Abschied ohne Ende

von Falk Schreiber

Hamburg, 25. Oktober 2019. "Hört zu!", singt der Schatten. "Das ist die Geschichte über einen Künstler, der alt wird." Der alte Künstler hat es nicht leicht, die Umgebung lästert, sie gibt Ratschläge, sie wird übergriffig, und, wer weiß, vielleicht war das mit der großen Kunst von vornherein ein Missverständnis? "Freunde und Familie allesamt sagen: 'Such dir doch 'nen Job!'" Ach je.

Henri Hüster hat sich einen Namen gemacht als großer Stilist der Hamburger freien Szene, als Theatermacher, der eine ganz eigene, sperrige Ästhetik verfolgt und damit weit über die Grenzen der Off-Bühnen hinaus weist. Am kleinen Lichthof-Theater inszenierte er zuletzt Rainald Goetz’ Roman "Irre" und Klaus Heinrichs theoretischen Text "Versuch über die Schwierigkeit Nein zu sagen", außerdem in Wuppertal "Richard III" und in Nürnberg die Uraufführung "Schloss an der Loire", jeweils mit dem Selbstbewusstsein des Künstlers, der weiß, dass seine Ästhetik einen eigenen Wert hat, unabhängig von der Frage, ob sie am Off- oder am Staatstheater produziert wird.

Zwischen Andeutung und Ausformulierung

Diese Arbeiten allerdings basierten immer auf vorgegebenen Texten, auch wenn der Regisseur mit ihnen recht frei umging – die jüngste Inszenierung "Theater der Nacht" hingegen hangelt sich assoziativ an einem Text entlang, den der Dramaturg und Autor Hannes Becker eigens für diese Inszenierung verfasst hat, angereichert durch kurze Ilse-Aichinger-Passagen. Und wirklich gut tut ihm diese absolute inhaltliche Freiheit nicht.

TheaterDerNacht 2 560 Maximilian Arntzen uSinn-Ertasten zwischen Gazevorhängen: Vasna Aguilar © Maximilian Arntzen

Tatsächlich ist "Theater der Nacht" mehr Formübung als echtes Stück. Die Alternder-Künstler-Spur vom Beginn wird von Vasna Aguilar rüde mit den Worten "Ich bin keineswegs auf den festgelegt, der ich bin!" vertagt, dann folgen einige zuckende Tanzbewegungen, dann fragt Lukas Gander "Hä?", und dann verlagert sich das Stück bis auf weiteres ins Schattentheater: "Theater der Nacht", das ist ein Theater, das zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Andeutung und Ausformulierung changiert, und wie Hüster dieses Spiel zwischen hintereinander auf- und abfahrenenden Gazevorhängen arrangiert, das zeugt von großem handwerklichen Können (Bühne: Lea Burkhalter). Es führt nur nirgendwo hin.

Aguilar und Gander performen mal eine kurze Liebesgeschichte, mal eine hübsch schmerzhafte Körperdekonstruktion, nach 60 Minuten versuchen sie eine Zusammenfassung am Overheadprojektor: "Was bisher geschah…", und dann wirkt es, als ob sie selbst nicht mehr weiter wüssten. Immer mehr ist das Stück geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber Narration, gegenüber Sprache, über weite Strecken ist die Performance nahe am Tanz (den die ausgebildete Tänzerin Aguilar mit großer Sicherheit choreografiert hat), der Text nahe an der Lyrik. Das Theater hingegen ist im Verschwinden begriffen.

Die Haltung des Ungefähren

Es gibt hier Nähen, zu Philippe Quesne etwa, der ähnlich wie Hüster die Bühne als eine Art organische Kunstwelt zu verstehen scheint. Zu den frühen Arbeiten von Laurent Chétouane, als den seine skeptische Haltung gegenüber dem gesprochenen Wort noch nicht ganz zum Tanz getragen hatte. Aber es sind Nähen, die ausschließlich auf der Formebene bestehen, inhaltlich bleibt alles im Ungefähren.

TheaterDerNacht 1 560 Maximilian Arntzen uImmer wieder Abschiednehmen: Lukas Gander, Vasna Aguilar © Maximilian Arntzen

Einmal noch blitzt ein möglicherweise scharfer Gedanke auf. Aguilar beschreibt ein chinesisches Schattentheater, was eine Brücke zwischen dem Inhalt und der den Abend prägenden Ästhetik schlagen könnte: "Ein Theater, das eine Geschichte zeigt und zugleich, wie sie gemacht ist!" Worauf allerdings Gander den Gedanken schon wieder ironisiert: Die Qualität des Schattentheaters liege im "Aushalten der Unterschiede und der Schönheit der demokratischen Form", und dass in dieser Idee ein Stückchen Brecht steckt, wird zur Seite gespöttelt.

Und dann versackt dieser konkrete Bezug auch schon wieder, erwartbar. Weiter geht das Abschiednehmen und das Verschwinden, weiter sieht alles atemberaubend gut aus und verweist doch auf nichts. Schließlich rutscht der Abend in düsteren Horror. Noch einmal versucht Aguilar, sich trotzig mit "Ich bin keineswegs auf den festgelegt, der ich bin!" zu behaupten, dann herrscht eine Stimme aus dem Off: "Kommen Sie mit!" Gander versucht, die aufkommende Panik abzuwiegeln, hilft aber nichts. Der Rest ist fieses Lachen. "Freunde und Familie allesamt sagen: 'Such dir doch 'nen Job!'"


Theater der Nacht
von Hannes Becker
Regie: Henri Hüster, Bühne: Lea Burkhalter, Kostüme: Magdalena Vogt, Licht: Sönke C. Herm, Choreographie: Vasna Aguilar, Komposition: Wolfgang Siuda, Text und Dramaturgie: Hannes Becker.
Von und mit: Vasna Aguilar, Lukas Gander, Mareike Hein.
Uraufführung am 25. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.lichthof-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Henri Hüster, seit seiner Theaterabende 'Irre' und 'Versuch über die Schwierigkeit Nein zu sagen' hoch gehandeltes Regietalent, tritt hier erstmals mit einem mit dem Dramaturgen Hannes Becker verfassten Text an", schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (28.10.2019). Für die Uraufführung verwandele sich das Lichthof in ein "Theater der Nacht". Dunkel und verrätselt bleibe es leider auch, so die Kritikerin. Starker Formwillen und Können präge den Abend. Berückende Licht- und Schattenspiele entstehen. "Das sieht alles kunstvoll aus, und die Performer bewegen sich mit eindrucksvoller Körperlichkeit. Doch es führt nirgends hin."

 

 
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