Safer Cyber-Sex oder Hilfe, mein Kühlschrank spricht (mit Mamas Stimme)

von Stefan Forth

Hamburg, 29. Februar 2020. Ist das Theater eigentlich noch zu retten? Wie lange werden Menschen im digitalen Zeitalter bereit sein, viel Geld für "einen Haufen Scheiße" auszugeben, der sie "intellektuell unter- oder meistens überfordert", wenn doch bei Netflix und Amazon Prime individualisierte Angebote allzeit günstig verfügbar sind? Es geht ans Eingemachte an diesem kurzen und kurzweiligen Uraufführungsabend am Hamburger Thalia Theater. "(R)evolution" probt den Abgesang auf die Spezies Mensch, wie wir sie kennen, lieben und hassen.

Die Welt im Jahr 2040

Inspiriert ist der gruselig absurd zugespitzte Blick in die Zukunft von den Gesellschaftsdiagnosen des israelischen Historikers Yuval Noah Harari. Dessen 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert zeigen, wie rasante Entwicklungen in der Biotechnologie und der Informationstechnologie dabei sind, unser Leben und unsere (Selbst-)Gewissheiten grundlegend zu verändern. Yael Ronen, Hausregisseurin am Berliner Maxim Gorki Theater, und ihr mitgebrachter Ensemblespieler Dimitrij Schaad haben in Hamburg diese Vorhersagen in ganz altmodische Geschichten von ganz altmodischen Menschen übersetzt, die noch ganz genauso altmodisch unperfekt sind wie wir - und die deshalb mit dem angenommenen Alltag im Jahr 2040 natürlich nicht wirklich klarkommen können.

R Evolution 3 560 KrafftAngerer uEvolution nach Yael Ronen und Ensemble © Krafft Angerer Der Klimawandel hat in dieser nicht allzu fernen Zukunft die Welt selbstverständlich schon längst zu einem völlig anderen Ort gemacht. Die Niederlande sind überflutet, elf Millionen Menschen in Zentraleuropa auf der Flucht. Gerade eben ist der letzte Gletscher geschmolzen, wie das Laufband einer Nachrichtensendung als eine von vielen Video-Projektionen verkündet. Aus "Fridays for Future" ist im Angesicht schierer Verzweiflung eine Terrororganisation geworden, die unter dem Namen "Die Naturalisten" eine Cyber Attacke auf den Frankfurter Flughafen durchführt. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland liegt bei 40 Prozent, weil Algorithmen Menschen zusehends überflüssig machen.

Fortpflanzung leicht gemacht mit Dr. Stefan Frank

Wer in dieser Situation noch ein Kind bekommen möchte, ist vielleicht wirklich bei Dr. Stefan Frank am besten aufgehoben. Wie in der gleichnamigen RTL-Serienschmonzette aus guten alten Zeiten ist dieser schmierige Typ auch in der Zukunft noch der Arzt, dem die Frauen vertrauen. Lara zum Beispiel, die klug erkannt hat, dass bei natürlichen Fortpflanzungsversuchen mit ihrem schluffig defizitären Mann René sicher nichts herauskommen kann, was auch nur ansatzweise konkurrenzfähig wäre. Wohin Reproduktion durch Sex führen kann, zeigt sich am erschreckenden Beispiel von Tochter Nina, die noch auf diesem überholten Weg gezeugt wurde: "Sie hat jetzt schon ein Problem in der Ballettgruppe, weil sie ihr Bein nicht hinters Ohr kriegt." Die grandiose Schauspielerin Birgit Stöger platziert Sätze wie diese mit einer derart selbstverständlichen Nonchalance, dass es einen im Zuschauerraum gruslig wird, 

R Evolution 2 560 KrafftAngerer uWolfgang Menardis Bühne für "(R)Evolution" am Thalia Theater © Krafft Angerer

Den Ursprung ihrer apokalyptischen Visionen entdeckt die Inszenierung ganz im Sinne der Vorlage im Hier und Jetzt. "Hast Du den Kühlschrank so eingestellt, dass er mit der Stimme meiner Mutter spricht", fragt André Szymanskis René an einer Stelle einigermaßen fassungslos seine Lara. Was im Thalia Theater für viele Lacher sorgt, dürfte in den Entwicklungsabteilungen des Silicon Valley wohl schon jetzt kaum mehr als ein müdes Gähnen hervorrufen. Genau wie die Augmented Reality Brillen, mit denen in der Inszenierung zum Beispiel optimale Nasen für künftige Kinder ausgesucht werden können, schon längst online zu bestellen sind - nur nicht in so schön kreischenden pinken Farben.

