Rächerin im Ballgetümmel

von Andrea Heinz

Wien/Online, 15. Dezember 2020. Zu den vielen Ungeheuerlichkeiten, die man als Deutsche*r über Wien und Österreich entweder nicht weiß oder, wenn man es weiß, kaum glauben kann, gehört der alljährliche Akademikerball. Er wird in der Hofburg abgehalten und ist der Nachfolger des Korporations-Balls, der von mehrheitlich schlagenden (Sie wissen schon, die wulstigen Narben, die die finsteren Nazis in "Babylon Berlin" auf der Wange haben) Studentenverbindungen veranstaltet wurde. Er wird immer wieder gerne von hochrangigen internationalen Rechtsextremist*innen besucht, auf der Straße wird heftig dagegen demonstriert, bisweilen wurden diese Demos (verfassungswidrigerweise) verboten.

Eben diese Veranstaltung ist Gegenstand von "Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit", das Lydia Haider gemeinsam mit Co-Autorin Esther Straganz geschrieben hat und das Wiener Schauspielhaus in der Regie von Evy Schubert als eigenständige Filmpremiere im Lockdown herausbrachte. Die Uraufführung der Theater-Version wird sobald möglich folgen und man darf sich – nach diesem Film – schon sehr darauf freuen!

Befreiungs-Splatter

Wenn man auf den realen Akademikerball will, kann man einfach hingehen. Man muss sich dafür nur eine Karte im Internet kaufen (Jugendkarte für nur Euro 22!). Genau das hat Lydia Haider, gemeinsam mit Esther Straganz und einigen anderen Co-Autor*innen, gemacht. Der (Prosa-)Text, der dabei entstanden ist, ist zum einen präzise Dokumentation: Eine Ballbesucherin durchschreitet in sieben Kapiteln sieben Räume, von der Feststiege über das Klo bis zum Rauch-Keller, und beschreibt detailliert, was sie sieht, hört, von welchen Mitgliedern der rechtskonservativen Elite des Landes sie wie in den Hintern gekniffen wird.

DerBall1 560 Matthias Heschl uKuscheln mit dem Kotelett: "Der Ball" © Matthias Heschl

Zugleich ist das ganze aber auch ein Horrorfilm: In jedem Abschnitt sieht die Besucherin, wie alle anderen Ballgäste eines grausigen Todes sterben, wie ihre Hirne an die Wände und auf ihre, der Erzählerin, Wange spritzen, ihnen die Gesichter wie im Säurebad von den Knochen schmelzen, wie sie zerplatzen, verbluten, explodieren, und so weiter. Es ist ein bisschen die Tarantino-Phantasie, nur dass hier nicht die Geschichte umgeschrieben wird, sondern die Gegenwart. "Wer entvölkert diesen Ort, dieses Haus?", lautet die Frage, und damit ist am Ende natürlich gemeint: Wer befreit dieses Land nicht vom Volk, aber von den Völkischen?

Absatzstiefel im Kaffeehaus

Evy Schubert verlässt sich, was den Splatter betrifft, in der filmischen Inszenierung ganz auf den Text. Gottlob, denn der Text und vor allem: Die Darstellerin trägt das. Clara Liepsch stolziert, aufgemacht als Lisa-Eckhart-like Diven-Nazisse mit Pfennigabsatzstiefeln und schwarzem Feder-Jäckchen, durch karg Kaffeehaus-bestuhlte Räume (gedreht wurde neben dem USUS im Schauspielhaus im Kunsthistorischen Museum, der Papillon Sauna und bei Wien Energie), an die Wände sind Filmaufnahmen vergangener Akademikerbälle projiziert.

Nur auf den herumstehenden Schmink- und Schaufensterpuppen sind ein paar kleine Blutspritzer. Aber die Ausstattung (Maria Strauch) und die top-Kameraführung und Schnitt (Patrick Wally, Dominic Kubisch) werden angesichts von Clara Liepschs Auftritt sowieso zur Nebensache. Sie beherrscht die Szene. Und die Domina-Assoziation hat durchaus ihre Berechtigung. Liepsch changiert geschmeidig irgendwo zwischen Aufseherin in Reitstiefeln und bitterböser linker Ironie, sie lacht affektiert hier, simuliert ein übertriebenes Würgen da.

