, Erich Altenkopf, Emanuel Kastner, Kevin Leppek, Martin Oberhauser und Hans Wolfgang Pemme.

www.josefstadt.org

 

Mehr zu Bertolt Brecht: oops, man glaubt es nicht, unser Archiv gibt für dieses Jahr fast nichts zu Inszenierungen des Meisters her. Die Ausnahme: die Maßnahme/ Mauser - Aufführung von Frank Castorf in der Berliner Volksbühne aus dem März 2008.

Uraufführung oder nicht? Mehr zum Streit, ob "Die Judith von Shimoda" an der Josefstadt eine echte Uraufführung ist oder nicht, lesen Sie hier.

 

Kritikenrundschau

Dass das Wiener Theater in der Josefstadt verkündet, es zeige die Uraufführung der "Judith von Shimoda" von Bert Brecht, darin verhakeln sich für Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.9.2008) "mindestens ein halb Dutzend Lügen". Brecht bearbeitete fünf Szenen von elf und versah sie mit ein paar Zwischenspielen, "das Einzige, was von Brecht selbst stammt", für Stadelmaier auch "das Ödeste, Lebloseste, Papierenste ... Episches Besserwissertum, zu dem der längst einverstandene Zuschauer nur ergeben mit dem Kopf nicken kann." Was soll ein Regisseur damit machen? "Sasse ist sowieso nicht der Phantasievollsten einer. Hier hat er einen Wust an diffusem Material. Und kaum Menschen. Also organisiert er einerseits eine Art Erdrutsch in Gestalt des Schauspielers Peter Kern.“ Dieser Theaterabend lohne sich aber durchaus "wegen eines Schauspielerinnengesichts. Das Gesicht Mavie Hörbigers....Ein Frauenleben: auf ein Gesicht genommen. Für das sich das Theater lohnt. Aus dem es für ein paar wenige Minuten auftaucht, rein und schön." Fazit: "Ein Gesicht. Das hält. Der Rest ist Josefstadt".


"Episches Theater der plumpen Sorte, besserwisserisch und belehrend", sah auch Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (13.9.2008). "Heribert Sasse tritt in seiner Uraufführungs-Inszenierung selbst als Regisseur im Spiel im Spiel auf und trägt wesentlich zur Schwerfälligkeit dieser Intermezzi bei." Mavie Hörbiger sei eine Schauspielerin, die auch in proletarischer Wut sympathisch wirken kann, "diesmal bleibt sie brav, blass und unterfordert, weil Sasse nur die Oberfläche der Geschichte auf die Bühne bringt." Wenn er Kunst machen und große Bilder schaffen will, rutsche er gleich in den Kitsch. Das Stück ist "im Gegensatz zum Fragment ein spieltaugliches Stück. Was im Theater in der Josefstadt höchstens zu erahnen ist."

"Das Stück ist schlecht und nur eine Brechtsche Bearbeitung", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (13.9.2008), "die mühsam aufgemotzte Aufführung 1997 war ein Lacherfolg", und auch die Wiener Spielfassung ächze und holpere, "als habe Brecht urplötzlich die Lust an dem amerikafeindlichen Sujet verloren". Mit klebriger Bühnenmusik schlage sich Regisseur Sasse auf Brechts Seite, "lässt die Schauspieler jede Silbe ausbuchstabieren und liefert vor lauter Ehrfurcht eine fast infantile Basisversion eines Lehrstücks ab." Immerhin leide Mavie Hörbiger im langen Untergang der Titelfigur beeindruckend, "doch das Stück ist das Geschrei um diese Uraufführung so wenig wert wie der Abend".

"Langweiligen Bebilderungsabklatsch", sah Ronald Pohl im Standard (13.9.2008). Man wähnt sich in einem Brecht-Gefängnis aufgehoben, "in einem epischen Luxus-Knast". "Sasse selbst gibt mit gaumiger Nachdenklichkeit den Spielleiter, der das "Publikum' der Rahmenhandlung - es sitzt und räsoniert zu viert auf zwei Rang-Logen verteilt - über den Fortgang der Geschichte am Laufenden hält." Matter Applaus, schreibt Pohl als Fazit der knappen Kritik.

In der Zeit (18.9.2008) bricht Evelyn Finger eine Lanze für die "einsame Grandezza" Mavie Hörbigers in der Titelrolle, die es aus ihrer Sicht vermag, auch heute noch für Brecht zu begeistern und trotz historischem Kostüm ganz sie selbst bleibe: die "Schöne Jahrgang 1979", Jungmimin aus München und erprobte Viva-Moderatorin. Ansonsten teilt sie die Ansicht der KollegInnen: Provinzposse mit als Japaner verkleideten Schauspielern. Für die selbstegefälligen Brecht-Verächter und ihr abfälliges Schnauben bei Vorstellungsbeginn hat sie jedoch auch nichts übrig."

 

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