Wo das verlassene Spermium huscht

Nur die digitalen Sprachassistenten sind bislang (zum Glück?) deutlich weniger clever. In der Welt nach der "(R)Evolution" heißen sie alle Alekto und haben sich nicht nur den Namen aus der antiken Mythologie ausgeliehen, sondern auch die rastlose, gottgleiche Omnipräsenz und die nur vorgeblich serviceorientierte allwissende Allmacht. Ihr Ort ist ein großes rundes Loch in der Mitte der schwebenden rechteckigen Ebene, die in der beeindruckend suggestiven Bühnenwelt von Wolfgang Menardi die zentrale unstete Spielfläche darstellt. Optisch dominieren Nuancen von Schwarz, Grautöne und das gleißend kalte Weiß von grellen Lichtröhren. Als Sternenhimmel vergangener Epochen kann diese Mischung noch ganz tröstlich wirken. Spätestens in den Matrixen unserer Generation sind die Figuren darin ebenso einsam und verloren wie das verlassene überlebensgroße Spermium, das zeitweise ziellos als Videoprojektion über die Bühne huscht.

R Evolution 2 560 KrafftAngerer u Virtueller Sex in der Zukunft  © Krafft Angerer

Klar: Auch Sex hat in diesem dystopischen Jahr 2040 natürlich nicht mehr viel mit analogen menschlichen Begegnungen zu tun. In einer der pointiertesten, einsichtsreichsten und lustigsten Szenen des Abends haben sich der gewohnt lässig auftrumpfende Dimitrij Schaad als Ricky und der wahnsinnig komische und wahnsinnig vielfältige Tim Porath als dessen Mann Stefan (Frank) in hautenge, kupferfarben glitzernde Ganzkörperanzüge gezwängt und betreiben von entgegengesetzten Enden der schrägen Spielfläche aus miteinander berührungslos digitale Fantasiefickereien. Im Virtuellen kann Ricky ein feuerspeiendes Fabelwesen sein, das seinen "fetten Drachenschwanz" lustvoll in Stefans Pharaonenkörper schiebt. Im Analogen reicht es noch nicht einmal mehr für einen Kuss.

Didaktik und Glätte

Momente wie diese zeigen: Regie und Ensemble sind klug, ideenreich, mutig, sinnlich und wohlüberlegt witzig. Oft treffen sie spielerisch den Kern von Hararis Analyse einer Gesellschaft am Wendepunkt - und reihen sich dabei ein in erzählerische Traditionen von Huxleys "Brave New World" bis zu Atwoods "Handmaid's Tale". Genau wie diese legendären Dystopien in Romanform kann allerdings auch die Hamburger Inszenierung eine gewisse didaktische Grundhaltung nicht verbergen. Damit bremst sie sich selbst aus, wenn Thesen stellenweise stärker werden als das unmittelbare Erleben auf der Bühne. Wer etwa mehr über die Folgen der landwirtschaftlichen Revolution vor mehr als zehntausend Jahren wissen möchte, liest möglicherweise besser selbst in Hararis "kurze(r) Geschichte der Menschheit" nach als sich auf der Bühne davon erzählen zu lassen.

Trotz einer gelegentlichen oberflächlichen Glätte, beweist dieser Abend eines doch mit Sicherheit: Das Theater ist noch zu retten - weil keine Künstliche Intelligenz der Welt wohl jemals den augenzwinkernden Zauber reproduzieren kann, mit dem hier lustvoll engagierte SpielerInnen auf die großen Fragen des Menschseins treffen.

