Der Schwejk-Komplex

von Willibald Spatz

Augsburg, 21. Februar 2020. Ein Abend über Schwejk auf einem Brechtfestival sollte besser scheitern, um zu gelingen. Denn Brecht selbst ist an Schwejk gescheitert. Brecht versuchte schon in der 1930er Jahren eine Dramatisierung des Romans von Jaroslav Hašek, wurde in den 1940er richtig unglücklich darüber und gab das Fragment bis zu seinem Tod nicht zur Uraufführung frei. Die passierte 1957 erst posthum in Warschau. Und die Kritiker verrissen sie damals enthusiastisch.

Verzweifeltes Ringen

Das erfährt man übrigens alles in Augsburg im Theater aus Zwischentiteln oder vorgelesenen Briefen. Der erste Teil dieser von Armin Petras eingerichteten "Spurensuche" sollte Brecht gehören. Von dessen Stück bleiben drei Songs und eine Szene übrig. Die sind gut, wahrscheinlich langt das auch. Ansonsten liest Eva Salzmannová aus den Briefwechseln Brechts mit Erwin Piscator, Ruth Berlau und Kurt Weill und rekonstruiert das immer verzweifeltere Ringen um den Stoff.

Schwejk 3 560 Jan PieterFuhr uBrecht und Hašek kopfüber: Anatol Käbisch und Katja Sieder   © Jan Pieter Fuhr

Eva Salzmannová ist ein Gast von den koproduzierenden Städtischen Bühnen Prag. Sie liest auf tschechisch mit gelegentlichen deutschen Einwürfen, was ungemein komisch wirkt. Neben ihr steht Tomáš Milostný als weitgehend regungslose und stumme Schwejk-Statue. Erst als er hört, dass Brecht sein Stück nie freigegeben hat, wirft er ein: "Nicht aufgeführt? - Scheiße!"  Vom Scheitern ist die Aufführung in dem Moment ziemlich weit entfernt.

Der zweite Teil widmet sich der Person Jaroslav Hašek. Das Ensemble war dazu in Prag auf den Fährten des Autors. Der war ein mindestens so komplexer Charakter wie seine Romanfigur Schwejk. Er schloss sich im Ersten Weltkrieg einer Tatarentruppe an, heiratete in Russland, kehrte mit seiner Frau zurück, hatte daheim aber noch eine Frau, von der er sich nicht trennen wollte. Den Rest seiner neununddreißig Lebensjahre verbrachte er vor allem Bier trinkend und manisch an seinem Schwejk schreibend, der übrigens auch unvollendet blieb.

Versöhnung mit zwei sperrigen Dichtern

Armin Petras' Truppe hat von ihrem Ausflug sieben kurze Videofilme mitgebracht. Die zeichnen stilistisch vielfältig dieses bewegte Leben nach. Die Schauspieler auf der Bühne interagieren mit dem Videobild. Es tritt auch ein echter Hund auf. Der zeigt Kunststücke und bekommt Applaus. Der erste Film ist eine Art "Making of" des siebten und letzten und zeigt, wie angenehm unvoreingenommen die deutschen und tschechischen Schaupieler*innen sich auf das Projekt eingelassen haben und wie es darüber zu einem Austausch über Theaterkonventionen kam. An dieser Stelle wirkt diese Spurensuche eigentlich einwandfrei abgeschlossen und rund, Tschechen und Deutsche heiter mit ihren sperrigen Dichtern Hašek und Brecht versöhnt.

Schwejk 2 560 Jan PieterFuhr uSarah Haváčová, Jonas Koch © Jan Pieter Fuhr

Mit der Autorin Petra Hůlová verbindet Armin Petras schon eine längere Zusammenarbeit. Ihr erstes Stück hat er für eine szenische Lesung beim Berliner Theatertreffen 2017 eingerichtet, ein weiteres hat er in einer ebenfalls deutsch-tschechischen Koproduktion inszeniert. Von ihr stammt nun der Text des dritten Teils. Hier erleben wir eine Casting-Show, in der eine ausschließlich weibliche Jury aus einer Gruppe in Radsportklamotten Gekleideter den besten Schwejk küren soll. Dieser Haufen spricht mal im Chor, mal tritt ein deutscher, mal ein tschechischer Darsteller hervor und monologisiert. Die Jurymitglieder fallen manchmal hin und schlagen sich die Zähne aus, manchmal ziehen sie sich um.

