Denkmalsockel unterm Arm

von Hartmut Krug

Braunschweig, 26. September 2008. Die Aufführung beginnt im Foyer mit einem seebärigen und zottelbärtigen Mann, der sich lautstark Gehör verschafft mit der Aufforderung, wir "Braven, Jungen, Kraftvollen" müssten stärker werden. Wenn er seine Pulloverärmel hinauf- und sein Hosenbein hochkrempelt, um stramme Bizeps und feste Waden zu zeigen, um gegen "labbriges Franzosenzeug" zu schimpfen und nach "Burschen, die Deutschlands Mönche sind, frisch, fromm, fröhlich und frei" zu rufen, dann ist dieser Streiter gegen Fürstenmacht vor allem eines: eine komische Figur.

So wie Friedrich Ludwig Jahn, nach der Niederlage von 1806/07 gegen Frankreich nationalistischer Kämpfer für ein "allgemeines Bürgerrecht", hier zur Theaterfigur mit Witzpotential wird, geht es etlichen Figuren in der Braunschweiger Dramatisierung von Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt".

Geburt der Aufklärung aus dem Geist der Wissenschaft

Die in sinnlicher Frische, epischer Breite und meist indirekter Rede geschriebene Doppelbiographie der Wissenschaftler und Forscher Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß vermisst eine Zeit um 1800, in der die Wissenschaft Natur- und Menschengesetze auch als aufklärerische Ideen entdeckte. Wie bei jeder Dramatisierung musste der Regisseur Dirk Engler bei seiner szenischen Einrichtung von Kehlmanns Roman natürlich aus zeitökonomischen Gründen manche Figuren und etliche Handlungsstränge weglassen.

Allerdings leuchtet es wenig ein, dass er den Rest des Romans dann doch recht linear nachzuerzählen sucht. Dazu führt er einen Erzähler (Tilmar Kuhn) ein, der zugleich den Sohn von Gauß wie den Kompagnon von Humboldt spielt. Der steht als eine die Handlung erklärende und vorantreibende Figur, vor allem aber als sichtbares dramaturgisches Bindeglied stets bei und zwischen Gauß und Humboldt auf der weitgehend leeren Bühne.

Verkehrt muss es nicht sein, wenn man dem sprachlichen Witz und Glanz von Kehlmann nicht alle opulenten Zaubermittel des Theaters entgegenzusetzen versucht. Doch wie Engler in aller Behäbigkeit Rede-Erklärszenen baut, die kaum je den inneren Schwung der Geschichte, deren gedankliche und räumliche Bewegung in szenische Bilder oder Dynamik übersetzen, das lässt die mehr als zweistündige Inszenierung immer wieder auf der Stelle treten.

Vortragssaal statt Kutsche

Wo im Roman zu Beginn ein unwilliger Gauß mit seinem Sohn in der Kutsche zum Naturforscherkongress und zu Humboldt nach Berlin reist, da verpflanzt Regisseur Engler diese Szene, in der auch die Unterschiedlichkeit beider Forscher deutlich wird, in einen Vortragssaal.

Dort doziert routiniert Humboldt, während Gauß im Publikum mit seinem Sohn grob und lautstark über ein Buch von Jahn streitet, bis er es ärgerlich auf die Bühne wirft. So lernen sich die beiden kennen, und vor allem der des Romans kundige Zuschauer erkennt in dieser Szene auch die unterschiedlichen politischen Überzeugungen der beiden Forscher. Deren Unterschiedlichkeit zeigt sich sonst vor allem in ihrer Erscheinung.

Michael Hanemann ist ein kleiner, bebrillter und sehr ruhiger Gauß, den Andreas Bißmeiers schlank-eleganter, etwas lebhafterer Humboldt überragt. Das zurückhaltende Spiel beider Darsteller gibt ihren Figuren durchaus Profil und Raum, doch deren Denk- und Erkenntnisdrang wird nicht von den Schauspielern erspielt, sondern mit Regieeinfällen verdeutlicht.