 

(R)Evolution – Eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert
von Yael Ronen und Dimitrij Schaad, inspiriert von Yuval Noah Harari
Regie: Yael Ronen, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Fridel und Ofer (OJ) Shabi, Video: Stefano Di Buduo, Licht: Paulus Vogt, Dramaturgie: Emilia Linda Heinrich.
Mit: Marina Galic, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Birgit Stöger, André Szymanski.
Premiere am 29. Februar 2020
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Mehr dazu: der NDR bringt Bilder von den Proben zu der Inszenierung.

 

Kritikenrundschau

"Wen möchte Regisseurin Ronen eigentlich erreichen? Die Sorglosen, die bereitwillig ihre Daten an Google und Co. verschleudern? Dafür fehlt es hier an Schärfe, an gedanklicher Tiefe", findet Peter Helling bei NDR Kultur (1.3.2020). Von Hararis "klugem Buch" blieben "nur schöne, leere Bilder". "Szene reiht sich lose an Szene, flott gespielt. Sitcom-tauglich, oberflächlich. Optisch geschliffener Boulevard. Nie wirklich bedrohlich." An keinem Moment spiele das Ensemble die vielen gedanklichen Ebenen von Hararis Buch aus. "Zugegeben, selten sah die Zukunft auf einer Bühne so gut aus wie hier, nur: Selten war sie so vor der Zeit gealtert."

Der Text sei "klug (...) und kritisch, witzig und zynisch" und funktioniere auf der Bühne "erstaunlich gut", schreibt Katrin Ullmann in der taz (2.3.2020). "Schwarzhumorig und angenehm beiläufig" erzähle die Inszenierung "mit fast quecksilbrig agilen Schauspielern davon, was längst Teil der digitalen Gegenwart geworden ist: von Überwachung, Algorithmen, Transparenz, Identitäts- und Kontrollverlust". Der Abend bringe "tatsächlich Science-Fiction auf die Bühne (…), mit klugen Dialogen und feinsinnigem Humor und auch mit einem leisen Schaudern. Letzteres vor allem deshalb, weil uns die Zukunft, von der Ronen erzählt, schon allzu vertraut ist."

Für Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (online hinter Paywall 1.3.2020) handelt es sich um eine Inszenierung, die sich "voll darüber im klaren ist, dass sie atemberaubend aussieht, während ihr Erkenntnisgewinn gegen Null geht". Ronen inszeniere "Schlaglichter" auf die digitalisierte Zukunft "mit Sinn für bühnenwirksame Drastik, mit Humor und mit szenischer Ökonomie". Allerdings laufe das Stück nach einer Weile leer, "irgendwo zwischen darstellerischer Virtuosität und komödiantischer Brillanz". Der Standpunkt der Inszenierung werde unklar, ein "Früher war alles besser"-Gefühl breite sich aus. Auch missfällt dem Kritiker mit Blick auf die überwältigende bühnenbildnerische Arbeit, "dass der Abend seinem Unbehagen an der technisierten Zukunft ausschließlich eine massive Technisierung der Bühnenmittel entgegenzusetzen hat".

Bereits das Intro "stimmt Yael Ronens Inszenierung schnell auf einen bemerkenswerten Mix aus Witz und Wahnsinn, Kunst und Sketch oder Science und Fiction ein", schreibt Peter von Becker im Berliner Tagesspiegel (4.3.2020). Er wohnte einem "schnellem, intelligentem Abend" bei. Wobei zwei Szenen für ihn "über die kunstkabarettistische Nummernrevue weit hinaus" ragen: die Szene der Verhörsituation und die misslingenden Liebesszene, in der ein Mann seinem Partner gesteht, "trans" sein zu wollen, also "transhuman".

"Viele düstere Visionen, die von profitgeleiteten Konzernen heute als Versprechungen des menschlichen All-inclusive-Urlaubs in der digitalen Totalherrschaft angepriesen werden, verwandeln Ronen und Schaad in launige Sketche voller Sarkasmus", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (5.3.2020). Man schwanke beim Zuschauen ein wenig in der Beurteilung, ob das jetzt tapfer sei oder naiv, Galgenhumor oder Verharmlosung.

 
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