Viele Aggregatszustände

Blitzschnell, man möchte fast sagen: Zack, Zack, Zack, wechselt sie die Aggregatszustände: Mal führt sie in exaltiertem, überartikuliertem Bühnen-Tonfall als Rächerin durch das Balltreiben, mal betreibt sie gruselig gut Seeräuber-Jenny-mäßige Mimesis und schäkert grimassierend mit unsichtbaren Herren. Wenn sie "Jünglinge" sagt, streckt sie die Zunge weit heraus und macht "Bää" wie: Igitt.

DerBall2 560 Matthias Heschl uSiegeszug zwischen Schaufensterpuppen und Zeichen der Männlichkeit: Clara Liepsch in "Der Ball" © Matthias Heschl

Ein riesiges Kunststoff-Kotelett und ein übergroßer, etwas verloren wirkender Penis ergänzen die Szenerie. Mahnmale der toxischen Maskulinität und so. Manchmal agiert Liepsch mit ihnen, es gibt dazwischen Szenen im öffentlichen Raum, in denen sie etwa das Kotelett über die Porzellangasse schleift. Kurz befindet sie sich auch in einer Restaurantküche und hantiert mit einer Säge und blutigen (echten) Koteletts herum.

Dramaturgisch macht das absolut Sinn – aber man würde Liepsch auch jederzeit zutrauen, dass sie diesen Abend ganz allein und ohne Ausflüge stemmt. So wie man ihr auch beinahe zutrauen würde, das Land im Alleingang von den Völkischen zu befreien. Ob und wie das ganze Projekt (es gibt außerdem noch die lustige, aber bislang etwas harmlose Website ballaballa.solutions, für Januar sind eine Plakatkampagne und eine Sonderausgabe zum Tag des Akademikerballs am 29.1. geplant) dazu beitragen kann und nicht nur der Triebabfuhr und Selbstvergewisserung seines Publikums dient, sei dahin gestellt. Aber es wäre auch etwas viel verlangt. Es ist schon eine sehr große Freude zu sehen, wie hier, statt herumzudeuteln und –intellektualisieren, in aller Deutlichkeit und angemessenen Brutalität gesagt wird, was ist. Auch eine große Freude außerdem: Dass das Theater durchaus in der Lage ist, Lösungen für die erzwungene Spielpause zu finden, die kein müder Abklatsch anderer Medien, sondern eigenständige, theatrale Arbeiten sind. Geht doch. 

Am Ball. Der Film
von Lydia Haider und Co-Autorin Esther Straganz
Regie: Evy Schubert, Bühne und Kostüme: Maria Strauch, Musik: Micha Kaplan, Kamera: Patrick Wally, Schnitt: Dominic Kubisch, Licht: Oliver Mathias Kratochwill, Dramaturgie: Lucie Ortmann.
Mit: Clara Liepsch.
Film-Premiere am 15. Dezember 2020
Dauer: 1 Stunde 22 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

"Die Beobachtungen der namenlosen und sich verschwörerisch an die Leser bzw. das Publikum richtenden Erzählerin sind in ihrer Mauerschauerhaftigkeit prädestiniert für die Bühne wie auch für eine filmische Darstellung", findet Margarete Affenzeller vom Standard (14.12.2020). Regisseurin Evy Schubert "verbindet in langen Kamerafahrten mehrere Räume miteinander, in welchen die Protagonistin (Clara Liepsch) in großer Robe zu uns spricht". Ein "Hauch von Lisa Eckhart" gehe von der "mit prophetischer Geste sprechenden Mimin aus": die "soghafte Prosa entwickelt dank dieser lustvoll-feierlichen Artikulation noch mehr Zug".

"Die absichtsvolle Künstlichkeit der Sprache verhilft dem ohnehin schon ziemlich wüsten Text nicht immer auf die Sprünge, aber visuell hat der 90-minütige Film doch einiges zu bieten und lotet das Satirepotenzial der Vorlage gut aus", schreibt Petra Paterno in einer Kurzrezension für die Wiener Zeitung (18.12.2020)

 
Kommentar schreiben