Die Geistesgröße als Witzfigur

So beschäftigt sich Gauß, während seine Frau die Kinder gebärt, völlig konzentriert mit einem neuen Teleskop. Und wenn Humboldt bei einem Versuch am eigenen Körper die Muskelfaser als leitende Substanz zu erkennen sucht, dann wird der schmerzvoll leidende Forscher zur zappelnden Witzfigur. Ähnlich geht es Goethe, der mit seinem Denkmalssockel unterm Arm daherkommt.

Zwar beutet auch Kehlmann bei seiner Schilderung deutscher Geistesgeschichte die partielle Lebensuntauglichkeit der Wissenschaftler satirisch aus, doch er tut es mit dialektischer Mehrbödigkeit und -deutigkeit. Was bei dieser Dramatisierung leider auf der Strecke bleibt, ebenso wie Spannung, intellektuelle Farbigkeit und letztlich der er- und aufklärende Erzählkern von Kehlmanns Geschichte.

Unkomplizierte Kompliziertheit

Für anderes findet die Inszenierung durchaus so einfache wie überzeugende szenische Bilder. Doch insgesamt fehlt dieser Dramatisierung eine Bühnen-Form, mit der sie die Multiperspektivität der Geschichte und deren unkomplizierte Kompliziertheit zu versinnlichen vermag. Wenn die Inszenierung eine szenische Metapher für die Vermessung der Welt vorzuzeigen versucht wie beim Aufstieg auf den Chimborazzo, dann wird's so überdeutlich wie rein handwerklich.

Die Darsteller spannen dann langwierig Seile am Rand des Zuschauerraumes und über die gesamte Bühne, sie hantieren so lange, bis die Aufmerksamkeit des Publikums endgültig in ein Spannungsloch gefallen ist. Auch wenn Topolina von den Braunschweiger Rettungshunden e.V. einmal über die Bühne rast, auch wenn der Polizeichor Braunschweig einen Einsatz als kleine Liedertafel absolviert und Phuntsog Mathatshang wie ein Doppelgänger des Dalai Lama auftritt: all dies vermag Kehlmanns Roman in Braunschweig keine Bühnenlebendigkeit einzuhauchen.


Die Vermessung der Welt
nach dem Roman von Daniel Kehlmann
Dramatisierung und Regie: Dirk Engler, Bühne und Kostüme: Barbara Kaesbohrer. Mit: Andreas Bißmeier, Michael Hanemann, Tilmar Kuhn, Marianne Heinrich, Andreas Bruno Beeke, Mattias Schamberger.

www.staatstheater-braunschweig.de


Kritikenrundschau

Matthias Heine (Die Welt, 29.9.2008) trifft Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß auf der Bühne des Braunschweiger Theaters als "komödiantische Figuren" an. Was ihm durchaus gefällt. Der Regisseur Dirk Engler habe erkannt, "wie viele bühnentaugliche Szenen unter der indirekten Rede Kehlmanns versteckt sind" und sie "handwerklich elegant aus der Prosa herausgeschält". "Seine Regiezutaten bis hin zum Auftritt eines Hundes, einer Liedertafel und eines buddhistischen Mönches machen die Inszenierung beweglich und bunt und verhindern, dass reines Literaturrezitatonstheater daraus wird." So sei zwar insgesamt nichts Neues entstanden, "aber für zweieinhalb anregende Stunden reicht es."

Nicht so gewogen zeigt sich Stefan Arndt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (29.9.2008), der in einer Doppelbesprechung mit den Hallenser Feuchtgebieten schon prinzipiell auf das "Bestseller-Theater" schimpft und dann auch durch Ansicht der Braunschweiger Kehlmann-Inszenierung von Dirk Engler keines Besseren belehrt wird. Dessen "dramaturgischer Zugriff sei" mutlos und "wirkt bloß nett und gemütlich". Alles sei auf Nebenbühnenmaß geschrumpft, und Gauß und Humboldt seien hier "keine verschrobenen Genies, sondern weltferne Idioten". "Michael Hanemann verleiht Gauß immerhin noch ein paar Zwischentöne, Andreas Bißmeier aber gibt Humboldt durchgängig als versnobte Tunte statt als detailversessenen Weltreisenden. Auf die Frage 'Wovon träumen Sie?'  antwortet Gauß: 'von Braunschweig'. Seine Antwort beschreibt den Erlebnishorizont dieser Inszenierung."

 

 
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