Poesie im Alters-Alltag

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 27. September 2008. In der holzgetäfelten Stube im Düsseldorfer Kleinen Haus bricht mal wieder die fast 80jährige Mutter durch die Wand und bringt Abendbrot mit. Ausgerechnet indisches Hochzeitshuhn mit Aprikosen. Dabei wollte sich Ursula, Anfang 60, doch einfach nur einen ruhigen Abend vor dem unsichtbaren Fernseher machen und von Harald träumen, ihrer ersten Liebe, der als erotische Fantasie mit Gummimaske und Matrosenmütze regelmäßig in einer anderen Ecke durch die Wand kommt.

Die Mutter spielt der Schauspieler Michael Schütz mit windschiefer Perücke und braunem Hauskittel wie eine groteske, burschikose Vettel: einsam, liebesbedürftig und ziemlich tyrannisch. Sie will ihre Tochter immer noch verheiraten und hält ihr vor, dass sie keine Kinder hat und nur mit Versagern zusammen war.

In der guten Stube setzt sie sich aufs Luftklo (die Klorolle wird ihr durch ein blumenumkränztes Loch in der Wand gereicht) oder kämpft brutal die eingeschweißten Hühner aus den Plastikfolien heraus. Der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer liebt kleine, absurde Details und versteht es locker, Lacher provozieren. Dabei hätte das Stück das gar nicht unbedingt nötig, in seinen kurzen, treffsicheren Sätzen liegt auch so genug Komik.

Modethema Alter

In Zeiten, da in deutschen Spielfilmen auch die 80-Jährigen ausschweifend kopulieren können, scheint das Thema Alter zwar in Mode, doch ist es immer noch keineswegs selbstverständlich, die wahren Probleme alter Menschen (oder das, was wir dafür halten) darzustellen. Vermutlich besteht das Leben dann nicht so oft aus Sex, sondern ist auf wenige Handlungsoptionen eingeschnurrt. Neue Beziehungen, wenn überhaupt aufzufinden, sind ohne das Gegengewicht eines halben Lebens nicht mehr sonderlich tragfähig. Und man ist eingeschlossen in einem Wust aus Verantwortung, Gewohnheit und Pflichtgefühl.

Katja Parylas Ursula ist, bei allen kleinen Albernheiten, das ernste und tiefe Zentrum der Inszenierung. Zwar spricht sie als einzige einen reizenden, sehr komischen Allgäuer Dialekt, aber man nimmt ihr ohne weiteres ab, wie fassungslos sie dasteht vor ihrer Entlassung als Verwaltungsangestellte und dem Familienterror und wie sie dennoch um ihre Mutter trauert, die eines Tages, während sie noch keifend am Tisch sitzt, einfach verstummt.

Figuren kommen aus den Wänden

Hermann Schmidt-Rahmer hat eine kluge Art, die Szenen und Lebensabschnitte ineinander übergehen zu lassen, während eine Stimme aus dem Off die Monate rückwärts abzählt. Nun müsste ein neues Leben losgehen, aber Ursula ist alles zu viel und zu fremdbestimmt. Denn hinter den stets wackelnden, nur lose aufgehängten Wänden der Stube, die ein abgründiges Gefühl von Unbehaustheit erzeugen, kommen stets neue Figuren hervor. Die 45jährige Sabine etwa, eine rheinische Dampfplauderin in Dreiviertelhose, die penetrant Ursulas Leben verbessern will.

Doch Ursula will nicht nach Kuba oder Indien, sondern stellt resolut einfach den Fernsehsessel in die andere Wohnzimmerecke und gibt eine Kontaktanzeige auf. Da kann Tagtraum Harald noch so meckern. "Ein paar Jahre hascht noch", flüstert es bedrohlich aus den Wänden, und auf einmal hat sich Harald in Josef verwandelt, der Mann aus der Kontaktanzeige, Mitte 60, notgeil und in Lodenjacke, die Zimmerspringbrunnen sprudeln aus dem Boden. "Du hast da einen Fleck an der Hose", sagt sie, "Den hab ich wegen dir da", sagt er. Als sie ihren von ihm bürokratisch kommentierten Sex haben, geht auch in Zeiten von "Wolke 9" gnädig das Zuschauerlicht aus.

Traurigkeit unter den Dingen

Mit sicherer Hand, diskret und klug, vielleicht manchmal ein wenig zu gewollt komisch hat das der Regisseur inszeniert. Die Traurigkeit unter der Oberfläche kann er ohnehin nicht verhehlen: als sich Josef feige verabschiedet, als der Tag der Abschiedsfeier von der Firma gekommen ist und die Gäste das Hochzeitshuhn diskret in die Pflanzen gekotzt haben (bei Schmidt-Rahmer würde das nie direkt gezeigt werden, das Erbrochene wird aus der Tüte geschüttet).