Endlich ratlos

Es rührt sich jedenfalls eine Menge, auch inhaltlich: Petra Hůlová verhandelt neben Schwejk und Hašek auch tschechische und deutsche Länderklischees, Autos, Bier, Geschlechterverteilungen in Jurys, das Verhalten Erwachsener im Freibad, Bekenntnisse zu geschlechtlicher Orientierung und so weiter. Bald steckt so viel drin, dass das Ding noch hundert Jahre so weiterlaufen oder sofort platzen könnte. Tatsächlich ist dann irgendwann mal Schluss, und der Zuschauer endlich ratlos, vielleicht so ratlos, wie der Brecht und der Hašek gleichermaßen am Ende vor ihrem jeweiligen Schwejk. Wahrscheinlich hilft wirklich nur eines: das Buch mal wieder in die Hand nehmen und ganz persönlich daran scheitern.

 

Švejk / Schwejk
Schauspiel in drei Teilen
Erster Teil nach Bertolt Brecht, zweiter Teil nach Jaroslav Hašek, dritter Teil von Petra Hůlová
Uraufführung
Koproduktion mit den Städtischen Bühnen Prag
Inszenierung: Armin Petras, Bühne & Kostüme: Patricia Talacko, Bühne & Video: Rebecca Riedel, Licht: Norman Plathe, Musik: Johannes Cotta, Dramaturgie: Sabeth Braun, Nina Rühmeier, Jana Slouková.
Mit: Johannes Cotta, Jonas Koch, Sarah Haváčová, Anatol Käbisch, Andrej Kaminsky, Tomáš Milostný, Eva Salzmannová, Katja Sieder.
Premiere am 21. Februar 2020
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.brechtfestival.de

 

Mehr Brechtfestival 2020:  Sabine Leucht über Lehrstückzentrale – Die Augsburger Gruppen Bluespots Productions und theter und die Regisseur*innen Oleg Eremin und Alice Bever mit Bert Brecht und Heiner Müller.

 

Kritikenrundschau

Regisseur Armin Petrags zeige ein "Triptychon, bestehend aus Brechts Farce eines Stücks, Jaroslv Hašeks Roman und einem neu geschriebenen Text von Petra Hůlová", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (23.2.2020). Gerade Hůlovás Text sei ein "Nachdenken darüber, wie heute ein Schwejk aussehen könnte". Das klinge zwar "aufregend, das Ergebnis ist es leider nicht". Denn Petras mache daraus eine "eine extrem unlustige, tölpelhafte, klischeeüberladene Casting-Show ohne jeden Geist", so das Urteil des Rezensenten.

"Das Beste dieser zweisprachigen Koproduktion mit Prag", schreibt Rüdiger Heinze in der Ausgburger Allgemeinen (24.2.2020), sei "schnell vorüber: Eva Salzmannova, wie sie präsent den Piscator mimt und dann den alles andere als nur sympathischen Brecht mit seinen Schwejk-Filmplänen". Im Finale allerdings werde man "Zeuge eines Castings- und Inszenierungs-Debakels". Das Ganze sei, so das deutliche Urteil des Rezensenten, eine "dämlich-überdrehte Farce".

"Die Aufführung erzählt in drei Teilen und zwei Sprachen wieder nicht von den Abenteuern des 'braven Soldaten', sondern von schwejkschen Zügen in Brecht, Hašek und zuletzt in uns allen. Das tut sie mit unterschiedlichem Erfolg," schreibt Sabine Leucht in der taz (25.2.2020). Da sei zwar einerseits "Brecht, wie er immer geht, wenn sich die morbide Schönheit seiner Sprache mit den Melodien Hanns Eislers vereint", so die Kritikerin. Man erfahre "von putzigen Schwejks auf Bierkrügen", von "deutschen Hirnen und schwer zu dechiffrierenden tschechischen Interna". Doch Petras und sein in bunten Fahrradtrikots steckendes, um Statisten ergänztes Ensemble kippen aus Sicht der Kritikerin "alles mit grellem Aktionismus zu".

 
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