Von oben rieselt Schnee aus einem Eimer, Eisnebel wabert über den Boden, das Jahr neigt sich dem Ende zu. "Ein Glück ist ja nie da", sagt Sabine. Doch Ursula zieht tapfer ein schönes schwarzes Kleid und Lackschuhe an und bricht auf, nach draußen, irgendwohin, "auf die Felder hinaus, Schnee wird liegen, wenn ich atme gibt es Wolken. Aber ich frier nicht. Denn ich werd gehn und gehn."

Der Neuaufbruch ist immer möglich. Das Stück "Herzschritt" kommt ganz unscheinbar daher, es wirft nur einen liebevollen Ausblick auf einen gänzlich prosaischen Alltag im Alter, klein und alltäglich, traurig und untheatralisch – und entdeckt doch das dramatische und poetische Potential daran. Ein schöner Abend.

Herzschritt (UA)
von Jan Neumann
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Ramallah Aubrecht, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch.
Mit: Katja Paryla, Michael Schütz, Anne Knaak, Matthias Fuhrmeister.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr lesen über Jan Neumann, der seine Stücke oft selbst uraufführt? Ein Porträt des Dramatikers und Regisseurs finden Sie hier. Und hier können Sie nachlesen, wie Neumann in Frankfurt Anfang 2008 die Uraufführung seines Familienhistorienspiels Kredit inszenierte, hier, wie er sein Stück Vom Ende der Glut im Theater in Aalen uraufgeführt hat.

 

Kritikenrundschau

Vasco Boenisch legt noch nach (Süddeutsche Zeitung, 7.10.2008) und sieht im Stück ein Dialog-Pingpong wie bei Loriot, "dessen liebevoller, präziser Blick auf die Kuriositäten menschlicher Beziehungen steckt in vielen Szenen, Sätzen und Pointen". Hermann Schmidt-Rahmer dreht die Geschichten auf die absurd-alberne Spitze. "Leben als groteske Wunderkiste. Und bloß keine Gefühlsduselei." Das Stück sei in seiner Traurigkeit oft unfreiwillig komisch, die Inszenierung dank ihrer Komik höchstens unfreiwillig traurig. "Sie kitzelt das Zwerchfell. Das Herz, dem der Dramentitel Beine machen will, wird weniger berührt."

Auf Ruhr-Nachrichten.de (28.9.2008) schreibt Britta Helmbold über Jan Neumanns "Herzschritt": Hermann Schmidt-Rahmer habe die Uraufführung als "einen albernen Klamauk inszeniert", offenbar habe er weder seinen Schauspielern, noch dem Text, der "aus lakonisch-witzigen Dialogen" bestünde, getraut. Die Schauspieler müssten "überzeichnet und recht eindimensional agieren". Die "75-minütige Aufführung" ziehe sich "wohl aufgrund der massiven Regieeinfälle, die selten originell sind, in die Länge".

Im WAZ-Internetportal Der Westen (28.9.2008) urteilt Ulrike Merten: "Es ist keine große, es ist eine einfache und schon bei anderen ähnlich gesehene Geschichte, die der 33-jährige Gegegenwartsautor, Schauspieler und Regisseur Neumann da aus dem Alltagsleben geschnitten hat." 60-jährige Verwaltungsangestellte gibt Kontaktanzeige auf... Da sei "Tragikomik nicht weit". Dem Regisseur Schmidt-Rahmer sei die Vorlage vielleicht etwas dünn gewesen, aber so fett wie er "die Farbe der Komik" jetzt auftrage, zappele die Inszenierung "unentschlossen zwischen TV-Comedy und Groteske hin- und her". "Wegen mangelnder künstlerischer Aufführungsreife" sei das Stück in der letzten Spielzeit vom Plan gestrichen worden. "Auch der zweite 'Herzschritt'-Macher schickt in 90 pausenlosen Minuten zu wenige anregende Impulse Richtung Publikum." Trotzdem: "Freundlicher Applaus."

Marion Meyer auf dem Portal der Westdeutschen Zeitung (28.9.2008) würdigt indessen die "zwei Besetzungsclous", mit denen die Uraufführung dieses Auftragswerks aufwarte. "Der eine ist Katja Paryla, Grande Dame des DDR-Theaters, als Gast in der Rolle der Ursula." Sie verfüge über "bewundernswerte" komischen Fähigkeiten, verleihe ihrer Figur jedoch auch "anrührende Würde". Der andere Clou sei die Besetzung der Mutter mit einem Mann, und zwar mit Michael Schütz. So sei der komödiantische Ton vorgegeben, und die durchaus vorstellbaren düsteren Momente des Stückes blieben ungespielt. Fazit: "Auch wenn nicht alle szenischen Lösungen überzeugen, bietet der Abend doch gute Unterhaltung mit der richtigen Menge Ernsthaftigkeit, die das Thema erfordert."

 

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